Didaktische Reihe
Band 22

Werte in der politischen Bildung

 


Herausgeber:

Gotthard Breit
Siegfried Schiele

LpB, 2000, 464 S.



  Inhaltsverzeichnis

Siegfried Schiele

Möglichkeiten und Grenzen der politischen Bildung bei der Vermittlung von Werten

"Eine stärkere Betonung der Werteerziehung" forderte der bayerische Kultusstaatssekretär Karl Freller in Neustadt am Inn bei der Eröffnungsveranstaltung zur Woche der Werteorientierung der Realschule der Maria-Ward-Stiftung. "Die Zukunft unseres Landes hängt nicht nur von Qualifikationen und Kompetenzen der heranwachsenden Generation ab, sondern ganz wesentlich auch von gemeinsamen Wertüberzeugungen und allgemein anerkannten Verhaltensweisen", betonte Freller. "Werteerziehung dürfe in den Schulen kein Zufallsprodukt, sondern müsse ein bewusst geplantes pädagogisches Programm sein."1

Hier haben wir ein Beispiel, wie vor allem im Bereich der Politik bei festlichen Anlässen immer wieder die Werteerziehung beschworen und als zentrale Aufgabe der Schule beschrieben wird. Offenbar geht die Politik davon aus, dass es im Blick auf gemeinsame Werte in unserer Gesellschaft erhebliche Defizite gibt, die mit Hilfe der Schule behoben werden könnten und müssten. Eine gewaltige Herausforderung für das Erziehungs- und Bildungswesen!

Es ist fast müßig darüber zu streiten, ob Werte sich verändert oder an Bedeutung verloren haben. In der neuesten Shell-Jugendstudie steht klipp und klar: "Der Wertehimmel von Nachkriegszeit und Wachstumswunder hat sich ebenso in Wohlgefallen aufgelöst wie der Wertehimmel der Alt-68er. Die 'neue Unübersichtlichkeit', vor Jahren schon in Aussicht gestellt, hat uns erreicht" (Deutsche Shell 2000, Bd. 1, S. 93). Werte haben sich auf wundersame Weise vermehrt und verändert. Damit hat sich auch der Grad der Verbindlichkeit erheblich gelockert. So kommt die Studie auch zu einer neuen Definition: "Werte sind individuelle Vorstellungen davon, was erstrebenswert sei und damit allgemeine Anhaltspunkte, an denen sich menschliches Verhalten orientieren kann, an denen es sich, um verständlich zu bleiben, aber nicht notwendig orientieren muss" (a.a.O., S. 97).

Die Ergebnisse der Studie konnten bislang noch nicht breit erörtert werden. Jedenfalls legt die ziemlich unbestrittene Individualisierung von Wertekonzepten die Frage nahe, ob sich durch die Summierung der individuellen Wertevorstellungen quasi automatisch soviel gesellschaftlicher Kitt ergibt, wie für den Zusammenhalt benötigt wird oder ob - von wem auch immer - Initiativen ergriffen werden müssen, um übergreifende Wertevorstellungen in unsere Gesellschaft zu implantieren und ihren Bestand sicherzustellen.

Schon in der Diskussion der siebziger Jahre wurde die Übereinstimmung in grundsätzlichen Werthaltungen als eine unentbehrliche Bedingung für das freiheitliche und demokratische Zusammenleben in einer Gesellschaft angesehen (vgl. Gorschenek 1978).

Diese Forderung dürfte auch heutzutage nicht überholt sein. Beim Befund der Shell-Studie, die ja anderen wissenschaftlichen Ergebnissen in den Kernpunkten nicht widerspricht, ist es jetzt aber erheblich schwieriger, die gesellschaftliche Übereinstimmung bei der Wertefrage zu erreichen. An die "Adam Smith-Regel", übertragen auf Wertvorstellungen, mag ich nicht glauben, dass die notwendige Übereinstimmung an Wertvorstellungen allein dadurch erreicht werden könnte, dass jeder seine ihm geeignete Wertewelt aufbaut. Kommt dann zum Beispiel nicht der gesellschaftlich wichtige Wert "Solidarität" unter die Räder?

Es ist unter anderem diese Unsicherheit, die zum Lamentieren über den Verlust an den notwendigen gemeinsamen Wertüberzeugungen führt. Auf der anderen Seite wird mit Recht dagegen gehalten, dass die Jugend sich um Werte kümmert, sich aber gegen alles wehrt, was quasi voraussetzungslos Geltung beanspruchen will.

Wenn also der bayerische Staatssekretär wie viele andere Werteerziehung in unseren Schulen fordert, dann ist die Forderung nicht unberechtigt, aber in der pauschalen Form zu unbestimmt. Wir müssen uns darüber den Kopf zerbrechen, ob die Schule nur Hilfen zur individuellen Wertefindung leisten soll oder ob sie verbindliche Werte vermitteln kann und soll und auf welche Weise das geschehen kann. Man kann nicht aus einer politischen Sorge heraus mit untauglichen pädagogischen Mitteln ein gesellschaftliches Problem lösen wollen.

Die Rolle des Staates

Es besteht ein großer Konsens bei der Beurteilung der Frage, inwieweit unser demokratisch legitimierter Staat Verantwortung für das Vorhandensein von Werten trägt. Man hat sich längst auf die griffige Formel von Ernst-Wolfgang Böckenförde geeinigt: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann" (Böckenförde 1976, S. 60). Damit ist der Staat nicht ganz aus der Verantwortung entlassen, aber er spielt nicht die zentrale Rolle, wenn es um die Vermittlung von Werten geht. Er muss sogar garantieren, dass es einen friedlichen Wettbewerb von unterschiedlichen Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft geben kann. Der frühere Bundespräsident Walter Scheel drückt den Sachverhalt so aus: "Die Demokratie will und kann ihren Bürgern nicht ihren Lebenssinn, handlich verpackt, liefern; den müssen sich die Bürger schon selber suchen" (Voss 1980, S. 22).

Nun wird das Problem verschärft durch die Erkenntnis, dass sinnstiftende Einrichtungen wie z.B. die Religionsgemeinschaften an Bedeutung verloren haben. Der Trend hält an und Ersatz ist nicht in Sicht. Auch die wichtige Sozialisationsinstanz Familie hat an Kraft verloren. Wie sollen aber in einer solchen Situation die Voraussetzungen geschaffen und garantiert werden, von denen der freiheitliche, säkularisierte Staat nach Ernst-Wolfgang Böckenförde doch leben soll? Wenn es klare Antworten auf diese Frage gäbe, wäre der Ruf nach Werteerziehung nicht so laut, wie er zu vernehmen ist.

Wenn die Beschreibung der Lage einigermaßen stimmt, dann kann die Rolle des Staates doch nicht so passiv sein, wie das bislang zum Ausdruck kam.

Wir dürfen nicht vergessen, dass der demokratisch verfasste Staat an sich schon werthaltig ist. Das kommt in seiner Verfassung, dem Grundgesetz, sowie in seinen Institutionen und Regeln zum Ausdruck. Er wurde auch deshalb so verfasst, weil es nach schlimmen historischen Erfahrungen wertbesetzte Motive bei der weit überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung gab, eine Basis zu schaffen, die einen erneuten Rückfall in die Barbarei womöglich auf Dauer verhindern sollte. Im Grundgesetz kommen Werte zum Ausdruck, die für das Gemeinwesen auch dann Bedeutung haben, wenn die Letztbegründung für diese Werte aus verschiedenen Wurzeln kommt und vom Staat nicht beeinflusst werden kann.

Durch die Gewaltenteilung und die Bindung aller Organe an das Recht werden Maßstäbe festgelegt, die Machtmissbrauch verhindern und alle Bürgerinnen und Bürger schützen sollen. Bernhard Sutor hat recht, wenn er auch in seinem Beitrag in diesem Band darauf hinweist, dass politische Moral objektive Gestalt im Recht und den Institutionen erfährt. Das gesamte demokratische System mit seinen Institutionen und Regelungen entlastet die Bürgerinnen und Bürger. So gut und tugendhaft können sie gar nicht sein, um die Qualitäten des demokratischen Systems wettzumachen. Die Gier nach Macht, die z.B. bei einem Amtsinhaber angelegt sein kann, wird durch die Gewaltenteilung und verschiedene Kontrollmechanismen zumindest ein Stück weit gebrochen bzw. gezähmt.

Dieser "Geist der Gesetze" ist elementar für eine Demokratie. Er muss herausgearbeitet werden, wenn es um die Beschreibung von Institutionen geht. Institutionenkunde so verstanden ist kein Ladenhüter, sondern ein wichtiger Beitrag zum Verständnis unserer Demokratie, welche die Menschen nicht tugendhaft machen will, sondern ihre möglichen Fehler kalkuliert und durch Regeln minimiert und neutralisiert. Und das macht Institutionen und Regelungen so wichtig. Gleichzeitig kommt so zum Ausdruck, dass sie dem Menschen gemäß, human sind und damit auch wertvoll.

Die Shell-Jugendstudie macht deutlich, dass gerade das Institutionenvertrauen bei vielen Jugendlichen unterdurchschnittlich ausgeprägt ist (Deutsche Shell 2000, Bd. 1, S. 141). Hier hat politische Bildung nach wie vor eine wichtige Aufgabe.

Nun erwarten aber viele vom Staat, dass er in besonderer Weise dafür Sorge trägt, über das Erziehungs- und Bildungswesen den jungen Menschen Leitbilder zu vermitteln, die den notwendigen Bestand an Werten garantieren. Und weil das offenbar nicht in genügendem Umfang geschieht oder aus welchen Gründen auch immer nicht funktioniert, wird der Ruf nach der Wertevermittlung, für die der Staat zu sorgen hat, immer lauter. Das ist schon deshalb eine schwere Aufgabe, weil der Staat, wie wir gesehen haben, keine Werte produzieren kann. Er kann lediglich in seinen Institutionen und Regelungen Werte zum Ausdruck bringen. Das ist schon viel. Darüber hinaus kann er sicherstellen, dass "Wertagenturen" wie die Kirchen in unserer Gesellschaft tätig sein können. Er kann auch dafür sorgen, dass Religionsunterricht bzw. Ethik in unseren Schulen angeboten wird. Das sind Maßnahmen, die mit Wertevermittlung zu tun haben.

In diesem Zusammenhang spielt auch die politische Bildung eine Rolle, die ja eine wichtige Aufgabe der Schule darstellt. Dabei denke ich an das Fach Sozialkunde/Gemeinschaftskunde, aber auch an politische Bildung als Unterrichtsprinzip aller Fächer. Schaut man sich die Lehrpläne und Stundenpläne an, so wird schnell deutlich, dass politische Bildung als Unterrichtsfach ein so bescheidenes Dasein fristet, dass man diesem Fach nicht auch noch die ganze Last der Wertevermittlung aufbürden kann. Die bescheidene Stundenzahl des Fachs ist ärgerlich, zumal wenn man bedenkt, dass dieses Fach sogar Verfassungsrang besitzt.2 Dennoch sollte sich die politische Bildung der Wertevermittlung nicht verschließen und sich darüber klar werden, wie ihre Aufgaben in dieser Hinsicht zu beschreiben sind.

Wer bildet das Gemeinsame ab?

Bevor wir uns der politischen Bildung im engeren Sinn zuwenden, wollen wir noch einen Gedanken in den Mittelpunkt stellen, der im allgemeinen bei dieser Debatte um Werte vernachlässigt wird.

In unserer pluralistischen Gesellschaft gibt es unzählige Interessengruppen, die in Konkurrenz ihre Ziele anpeilen und erreichen wollen. Das ist richtig und gewollt. Wenn der Kampf der Interessen nach den Regeln der Verfassung ausgetragen wird, ist das in Ordnung. Dennoch besteht die Gefahr, dass sich in der Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger der Kampf und die Auseinandersetzung als das allein Wesentliche herauskristallisiert, was sich in unserer Gesellschaft abspielt. Darin haben dann gemeinsame Werte wenig Platz und fast keine Chance. Der schlechte Eindruck wird gemindert, wenn der Stil der Auseinandersetzung nach fairen Regeln verläuft und damit Werte zum Ausdruck bringt, die für uns alle wichtig sind. Das ist aber eher die Ausnahme.

Auch bei den Parteien, die ja schon vom Namen her nur einen Teil und nicht das Ganze repräsentieren, kommt im Alltag fast ausschließlich der Konflikt zum Tragen. Dem politischen Gegner wird im Regelfall vorgehalten, dass er sich an fragwürdigen bis falschen Leitbildern orientiert. Um keine Missverständnisse auftreten zu lassen: Konflikt, Kampf, Auseinandersetzung, das Ringen um bessere Lösungen sind für eine Demokratie zentrale Antriebsmechanismen, für die es keinen Ersatz gibt.

Es geht in unserem Zusammenhang aber um die Frage, wie die Bürgerinnen und Bürger das politische Leben wahrnehmen und bewerten. Wenn sie Politik nur als Ringen um das größte Stück vom Kuchen verstehen, weil sie Tag für Tag nichts anderes erleben, dann beteiligen sie sich an diesem Ringen oder wenden sich angewidert ab. Wie lässt sich das ändern? Das ist nicht einfach und ich habe keine Rezepte. Vielleicht kommen wir weiter, wenn wir fragen: Wer bildet das Gemeinsame ab?

Der Bundespräsident spielt nach unserer Verfassung eine relativ bescheidene Rolle im politischen Leben. Eine Reihe herausragender Bundespräsidenten haben dem Amt dennoch Profil und Gewicht gegeben. Die Nation hört in der Regel zu, wenn der Bundespräsident eine Grundsatzrede hält. Das hängt damit zusammen, dass der Bundespräsident seiner Rolle entsprechend das betont, was in der politischen Auseinandersetzung im Alltag zu kurz kommt. Er geht in der Regel auf die Punkte ein, die uns allen in gleicher Weise auf der Seele brennen. Oft geht es dabei um gemeinsame Werte und Grundüberzeugungen, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt von Bedeutung sind.

Natürlich kann und soll der Bundespräsident den politischen Alltag nicht konterkarieren, er legt aber den Akzent bewusst auf das Ganze. Da er nicht Tag für Tag öffentliche Reden halten kann, bleibt seine Wirkung insgesamt relativ schwach.

Man sollte deshalb überlegen, wie man seine Rolle stärken könnte. Das ist nicht einfach, wenn man das im Grundgesetz wohlproportionierte Machtgefüge nicht durcheinanderwirbeln will. Vielleicht kommt es wirklich nur auf die persönliche Autorität des Amtsinhabers an. In unserem Zusammenhang ist wichtig festzustellen, dass es als wohltuend empfunden wird, wenn durch eine Institution und Person auch dann und wann gemeinsame Bedürfnisse dargestellt werden. Bei dieser Aufgabe darf man den Bundespräsidenten nicht allein lassen. Auch der Bundestagspräsident und die Landtagspräsidenten können in ähnlicher Weise wirken, wenn sie ihr Amt richtig ausfüllen. Das trifft auch für das Amt des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts und etliche andere Ämter zu. Hier sollte man auch die Rolle der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister nicht unterschätzen.

In einer Zeit, in der das Ganze wackelt, müssen die Funktionen gestärkt werden, die das Ganze repräsentieren. Wenn es einen Mangel an gemeinsamen Wertüberzeugungen gibt, müssen die gestärkt werden, welche die gemeinsamen Werte repräsentieren und vermitteln. Aus diesem Grund möchte ich hier auch auf die Bundeszentrale und die Landeszentralen für politische Bildung hinweisen. Diese Einrichtungen, die ja alle überparteilich arbeiten und damit einen ungewöhnlichen Auftrag haben, bilden auch das Gemeinsame ab. Natürlich machen sie die wichtigen politischen Kontroversen zum Inhalt ihrer Arbeit, aber sie blenden nicht wichtige Teilbereiche aus. So lassen sie neben dem notwendigen Streit der Parteien und Verbände immer auch etwas vom Ganzen aufblitzen und weisen damit auf das hin, was die Gesellschaft zusammenhält. Es versteht sich von selbst, dass das nicht aufdringlich geschehen kann.

Bei dieser wichtigen Aufgabenstellung der Zentralen für politische Bildung ist es bedauerlich, dass sie in den letzten Jahren nicht gestärkt, sondern geschwächt wurden. Es ist bedenklich, wenn Parteien, die nur einen Teil vertreten können, Institutionen verkümmern lassen, die auch einen Auftrag für das Ganze haben und damit den Parteien das Fundament bereiten, das diese für ihre Arbeit brauchen.

Politische Bildung und Wertevermittlung

Das Schulwesen ist in den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich ausgestaltet. Je nach der jeweiligen Regierungsfarbe gibt es Akzentverschiebungen, die sich bis in die politische Bildung der Schulen auswirken können. Aber auch hier tun alle Regierungen gut daran, die Schule als eine Einrichtung zu betrachten, die möglichst auch das Ganze abbilden soll. Wenn wir jetzt zunächst das Fach Sozialkunde/Gemeinschaftskunde in den Blick nehmen, so ist schon deutlich geworden, wie wenig Platz diesem Fach in den Schulen eingeräumt wird. Wie soll unter diesen Umständen die Wertevermittlung hier eine besondere Rolle spielen können? Aber auch wenn wir mehr Spielraum hätten, könnte das Thema "Werte" nicht als ein Unterrichtsinhalt wie jeder andere abgehandelt werden. Auch in 15 - 20 Unterrichtsstunden kann ich das Thema nicht so behandeln, dass Erfolge im Hinblick auf eine Verhaltensänderung vorstellbar wären.

Natürlich ist es nützlich, im Rahmen des Unterrichts auf die Grundwerte einzugehen, wie sie von Gotthard Breit in diesem Band vorgestellt werden. Damit kann wichtiges Grundwissen erworben werden. Dabei kann auch deutlich werden, welche fundamentale Rolle die Grundwerte im Grundgesetz spielen. Aber in aller Regel wird ein solcher Unterricht im Kognitiven stecken bleiben und damit relativ wenig erreichen, wenn man den Bestand an Werten in unserer Gesellschaft stärken und sichern will.

Einen anderen Weg wählt Sibylle Reinhardt. Sie empfiehlt, Schülerinnen und Schüler nach dem Modell von Lawrence Kohlberg dadurch in moralische Konflikte zu bringen, dass Dilemmata im Unterricht behandelt und diskutiert werden (Reinhardt 1999). Dabei spielt selbstverständlich das Alter der Schülerinnen und Schüler eine große Rolle. In diesem Rahmen kann nicht auf das gesamte Konzept eingegangen werden. Es liegt jedoch auf der Hand, dass damit im Hinblick auf das Thema "Wertevermittlung" Erfolge erzielt werden können. Auf der anderen Seite ist auch klar, dass das Thema damit längst nicht als erledigt angesehen werden kann.

Wesentlich andere Wege, als das Thema "Werte" inhaltlich oder nach dem Dilemmatamuster zu behandeln, sehe ich für den Fachunterricht nicht. Diese Möglichkeiten existieren aber und sollten wahrgenommen werden. Eine weitere Möglichkeit stellt Georg Weißeno in diesem Band mit dem Konzept der "Werteklärung" vor. Wir haben im Unterricht also doch wichtige Anregungen bei der Werteerziehung.

Der bayerische Staatssekretär und viele andere, die bei der Wertvermittlung auf die politische Bildung setzen, wären demnach bestimmt mit diesem Ergebnis nicht zufrieden. Das Thema "Werte" sprengt die Grenzen eines Unterrichtsfachs bei weitem. Besser sieht es schon aus, wenn wir politische Bildung als Prinzip aller Fächer begreifen. Das ist leicht gesagt, aber wie sieht das praktisch aus? Mit Prinzipien ist es meistens so: Sie werden hoch-, aber nicht eingehalten. Wenn wir an demokratische Tugenden wie Kompromissbereitschaft, Konfliktfähigkeit, Sensibilität für Spielregeln denken, so wird deutlich, dass diese Tugenden nur erreicht werden können, wenn sie prinzipiell in allen Fächern in vergleichbarer Weise eingeübt und als Lernziele akzeptiert werden. Man könnte versuchen, einen Kanon an Werten, die die Möglichkeit eines Fachs übersteigen, aufzustellen und gemeinsam in allen Fächern anzustreben. Fairness und Toleranz wären sicherlich unstrittig auch dabei wie Offenheit und gerechtes Verhalten.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es ausschließlich um Tugenden und Einstellungen geht, die mit dem Kernpunkt des Grundgesetzes, der Menschenwürde, direkt in Verbindung gebracht werden können.

Zu den "Sekundärtugenden" noch ein Wort. Natürlich spielen diese Werte wie Fleiß, Disziplin und Pünktlichkeit auch eine Rolle. Nach der neuen Shell-Jugendstudie sind diese Werte gar nicht auf dem absteigenden Ast. Ob sie deshalb z.B. durch die Wiedereinführung von "Kopfnoten" besonders herausgestrichen werden sollten, scheint mir eher zweifelhaft. Sie müssen "sekundär" bleiben, dürfen also nur die zweite Geige spielen Sie haben nur dann einen vertretbaren Sinn, wenn sie den Schlüsselwerten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Toleranz untergeordnet werden und diese mit unterstützen.

Wertevermittlung und Schulleben

Wir haben gesehen, dass Wertevermittlung keine "fachliche Angelegenheit" ist. Auch wenn sämtliche Fächer im Sinne von politischer Bildung als Unterrichtsprinzip aller Fächer für eine Demokratie wichtige Werte vermitteln wollen, werden wir noch keine durchschlagende Wirkung erzielen.

Peter Massing weist in seinem Beitrag in diesem Band auf die verschiedenen Funktionen von Schule hin. Die Gesellschaft bürdet der Schule mehr und mehr Aufgaben auf. In der letzten Zeit nehmen vor allem die Forderungen der Arbeitswelt enorm zu. Wenn der Herzog von Wellington einst meinte, die Schlacht von Waterloo sei auf den Spielfeldern von Eton gewonnen worden, so gewinnt man heute den Eindruck, dass die Schlacht um Märkte und wirtschaftliche Potenz in den Klassenzimmern gewonnen oder verloren wird. Freilich gehört es nach wie vor zu den Aufgaben der Schule, für das Leben - auch das Berufsleben - fit zu machen, aber diese Qualifizierung darf die Aufgabe nicht überlagern, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, sich nicht von Sachzwängen abhängig zu machen, sondern ihr Leben im demokratischen Miteinander selbständig zu meistern.

Die Schule muss also so arbeiten können, dass demokratische Grundtugenden im Schulleben so eindringlich erfahrbar werden, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlen können. Der entscheidende Punkt scheint mir nicht eine Scheindemokratisierung der Schule, sondern die Zuwendung zum Kind zu sein. In jeder Altersstufe müssen die Heranwachsenden spüren, dass es im Unterricht um sie selbst wesentlich geht. Sie müssen sich stets als Subjekt empfinden können. Wenn sich das Fachliche oder die Lehrenden so vor das Kind stellen, dass es kaum noch zum Vorschein kommt, ist die ganze Werteerziehung am Ende mit ihrem Latein. Wie soll so der zentrale Wert unserer Verfassung, die Menschenwürde, bei den Schülerinnen und Schülern erfahrbar werden?

Diese Sicht der Dinge steht nicht im Gegensatz zu fachlichen Anforderungen und Leistungen, die man im Blick haben muss. Nur wenn die jungen Menschen Respekt in der Schule erfahren, werden sie diesen Respekt auch anderen entgegenbringen können. Ohne gegenseitigen Respekt ist aber bei aller Unterschiedlichkeit von Auffassungen ein demokratisches Miteinander nicht möglich.

An diesem Beispiel sehen wir auch, dass eine Auflösung verbindlicher Grundwerte für eine Gesellschaft gefährlich werden kann. Hier hat die Schule nach wie vor eine wichtige Funktion. Es ist von entscheidender Bedeutung, wie es um die Schulkultur bestellt ist. Es macht Sinn, die jungen Menschen altersgemäß mehr und mehr in Entscheidungsprozesse der Schule einzubeziehen und ihnen Verantwortung zu übertragen. Dafür kann es unterschiedliche Formen geben, die sich auch am Modell der "Just Community" orientieren können (Reinhardt 1999, S. 123 ff.). Diese Art von Wertevermittlung ist die richtige Antwort der Schule auf die gesellschaftliche Herausforderung nach Werteerziehung. Sie steht in Kontrast mit der Vorstellung, das moralisch-ethische Rüstzeug könne durch Appelle bereit gestellt werden. Die "Zeigefinger-Pädagogik" funktioniert nicht. Wer Werteerziehung mit Moralisieren verwechselt, ist auf dem Holzweg. Wird vor allem moralisiert, dann wird durch eine gesunde Abwehrhaltung der jungen Menschen eher das Gegenteil erreicht. Dass ein solches Verhalten nichts mit politischer Bildung zu tun hat, sei nur am Rande erwähnt.

Zur Schulkultur gehört deshalb vor allem auch das Verhalten von Lehrerinnen und Lehrern. Es sollte möglichst so bestimmt sein, dass sich Worte und Taten nicht widersprechen. Darum ist Werteerziehung eher eine Sache für die Erwachsenengeneration (vgl. Liebau 1999, S. 150). Es ist eine Binsenweisheit, dass Werte am besten und leichtesten dadurch gelernt werden, dass sie gelebt werden. Es kommt also nicht auf den "Mut zur Erziehung" an, sondern auf die Glaubwürdigkeit der Erzieherinnen und Erzieher. Dass sich an diesem Sachverhalt trotz allem Wandel nichts geändert hat, belegt die aktuelle Shell-Studie. Hier heißt es u.a.: "Jugendliche wollen angeregt und nicht unterwiesen sein, (...) Was immer auch verbal transportiert wird, es steht im Alltag zur Disposition. Und mit ihm die Glaubwürdigkeit des Vermittelnden" (Deutsche Shell 2000, Bd. 1, S. 131).

Wenn in unserer Gesellschaft ein Werteverfall konstatiert und beklagt wird, dass der Kitt an gemeinsamen Werten in unserer Gesellschaft bröckle, so ist das zuerst ein Grund zum Nachdenken, ob die Erwachsenenwelt ihr Verhalten verändern muss. Man kann schwer verlangen, dass die Erwachsenen von den jungen Menschen lernen sollen.

Der Beutelsbacher Konsens und die Wertevermittlung

Das Thema "Werte" hat auch mit dem Beutelsbacher Konsens zu tun. Dieser Konsens, der für die politische Bildung immer noch Bedeutung hat, fordert schon in seinem ersten Grundsatz, dass die Schülerinnen und Schüler um keinen Preis überwältigt werden dürfen (vgl. Schiele/Schneider 1996). Nicht einmal beim zentralen Thema "Werte" dürfen junge Menschen indoktriniert und zu ihrem Glück gezwungen werden. Das ist nicht leicht zu verstehen und doch richtig. Das Überwältigungsverbot macht zwar einen recht formalen Eindruck, zielt aber letzten Endes direkt auf die Fundamentalnorm "Menschenwürde" unseres Grundgesetzes (vgl. Sutor 1996, S. 65 ff.).

Zwar sollen die Grundwerte, wie wir gesehen haben, in einer lebendigen Schulkultur erlebbar sein, dennoch kann es über das Exempel hinaus keinen Zwang geben, ein bestimmtes Verhalten bei jungen Menschen zu bewerkstelligen. Wir sollten uns daran erinnern, dass der "Histomat" in der DDR das unbeliebteste Schulfach war. Das hatte seine wesentliche Ursache in der Penetranz, mit welcher hier Wertvorstellungen für die Gesellschaft quasi mit dem Hammer eingebläut werden sollten. Meistens wurde damit das Gegenteil von dem erreicht, was beabsichtigt war. So blieb dem Regime aus seiner Sicht nur der Zwangsapparat, um ein Verhalten zu erzwingen, dass wenigstens nach außen den gesetzten Normen entsprach. Eine freiheitlich verfasste Demokratie muss aus freien Stücken auf Zwangsinstrumente verzichten, wenn es um Gesinnungen und Einstellungen geht. Sie darf mit Optimismus darauf vertrauen, dass sich die Kraft der guten Idee, die in der Praxis erfahrbar wird, gleichsam von alleine durchsetzt.

Der Beutelsbacher Konsens steht also nicht im Gegensatz zum Anliegen einer Wertevermittlung, sondern stützt sie und verhindert, dass vor lauter Überschwang ein falscher Kurs eingeschlagen wird. Auch der Grundsatz der Kontroversität ist nicht nur formal zu verstehen. Es entspricht einer toleranten und respektvollen Einstellung, andere Meinungen als die eigene zum Zug kommen zu lassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Man kann also insgesamt sagen, dass der Beutelsbacher Konsens einer Wertevermittlung nicht im Wege steht, dass er sie vielmehr ermöglicht und abstützt.

Verantwortung übernehmen

Neulich haben wir in der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg ein Familienseminar durchgeführt. Solche Veranstaltungen planen wir immer wieder, um über die Schulen hinaus diejenigen zu erreichen, die in der Familie direkt auf die Wertewelt der jungen Generation Einfluss nehmen können. Im Rahmen der Seminare führen wir dann jeweils eine "Wertbörse" durch: Die Eltern wählen aus einer Skala von achtzehn Möglichkeiten die Werte aus, die sie ihren Kindern weitergeben wollen.3 Zunächst kann jeder zehn Werte aussuchen, die ihm persönlich zusagen. Mit einem Partner sollte man sich dann auf sieben gemeinsame Werte einigen. Im nächsten Schritt einigt man sich in einer Gruppe auf fünf Werte. Im Plenum sollte dann wenigstens ein Wert konsensfähig sein.

Beim letzten Familienseminar einigten sich alle Eltern auf den Wert "Verantwortung für andere übernehmen". Das Ergebnis entspricht nicht der aktuellen Shell-Studie. Man muss jedoch berücksichtigen, dass nicht junge Menschen die Wahl getroffen haben, sondern ihre Eltern. Im übrigen standen auch bei den Eltern die Werte "eigene Fähigkeiten entfalten" und "sich selbst verwirklichen" ganz weit vorn.

Es ist natürlich ideal, wenn hier über die wichtigen Selbstentfaltungswerte hinaus die Brücke zum Du und dem sozialen Ganzen geschlagen wird. Die Gruppe, die an diesem Seminar teilgenommen hat, ist zwar nicht repräsentativ für unsere Gesellschaft. Es stimmt dennoch hoffnungsfroh, dass die anfangs beschriebene Orientierungslosigkeit in unserer Gesellschaft nicht zu breit um sich gegriffen hat.

Die Selbstbestimmung kann als Zielvorgabe in einer demokratischen Gesellschaft nicht aufgegeben werden. Der mündige Bürger bleibt weiterhin das Ziel politischer Bildung. Mündigkeit schließt aber Verantwortung mit ein und sie kann nie nur selbstbezogen verstanden werden. Der "aktive Realist" von Helmut Klages, den wir zur aktiven Weitergestaltung unserer Demokratie brauchen, ist neben seinem Streben nach Unabhängigkeit und Freiheit verantwortlich genug, sich auch um das soziale Ganze zu kümmern. Deshalb bleibt es ein zentrales Anliegen, den Wert "Verantwortung" nicht zu vergessen und seine Entwicklung frühzeitig anzubahnen. Dazu gibt es im Bereich der Schule vielfältige und altersgemäß abgestufte Möglichkeiten. Die Bildung, die wir in der Schule vermitteln, befähigt ja zur Verantwortung.

So ist es interessant, dass die Shell-Jugendstudie zum Ausdruck bringt: "Je höher das Bildungsniveau der Jugendlichen, desto höher die Zustimmung zu dieser Wertedimension". (Deutsche Shell 2000, Bd. 1, S. 111).4 Und die Studie sagt noch deutlicher "Wer weniger gebildet ist, vertritt in der Regel weniger Werte" (a.a.O., S. 115). Wenn auch solche Befunde dringend der Diskussion und Interpretation bedürfen, so dürfen wir doch auf die Kraft der Bildung vertrauen. Dabei muss noch einmal betont werden, dass Bildung nicht einfach als Reflex auf die Arbeitswelt entstehen kann. Sie muss gerade in der schnelllebigen Moderne eigenständige Wurzeln behalten.

Die Bedeutung der sozialen Dimension bei der Wertevermittlung

Bei der Wertevermittlung spielt die soziale Dimension eine erhebliche Rolle. Schon bei der Erörterung des Schullebens ist implizit auch die Verhaltensebene tangiert. Wenn man daran denkt, dass das für die politische Bildung relevante Fach in vielen Bundesländern "Sozialkunde" heißt, dann wird die Bedeutung der sozialen Dimension unterstrichen. Bernhard Sutor hat zwar recht, wenn er politische Bildung nicht auf soziales Lernen reduziert wissen will, aber sie ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil politischer Bildung.

Sie kommt deshalb häufig zu kurz, weil soziales Lernen oft nicht intentional abläuft. Sie ist auch in den Lehrplänen nicht einem bestimmten Fach klar zugeordnet, sondern gehört zu den Unterrichtsprinzipien, die so häufig im Alltag zu kurz kommen. Darum ist es gut, wenn die politische Bildung das soziale Lernen nicht ganz dem Zufall überlässt, sondern ganz bewusst ein Stück weit unter ihre Fittiche nimmt. Der politische Unterricht sollte sich in der Schule besonders dadurch auszeichnen, dass die Sozialformen dem fachlichen Anliegen politischer Bildung weitgehend entsprechen. Besonders kommt es also auf den Unterrichtsstil an. Ausschließlich lehrerzentrierter Vortrag wäre eine Karikatur von politischer Bildung und kein Beitrag zum sozialen Lernen. Die Lehrpläne sollten offen angelegt sein und eine große Variation von Unterrichtsformen ermöglichen. Vor allem das projektbezogene politische Lernen vor Ort sollte dabei eine Rolle spielen können. Nur auf diese Weise können nach und nach wichtige soziale Tugenden wie Fairness, Kompromissbereitschaft bis zu dem bereits beschriebenen Verantwortungsbewusstsein erworben werden.

An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass nützliche Grundlagen bei der sozialen Erziehung schon im Kindergarten und in der Grundschule gelegt werden. Danach besteht die Gefahr, dass die einzelnen Unterrichtsfächer übergreifende wichtige Fragestellungen zu sehr in den Hintergrund drängen.

In diesem Zusammenhang ist ein kleiner Schlenker zu Friedrich Oetinger nützlich. Für ihn ist politische Bildung nichts anderes als Sozialerziehung. Nach ihm kommt es darauf an, wie man in der Schule miteinander umgeht und die Sinne für das soziale Ganze schärft. Walter Gagel hat dargestellt, dass Friedrich Oetinger von der Lerntheorie des Pragmatismus ausgeht (Gagel 1994, S. 59). Schon oft ist dargestellt worden, dass sein Ansatz für politisches Lernen nicht ausreicht. Aber es darf auch daran erinnert werden, dass wesentliche Teile seiner Lehre auch heute noch relevant sind. Auch heute gilt: Wenn man demokratisches Verhalten in der Schule, besonders im Bereich politischer Bildung lernen und vor allem erfahren kann, sind wichtige Grundlagen für eine aktive politische Bürgerrolle gelegt. Diese Aspekte spielen bei unserem Thema "Wertevermittlung" eine zentrale Rolle.

Wir stoßen an Grenzen

Armin Scherb hat neulich dargestellt, dass es in unserer Demokratie aus rechtlicher wie aus pädagogischer Sicht Einwände gegen die Vorstellung gibt, Werte, die für unsere Gesellschaft von Bedeutung sind, nach einem quasi "technologischen Konzept" durchzusetzen (Scherb 1999, S. 109). Er weist darauf hin, dass eine "mechanische Tradierung von Normen und Werten" die Schülerinnen und Schüler zu Objekten degradieren würde.

Auch der Beutelsbacher Konsens verbietet, wie wir bereits gesehen haben, mit dem Überwältigungsverbot einen solchen Ansatz. Wir stoßen also bei der Wertevermittlung auf vielfältige Grenzen. Die gesamte Gesellschaft trägt Verantwortung für die Tradierung von Werten, die für die Werteentwicklung unserer Demokratie wichtig sind. Bei der konstatierbaren Orientierungslosigkeit ist die Weitergabe von Werten nicht gesichert.

Nach wie vor spielen die Elternhäuser eine entscheidende Rolle, wenn es um die Vermittlung von Werten geht. Dass die Kraft der Familien nachgelassen hat, macht sich beim Thema Werteerziehung negativ bemerkbar. Die Defizite der Familie kommen als Aufgabe und Belastung auf die Schulen zu. Allerdings haben die Schulen eine große Chance bei der Wertevermittlung, wie wir gesehen haben. Das gelingt freilich nur, wenn sich die Schule als kleinen Kosmos mit strategischen Möglichkeiten begreift und ihr Handeln danach ausrichtet. Das ist nicht leicht zu realisieren, weil auf die Schule heute vielfältige Anforderungen zukommen, die sich z.T. widersprechen und die sie auch überfordern können.

Die politische Bildung hat schon von ihrer schmalen Stundentafel her im Konzert der Wertevermittlung eine überschaubare Rolle. Sie kann jedoch der Ort sein, an dem die Vorstellungen über Werte geklärt werden. Vor allem die für unser demokratisches Zusammenleben wichtigen Werte werden hier in reflexiven und diskursiven Prozessen herausgearbeitet. Hier vor allem sollten demokratische Tugenden nicht nur gelehrt, sondern auch erfahrbar werden. Trotz aller Chancen und Möglichkeiten kann die politische Bildung keine Werte produzieren. Sie kann aber für deren Entstehen und Weitergabe wichtige Dienste leisten.

Anmerkungen

1 Zitiert nach: kursiv 3/1999, S. 9

2 Das gilt z.B. für Baden-Württemberg, wo es in Art 21,2 der Landesverfassung heißt: "In allen Schulen ist Gemeinschaftskunde ordentliches Lehrfach."

3 Folgende Werte sind in die Skala aufgenommen: Eigene Fähigkeiten entfalten - das Leben genießen - unabhängig sein - durchsetzungsfähig sein - sich selbst verwirklichen - etwas leisten - pflichtbewusst sein - sich gegen Bevormundung stellen - anderen Menschen helfen - ein hohes Einkommen anstreben - Rücksicht auf andere nehmen - auf Sicherheit bedacht sein - kritisch sein - ein aufregendes, spannendes Leben führen - ehrgeizig sein - Verantwortung für andere übernehmen - tun und lassen, was man will - sich anpassen.

4 Gemeint ist hier die Wertedimension "Modernität - Teilhabe an Politik und technischem Fortschritt."

Literatur

Berger, Peter L. (Hrsg.): Die Grenzen der Gemeinschaft. Gütersloh 1997

Böckenförde, Ernst-Wolfgang: Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation. In: ders.: Staat, Gesellschaft, Freiheit. Frankfurt/M. 1976, S. 42-64

Breit, Gotthard: Fragen zur politischen Urteilsbildung. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Politische Urteilsbildung. Aufgaben und Wege für den Politikunterricht. Bonn 1997, S. 134-155

Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2000. Opladen 2000, Band 1 und Band 2

Gagel, Walter: Geschichte der politischen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland 1945 - 1989. Opladen 1994

Gorschenek, Günter (Hrsg.): Grundwerte in Staat und Gesellschaft. München, 3. Aufl. 1978

Katholische Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Gegenwertiges. Das Handbuch zur Diskussion um Grundwerte heute. Mainz 1998

Klein, Ansgar (Hrsg.): Grundwerte in der Demokratie. Bonn 1995

Liebau, Eckart: Erfahrung und Verantwortung. Weinheim und München 1999

Reinhardt, Sibylle: Werte-Bildung und politische Bildung. Opladen 1999

Scherb, Armin: Das normative Gerüst von 1948/49 und seine Bedeutung für die politische Bildung. In: März, Peter/Oberreuter, Heinrich (Hrsg.): Weichenstellung für Deutschland. München 1999, S. 101-120

Schiele, Siegfried/Schneider, Herbert (Hrsg.): Reicht der Beutelsbacher Konsens? Schwalbach 1996

Sutor, Bernhard: Der Beutelsbacher Konsens - ein formales Minimum ohne Inhalt? In: Schiele, Siegfried/Schneider, Herbert (Hrsg.): Reicht der Beutelsbacher Konsens? Schwalbach 1996. S. 65-80

Sutor, Bernhard: Kleine politische Ethik. Bonn 1997

Voss, Rüdiger von (Hrsg.): Ethik und Politik. Köln 1980


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