10 Jahre
Fachreferat Frauen

1991- 2001 
Eine Dokumentation

Universität Ulm
Den Blick schärfen, neue Wege suchen und Netzwerke aufbauen



INHALT

Den Blick schärfen, neue Wege suchen und Netzwerke aufbauen

Ziel und Ergebnis 10jähriger fruchtbarer Zusammenarbeit mit dem Referat Frauenbildung der Landeszentrale für politische Bildung 
Baden-Württemberg 
(Carmen Stadelhofer)



In den letzten 14 Jahren hatte ich die Chance, im Rahmen meiner Tätigkeit an der Universität Ulm verschiedene Forschungsprojekte verantwortlich zu leiten, die zum Ziel hatten/haben, innovative Modelle der allgemeinen Erwachsenenbildung zu konzipieren und nach erfolgreicher Erprobung einem größeren Adressatenkreis zugänglich zu machen. Zielgruppen waren/sind Frauen in und nach der Familienphase sowie ältere Menschen. Die Schwerpunkte meiner Arbeit liegen in der wissenschaftsfundierten Weiterbildung als Vorbereitung auf neue Aufgaben und Tätigkeitsfelder, seit 1996 unter Einbeziehung der neuen Technologien. Alle Projekte sind im Sinne der Handlungsforschung ausgelegt, das bedeutet eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis in der Bildungsarbeit und enge Zusammenarbeit mit der jeweiligen Zielgruppe. Die Beteiligten werden als Subjekte des Bildungsprozesses verstanden, die ihre Erfahrungen und Kompetenzen produktiv in die Gestaltung neuer Weiterbildungsformen einbringen. Ein solches Bildungskonzept braucht Erprobungs- und Ermöglichungsräume. Seit 1990 ist die LpB und insbesondere das Fachreferat Frauen zu einer wichtigen Kooperationseinrichtung geworden, die durch infrastrukturelle, organisatorische und inhaltliche Unterstützung zur erfolgreichen Durchführung und Verbreitung der Ergebnisse entscheidend beigetragen hat.

Zusammenarbeit 
1. Den “Aufbruch” begleiten, neue Wege suchen, Übertragbarkeit sichern – Zielgruppe “Frauen in und nach der Familienphase”

1990 entdeckte ich mit Freude, dass die LpB ein Referat für Frauenbildung eingerichtet hatte und nahm sogleich mit der Referatsleiterin Christine Herfel Kontakt auf. Schon im ersten Gespräch wurde klar, dass die Stelle nicht nur formal besetzt worden war, sondern sich die LpB für eine Fachfrau entschieden hatte, die mit Kopf und Herz ihre Arbeit macht und umfangreiches Vorwissen und Erfahrungen aus der Frauenbildungsarbeit mitbringt. Zu diesem Zeitpunkt wurden erstmals im Rahmen des von uns an der Ulmer Volkshochschule konzipierten Weiterbildungsstudiengangs “Frauenakademie” für „Frauen in und nach der Familienphase“ über Perspektiven der Frauen nach der Frauenakademie nachgedacht. Welche Tätigkeitsfelder könnte es geben, die für die Frauen von Interesse sein könnten? Das Referat Frauenbildung bot durch zwei Kompaktseminare (“Neue Tätigkeitsfelder: Zukunftswerkstatt “Frauen lernen von Frauen” 1991 und “Betriebswirtschaft fängt im Haushalt an – und Projekte brauchen wir erst recht” 1992) in Zusammenarbeit mit dem Forschungsteam den Teilnehmerinnen der Ulmer “Frauenakademie” Gelegenheit, sich – einmal außerhalb von Familie und Alltagsstress – mit eigenen Zukunftsfragen und -wünschen zu beschäftigen. Aus diesen Kompaktseminaren heraus entstanden und konkretisierten sich die Ideen der von den Teilnehmerinnen selbst konzipierten und durchgeführten Neue-Tätigkeits-Projekte in Ulm im sozial- und umweltpolitischen Bereich, die modellhaft sind für Freiwilligenarbeit in der Bürgergesellschaft und in Ulm bis heute ihre Wirkkraft haben.
Eine Bildungs-Begegnungsreise mit Teilnehmerinnen der Ulmer “Frauenakademie” zu Vertreterinnen der sächsischen Bildungs- und Kommunikationszentren 1992 war eine wichtige Bereicherung des Bildungsprogramms der “Frauenakademie”. Die freundschaftlichen Gespräche mit den Vertreterinnen von Frauengruppen und -organisationen in Dresden und Meißen waren für viele “Westfrauen” der erste Ostkontakt und boten “politische Bildung aus erster Hand”. Durch zwei Fachtagungen, die in Zusammenarbeit mit dem Fachreferat Frauen der LpB und anderen KooperationspartnerInnen stattfanden (“Frauenakademie – neue Wege in der Frauenweiterbildung” 1993 und 1994 die bundesweit ausgelegte Tagung ”Frauenweiterbildung und Weiterbildungsforschung zwischen Arbeitsmarkt und Bildungspolitik”), wurde das Konzept der “Ulmer Frauenakademie” landes- bzw. bundesweit einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt. Diese Aktivitäten haben maßgeblich dazu beigetragen, dass es heute sieben “Frauenakademien” nach dem Ulmer Modell an Volkshochschulen in Baden-Württemberg gibt und dass auch über die Landesgrenzen hinaus Frauenweiterbildungsangebote im Sinne der “Frauenakademie” geschaffen wurden.

2. Den Blick schärfen für Geschlechterdifferenzen und Geschlechterbenachteiligungen – Zielgruppe LehramtsstudentInnen der Universität Ulm

In den frühen 90er Jahren ermöglichte das Frauenreferat der LpB zwei weitere Seminare, die sich an Lehramtstudierende der Fächer Biologie, Chemie, Physik und Mathematik der Universität Ulm richteten (“Ist eine Trennung in Mädchen- und Jungenschule sinnvoll?” 1992, ”Interaktion und Kommunikation in Gruppen” 1994). Die Studierenden lehnten feministische Theorien und Forschungsergebnisse zu geschlechterspezifischen Sozialisationsmechanismen und deren Auswirkungen auf Geschlechterrollen total ab, die Studentinnen fühlten sich keineswegs “benachteiligt” oder “diskriminiert”. Auch wenn Christine Herfel und ich damals zu ”Buhfrauen” wurden – mancher Student, vor allem manche Studentin, haben mir später gesagt, das Seminar habe ihnen den Blick für Geschlechterfragen geöffnet und sie diesbezüglich hinsichtlich ihrer späteren Berufstätigkeit sensibilisiert.

3. Erfahrungswissen nutzen, reale und virtuelle Netzwerke stärken – Zielgruppe: Menschen im dritten Lebensalter

Aus den seit 1990 entwickelten Forschungen und Angeboten im Bereich der Seniorenbildung heraus wurde 1994 an der Universität Ulm das Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) gegründet. Kompetenzansatz als theoretische Grundlage, Forschendes Lernen Älterer als Methode, neue Technologien als Arbeitsmittel, Vorbereitung auf neue Tätigkeitsfelder als Mittel gesellschaftlicher Partizipation, internationale Begegnung und Stärkung der Netzwerkidee sind die Eckpfeiler der Aktivitäten. Derzeit forschen ältere Menschen in 18 Gruppen “Forschendes Lernen” zu unterschiedlichen, gesellschaftlich hochaktuellen Themen. Ziel ist es jeweils, die erarbeiteten Ergebnisse in aufbereiteter Form einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und somit zur gesellschaftlichen und politischen Partizipation Älterer beizutragen. Diese Aktivitäten stehen im Kontext des 1995 vom ZAWiW gegründeten europäischen Netzwerkes “Learning in Later Life” (LiLL), an dem Einrichtungen und Einzelpersonen aus 20 europäischen Ländern partizipieren.
Die Leitung des Fachreferats Frauen der LpB hat von Anfang an die gesellschaftliche Bedeutung der allgemeinen Weiterbildung Älterer in einer zunehmend alternden und rapide sich ändernden Gesellschaft erkannt, auch unter dem Aspekt, dass bei dieser Zielgruppe viele ältere Frauen in ihrer Jugend aufgrund von Kriegsereignissen und geschlechtsspezifischer Sozialisation bildungsbenachteiligt wurden und im Alter Chancen ergreifen möchten, dies für sich wett zu machen. In diesem Zusammenhang fanden in enger Zusammenarbeit mit dem ZAWiW mehrere Kompaktweiterbildungswochen im „Haus auf der Alb“ in Bad Urach statt.
Die erste Weiterbildungskompaktwoche 1995 stand unter dem Thema „Spuren suchen – Spuren legen – Verantwortung für die Zukunft durch forschendes Lernen und Handeln“. Zu dieser Woche waren „Menschen im dritten Lebensalter – und davor“ geladen, die „Lust haben, sich auf Spurensuche zu begeben, um eigene und gesellschaftliche Erfahrungen zu reflektieren und zu bündeln“ und die „Kompetenzen erwerben wollen, um Erfahrungen an die Gesellschaft weiterzugeben und sie kommenden Generationen nutzbar zu machen”, so die Ausschreibung (Stadelhofer 1996). Aufgrund der großen Resonanz fand im Sommer 1997 eine zweite Kompaktweiterbildungswoche unter dem Motto “know howww – Forschendes Lernen und Internet“ statt. Ziel dieser Woche war es, Möglichkeiten zu eruieren und zu erproben, die das Internet Seniorstudierenden zur Erforschung und Bearbeitung von Themen und zur Kommunikation untereinander bietet. Über 50 Seniorstudierende und MultiplikatorInnen aus Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz beschäftigten sich mit den Themen Literatur, Frauen und Internet, Europa sowie Ökologie und lernten die Vielfalt der Möglichkeiten kennen, die moderne Kommunikationsdienste für das wissenschaftliche Arbeiten bieten.
Informationsvermittlung, besonders aber auch der gegenseitige Austausch und die Kooperation älterer Menschen über Grenzen hinweg standen im Mittelpunkt des 1999 stattfindenden Seminars “Ältere Menschen in Europa - Einstellungen und Lebensbedingungen”, an dem auch MultiplikatorInnen aus Osteuropa teilnahmen.
1945, 1968 und 1989 sind „Ecksteine“ in der Nachkriegsgeschichte West- und Ostdeutschlands. Diese Jahre stehen für entscheidende politische und gesellschaftliche Veränderungen. In einem Kompaktseminar zum Thema “Geschlechterrollen” im Frühjahr 2001 rekonstruierten Frauen und Männer aus Ost und West unterschiedliche Lebenswege und analysierten biographische Realisierungsmöglichkeiten im Kontext des jeweiligen gesellschaftlichen Umfelds, was neue und unbekannte Sichtweisen auf den jeweils anderen „Alltag“ ermöglichte.
In zwei weiteren Seminaren stand das Verhältnis Alt – Jung und die Möglichkeit des Transfers von Erfahrungswissen im Mittelpunkt. “Was ist ZeitZeugenArbeit? Wie kann ZeitZeugenArbeit den Dialog mit der jungen Generation fördern? Und: haben Frauen einen anderen Zugang, einen anderen Blick auf ihre Geschichte als Männer?” (MultiplikatorInnenseminar 1999). Im Sommer 2000 schloss sich ein Seminar an, in dem sich SeniorInnen und HauptschülerInnen begegneten und in kreativer Weise austauschten.
Das Fachreferat Frauen hat mit diesen Seminaren in dem wohltuenden Ambiente des “Haus auf der Alb” für Menschen, die an gleichen oder ähnlichen Fragen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene arbeiten, eine Möglichkeit geschaffen, Fachwissen zu vertiefen, sich auszutauschen, sich zu vernetzen und neue Projekte und Initiativen von einzelnen und Gruppen in Gang zu setzen, die an vielen Orten im Sinne von Bürgerengagement wirksam werden.

Gratulation und Dank
Das Referat Frauenbildung der LpB kann auf 10 Jahre fruchtbare Arbeit zurückblicken, hierzu sei der Leiterin des Referats herzlich gratuliert. Ich möchte Christine Herfel aber auch ausdrücklich danken, dass sie in diesen Jahren konzeptionell neue Wege einer zukunftsorientierten, geschlechter- und altersgerechten Weiterbildung mitbeschritten und durch ihr Referat die Umsetzung der Ideen in innovative Angebote der Erwachsenenbildung ermöglicht hat.

Literatur:

  • Stadelhofer, Carmen/Kaschuba, Gerrit/Kühne-Vieser, Kirstin/Hutterer, Erwin: Reflexion und Einmischung. Wissenschaftsorientierte Weiterbildung von Frauen als Vorbereitung für neue Aufgaben und Tätigkeitsfelder. Abschlußbericht zum Modellprojekt „Frauenakademie“. Band 9 der Reihe: „Kurspraxis. Weiterbildung mit Frauen“, Thalheim-Mössingen 1994
  • Stadelhofer, Carmen (Hrsg.): Tagung ”Frauenweiterbildung und Weiterbildungsforschung zwischen Arbeitsmarkt und Bildungspolitik”. Band 10 der Reihe: „Kurspraxis. Weiterbildung mit Frauen“, Thalheim-Mössingen 1994
  • Stadelhofer, Carmen (Hrsg.): Spuren suchen - Spuren legen. Verantwortung für die Zukunft durch forschendes Lernen und Handeln, Bielefeld 1996

Die oben genannten Kompaktseminare sind alle im Internet auf den Webseite des europäischen Netzwerkes “Learning in Later Life” (LiLL) im Bereich LiLL 1.5 dokumentiert: www.uni-ulm.de/LiLL


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