Didaktische Reihe Band 22 Werte in der politischen Bildung
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Gerd Hepp Wertewandel - eine Herausforderung für die politische Bildung Wertewandel als Krisenszenario In der öffentlichen Diskussion ist der Wertewandel längst zu einem gängigen Topos geworden, der jedoch vor allem dann gerne bemüht wird, wenn Defizite hinsichtlich der moralischen Verfassung unserer Gesellschaft konstatiert werden. Politiker, Verbandsfunktionäre, Kirchenvertreter und nicht zuletzt die journalistische Publizistik bringen ihn häufig in Zusammenhang mit einer ganzen Palette von Krisenphänomenen. Der Wertewandel wird so in einem zumeist larmoyanten Unterton unter anderem verantwortlich gemacht für überbordende Anspruchshaltungen, wachsende Tendenzen zur Ego- und Ellenbogengesellschaft, übertriebene Freizeit- und Erlebnisorientierung, einen Verlust moralischer Standards, ausufernden Individualismus und Privatismus wie auch für eine Erosion des Gemeinsinns und des bürgerschaftlichen Engagements. Charakteristisch für eine solche Einschätzung des Wertewandels als Wertezerfall war die letzte Ausgabe der Zeitschrift SPIEGEL des vergangenen Jahres, wo unter der plakativen Überschrift "Tanz um das goldene Kalb" ohne Umschweife rundum eine vernichtende Bilanz der privaten und öffentlichen Moral gezogen wurde. Am Ende des Jahrtausends, so lautete das Fazit, stecke die Gesellschaft in einer tiefen ethischen Krise, der Konsens darüber, was gut und was böse sei, schwinde, es mache sich moralische Orientierungslosigkeit breit, die Solidarität der Gesellschaft falle auseinander, in der skandalgeschüttelten Politik spiele das Gemeinwohl kaum eine Rolle und am greifbarsten sei die Entwicklung zu einer "Wert-losen" Gesellschaft in der Wirtschaft, in der der Konsens, dass der Mensch, seine Würde und sein Wohlergehen das Maß aller Dinge sein sollten, am nachhaltigsten geschwunden sei (Emcke/Schwarz 1999, S. 50 ff). Allgemeine Charakteristika des Wertewandels Angesichts solcher doch höchst beunruhigender Zeitdiagnosen stellt sich die Frage, wie realistisch und zutreffend diese im einzelnen sind. Sachlichen Aufschluss vermögen hier die Befunde der empirischen Werteforschung zu geben, die für die Bundesrepublik Deutschland vor allem durch die breit angelegten Speyerer Untersuchungen erhoben wurden. Danach hat in allen westlichen Industriegesellschaften in den letzten Jahrzehnten ein geradezu epochaler Wertewandel stattgefunden, der, von manchen als stille Revolution apostrophiert, in den letzten Jahrzehnten in allen westlichen Industrienationen die Wertelandschaft kräftig umgepflügt hat. Seine Turbulenzen werden in der Bundesrepublik aufgrund historisch bedingter größerer Wertdiskontinuitäten vermutlich stärker erfahren als anderswo. Auslösende Faktoren waren die technologische Modernisierung, die Bildungsrevolution, die sozial- und wohlfahrtsstaatliche Entwicklung sowie der wachsende Einfluss der elektronischen Massenmedien. Der Kern dieses Wertewandels lässt sich vor allem als Megatrend einer Gewichtsverlagerung beschreiben: Pflicht- und Akzeptanzwerte sind deutlich geschrumpft, während Selbstentfaltungswerte kräftig expandierten ( Klages 1987, S. 56 ff). Oder anders ausgedrückt: Es hat ein Wandel von einem nomozentrischen zu einem autozentrischen Selbst- und Weltverständnis stattgefunden, in dem das originäre Selbst, die eigenen Lebensinteressen zur Leitinstanz des Denkens und Fühlens aufrücken. Entsprechend ist eine starke Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile, ein allgemeiner Entnormativierungs- und Subjektivierungstrend, wie auch eine allgemeine Zunahme instrumenteller Einstellungen zu beobachten. Gleichzeitig gehen mit dem gewachsenen Selbstentfaltungsstreben sowohl vermehrte Anspruchshaltungen wie auch verminderte Zufriedenheitsdispositionen einher. Grundsätzlich entsteht eine grössere Empfindlichkeit gegenüber faktischen oder vermuteten Widerständen, Einschränkungen und Selbstständigkeitsgefährdungen aus dem Raum der gesellschaftlichen Umwelt. Autoritativen Außenanforderungen, hierarchisch geordneten Sozialzusammenhängen, regulativen Normen, wie auch den Identifikations- und Akzeptanzwünschen aus der Organisations- und Institutionenwelt steht man mit gewachsener Distanz kritisch gegenüber. Dies heißt aber nicht, dass die Übernahme von Pflichten und Verantwortung, die Akzeptanz vorgegebener Zielsetzungen, die Hinnahme-, Bindungs-, und Folgebereitschaft in großem Stil nun verweigert wird. Neu ist, dass dies nun alles weit stärker in Abhängigkeit von individual-personalen Voraussetzungen gewährt wird, wobei das Bedürfnis, Subjekt des eigenen Handelns zu sein, einen deutlich gewachsenen Stellenwert gewonnen hat. Die persönliche Motivation, selbst gewonnene Einsichten und Überzeugungen, ein verstärktes Bedürfnis nach persönlicher Autonomie und Mitbestimmung, nach Unabhängigkeit und nach einem größeren eigenen Handlungsspielraum, werden nun im Hinblick auf Leistung, Normbefolgung oder die Übernahme von Rollenpflichten ausschlaggebend. Ferner spielen eine wachsende Rolle: Individuelle Nutzwertkalküle, der Wille, eigene Interessen geltend zu machen, das Bedürfnis, sich spontan und "ungezwungen" engagieren oder "einbringen" zu können, der Wunsch nach "ungezwungener" Kommunikation sowie die Tendenz, unbefristete Mitgliedschaftspflichten zu vermeiden (Klages 1999, S. 5). Wertewandel ist nicht gleich Wertezerfall Naturgemäß sind solche normativen Veränderungen, die auch mit folgenreichen Verunsicherungen und Suchbewegungen einhergehen, selbst wieder Gegenstand von Bewertungen. Doch hüte man sich hier vor einem pauschalen Kulturpessimismus in Schwarz-Weiß-Manier. Wertewandel ist nicht einfach gleichzusetzen mit Wertezerfall. Gerade auch im Hinblick auf die so häufig beschworene Bürgergesellschaft enthält der Wertewandel nicht nur eine Reihe von Risiken, sondern auch enorme Chancenpotenziale (Hepp 1996, S. 8 ff). Insgesamt ist so das Bild eher durch zwiespältige Ambivalenzen, durch die Paradoxie der Gleichzeitigkeit von Widersprüchen geprägt. Natürlich gibt es in unserer Gesellschaft unübersehbare Symptome von Akzeptanzverlust, Entnormativierung und Entsolidarisierung, von kräftigem Egoismus und Individualismus, Anzeichen einer sich ausbreitenden Ellenbogenmentalität. Dennoch darf man aber nicht verkennen, dass der Wertewandel neben entsprechenden Werteverlusten andererseits auch ausgeprägte Chancenpotentiale, also auch Wertegewinne, enthält. So ist die Gesellschaft insgesamt offener und unverkrampfter geworden, Toleranz hat als Wert kräftig zugelegt und der Respekt vor der persönlichen Individualität des anderen ist ebenso gewachsen wie das Ausmaß an kritisch-rationaler Kommunikation. Auch wäre es absurd zu sagen, die gesamte Gesellschaft sei einer hemmungslosen Egomanie verfallen. Individualismus als sozialer Begriff und Egoismus oder auch Politikverdrossenheit als moralische Kategorien müssen auseinandergehalten werden. Noch immer gibt es in der Bevölkerung ein starkes Potenzial an sozialer Hilfsbereitschaft, ist jeder dritte Bürger, wie neuere Untersuchungen beweisen, in irgendeiner Form ehrenamtlich engagiert (Projektverbund Ehrenamt 1999, S. 21). Ferner gibt es eine fast schon rasant gewachsene Bereitschaft zu sozialer Selbstorganisation in Form von inzwischen 67 500 Selbsthilfegruppen mit 2,6 Millionen Mitgliedern, die vor allem junge Menschen ansprechen. Sie sind Ausdruck neugewonnener Subsidiarität, die durch ihr Engagement nicht nur die öffentliche Hand entlasten, sondern auch neue Formen der Bürgerbeteiligung, in denen mitbürgerliche Verantwortung bei gleichzeitiger Verfolgung legitimer Eigeninteressen eingeübt werden kann. Autochthones Engagement dieser Art nur unter der Rubrik Eigennützigkeit verbuchen zu wollen, der organisierten Selbsthilfe somit im Gegensatz zu den etablierten Wohlfahrtsverbänden die Gemeinnützigkeit abzusprechen, wäre von daher in der Tat auch völlig absurd. Wertewandel und politische Kultur Auch hinsichtlich der politischen Kultur gilt es, die Auswirkungen des Wertewandels differenziert zu sehen und kulturkritische Verkürzungen zu vermeiden (Hepp 1994, S. 106 ff). So verdankt die demokratische Kultur gerade dem Wertewandel einen Gutteil substanzieller Fortschritte. Er war Motor der partizipatorischen Revolution und steht für den seit Mitte der sechziger Jahre einsetzenden Modernisierungs- und Demokratisierungsschub der Gesellschaft. Seiner Wirkkraft ist es zuzuschreiben, dass die Bürger der Bundesrepublik den alten Obrigkeitsstaat mit seiner Überbetonung von homogenisierenden Kollektiv-, Pflicht- und Ordnungswerten zwischenzeitlich weit hinter sich gelassen haben. Individuelle Mit- und Selbstbestimmung, pluralistische Meinungsvielfalt, der geregelte politische Konfliktaustrag, eine streitbare politische Opposition sind erst durch den Wertewandel auch in der Bundesrepublik allmählich zu demokratischen Selbstverständlichkeiten herangereift. Aus dem hierarchiefixierten Staatsürger von einst sind so mündige und selbstbewusste Bürger geworden. Allerdings ist jedoch auch anzumerken, dass diese positive Würdigung mit dem Wertewandel einhergehende ambivalente oder problematische Tendenzen keineswegs ausschließt. So wird immer wieder gesagt, die autozentrischer gewordenen Bürger seien insgesamt auch um einiges schwieriger geworden (Hepp/Schiele/Uffelmann 1994). Sie stünden gerade in jüngerer Zeit der Politik und den staatlichen Institutionen hochgradig unzufriedener, misstrauischer, abstandsbetonter und protestbereiter gegenüber und ließen sich im Umgang mit dem Politischen und in ihrem partizipatorischen Engagement primär von individuellen Nutzenkalkülen und deutlich weniger von Antrieben des Gemeinsinns und überindividueller Verantwortungsübernahme leiten. Kurzum, neben dem gemeinwohlorientierten Citoyen sei eben auch der wohlstandskorrumpierte Bourgeois als ein typisches Mentalitätsprodukt des Wertewandels auf dem Vormarsch und erweise sich dabei offenkundig als ein höchst erfolgreicher Konkurrent. Wertewandel stärkt bürgerschaftliches Engagement In Rahmen der in diesem Kontext geführten Gemeinsinn-Debatte fokussiert sich die Aufmerksamkeit in den letzten Jahren verstärkt auf die Entwicklung des Ehrenamtes. Von ihm wird in der öffentlichen Diskusssion oft genug gesagt, es befinde sich seit geraumer Zeit in einer tiefen Krise, zumal was die Motivation und die Engagementbereitschaft jüngerer Menschen anbetrifft. Gleichzeitig wird für diesen angeblichen Negativtrend vor allem der Wertewandel mit seiner behaupteten Erosion von Pflicht- und Kollektivwerten verantwortlich gemacht. Diese Annahmen sind in dieser Pauschalität inzwischen durch die neuesten Ergebnisse der empirischen Sozialforschung nachhaltig und überzeugend widerlegt worden. Die im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Jahre 1999 auf einer breiten Erhebungsbasis durchgeführte repräsentative Studie über Freiwilligenarbeit, ehrenamtliche Tätigkeit und bürgerschaftliches Engagement kommt nämlich zu insgesamt recht erfreulichen Ergebnissen. Danach sind in Deutschland (West und Ost) gegenwärtig insgesamt immerhin 34% der Bundesbürger in den verschiedensten gesellschaftlichen Feldern im sozialen, kulturellen und politischen Bereich in irgendeiner Form (im Durchschnitt fünf Stunden pro Woche) ehrenamtlich, d.h. unbezahlt oder gegen eine geringe Aufwandsentschädigung, tätig (Projektverbund Ehrenamt 1999, S. 18). Recht aufschlussreich ist zudem die Erkenntnis, dass die Jüngeren im Alter von 14-24 Jahren, die besonders durch den Wertewandel geprägt sind, mit 37% sogar noch über dem Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung liegen. Andere Studien widerlegen zudem ebenso eindeutig die Behauptung vom dauerhaften Negativtrend. So hatte z. B. die Zukunftskommisssion für Sachsen und Bayern für die westdeutsche Bevölkerung zwischen 1985 und 1994 eine Zunahme des ehrenamtlichen Engagements von doch immerhin insgesamt 5% ermittelt (Heinze/Keupp 1997, S. 43). Angesichts dieser positiven Befunde erscheint auch die Rolle des Wertewandels in einem deutlich günstigeren Licht. In ihren jüngeren Untersuchungen zum Zusammenhang von Wertewandel und bürgerschaftlichem Engagement haben so auch die Speyerer Untersuchungen den Nachweis erbracht, dass das freiwillige unbezahlte Engagement "von den im Vormarsch befindlichen Selbstentfaltungswerten nicht etwa unterminiert und eingeschränkt, sondern vielmehr umgekehrt kräftig unterstützt und mitgetragen wird" (Klages 1998, S. 32). Entscheidend dürfte hier wohl sein, dass der Wertewandel eine Tendenz zu mehr Eigeninitiative, Eigen-Sinn und Selbstsorge freigesetzt hat, die eine wichtige Quelle bürgerschaftlichen Engagements darstellt. Dies erklärt die z.T. explosionsartigen Zuwächse bei bestimmten Vereinen, Selbsthilfegruppen, Freiwilligenagenturen, Tauschringen und vor allem im lebensweltlichen Alltagsbereich. Dadurch werden die kräftigen Einbrüche, die beim traditionellen Ehrenamt in Verbänden, Gewerkschaften, Parteien und Kirchen vor allem bei den Jüngeren zu verzeichnen sind, erfreulicherweise mehr als nur kompensiert. Untersuchungen zur Engagementmotivation liefern hierfür die Erklärung. Sie zeigen, dass im Zuge des Wertewandels selbstenfaltungsbezogene Motive wie z.B. "Spaß haben", "Eigene Verantwortung und Entscheidungsmöglichkeiten haben", "Eigene Kenntnisse und Erfahrungen erweitern", "Mit sympathischen Menschen zusammenkommen" an Bedeutung gewonnen haben, konventionelle Pflichtorientierungen wie z.B. "Etwas für das Gemeinwohl tun" oder "Anderen Menschen helfen" insgesamt zwar eine etwas nachlassende, dennoch nach wie vor tragende Rolle spielen (Projektverbund Ehrenamt 1999, S. 36). Vor allem bei den wertewandelgeprägten Jugendlichen spielen die gewandelten Motivationsstrukturen, deren biografische und lebensweltliche Passung an das eigene Identitätskonzept, eine entscheidende Rolle. Entsprechend ist vor allem bei Jüngeren eine Distanzhaltung gegenüber großen Organisationen mit ihren bürokratischen und hierachischen Strukturen, gegenüber den hauptberuflich Professionellen und systemischen Tendenzen einer dauerhaften Vereinnahmung stark verbreitet. Stattdessen präferieren sie Handlungsfelder, die individuelle Gestaltungsfreiräume eröffnen, zumeist im überschaubaren lebensweltlichen Umfeld, wobei selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Engagement in einem lockeren organisatorischen Rahmen, häufig mit Projektcharakter, besonders gefragt ist. Dieser Rahmen soll zudem so beschaffen sein, dass er Raum schafft für informelle soziale Kontakte, für soziale Anerkennung und Gemeinschaftserfahrungen und gleichzeitig auch Motivlagen des Eigeninteresses, des Selbstbezugs und der Erlebnisorientierung die Chance der Aktualisierung bietet. Nimmt man diese Wunschliste ernst, dann verwundert es nicht, dass die empirische Forschung sogar zu dem Ergebnis kommt, dass über die Bereitstellung adäquater Gelegenheitsstrukturen, den Abbau von Hemmnissen und Barrieren und entsprechende öffentliche Förderungs- und Unterstützungsmaßnahmen, sich noch eine "riesige schlafende Ressource" an Engagementpotenzial erschließen ließe (Heinze/Keupp 1997, S. 130 ff; Klages 1998, S. 34 f.). Wertetypen in der Gesellschaft Bürgerschaftliches Engagement, dem in der Bürgergesellschaft aus einer ganzen Reihe von Gründen eine strategische Zukunftsbedeutung zukommt, hängt so in hohem Maße von den Wertausstattungen der Individuen und ihren sozialen Rückkoppelungen ab. Um den gesellschaftlichen Wertetrend und seine bürgerschaftlichen Implikationen und Chancenpotenziale noch besser überschauen und differenzierter einschätzen zu können, soll im folgenden das Wertprofil der Bevölkerung und dessen Entwicklung in den neunziger Jahren nach Merkmalstypen aufgeschlüsselt werden. Hierzu kann an dieser Stelle auf das recht aussagekräftige Typenschema zurückgegriffen werden, das im Kontext der Speyerer Forschungen entwickelt wurde. Danach lassen sich laut Helmut Klages und Thomas Gensicke, wie aus der nachstehenden tabellarischen Übersicht des Freiwilligensurvey 99 (bislang noch unveröffentlicht, G.H.) hervorgeht, in der Gesamtbevölkerung insgesamt fünf Wertetypen unterscheiden, die nach Einstellungsmerkmalen und Verhaltensdispositionen deutlich differieren. Drei davon verkörpern gewissermaßen Extremtypen, die aufgrund ihrer wertemäßigen Dysbalance sowohl individualpsychologisch wie auch im Hinblick auf die Erfordernisse einer demokratischen Bürgerkultur als problematisch einzustufen sind (Gensicke 2000, S. 34 f.). So können die "Ordnungsliebenden Konventionalisten", an denen der Wertewandel praktisch vorbeigelaufen ist, als die "Heimstatt von Überresten herkömmlicher Gehorsams- und Unterordnungswerte", die zu einer eher autoritären Interpretation von Sekundärtugenden neigen, gelten. Sie sind insbesondere in den älteren Jahrgängen anzutreffen, insgesamt jedoch in den neunziger Jahren zahlen- und anteilmäßig deutlich im Schwinden begriffen. Ihnen stehen auf dem Gegenpol die "Nonkonformen Idealisten" entgegen, die als Protagonisten der höheren (kreativen und engagierten) Selbstentfaltung bezeichnet werden können, die zu den konventionellen Pflicht- und Akzeptanzwerten, jedoch aber auch zu Hedonismus und Materialismus, auf Distanz halten. Sie sind vor allem in den höheren Bildungschichten anzutreffen, in hohem Maße engagementbereit, gleichzeitig aber anfällig für Utopien, gesinnungsethischen Moralismus und systemkritische Protesthaltungen. Immerhin sind fast 20% der Bevölkerung dieser Wertgruppe zuzurechnen, die aber speziell bei den Jüngeren in den letzten Jahren deutlich an Gefolgschaft verloren hat. Im Gegenzug hierzu sind in der Altersgruppe der 18-30 jährigen die "Hedonistischen Materialisten" (Hedomats), die ein Produkt der 80er Jahre sind, nicht nur überproportional hoch vertreten, sie haben in den letzten Jahren sogar noch einmal kräftig zulegen können, so dass 1999 mehr als jeder vierter dieser Gruppe zuzurechnen war. Hier handelt es sich um Menschen mit ausgesprochener Ellenbogen- und Mitnahmementalität, die als typische Vertreter der Ego-Gesellschaft auf materiell gesicherter Grundlage ein möglichst lustorientiertes Leben führen wollen. Sie sind wenig geneigt, Rücksicht auf soziale Normen und Konventionen nehmen, zeigen wenig Bereitschaft zum Engagement und können von daher als typischer Bourgeois auf der Schattenseite des Wertewandels verbucht werden. Neben diesen drei Extremtypen gibt es schließlich noch zwei Mischtypen, wobei - ähnlich wie für die "Hedomats"- auch im Falle der "Perspektivlos Resignierten" von deutlichen Werteverlusten oder Wertdefiziten gesprochen werden kann. Hier handelt es sich um Personen, bei denen beide Wertegruppen schwach ausgebildet sind, die häufig mit ihrer persönlichen Lebenssituation nicht zurechtkommen, im Modernisierungsprozess eher zu den Verlieren gehören, sowie als wenig kommunikativ, durchsetzungsfähig, belastbar und engagementbereit gelten. Resignierte sind eher unter älteren Menschen und in den unteren Sozialschichten zu finden, während sich bei den Jüngeren erfreulicherweise eine rückläufige Tendenz feststellen lässt (1999: 10%). Das krasse Gegenstück zu diesem Werteprofil bilden schließlich die "Aktiven Realisten", die der breiten sozialen Mittelschicht entstammen und meist über mittlere Bildungsabschlüsse verfügen. Sie repräsentieren nicht nur den zahlenmäßig stärksten Typus, sondern haben in den Neunzigern auch eine deutliche Zuwachsrate zu verzeichnen, wobei die jüngeren Jahrgänge im Trend sogar führend sind (1999: 36%). Zu erwähnen ist ferner, dass sie in den neuen Bundesländern sogar zahlenmäßig noch etwas stärker vertreten sind als in den alten (Gensicke 2000, S. 45 f). Dieser Persönlichkeitstypus, dem Extrempositionen fremd sind, integriert Pflicht- und Akzeptanzwerte und Selbstentfaltungswerte - bei gleichermaßen hohem Ausprägungsgrad - in Form einer Werte-Synthese. Dies hat den positiven Folgeeffekt, dass die beiden gegensätzlichen Wertepole so in einer komplementären und produktiven Gleichgewichtslage in die Balance kommen können. Der Aktive Realist verfügt so nicht nur über ein kräftiges Selbstdarstellungs- und Durchsetzungsvermögen, sondern auch über ein gesundes Maß an Abbildung: Wertetypen in Westdeutschland (Entwicklungstrend 1987-1999)
Quelle: Freiwilligensurvey 1999, N=10.000
Quelle: Klages / Gensicke 1999 Selbstdisziplin und Selbstkontrolle und zeichnet sich ferner aus durch Lebenszufriedenheit, Pragmatismus, Frustrationstoleranz, Offenheit und Kooperationsfähigkeit wie auch durch eine Aufgeschlossenheit für die öffentlichen Dinge. Insgesamt verbinden sich beim Aktiven Realisten im Sinne einer Identitätsbalance personale Individualität, Eigenverantwortlichkeit und Selbständigkeit mit einem ausgeprägten Sinn für soziale Verantwortung, Gemeinschaftsorientierung und überindividuelles Engagement (Gensicke 2000, S. 43 ff). Konsequenzen für die politische Bildung Soweit diese recht kursorisch und knapp gehaltene Übersicht über die Symptome des Wertewandels, seine Auswirkungen auf das bürgerschaftliche Engagement und die Ausbildung verschiedenener Wertprofile in unserer Gesellschaft. Hieran anknüpfend stellt sich nun die Frage, wie die politische Bildung auf diese Entwicklungen und Trends reagieren soll. Geht man hierbei von der weithin unbestrittenen Annahme aus, Ziel der politischen Bildung sei der mündige und partizipationsbereite Aktiv-Bürger, der Citoyen, der sich gleichwohl mit den zentralen normativen Prinzipien der Verfassung in kritischer Loyalität zu identifizieren vermag, dann ließen sich im Lichte der obigen Ausführungen folgende Konsequenzen, die hier nur in Thesenform zusammengefasst werden können, formulieren.
Literaturverzeichnis Emcke, Carolin/Schwarz, Ulrich: Tanz um das goldene Kalb. In : Der Spiegel. 51/1999, S. 50-66 Gensicke, Thomas: Wertewandel an der Schwelle zum 3. Jahrtausend. Trends und Perspektiven. In: Seibert, Norbert/Serve, Helmut J./Terlinden, Roswitha (Hrsg): Problemfelder der Schulpädagogik. Bad Heilbrunn 2000, S. 212-56 Gensicke, Thomas: Wertewandel und Erziehungsleitbilder. Hinweise aus der empirischen Soziologie. In: Pädagogik. Heft 7-8/1994, S. 23-26 Gensicke, Thomas: Das bürgerschaftliche Engagement der Deutschen. Image, Intensität und Bereiche. In: Klages, Helmut/Gensicke, Thomas: Wertewandel und bürgerschaftliches Engagement an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Speyer 1999 Heinze, Rolf/Keupp, Heiner: Gesellschaftliche Bedeutung von Tätigkeiten ausserhalb der Erwerbsarbeit. Gutachten für die "Kommission für Zukunftsfragen" der Freistaaten Bayern und Sachsen. Bochum/München 1997 Hepp, Gerd: Wertsynthese - Eine Antwort der politischen Bildung auf den Wertwandel. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. B 46/1989, S. 15-23 Hepp, Gerd: Wertewandel. Politikwissenschaftliche Grundfragen. München 1994 Hepp, Gerd/Schiele, Siegfried/Uffelmann, Uwe (Hrsg): Die schwierigen Bürger. Schwalbach/Ts. 1994 Hepp, Gerd: Wertewandel und Bürgergesellschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. B 52-53/1996, 1996, S. 3-12 Hepp, Gerd: Der Einfluss des Wertewandels auf schulpolitische Innovationen. In: Zeitschrift für internationale erziehungs- und sozialwissenschaftliche Forschung. Heft 2/1996, S.247-263 Hepp, Gerd/Schneider, Herbert (Hrsg): Schule in der Bürgergesellschaft. Demokratisches Lernen im Lebens- und Erfahrungsraum der Schule. Schwalbach/Ts. 1999 Hepp, Gerd: Neue Partizipationsentwicklungen in der Schule und ihr Beitrag zur demokratischen Kultur. In: Hepp, Gerd/Schneider, Herbert (Hrsg): Schule in der Bürgergesellschaft. Schwalbach/Ts., S. 141-159 Hermann, Michael C.: Jugendgemeinderäte in Baden-Württemberg. Eine interdisziplinäre Evaluation. Pfaffenweiler 1996 Klages, Helmut: Engagement und Engagementpotential in Deutschland. Erkenntnisse der empirischen Forschung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. B 38/1998, S. 29-38 Klages, Helmut: Wertorientierungen im Wandel. Rückblick, Gegenwartsanalyse, Prognosen. Frankfurt a. M./New York 1984 Klages, Helmut: Wertedynamik. Über die Wandelbarkeit des Selbstverständlichen.Zürich 1988 Klages, Helmut/Gensicke, Thomas: Bürgerschaftliches Engagement 1997. In: Meuleman, Heiner (Hrsg): Werte und nationale Identität im vereinten Deutschland. Erklärungsansätze der Umfrageforschung. Opladen 1998 Klages, Helmut: Zerfällt das Volk? Von den Schwierigkeiten der modernen Gesellschaft mit Gemeinschaft und Demokratie. In: Klages, Helmut/Gensicke, Thomas: Wertewandel und bürgerschaftliches Engagement an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Speyer 1999, S. 1-20 Projektverbund Ehrenamt: Freiwilligenarbeit, ehrenamtliche Tätigkeit und bürgerschaftliches Engagement. Repräsentative Erhebung 1999. Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. München 1999 |
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