Jurek Becker "Jakob der Lügner"


[...] "Höchstens, daß wir das Revier in die Luft sprengen", hört sie Siegfrieds Stimme."Und wenn sie uns kriegen?" fragt Rafael. "Mach dir bloß nicht die Hosen voll. Die Russen kommen ja bald, hast doch gehört. Außerdem können sie uns gar nicht kriegen, wenn wir sie sprengen, weil sie dann nämlich alle totsind. Bloß vorher dürfen wir uns nicht kaschen lassen." Siegfried war schon immer ein Großmaul, Lina könnte auf der Stelle wetten, daß aus der Sache nichts wird. "Ob uns der Oberste von den Russen was gibt, wenn wir's schaffen?" fragt der gierige Rafael. ÆWas denkst denn du! `nen Orden, oder `ne richtige Pistole, oder was zu essen!" "Oder alles zusammen?" "Bestimmt! Ist das vielleicht nichts? Zu Hause brauchen sie's ja nicht zu erfahren."

Diese und jene Sekunde herrscht Ruhe, sicher malen sich die beiden Dummköpfe aus, was die Russen alles aus ihren verschwenderisch gefüllten Taschen holen werden, um sie für ihre Heldentaten zu belohnen. Plötzlich sagt Rafael betrübt: "Du ...'s geht nicht."

"Warum?" "Wo sollen wir denn Dynamit herkriegen? Wenn ich meine zwei Patronen leer mache, das reicht nie." "Ist ja wahr. Habt ihr sonst keins?" "Nein." "Wir auch nicht." Lina lacht und hält sich die Hände vor den Mund, der kreischen möchte, es ist wirklich kaum zu glauben, wie dämlich zwei Bengels von zehn noch sein können.

Rafael hat eine neue Idee: "Weißt du was? Wir schließen sie einfach ein!" "Wen?" "Na die Gestapos! Wir schließen das Revier einfach zu. Nachts schlafen sie alle. und da schließen wir sie ein. Die Türen sind mindestens so dick, und vor die Fenster haben sie selber Gitter gemacht, da kommen die nicht so schnell raus. Und wenn dann die Russkis hier sind, haben wir sie alle auf einmal!" Rafael kriegt vor Aufregung kaum noch Luft. "Wir haben aber keinen Schlüssel?

"Finden wir", sagt Rafael zuversichtlich. "In der Schublade von meinem Alten liegt ein Bund mit mindestens zwanzig Stück dran. Einer wird schon passen."

"Gar nicht so schlecht", brummt Siegfried. Man kann deutlich hören, wie er sich ärgert, daß nicht er auf diesen hervorragenden Einfall gekommen ist. Zu gerne würde er Rafis Plan schlechtmachen, aber der ist in Ordnung. Da geht die Hoftür auf, die kleine Frau Bujok erscheint, sie hält nach ihrem miSratenen Sohn Ausschau, aber sie sieht ihn nicht, sieht nur Lina auf der Erde hocken und lächeln. "Hast du Siegfried gesehen?" Lina erschrickt ein wenig, sie war so vertieft, sie schaut zu Frau Bujak auf und gewinnt ihr Lächeln wieder. Das mickrige Mädchen klingt ihr im Ohr, man soll die Feste feiern wie sie fallen, Lina zeigt mit dem Daumen auf den Schuppen hinter sich. Frau Bujok sieht den Schuppen drohend an, steht noch ein Momentchen still, um tief Luft zu holen, dann schreitet sie hinein. Man hört ein nicht zu leises Klatschen, und man hört "aua!" und "wie oft soll ich dir noch sagen, daß du vor dem Fenster bleiben sollst!", und noch ein Klatschen hört man, und "und du geh auch nach Hause, du Lümmel!"

Dann ziehe Ruhe in den Hof, Lina steht auf und klopft sich den Rock sauber, die Vorstellung ist zu Ende. Frau Bujok kommt aus dem Schuppen, der Ärger hat sie rot angemalt, Siegfried hängt mit einer Hand an ihr, mit der anderen hält er sich die Backe. Wenigstens heult er nicht. Sie gehen schnell vom Hof, Siegfried sieht Lina nicht.

Lina geht auch zur Hoftür, sie hat es nicht eilig, eigentlich könnte sie noch bleiben, aber Rafael ist jetzt alleine, und da hat der Lauschposten seinen Wert verloren. Womöglich würde er sich sogar herablassen, jetzt mit ihr vorliebzunehmen, aber darauf pfeift sie, jetzt hat sie keine Lust mehr. Soll er selber sitzen und grübeln, welcher von den zwanzig Schlüsseln paßt, es wird ja doch nichts draus. Sie geht also, in der Tür dreht sie sich noch einmal um, Rafael läßt sich viel Zeit. "Ihr seid ganz schön dumm!" ruft sie über den Hof zum Schuppen und macht sich damit nicht gerade beliebt.

Und der Widerstand, wird man fragen, wo bleibt der Widerstand? Sammeln sich die Helden vielleicht in der Schuhfabrik oder auf dem Güterbahnhof, wenigstens einige? Sind an der Südgrenze, die am unübersichtlichsten ist und darum am schwersten zu bewachen, dunkle Kanäle ausfindig gemacht worden, durch die sich Waffen ins Ghetto schmuggeln lassen? Oder gibt es in dieser elenden Stadt nur Hände, die genau das tun, was Hardtloff und seine Posten von ihnen verlangen?

Verurteilt sie, immer verurteilt uns, es hat nur solche Hände gegeben. Kein einziger gerechter Schuß hat sich gelöst, Ruhe und Ordnung sind streng gewahrt worden, nichts von Widerstand. Ich muß wohl sagen, ich glaube, daß es keinen Widerstand gegeben hat, ich bin nicht allwissend, aber ich stelle meine Behauptung, wie man sagt, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf. Wenn da etwas gewesen wäre, hätte ich es unbedingt merken müssen.

Ich hätte mitgemacht, das kann ich beschwören, man hätte mich nur zu fragen brauchen, und wenn es um Chanas willen gewesen wäre. Ich bin leider keiner von den Besonderen, die zum Kampf aufrufen, ich kann andere nicht mitreißen, aber ich hätte mitgemacht. Und nicht nur ich, warum hat sich bloß der Mann nicht gefunden, der "mir nach!" rufen konnte, die letzten paar hundert Kilometer hätten nicht so lang und so schwer zu sein brauchen. Das Schlimmste, was uns hätte geschehen können, wäre ein sinnvoller Tod gewesen.

Ich sage, mit Ehrfurcht habe ich inzwischen von Warschau und Buchenwald gelesen, eine andere Welt, doch vergleichbar. Ich habe viel über Heldentum gelesen, wahrscheinlich zuviel, der sinulose Neid hat mich gepackt, aber das braucht mir keiner zu glauben. Jedenfalls haben wir bis zur letzten Sekunde stillgehalten, und ich kann nichts mehr daran ändern. Mir ist nicht unbekannt, daß ein unterdrücktes Volk nur dann wirklich frei werden kann, wenn es Beihilfe zu seiner Befreiung leistet, wenn es dem Messias wenigstens ein Stückchen des Weges entgegengeht. Wir haben es nicht getan, ich habe mich nicht von der Stelle gerührt, ich habe die Verordnungen auswendig gelernt, mich strikt an sie gehalten und nur von Zeit zu Zeit den armen Jakob gefragt, was an Neuigkeiten eingegangen wäre. Wahrscheinlich werde ich nie damit fertig, ich habe es nicht besser verdient, mein ganzer privater Kram mit den Bäumen hat sicher damit zu tun und meine schlimme Rührseligkeit und die Freigebigkeit meiner Tränensäcke. Es hat dort, wo ich war, keinen Widerstand gegeben.

[...]

Nach ungefähr zwei Stunden, denke ich, ist Jakob entschlossen. Er hängt die Decke vor das Fenster, schaltet das Licht ein, dann nimmt er ein Messer, zieht die Jacke aus und trennt die gelben Sterne von Brust und Rücken. Er tut das sehr sorgfältig, zupft auch die weißen Fädchen aus, damit sie später die berüchtigten Stellen nicht verraten. Als das erledigt ist, zieht Jakob die nun ungewohnt nackt erscheinende Jacke an. Seine Augen suchen das Zimmer nach Gegenständen ab, die für das Unternehmen eventuell gebraucht werden könnten, da ist natürlich die Zange, die steckt er in die Tasche. Weiter fällt ihm nichts auf, er löscht wieder das Licht und blickt ein letztes Mal aus dem Fenster. Auf die schwarze und verlassene Straße, längst ist acht vorbei und Ausgehverbot, wahrscheinlich schon Mitternacht, in der Ferne könnte er meinetwegen seinen Scheinwerfer erkennen, der pflichtversessen und ziellos über die Dächer streift.

Weil meiner Willkür keine Grenzen gesetzt sind, lasse ich es eine kühle und sternenklare Nacht sein, das klingt nicht nur gefällig, das kommt auch meinem Ende zustatten, man wird sehen. Jakob geht demnach ohne Sterne und lange nach acht die Straße entlang, das heißt, er schleicht dicht an den Häuserwänden, versucht, einem Schatten zu gleichen, er hat ja nicht vor, sich das Leben nehmen zu lassen. Eine Straße und noch eine und noch eine, alle haben sie gemeinsam, daß sie auf kürzestem Weg zur Grenze führen.

Dann die Grenze, ich habe für Jakob den denkbar günstigsten Ort ausgewählt, den alten Gemüsemarkt, einen gepflasterten kleinen Platz, über den quer ein Stacheldraht gezogen ist, die wirklichen Ausbruchsversuche gelangen oder scheiterten fast immer an dieser Stelle. Am rechten Rand des Platzes steht der Postenturm, dieser ohne Scheinwerfer, der Posten oben regt sich nicht, während Jakob ihn aus einem Hauseingang heraus beobachtet, auf der äußersten linken Seite. Die Entfernung mag hundertfünfzig Meter betragen, am ganzen Stacheldraht, der ohne Lücke um das Ghetto verläuft, findet sich keine zweite Stelle, die derartig weit von einem Türmchen entfernt ist. Nur hier haben sie soviel Platz gelassen, aus Sparsamkeit oder aus Gründen der Überschaubarkeit.

Auf dem Turm geht es still wie auf einem Denkmal zu, daß Jakob schon anfängt zu hoffen, der Posten wäre eingeschlafen. Jakob blickt zum Himmel, wartet besonnen, bis eine der wenigen Wolken sich vor den hinderlichen Mond schiebt. Sie tut ihm endlich den Gefallen, Jakob nimmt seine Zange aus der Tasche und läuft los.

Legen wir in diesem hochdramatischen Augenblick meines Endes eine kurze Pause ein, in der ich Gelegenheit habe zu gestehen, daß ich den Grund für Jakobs plötzliche Flucht nicht angeben kann. Oder anders, ich mache es mir nicht gar so leicht und behaupte: "Bei mir will er eben fliehen und basta", ich bin wohl in der Lage, mehrere Gründe zu nennen, Gründe, die ich alle für denkbar halte. Ich weiß nur nicht, für welchen einzelnen ich mich entscheiden soll. Zum Beispiel, Jakob hat alle Hoffnung aufgegeben, daß das Ghetto befreit wird, solange Juden noch darin sind, und will folglich sein nacktes Leben retten. Oder, er flieht vor den eigenen Leuten, vor ihren Nachstellungen und Anfeindungen, vor ihrer Wißbegier auch, ein Versuch, sich vor dem Radio und seinen Folgen in Sicherheit zu bringen. Oder ein dritter Grund, für Jakob der ehrenwerteste, er hat die verwegene Absicht, im Laufe der nächsten Nacht in das Ghetto zurückzukehren, er will nur hinaus, um brauchbare Informationen zu beschaffen, die er dann seinem Radio in den Mund legen könnte.

Das wären die wichtigsten Gründe, alle nicht von der Hand zu weisen, wie man zugeben muß, aber ich kann mir kein Herz fassen und Jakob auf einen von ihnen festlegen. Also biete ich sie zur Auswahl an, möge jeder sich den aussuchen, den er nach den eigenen Erfahrungen für den stichhaltigsten hält, vielleicht fallen dem einen oder anderen sogar noch einleuchtendere ein. Ich gebe nur zu bedenken, daß die meisten Dinge von Wichtigkeit, die jemals geschehen sind, mehr als nur einen Grund hatten.

Jakob gelangt im Schutz der Wolke unbemerkt an den Stacheldraht. Er legt sich flach auf die Erde, der einfache Plan ist, unter der Sperre hindurchzukriechen. Was natürlich leichter geplant als getan ist, der unterste der vielen Drähte befindet sich nur zehn Zentimeter über dem Boden, aber das hatte man nicht anders erwartet, darum die vorsorgliche :Zange. Die wird jetzt in Gang gesetzt, bearbeitet flink den dünnen Draht, der ihr auf die Dauer nicht widerstehen kann, der schneller reißt als erwartet. Aber das Geräusch dabei, denn er ist straff gespannt, dieses schauderhafte Singen, dem Jakob zutraut, es könnte eine ganze Stadt aus dem Schlaf reißen. Er hält den Atem an und horcht voller Angst aber alles bleibt ruhig wie gehabt, nur allmählich heller wird es, denn keine Wolke dauert ewig. Der nächste Draht ist zehn Zentimeter höher, also zwanzig über der Erde. Jakob überlegt, daß darunter hinwegzukriechen mit einiger Gefahr für Leib und Kleidung verbunden wäre, er ist zwar gewaltig abgemagert gegen früher, aber doch ein ausgewachsener Mann. Andererseits möchte er die Stille nicht noch einmal aufs Spiel setzen, indem er den zweiten Draht zum Klingen bringt, der wird um keinen Deut leiser als der erste, und em dritter Weg findet sich weit und breit nicht.

Jakob liegt noch unschlüssig, zupft vorsichtig an dem einen Draht herum, ob er zu lockern wäre und somit in der Lautstärke zu besänftigen, wenn die Zange ihn kappt, da wird ihm die Entscheidung von höherer Stelle abgenommen. Ich sagte gleich, dieses mein Ende geht ein wenig auf Kosten Jakobs, eine lärmende Salve aus einer Maschinenpistole stört die Nachtruhe, unser Posten hat nicht gar so fest geschlafen. Und es gibt nichts mehr zu überlegen, und Jakob ist tat und am Ende sämtlicher Mühe.

Doch damit nicht genug, was wäre das auch für ein Ende, ich stelle mir weiter vor, daß das Ghetto längst noch nicht zur Ruhe kommt. Ich male mir die Rache für Jakob aus denn dies ist nach meinem Willen die kühle und sternenklare Nacht in der die Russen kommen. Soll es der Roten Armee gelungen sein, die Stadt in kürzester Frist zu umzingeln, der Himmel wird hell vom Feuer der schweren Geschütze, sofort nach der Salve, die Jakob gegolten hat, hebe ein ohrenbetäubendes Donnern an, als wäre es von dem unglücklichen Schützen auf dem Postenturm versehentlich ausgelöst worden. Die ersten gespenstischen Panzer, Einschläge im Revier, die Postentürme brennen, verbissene Deutsche, die sich bis zum letzten Schuß verteidigen, oder flüchtende Deutsche, die kein Loch finden, um sich darin zu verkriechen, lieber Gott, wäre das eine Nacht gewesen. Und hinter den Fenstern weinende Juden, für die alles so plötzlich kommt, daß sie nur ungläubig dastehen können und sich an den Händen halten, die für ihr Leben gerne jubeln möchten und es nicht fertigbringen, dazu wird später noch Gelegenheit sein. Ich stelle mir vor, im Morgengrauen sind die letzten Kämpfe beendet, das Ghetto ist kein Ghetto mehr, sondern nur noch der schäbigste Teil der Stadt, jeder kann gehen, wohin es ihm gerade einfällt.

[...]