Didaktische Reihe Band 18 Praktische
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Eugen Baacke Politische Bildung auf dem Lande - ratlos? Die Festredner bezeichnen jedes alte Backhaus, das kurz vorm Abriß gestanden ist, als eine Sehenswürdigkeit. Erheben jeden ausgedienten Melkschemel zu einem besonderen Kulturgut. Die Gegenwart wird bei ihnen zum Grabwächter der Tradition. Die Vergangenheit zur Quelle von Brauchtümern, die eine armselige Wirklichkeit verzieren. Wenn sie von Heimat reden, haben ihre Sätze einen hohlen Nachklang und ihre Worte einen Sprung im Ton. Hinter ihnen stehen die Trachtenträger wie verirrte Fastnachtsnarren auf der Bühne und warten auf ihren Einsatz. [1] 1. Ein Orchideenthema - ein Land von Exoten Bei altgedienten Erwachsenenbildnern stieß mein Vorhaben auf Erstaunen, Amusement, Befremden. Die Kommentare ließen die Distanz zum Ort des Geschehens erahnen: Wen ich dort denn bilden wolle, wurde ich gefragt? Als ob eine Expedition in menschenleere Gebiete geplant wäre. Was ich denn an Inhalten anbieten könne? Die nicht ernstzunehmenden Vorschläge reichten vom Sensenmähkurs bis zum Melkwettbewerb unter besonderer Berücksichtigung der politischen Bildung auf dem Lande. Vermutlich vom Föhneinfluß im Oberschwäbischen und der damit verbundenen freien Sicht auf die Alpen waren die kulturellen Anregungen beeinflußt; sie reichten vom Jodeln über Schuhplatteln bis zum bodenständigen Trachtentanz. Diese eher belustigenden Präliminarien gewannen nach ersten Bildungsveranstaltungen an Schärfe. Mit Blick auf die vorliegenden Seminar- und Tagungsprogramme meinte einer der Kommentatoren, ein Festgottesdienst sei in der politischen Bildung fehl am Platze. Die Kirchen sollten außen vor bleiben und ihr eigenes Terrain pflegen. Ein anderer stieß sich an den Ausstellungskonzeptionen und kritisierte sie als statisch und altmodisch und dem heutigen Kunstverständnis gegenläufig. Ein dritter vermutete, das Engagement für den ländlichen Raum entspränge der Lust auf rustikale Genüsse und dem Drang nach Nähe zu lokalen und regionalen Honoratioren. Diese unterschwelligen Ressentiments gegenüber dem ländliche Raum könnten beliebig erweitert werden. Allen Vorurteilen ist gemeinsam, daß sie die Bereiche des Dörflichen, also die nichtstädtisch geprägten Gebieten, als defizitär bezeichnen: als hinterwäldlerisch, rückständig, provinziell. [2] Diese ernstzunehmenden Vorwürfe können einmal ironisch widerlegt werden. Welche Chance, daß es die Kirche im Dorf (wie lange noch?) gibt. Welch ein Glück, daß Götz Adriani Tübingen erhalten bleibt und die Dokumenta weiterhin in Kassel Zeichen setzt und nicht in Veringenstadt, zum Beispiel. Welch ein Genuß, daß in Zeiten von BSE heimische Produkte direkt vermarktet werden können. Und welch ein Gefühl von Zufriedenheit, mit lokalen und regionalen KulturträgerInnen wieder etwas auf den steinigen Weg gebracht zu haben. Zugleich verweisen die oben angeführten Vorwürfe aber auf einige zentrale Fragestellungen, die die Praxis der politischen Bildung auf dem Land maßgeblich beeinflussen und entscheidend prägen, was Inhalte und Methoden betreffen:
Eingangs wurde bewußt der Gegensatz von Stadt und Land und die damit postulierten Dichotomien wie Modernisierung/Tradition, Urbanität/Provinzialität, Dynamik/Statik, Entwicklung/Rückständigkeit betont. Um dieses Gefälle aufzuheben und den leichheitsgrundsatz zu verwirklichlichen, müßte eine klare Forderung heißen: Politische Bildung aufs Land! [3] 2. Politische Bildung in schwierigen Zeiten Folgende negativen Begleiterscheinungen beginnen Wirkung zu zeigen:
Wenn hier von Krise(n) gesprochen wird, dann nicht aus "subjektiver Wehleidigkeit" als Betroffener einer "besonders sensiblen Berufsgruppe" [6] oder um mit pessimistischer Prognose und professioneller Klagehaltung Pfründen langfristig zu sichern. Mit Blick auf das Spannungsfeld gesellschaftlicher, kultureller, politischer, ökonomischer, ökologischer und psychosozialer Dimensionen lassen sich durchaus objektive Gründe für dieses allgemeine Unbehagen herausfiltern: [7]
Diese demotivierenden Rahmenbedingungen können zu einer resignativen Haltung führen und eine Nach-mir-die-Sinflut-Mentalität fördern. Zugleich bieten "Krisen" immer auch die Chance, über die eigenen Legitimation zu reflektieren, Erstarrungen durch kreatives Denken zu lösen, den Zustand der Lähmung durch zielgerichtetes produktives Handeln zu überwinden und Innovationen in Gang zu setzen. Die Zukunft der politischen Bildung darf nicht von Bedenkenträgern, larmoyanten Berufsklagern und Pessimisten geprägt werden. Angesichts bildungspolitischer Einschränkungen und finanzieller Kürzungen gehören Mut, List und Beharrlichkeit zu den Grundtugenden politischer BildnerInnen. Mit anderen Worten: "Wie kann die Kapitulation der Bildung vor der Herrschaft des Momentanen verhindert werden?" [9] Auf diesen Hintergrund sind die vorliegenden Seminar- und Tagungsprogramme zu überprüfen. Es ist schön im hiesigen Heimatmuseum. Kein Korb mit vom Acker gelesenen Steinen. Keine lichtlose Knechtkammer. Kein mit Blut beschmierter Grenzstein. Kein Brief aus dem fernen Amerika. Kein Erlaß der Obrigkeit. Keine Wachsfigur eines fettgefressenen Mönches. Kein Bildnis einer vergewaltigten Magd. Kein als Waffe verwendeter Dreschflegel. Keine Totenmaske eines Tagelöhners. Kein Wortlaut einer Bittschrift. Kein Kindersarg. Kein Gestank einer Jauchegrube. Kein Frondienst. Keine Kerkertür. Keine Asche. Kein Ruß. [10] 3. Stadtnahe politische Bildung, so landfern? Ausgangspunkt für die Zielsetzung politischer Bildung können folgende Fragen sein: Was soll politische Bildung bewirken? Was kann, was darf politische Bildung? Die abstrakt klingenden Wertsetzungen werden vielleicht griffiger, wenn wir die Fragestellungen negativ wenden: Was soll/kann/darf politische Bildung auf keinen Fall? Die in Verbindung mit dem "Beutelsbacher Konsens" genannten Grundprinzipien Überwältigungsverbot, Kontroversität und Interessenorientierung [11] dienen als Richtschnur, sollten aber nicht daran hindern, neue Entwicklungsimpulse in die Diskussion mitaufzunehmen, damit politische Bildung auch in Zukunft den veränderten gesellschaftlichen Herausforderungen gewachsen ist. [12] Durch tiefgreifende Veränderungen, wie sie zuvor in Schlagworten umrissen wurden, werden Bildungs- und Ausbildungssysteme mit völlig neuen Inhalten und Fragestellungen konfrontiert. Zugleich sind neue Problemlösungskompetenzen erforderlich. Zukunftsorientierung bedeutet nicht, daß längst definierte Zielsetzungen als alte Zöpfe abqualifiziert werden, sondern daß sie in einer gelebten Demokratie und in einer BürgerInnengesellschaft als Daueraufgabe verstanden werden. Deshalb muß politische Bildung, die sich als "Lernort Demokratie" definiert, die Offenheit besitzen, sich sowohl den Entwicklungen von außen zu stellen als auch den Dialog nach innen zu suchen. [13] Weiters muß die Entwicklung demokratischer Bürgertugenden allgemein und in der Fläche gelten und kann nicht durch den grobrasterigen Gegensatz Stadt - Land simplifiziert werden. Ein primäres Ziel politischer Bildung ist die "Mündigkeit des Menschen". Das setzt die Vermittlung von Wissen voraus, die Kenntnisse zu Reflexion und Kritikfähigkeit und die Bereitschaft, das Erlernte anzuwenden. Im didaktischen Dreischritt geht es um den Erwerb von Sach-, Urteils- und Handlungskompetenz. " In der politischen Bildung geht es zuallererst um das Lehren und Lernen des Sehens, des Beurteilens und des Handelns". [14] Dem rigiden Verdikt "Politische Bildung ist keine Spielwiese der Emanzipation, dazu ist sie viel zu ernst" [15] ist entgegenzuhalten, daß Demokratiefähigkeit erlernbar ist und "Lernstätten" mit entsprechenden Spielräumen und Freiheitsgraden für Jugendliche und Erwachsene vorhanden sein müssen, um ein (Probe-) Handeln zu ermöglichen. Wenn wir den Begriff "Mündigkeit" konkretisieren, dann geht es um fundamentale Ziele wie Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung. [16] Die Gefahren einer schleichenden Entmündigung, einer kollektiven Verantwortungslosigkeit und eines subjektiven Gefühls der politischen Apathie und Bedeutungslosigkeit sind bekannt. Damit werden auch die Felder umrissen, auf denen sich die politische Bildung zu bewähren hat, will sie sich nicht zum Spielball des Faktischen degradieren lassen. [17] Diese jetzt auf der Metaebene geführte Diskussion über die Aufgaben und Zielsetzungen einer wertorientierten politischen Bildung ist herunterzuzoomen auf die lokale und regionale Ebene des Dorfes. Die notwendigen Leitbilddiskussion hat auszugehen von einem tiefgreifenden Strukturwandel der ländlichen Siedlung (=Dorf) und des ländlichen Raumes insgesamt. Abzulesen und zu überprüfen sind diese sozio-kulturellen Veränderungen an folgenden Indikatoren: [18]
Der Begriff Leitbild hat "als ein Instrument kooperativer Planung" in der Dorf- und Regionalentwicklung an Bedeutung gewonnen. [19] Als "gedachte Ordnungen" beinhalten Leitbilder einen gesellschaftlichen Grundkonsens, sind wertorientiert und haben einen ganzheitlichen Anspruch. In ihrem Anspruch auf Vernetzung und ihrer Zukunftsorientierung können Leitbilder entwicklungshemmende Konflikte thematisieren, zur Problemlösung beitragen und Handlungskompetenzen fördern. Zur Begriffsklärung "Leitbild" zitiere ich zwei Definitionen: "Unter Leitbildern verstehen wir die Darstellung eines wünschenswerten zukünftigen Zustandes, der durch zielbewußtes Handeln und Verhalten erreicht werden kann", so das Institut für Orts- , Regional- und Landesplanung der ETH Zürich 1970. [20] Die Verknüpfung der Planungselemente Leitbild, Ziele und Strategien/Maßnahmen mit möglichen Inhalten verbindet das normative Planungsinstrument mit der Akteursebene und ermöglicht eine Konkretisierung der Ziele bis hin zur Prioritätenliste, des zeichlichen Rahmens und der prozeß- und projektorienterten Umsetzung. projektorienterten Umsetzung. [21]
Daß es sich nicht um autoritär gesetzte, "von oben" verordnete Leitbilder handeln kann, die die bestehenden Interessengegensätze wegharmonisieren und den "Charakter wirklichkeitsverwischender Ideologien" erhalten, macht die zweite Definition deutlich, die den Begriff "Eigenständigkeit" betont: "Leitbilder enthalten stets politische Wertvorstellungen und haben zugleich einen stark hypothetischen und manchmal sogar utopischen Charakter. Sie entwickeln in der Regel zukunftsorientierte, alternative Zielvorgaben, die der Verbesserung der gegenwärtigen Verhältnisse dienen sollen. Was wir heute brauchen, ist ein neues positives und vor allem von innen bestimmtes endogenes Leitbild für die Siedlungseinheit Dorf, das befreit ist von der Last der Fremdsteuerung durch die städtischen Zentralen". [22] Die wesentlichen Inhalte "eines positiven, autonomen Leitbildes Dorf" sind: [23] a) das Dorf als Ort der politisch-administrativen Selbstverantwortung; Das heißt: wenn wir über das endogene Leitbild des Dorfes nachdenken , müssen wir immer auch über die Leitbilder der Stadt reflektieren. Die Erneuerung des ländlichen Raumes setzt also eine kritische Bestandsaufnahme des urbanen Raumes voraus. Die Leitbilder der Industriegesellschaft müssen hinterfragt werden, wenn die Dorf- und Reginalentwicklung glücken soll. [24] Der Verödung und dem Verlust ländlicher Lebenswelten müssen die Erwachsenen- und die politische Bildung entgegenwirken, um eine "Revitalisierung dörflicher Alltagswelt" in Gang zu setzen. [25] Mit U. Klemm sehe ich zwei strategische Leitbilder, die unsere programmatischen Überlegungen innovativ befruchten und weiterentwickeln: a) das Konzept Eigenständige Regionalentwicklung und b) das Konzept Gemeinwesenarbeit. [26] A. Herrenknecht formuliert die Chancen einer Entwicklung von unten wie folgt: "Das regionale Dorf mit seinem nicht mehr nur lokalen, sondern auch regionalen und überregionalen Horizont bietet die historische Chance dafür, auch in der kulturellen Demokratie der Dörfer einen wesentlichen Schritt voranzukommen und mehr Basis- und Gemeinwesendemokratie zu verwirklichen." [27] Eine die emanzipatorische und kompensatorische Bildung fördernde Konzeption kann nur realisiert werden, wenn sie ihre lokalen und regionalen Bezugsgrößen nicht aus dem Auge verliert. Politische Bildung kann nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg von außen angeboten werden, sondern muß im Sinne einer endogenen Entwicklung Potentiale nützen, um die im ländlichen Raum vorhandenen, oft auch verschütteten und brachliegenden Fähigkeiten zu aktivieren. Das setzt einmal die Bereitschaft voraus, mit den Betroffenen vor Ort zu kommunizieren und zu kooperieren, zum andern erfordert es genaue Kenntnisse der situativen Bedingungen. Erwachsenbildnerinnen, die sich nicht auf "Land und Leute " einlassen und die Provinz als exotische Lebenswelt betrachten, sollten von diesem Geschäft die Finger lassen!
4. Das Dorf als Handlungsebene in der politischen Bildung - eine vorläufige Bilanz Es mag vermessen erscheinen, nach acht Jahren in der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg Bilanz zu ziehen. Aber wenn wir die Frage nach der Legitimation der ländlichen Erwachsenenbildung und damit auch der politischen Bildung ernst nehmen, müssen wir das Dorf als Lernfeld und Handlungsebene betrachten. Gravierende Sparmaßnahmen im Zuge der wirtschaftlichen Rezession mögen diese Diskussion verschärfen, Auslöser sind sie jedenfalls nicht. Der kritische Rückblick in die 80er Jahre kennzeichnet diese als einen expansiven Zeitraum, der von einer Wachstumseuphorie und quantitativen Steigerungsraten geprägt war. Allerdings sei eine mit dem neuen Boom einhergehende Evaluation von Inhalt und Konzept in den Einrichtungen der Erwachsenenbildung" ausgeblieben. [29] Nach zwei fetten Jahrzehnten" der Erwachsenenbildung zeichnet sich in den 90er Jahren eine Tendenzwende", eine Erosion" ab, die mit folgenden Trends zu belegen ist:
Auf der zuvor skizzierten Leitbildebene lassen sich folgende Tendenzen neuer, innovativer Erwachsenenbildung im ländlichen Raum erkennen: Der Wandel von Erwachsenenbildungseinrichtungen im ländlichen Raum von geschlossenen zu offenen Lernorten als Folge einer stärkeren Hinwendung zur kommunalen Sozial- und Kulturpolitik verlangt also ein besonderes methodisches und inhaltliches Vorgehen. Merkmale eines solchen gemeinwesenorientierten ländlichen Erwachsenenbildungskonzepts sind:
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß Erwachsenenbildung und politische Bildung auf dem Lande ein neues Selbstverständnis entwickeln und selbstbewußt vertreten müssen, wenn sie als regionale Entwicklungsfaktoren in den nächsten Jahren eine Rolle spielen wollen: "Dorf und Region werden zum Lernfeld und zur Handlungsplattform für Erwachsenenbildung. Die Bildungsarbeit ist eingebunden in eine regionale Entwicklungsperspektive und erhält damit einen ausgesprochen politischen Bildungscharakter im Sinne demokratischer Gemeinwesenorientierung." [32] 1. Beispiel: Langenau und das Haus auf der Alb in Bad Urach Sowohl persönliche und institutionelle Verbindungen und Kontakte als auch gemeinsame thematische Interessen fanden nach meinem Wechsel zur Landeszentrale für politische Bildung (1989) ihren Niederschlag in einer Reihe von Tagungen im Pfleghofsaal, dem neuen Kulturzentrum der Stadt Langenau. Diese Veranstaltungen richteten sich an ein Fachpublikum, das sich mit Landkultur, Dorfentwicklung und ländlicher Erwachsenenbildung beschäftigte. Handelte es sich einerseits um Bilanzierung und Standortbestimmung, sind diese Fachtagungen andererseits als Versuch zu werten, mittelfristig neue Perspektiven für die kommenden Jahre des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts zu entwerfen. Den Expertinnen und Experten aus Kommunal- und Landesverwaltungen, Regionalpolitik und -planung, Wissenschaft und Forschung, Erwachsenenbildung und aus im ländlichen Raum tätigen Verbänden wurden am Vormittag der eintägigen Veranstaltungen Fachvorträge angeboten ;am Nachmittag trafen sich Arbeitsgruppen zu ausgewählten Themenbereichen. Abschließend wurden die Ergebnisse im Plenum vorgestellt und diskutiert. Die klassische Art der kompakten Wissensvermittlung also!
Diese Veranstaltungen waren Kooperationen mit der Ulmer Volkshochschule, an der letztgenannten Tagung beteiligte sich außerdem noch der Verein "Eigenständige Regionalentwicklung Baden-Württemberg e.V.". Die Impulse dieser Fachtagungen wurden aufgegriffen und führten zu folgenden Kooperationsveranstaltungen: - Kultur auf dem Lande (31. 8.1991) mit der Stadt Giengen an der Brenz zum 25jährigen Jubiläum der Stadthalle (1966-1991). [35] - Kultur auf dem Lande (18.1.1992) mit der Stadt Saulgau. Nachdem die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg seit 1992 mit dem Haus auf der Alb in Bad Urach über eine eigene Tagungsstätte verfügte, konnten vorbereitungs- und kostenintensive Seminare und Kongresse hier organisiert werden. In enger und vertrauensvoller Kooperation mit Siegfried Frech, dem Leiter des Fachreferats Didaktik politischer Bildung, wird seither referatsübergreifende Zusammenarbeit geplant und praktiziert. - Kulturarbeit auf dem Lande als Gegenstand der politischen Bildung. (18./19.1.1993) - Landkultur - Frauenkultur. (12.-14.12.1994) [36] - Kultur als Entwicklungsfaktor auf dem Lande. Begegnungsseminar für regionale Kulturträgerinnen und Kulturträger aus Sachsen und Baden - Württemberg. (15.-17.11.1996) - Perspektiven ländlicher Entwicklung in Baden-Württemberg. Potentiale und Kooperationen auf dem Lande. (2.-4.12.1996) [37] Auch hier gilt die alte Fußballregel: nur eine gute Mannschaft sichert Qualität und Atraktivität. Eine Fülle von Ratschlägen, Tips, Hinweisen und Hilfestellungen verdanken wir unseren Kooperationspartnern, Beratern, Referentinnen und Referenten Hermann Bausinger ,Annegret Boos-Krüger, Bruno Effinger, Eckart Frahm, Max Gögler, Gerhard Henkel, Albert Herrenknecht, Gerrit Kaschuba, Ulrich Klemm, Erika Haindl, Christel Köhle-Hezinger, Peter Ohlendorf, Klaus I. Rogge, Isidor Trompedeller aus Südtirol, Hans-Georg Wehling, Eva Wonneberger und Erwin Zillenbiller. 2. Beispiel: Schwäbische Bauernschule in Bad Waldsee Seit 1990 biete ich im Rahmen der offenen Seminare eine Oberschwabenreihe an. Diese für ein heterogenes Publikum konzipierte, einmal jährlich zusammen mit der Schwäbischen Bauernschule Waldsee organisierte Veranstaltung will eine oft unbekannte, vernachlässigte und abseits der städtischen Zentren liegende Region ins Blickfeld zu rücken. Der kleinste gemeinsame Nenner der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die aus völlig unterschiedlichen lebensweltlichen Milieus stammen und daher differenzierte Bildungs-, Sozialisations-, Regional- und Alterserfahrungen einbringen, dürfte das gemeinsame Interesse an dem Spezifikum Oberschwaben sein. Hinzu kommen die Schwierigkeiten, in einer zeitlich begrenzten Situation eines Wochenendes (definiert als fünf Arbeitseinheiten) komplexe Zusammenhänge in allgemein verständlicher Form unterhaltsam und lebensnah zu präsentieren. Das Geheimnis des Erfolges liegt in der gelungenen Mischung von Fachvorträgen, Exkursionen, Kulturveranstaltungen, Begegnungen mit Personen, der Konfrontation mit Regionalgeschichte und Gegenwart in Architektur, Kunst, Literatur, Religion und Lebenswelt und der Präsentation von Alltagskultur, Landschafts- und Naturerfahrung. Neben Bekanntem-Berühmten wie der oberschwäbischen Barockstraße werden immer auch randständige, unbekannte Seiten dieser Region gezeigt. Die konzeptionelle Vorarbeit und die Durchführung der Seminare wird im Team geleistet, wobei das Expertenwissen und das persönliche Engagement von Fachleuten wie Michael Barczyk, Bernhard Bitterwolf, Clemens Frede und Hans - Georg Wehling maßgeblich zum Gelingen beiträgt. Folgender Ablauf hat sich bewährt: Nach einer lockeren Runde des Kennenlernens folgt am Freitagabend ein Fachvortrag/Fachgespräch zur Einstimmung. Der Samstag ist für eine ganztägige Exkursion reserviert, und am Samstagabend folgt, postmodern gesprochen, ein Kulturevent". Der Sonntagvormittag dient der Vertiefung und Abrundung in Form einer Podiumsdiskussion, eines Kurz- oder Diavortrages mit abschließendem Gespräch. [38] Inzwischen befinden wir uns im verflixten siebten Jahr, aber weit über die Jahrtausendwende herrscht kein Mangel an Themen: - Oberschwäbischer Barock. Barockes Oberschwaben (12.-14.10.1990); - Oberschwaben - Eine Landschaft erfahren, erleben, begreifen (18.-20.10.1991); - Oberschwaben - Sitten und Bräuche (21.-23.8.1992); - Bäuerliches Leben früher und heute. Die Legende von der Idylle des Landlebens (27.-29.8.1993); - Lebendige Vielfalt. Lebensformen in Oberschwaben (26.-28.8.1994); - Frauen in Oberschwaben (8.-10.9.1995); - Unbekanntes Oberschwaben (6.-8.9.1996); - Literatur in Oberschwaben (3.-5.10.1997, in Planung). Warum die Entscheidung für eine langjährige, intensive Beschäftigung gerade mit dieser Region, die im Norden von der Donau, vom Bodensee im Süden, der ehemals badischen Grenze im Westen und der bayerischen im Osten umrissen wird. [39] Jenseits einer ministeriell verordneten "Liebe zu Volk und Heimat" ist es die bewußte persönliche Entscheidung, die politische Kultur Oberschwabens [40], meiner Heimat, zu erkunden und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Zugleich ist es die Suche nach einer oberschwäbischen Identität, die bis heute von vier historischen Faktoren geprägt wird: Bauern, Kirche, Adel und Städte, ablesbar nicht zuletzt am Landschaftsbild. Vielleicht ist es eine Art Haßliebe, die als Motor dient, den "kulturellen Code zu dechiffrieren". [41] Wer aus dem Dorf stammend mit dem Drang auszog, die Metropolen zu erobern, und wieder ins Dorf zurückkehrt, steht vermutlich immer vor dem Dilemma, entweder missionarisch tätig zu werden, wenn Veränderungen angestrebt werden, oder aber verklärend-resignativ die Augen vor jeder Neuerung zu verschließen. Die vorliegenden Seminarprogramme sind Prüfsteine und die Urteile der Teilnehmenden Gradmesser für Reichweite und Tiefgang der Oberschwabenseminare. 3. Beispiel: Veringenstadt Seit 1992 begleite und unterstütze ich die innovativen und weit über den lokalen Rahmen hinaus wegweisenden Aktionen und Beiträge zur ländlichen Kulturarbeit von Professor Dr. Erwin Zillenbiller. Der geborene Veringerstädter, der 28 Jahre im Ministerium für ländlichen Raum, Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Baden-Württemberg tätig war und sich dort in leitender Position mit den Fragen der ländlichen Strukturpolitik (Schwarzwald-, Alb- und Wälderprogramm, Landschaftsökologie, Dorfentwicklung, markt- und umweltgerechte Landbewirtschaftung) befaßte, gilt landesweit als Vater der baden-württembergischen Dorfentwicklung". Als Ehrenbürger setzt er nach wie vor bedeutende Impulse für seine Heimatstadt und die Region und ist trotz Ruhestands als unermüdliche "Kultur-Lokomotive" [42] im ehemals vorderöstereichischen Städtchen im kreativen Unruhestand. Er gestaltet Stadtfeste (jeweils am ersten Wochenende im Juli) und Veringer Foren durch Vortragsveranstaltungen, Ausstellungen, Festspiele und "Denk"male wie Lehrpfad "Lebendige Lauchert" und die Symbolfigur der Bader Ann. [43] Dem Grundsatz folgend, daß die Begegnung mit der Geschichte für die Gegenwart Orientierung bieten soll, arbeitet Zillenbiller historische Themen mit engen lokalen Bezügen auf und präsentiert sie spannend und allgemein verständlich in dramatisierter Form als Lehrstücke, die einem breiten Publikum weit über Veringen hinaus Bezüge bis heute bieten. Durch die aktive Mitwirkung der drei Ortsteile beim Stadtfest ist gewährleistet, daß ländliche Kulturarbeit selbstgestaltet wird und als Ausdruck einer kommunalen Gemeinschaftsleistung zu werten ist. Außerdem vermittelt die jeweilige Themenstellung praktische Bezüge zur Gegenwart und zwingt unaufdringlich, aber wirksam zu einer Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Problemen. [44] Eine Übersicht über die Jahre 1992 - 1996 zeigt die Spannbreite an Themen und Aktionsformen und zeugt von methodischer Vielfalt: - Veringer Forum und Veringer Stadtfest am 4./5.7.1992: Aus der Geschichte lernen am Hexenprozeß Veringen. Vom Glauben und Unglauben, Hexerei und Zauberei bis heute. Sinnfindung und Sinnerfahrung für die ländliche Kulturarbeit" mit der Ausstellung Hexen" und dem Festspiel Die Hexe von Veringen"; - Veringer Stadtfest am 3./4.7.1993: "Hermannus Contractus - Hermann der Lahme (1013 - 1054) mit Ausstellung und Festspiel; - Veringer Forum am 8.6.1994: "Hexenwahn. Stand der Forschung" Mit Enthüllung und Würdigung der Symbolfigur der Bader Ann von Monika Geiselhart (Reutlingen); - Veringer Stadtfest am 2.7.1994: Eröffnung des Lehrpfades "Lebendige Lauchert Veringen" mit Ausstellung; - Veringer Forum am 22.10.1994: Der Uferpfad "Lebendige Lauchert Veringen" als landesweites Modellbeispiel; - Veringer Stadtfest am 2.7.1995: Vortragsveranstaltung "Badstuben im Mittelalter" mit Ausstellung; - Präsentation der Studie von E. Zillenbiller, "Kulturlandschaft Erbe und Auftrag. Entwicklungsphasen von der Natur- zur Kulturlandschaft. Auf den Spuren der Landschafts- und Siedlungsgeschichte - ein modellhafter Beitrag zur Heimatkunde und Landschaftsplanung" mit Ausstellung (am 27. September 1995 in Sigmaringen;am 20. Oktober 1995 in Veringenstadt). [45] - Veringer Forum und Veringer Stadtfest am 6./7.7.1996: "Fremde Heimat. Zuwanderung nach Südwestdeutschland vom 17. - 20. Jahrhundert" In den Veringer Foren und Stadtfesten wird die Suche nach einer neuen Identität deutlich, und die Möglichkeit für ein regionales Selbstbewußtsein im Spannungsfeld zwischen Landschaft- und Heimatgeschichte und einer ökologisch verantwortungsvollen Zukunftsorientierung aufgezeigt. Modellcharakter gewinnen die Veranstaltungen vor allem durch ihre BürgerInnennähe und BürgerInnenbeteiligung. Institutionelle Verankerung erhalten die Kooperationen durch die Fördergemeinschaft Strübhaus Veringenstadt e. V., die 1994 den Preis "Vorbildliches Heimatmuseum" erhielt. In seiner Laudatio würdigte Professor Dr. Gottfried Korff die Fördergemeinschaft als eine "Gemeinschaft, die sich durch höchste Lebendigkeit und intensive Bürgernähe kennzeichne. Man setze hier auf zukunftsweisende Objekte und beschränke sich nicht nur aufs Sammeln und Bewahren, sondern setze sich in lebendiger Weise mit Vergangenem und Gegenwärtigem auseinander." [46] Gerade am Veringer Stadtfest 1996 läßt sich belegen, wie ein gleichermaßen anspruchsvolles wie publikumsnahes Programm gestaltet werden kann. Das Veringer Forum bot am Samstagnachmittag eine Vortragsreihe an, die anhand von lokalen und regionalen Fallbeispielen Migrationsbewegungen in Geschichte und Gegenwart beleuchtete. Am Samstagabend wurde auf dem Marktplatz das Schauspiel Andreas Frank - 20 Jahre Wandergeselle (1838 - 1853)" aufgeführt. Parallel zu diesen Veranstaltungen wurde in der Hohenzollerischen Landesbank eine dreiwöchige Ausstellung eröffnet: Namen und Baudenkmale sind Stadtgeschichte als Erbe und Auftrag". [47] Diese Trias von Forum, Ausstellung und Schauspiel im Verbund mit einem unterhaltsamen, für Jung und Alt attraktiven und kulinarisch reichhaltigen Programm lassen das Veringer Stadtfest zu einem kulturell, gesellschaftlich und sozial bedeutsamen Ereignis werden, das regionale Ausstrahlung hat. Bilanz ziehen heißt innehalten, zurückschauen, das Vergangene einer kritischen Prüfung unterziehen, abwägen, auch Atem holen. Zugleich heißt es, aus dem Druck der laufenden Geschäfte und dem Alltagstrott bewußt auszubrechen, um sich der Frage zu stellen: Wo stehe ich? Der reflektierende Rückblick muß die notwendige Distanz enthalten, um einmal eine egozentrische Nabelschau zu verhindern, zum anderen nicht in eine beliebige Aufzählung mit der Tendenz zu deklamatorischer Selbstbeweihräucherung zu verfallen. Die Namen der Veranstaltungsorte Langenau und Haus auf der Alb in Bad Urach, Schwäbische Bauernschule Bad Waldsee und Veringenstadt stehen Programm für folgende Konzeption:
Gerade das Seminar "Perspektiven ländlicher Entwicklung in Baden - Württemberg. Potentiale und Kooperativen auf dem Lande" im Dezember 1996 hatte gezeigt, wie wichtig es ist, den "Kulturwert des Konflikts" auch in etablierten Institutionen zu pflegen. Die Landeszentrale für politische Bildung bietet durch ihren Grundsatz, "politische Bildung in Baden - Württemberg auf überparteilicher Basis" zu fördern und zu vertiefen, eine ideale Plattform für demokratische Streitkultur. Die heftigen und leidenschaftlich geführten Kontroversen zwischen Vertretern der Kommunal- und Landesverwaltung und freien RegionalplanerInnen und ErwachsenenbildnerInnen, zwischen "Alibifrauen" und männerdominierten Arbeitsgruppen, zwischen Theoretikern und Praktikern, zwischen den TeilnehmerInnen aus den verschiedenen Bundesländern machten deutlich, daß bestehende Animositäten und erhebliche Kommunikationsstörungen durch diskursive Dialoge im Rahmen eines solchen Seminars erfolgreich anzugehen sind. Nur im fairen Meinungsaustausch können innovative Entwicklungen kennengelernt und vermittelt werden, ohne daß man der Gefahr erliegt, sogenannte Patentrezepte anzubieten und/oder virulente Konflikte harmonisierend zu verschleiern. Ein weiterer, wichtiger Ansatz zur Stärkung der personalen und regionalen Identität ist die Förderung von "Kulturpersonen". Indem traditionelle und vor allem neue KulturträgerInnen unterstützt und durch Weiterbildung professionalisiert werden, steigen die Chancen, vor dem Hintergrund sich auflösender bisheriger Strukturen adäquate angepaßte Lösungsstrategien zu entwickeln. "In Menschen investieren" heißt, im Dorf verschüttete Erfahrungsqualitäten fördern, neue regionale Bündnisse initiieren und vor allem durch die Integration von NeubürgerInnen innovative Potentiale erschließen. Wenn diese endogen Kräfte brachliegen, braucht man sich nicht zu wundern, wenn lebenswichtige Entscheidungen von außen getroffen werden und damit die existentiellen Prioritäten durch Fremdsteuerung gesetzt werden. Urban - zentralisitische Fremdbestimmung verstärkt die Marginalisierung der ländlichen Räume. Eine dritte und entscheidende programmatische Zielsetzung ist die Förderung der Selbstbestimmung auf dem Lande. Auf kommunalpolitischer Ebene als dem unmittlelbaren Lebensumfeld und Handlungsspielraum kann jede Bürgerin und jeder Bürger seine Kenntnisse direkt artikulieren und ohne größere Reibungsverluste in aktives Handeln umsetzen. Der Aktionsraum Dorf mit seinen Identifikations- und Kommunikationszentren kann ohne Übertreibung als "Schule der Politik" charakterisiert werden, weil das teilweise noch exisitierende dörfliche Gemeinwesen als Lernfeld demokratischen und solidarischen Handelns taugt. Jugendliche, Frauen und ältere Mitmenschen müssen allerdings in Zukunft sehr viel stärker in diese demokratischen Prozesse miteingebunden werden. Politische Bildung muß hier ansetzen, will sie Apathie und Politikverdrossenheit stoppen. Qualifizierte Mitgestaltung der BürgerInnen in der Gemeinde setzt voraus, das der Grad der lokalen Autonomie ausgebaut, die bürgernahe Selbstverwaltung gestärkt und eine frühe und umfassende Information praktiziert wird, denn nur dadurch werden Akzeptanzprobleme vermieden bzw. abgebaut. Die Zauberformel "Aktivierung der BürgerInnengesellschaft/Bürgerengement" bleibt eine Leerformel, wenn Partizipationsmöglichkeiten nicht offengelegt, Teilnahmechancen nicht erkannt werden und aufgrund fehlender politischer Bildung der Mangel an Kompetenz die Bürgerbeteiligung zu einer Farce werden läßt: "Programme zur Erneuerung und Entwicklung der Dörfer und Landschaften sind auf dem Wege, eine neue Kultur der Bürgermitwirkung zu begründen. Sie besteht darin, daß Bürgerinnen und Bürger wieder lernen, den eigenen Lebensraum als 'Gestaltungs- und Möglichkeitsraum' zu begreifen und zu nutzen. Die Methode der Gemeinwesenarbeit ist dafür besonders geeignet, weil sie Information, Motivierung, Aktivierung, Kompetenzzuwachs und Selbstorganisation gleichermaßen vermittelt und bewirkt." [48] 5. Vision "Goldstern" Zeitgeist ist ein schlechter Kompaß für die Erwachsenenbildung. Trotzdem beeinflussen Megatrends das Geschäft, indem Themen auf Interesse oder Ablehnung stoßen. Schließlich ist die Teilnehmer-Innenzahl auch ein Indiz für die Akzeptanz von politischer Bildung. H. Siebert ist zuzustimmen, wenn er zwei Motivationen unterscheidet, die Erwartungshaltungen vor und bei Veranstaltungen prägen: (a) Utilitarismus (Nutzenorientierung) und (b) Hedonismus (Lustorientierung). [49] Bei Themensuche und Wahl der Lernmethoden sollten tatsächlich beide Motivationsstränge stärker ins Blickfeld rücken. Nutzenorientierter Politikunterricht (NuPu) gepaart mit lustvollem Politikunterricht (LuPu), dazu Innovationsfreude, Kreativität, Risikobereitschaft, Zukunftsorientierung und Mut zu unkonventionellen Ansätzen, dürften eine attraktive Mischung ergeben, die sehr wohl in Konkurrenz treten kann mit privaten, öffentlich-rechtlichen und staatlichen Trägern und Anstalten. Vollmundig werden zwar Plätze in der ersten Reihe angeboten, aber es wird verschwiegen, daß politische Kultur in Demokratien vom aktiven Mitmachen und Mitgestalten lebt. Drei "methodische Leitlinien ländlicher Erwachsenenbildung" stellt U. Klemm folgerichtig in den Mittelpunkt seiner andragogischen Überlegungen:
Obwohl Visionen derzeit auf gesellschaftspolitischer Ebene kaum gehandelt werden, weil Pragmatismus dominiert, so kann politische Bildung ohne Zukunftsorientierung nicht überleben. [51] Was verbirgt sich jetzt also unter dem mysteriösen Wort "Goldstern"? Der Blick über den bildungspolitischen Tellerrand und damit über die Landesgrenzen hinweg zeigt, daß in Anrainerstaaten wie Österreich und der Schweiz und vor allem in der Region Südtirol innovative und richtungsweisende Ansätze zur Erwachsenenbildung im ländlichen Raum diskutiert werden. Die Kongresse auf Schloß Goldrain (1989, 1995) und in Lichtenstern (1992), verkürzt und verdichtet zur Formel und Vision "GOLDSTERN", sind Gradmesser und Ansporn zugleich. [52] Im Rückblick auf die vergangenen Jahre durchzieht der Aspekt "Kulturarbeit" die in der Bilanz skizzierten Veranstaltungen wie ein roter Faden. Aufgrund wachsender Professionalisierung und besserer Vernetzung ist die Provinz weniger auf Kulturagentur Stadt und die von dieser vermittelten Durchreisekultur angewiesen, sondern kann durch Selbstversorgungskonzepte Autonomie und damit eine neue Identität entwickeln. [53] "Eine wichtige Rolle in einer modernen Bildungs- und Kulturpolitik für die ländlichen Räume kommt einer an neuen Leitbildern orientierten ländlichen Erwachsenenbildung zu. Diese muß mehr als bisher auf reale Entwicklungen im Lebensraum Dorf und Region Bezug nehmen, der heutigen Kulturenvielfalt Rechnung tragen, sich aktiv in Dorf- und Regionalentwicklungen einschalten und sowohl das gemeinwesenorientierte Lernen vor Ort als auch eine enge Verbindung mit ländlicher Kulturarbeit in den Vordergrund stellen." [54] Die siebte These von Goldrain (1989) hat somit programmatischen Charakter: "Erwachsenenbildung auf dem Lande muß überwiegend politische Bildung sein. Nirgends sonst kann der Bürger am politischen Geschehen und am Gemeinwesen so beteiligt werden wie im Dorf. Die Überschaubarkeit des sozialen Lebens, der unmittelbare Kontakt zwischen sozialen Gruppen und unterschiedlichen Bevölkerungsschichten kann auf Dorfebene am besten erlebt und im Sinne von solidarischem Verhalten genutzt werden. Die Erwachsenenbildung darf nicht übersehen, welche Rolle die Frau im Dorf spielt, wo die sozialen Probleme liegen und welche gesellschaftlichen Gruppen zu kurz kommen. Bevor das Engagement in diesen Fragen nicht geklärt ist, hat die Erwachsenenbildung auch wenig Chancen, sich gesellschaftlich Bedeutung zu erringen." [55] Wenn der ländliche Raum nicht - wie schon mehrmals in Zeiten voller Kassen und einer damit einherschreitenden Wachstums- und Modernisierungseuphorie - zu einer vernachlässigten Kategorie, auch in der politischen Bildung, werden soll, da Fortschritt von den Städten und Zentren aus definiert wird, muß eine enge Vernetzung von Politik und Verwaltung, Regionalplanung und eigenständiger Regionalentwicklung, Kirchen und Verbänden, Forschung und Bildungsinstitutionen auf möglichst breiter Ebene angestrebt werden. Synergieeffekte können durch länderübergreifende Kooperationen erzielt werden, indem der offene Austausch von Informationen und innovativen Konzepten ermöglicht wird. Dadurch können materielle und geistige Ressourcen freigesetzt werden, um neue zukunftsfähige Leitbilder gegen die Ideologie der "Größer - Schneller - Mehr - Moderne" zu entwerfen. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden - Württemberg hat in ihrer Funktion als Vermittlungsinstanz auch weiterhin die Aufgabe, als Plattform des "konstruktiven Dialoges" Spannungen abzubauen, Informationen auszutauschen, Begegnungen zu ermöglichen und Diskussionen zu fördern. Lautete der Wahlspruch der Aufklärung "Sapere aude - Wage dich deines Verstandes zu bedienen" (Kant), so lautet der Wahlspruch zu unserem 25jährigen Jubiläum: "Demokratie wagen" - auch und gerade für die politische Bildung auf dem Lande! Die Mitte des Dorfes Schon längst bin ich da Anmerkungen 1) Walle Sayer: Glockenschläge. Kurze Prosa, Bremen 1990,
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