Johannes Bobrowski "Der Tänzer Malige"
Was zu erzählen ist vom Tänzer Malige, ist eine Geschichte und fängt an im August 39, in den letzten Tagen dieses Monats, in einer kleinen, vor lauter Unübersichtlichkeit kaum beschreiblichen Landstadt.
Da ist in der Mitte, wie überall in solchen Städtchen, ein ziemlich großer Marktplatz, ganz leer. Nicht nur am Tag, jetzt, in diesem heißen Monat, wo man lieber an den niedrigen Giebelhäusern entlangschleicht als den Platz zu queren, mit vergehendem Atem sich durch diesen weichen, gleichwohl massiven Block glühender Luft zu zwängen, der wie zurechtgeschnitten und eingepaßt den viereckigen Platz genau bis an die Fassaden der ihn eingrenzenden Häuserreihen ausfüllt.
Auch abends, wenn es ein bißchen kühl herüberkommt, von irgendwo her, vom nordwestlich gelegenen See oder den feuchten Wiesen im Süden, nach dem Dorf Paradies zu und weiter nach Venedien hinunter, bleibt man lieber nahe bei den Häusern, in die man eintreten kann, wenn man will, und ausruhen, Abend ist eine müde Zeit, und man wär allein auf dem weiten Platz. Und dann kommt auch das Mondlicht bald und macht das Buckelpflaster so merkwürdig glänzen.
Was findet man nicht alles an Gründen, nur um nicht über einen Marktplatz gehen zu müssen, allein, in diesem Jahr im Spätsommer. Der sehr warm ist. Wo beginnt, was zu erzählen ist vom Tänzer Malige.
Er steckt jetzt in dieser Kaserne am Stadtrand, angezogen als ein Soldat, sitzt am Tisch mit anderen, sie spielen Karten, immer so üblich herum um den üblichen Kasernentisch, es ist schon beinahe lästig, wie ihm die Karten in der Hand immer wieder zu einem Kunststück ansetzen, einem komischen Orakel, einem waghalsigen Zahlenzauber, natürlich einem Trick, leicht aufzuklären, erlernbar also und unsolide doch. Das mag ja sonst alles zur guten Laune dienen, mag ja sein, aber beim Spiel wohl nicht, wo es um Zehntelpfennige geht, trotz Blömkes Angebot zu einem Dreipfennigskat.
Also Malige, und nun Blömke, und außerdem Kretschmann und Naujoks. Die anderen vor den offenen Militärspinden, mit Stiefelputzen befaßt, für den Stadtausgang. Blömke schmeißt die Karten hin. Spielen kann man mit dir nicht, sagt er. Und Kretschmann und Naujoks nicken dazu. Also werden sie, wenn die andern hinaus sind, hinüberwechseln in die Kantine und eine Weile Bier trinken und reden, bis Blömke in Rage gekommen ist und, statt der Karten, die Fünfzigmarkscheine auf den Tisch blättert und saufen läßt, was saufen will. Dann ist Reservist Blömke, mit dem Dienstgrad Soldat, in einem Nu avanciert, zum Herrn Blömke, von dem man weiß, daß er einen Kohlenhandel betreibt.
Das geht schon den fünften Tag so. Kasernendienst: Exerzieren, rechsum linksum, Gewehrreinigen, Stiefelappell. Die halbe Kaserne steckt voll Reservisten. Gastwirt Zelt zieht sich mit beiden Armen am Geländer hoch wegen eines jämmerlichen Muskelkaters, Kretschmann ist Hafenarbeiter, Lastträger in der Provinzialhauptstadt, ihn stört das Hantieren mit dem Gewehr oder dem Holzschemel nicht, Naujoks hat ein gleichmütiges Naturell, er fragt, wenn der Offizier beim Appell mit empörtem Abscheu auf einen Fleck am Gewehrlauf deutet: Kennst nicht Rost, Herr Leutnant?
Es sind ältere Leute, Reservisten, wie gesagt, eingezogen und hier versammelt in diese Kleinstadt. Man redet viel, auch vom Krieg, aber mehr von Mannestugenden, deutschen Tugenden, man glaubt nicht sehr an einen neuen Krieg, es gibt da Städte nach Masuren hinunter, die tragen noch die Spuren des letzten. Also denkt man: eine Militärübung, wie gehabt. Es gibt da ja diesen Nichtangriffspakt, das sollte einen beruhigen können. Aber Blömke ist Geschäftsmann, er nimmt Malige beiseite. Wenn man Zigarrenstummel frißt, sagt er, und der Tänzer beendet: Kriegt man das Kotzen. Na schön, sagt Blömke, aber wenn immer wieder -? Darauf lautet die Auskunft eines erfahrenen Mannes: Dann werden sie denken, du hast Magengeschwüre. Und das ist auch schon alles, was Blömke wissen muß.
Ein paar Tage später rennen die Hauptfeldwebel und jungen Offiziere aufgescheucht herum, die neuen Einheiten, die geteilten und mit Reservisten aufgefüllten Kompanien werden verladen, teils auf Lastwagen, teils auf Eisenbahnzüge, es gibt noch einmal ein großes Durcheinander bei der Verteilung und Erprobung der Gasmaske 30, wie das Ding heißt. Das ist zu nichts gut, sagt Kretschmann, höchstens zum Leuteverrücktmachen.
Ach, Malige, was ist das alles? Du hast deine Arbeit gehabt, zuletzt im Lunapark, vorher in Bremerhaven, vorher in Kopenhagen im Tivoli, deswegen füllst du noch einen Zettel aus: letzter Auslandsaufenthalt, deine Arbeit, Kraftakt genannt: Handstand einarmig auf einem grünen Flaschenhals, jedenfalls in den letzten Jahren, vorher Fänger, Untermann im Varieté, aber eigentlich Tänzer, man glaubt´s, wenn man dich sieht, schlank und mit einem Gang von natürlichster Auffälligkeit, die Fußspitzen ein wenig zu weit auswärts gesetzt. Sag uns war Rechtes, Malige, statt deiner Späße.
Halten Sie bloß die Schnauze. Das ist Leutnant Anflugs Bubenstimme, zu hören auf der Straße in Mlawa, da sind sie über die polnische Grenze und Soldat Malige hat irgend etwas antworten wollen, das einem wie Sand zwischen die Zähne gerät, ein Wort oder zwei: auf Anflugs Mannesrede von Polengesindel und Verjudung, sozusagen im Anschluß an Reserveunteroffzier Benedikts Kasernenvortrag: Das Reich als Ordnungsmacht in Europa. Aber was hat er eigentlich gesagt, dieser Tänzer? Er geht in ein Polenhaus und spielt Klavier. Ist das alles?
Und Kretschmann, angesoffen, rennt um einen Bretterstall mit geschwungenem Seitengewehr und nagelt ein Huhn an die Erde. Und Küchenunteroffizier Markschies kauft es ihm ab, für Zigaretten. Und Naujoks hat ein Gespräch mit Polen. Und Zelt handelt mit Brot. Wenn schon die älteren Leute nicht wissen? Wiechert sagt: Du glaubst doch nicht, daß der Krieg morgen zuende ist?
Das ist hier ein Städtchen, an einem Flüßchen, das eine Ufer flach, das gegenüberliegende mit mäßigen Hängen von wechselnder Höhe, ein auseinandergestreutes Dorf, oder viele Dörfer, städtische Bauwerke einfach dazwischen, Krankenhaus, Schule, soetwas, eine katholische Kirche, eine Synagoge. Die Leute hier sind nicht viel Gutes gewohnt, scheint es, und so arglos nicht, wie sie sich geben: mit Herumstreichen um die Soldaten, mit Gesten und ein paar Brocken Deutsch.
Leutnant Anflug residiert auf dem Hochufer. Da sind seine Nachrichtenfahrzeuge aufgestellt, Vermittlung und Kabelwagen, und dorthin ist Sanitätsgefreiter Maschke unterwegs, und Malige, den er auf der Holzbrücke trifft, schließt sich ihm an, wegen Blömkes Krankmeldung, von der ihm Maschke erzählt: Leibschmerzen, aber mit Fieber. Maschke, auf kurzen Beinen, weiß, als Drogist, Symptome zu deuten. Malige meint auch: Magengeschwüre. Hat mir ja schon immer die halbe Schachtel ausgefressen - na ja: Kohlekompretten. Und dann sind sie, von seitwärts, den Abhang hinauf.
Hier oben weht ein Lüftchen. Anfang September. Ein schönes Jahr. Man kann sich umdrehen und auf die Stadt zurückschauen. Maschke tut das für einen Augenblick, täte es vielleicht länger, aber er wendet sich sofort wieder um, Malige hat gesagt: Sieh doch mal, - nicht lauter als sonst, doch in einem so eigenartigen Ton, daß es einen einfach auf dem Absatz dreht.
Na ja, da ist also etwas zu sehen.
Unten am Ufer ein Haufen Juden, schwarze Kaftane, Bärte, schwarze Hüte, um eine schwere Kabeltrommel herum, die sie sich aufzuladen versuchen und doch wieder absetzen für einen erneuten Versuch, alte Männer, und jetzt zerren sie zu dritt oder viert die Trommel den Abhang hinauf, gelangen so bis zur halben Höhe, und Anflug steigt ihnen entgegen und tritt ihnen das Ding aus den Händen. Soll wohl getragen werden. Da rollt es hinunter. Aufhalten, schreit Anflug. Na ja, soll ja wohl nicht absaufen im Fluß.
Das ist so ein Spaß. Die Juden hat sich Anflug aus der Synagoge drüben geholt, wo sie sich versammelt hatten, der ganze Haufen. Und was hat das nun für einen Sinn: Hinunterrollen lassen, wieder hinauftragen, wieder hinunterrollen lassen? Arbeiten lernen, meint Anflug. Maschke findet es komisch.
Malige wohl auch. Denn er springt ein paar Schritte vor, hat jetzt die Beine in einen Tanzschritt gebracht, so eine Art Prozessionsschritt, Hüpfer, schnelle Schrittfolgen, plötzliches Stehnbleiben, vor, zwei Schritt zurück. An Anflug vorbei, der es sehen müßte, aber anderes zu tun hat, bis zur Kante des Abhangs vor. Und jetzt - das ist nun schon wahre Kunst - mit der gleichen Schrittfolge den Hang hinab, nicht ein bißchen schneller, Zeitlupe sozusagen. Wohl verrückt geworden, schreit Anflug. Das kann er jetzt nicht mehr übersehen, dieses Affentheater.
Maschke läßt seinen Blömke Blömke sein, nämlich krank, er rennt an den Abhang, steht, sieht: Malige ist unten angekommen, breitet die Arme, bewegt sie wie Flügel, ein grüner Vogel in einem Dohlenschwarm, fordert offenbar seine Zuschauer, die alten Herrschaften dort unten, zum Platznehmen auf, er, Malige, werde sich mit einer Gratisvorstellung präsentieren - aber er sagt ja wohl, wie fachüblich, produzieren -, hat die Kabeltrommel auch bereits ergriffen, sie aufgehoben - wie ein Zauberkistchen, wo gleich die Tauben herausflattern werden und hinterher ein Sonnenschirm, der sich von selber öffnet, so leicht jedenfalls -, und ist noch immer in seinem Tanzschritt, den Kopf zurückgeworfen. Und jetzt, die Trommel vor sich her tragend, als müßte er sie festhalten, sie flöge ihm sonst fort, den Hang aufwärts, nicht ein bißchen langsamer oder schneller.
Anflug oben schwankt, setzt einen Fuß vor, greift nach seiner Feldmütze, nach dem Koppelzeug, hat zu schreien begonnen, schreit, schreit wie ein Tier, Befehle oder was, ein sinnloses Durcheinander. Und Malige, sieht er, tanzt auf ihn zu, immer näher, ein paar Meter noch, mit zurückgeworfenem Kopf, offenem Mund.
Von den Wagen herüber, der ganze Zug kommt gerannt Kretschmann, Zelt, Wiechert, Markschies, Naujoks -, steht, blickt dem Tänzer entgegen, tritt zur Seite, als er über den Hang auftaucht, vor der Kante noch einmal den Schritt zurück tut, die vier kurzen Schrittchen folgen läßt und nun, oben angekommen, die Kabeltrommel im Arm, auch noch den Hüpfer.
Zu Anflugs Geschrei, der die Pistole herausgerissen hat, beim Durchladen das Magazin verliert, sie fallen läßt, plötzlich, und kehrt macht, davonläuft, noch immer schreiend.
Das ist eigentlich schon die ganze Geschichte. Am Anfang eines Krieges. Auf einem polnischen Ufer. Über einer Stadt, die bald in Rauch aufgeht. Am Anfang eines Krieges, der noch lange geht. In dem Blömke seinen Entlassungsschein bekommt, wegen Magengeschwüren, und zwei Jahre danach erneut eingezogen wird. In dem Naujoks stirbt, an einer Kugel, und Kretschmann den Heldentod erleidet, im Keller einer Brauerei, wo er vierzehn Tage später ertrinkt. In dem sich Gastwirt Zelt einen Hund zulegt, einen Terrier namens Lady, aber das ist schon im Jahr darauf, in Frankreich.
Leutnant Anflug wird fortgebracht. Zu einer anderen Einheit versetzt. Unmögliches Verhalten. Und die Geschichte mit Malige wird erst einmal vergessen, am Anfang des Krieges. Vielleicht, daß er noch lange lebt. Dann kommt er wohl zu einem Frontkabarett, bei seinem Können wahrscheinlich oder immerhin möglich, obwohl sie da lieber Damen nehmen, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, was ich erzählt habe.
Höchstens noch: daß es Abend wird, nach dieser Geschichte. Daß auf dem hohen Ufer, ein Stück hinter den Fahrzeugen Strohschober stehen und sonderbar glänzen, als sich das Mondlicht auf sie herabläßt. Während die Nebel aufstehen über dem Fluß. Und daß nichts einen hindern würde, über die Brücke zu gehen und durch die Stadt, jetzt in der Dunkelheit, - begegnete man sich nicht selber, ausgerechnet hier, in dieser polnischen Stadt, ohne auch nur einen Grund dafür zu finden.