10 Jahre
Fachreferat Frauen

1991- 2001 
Eine Dokumentation

Politische Partizipation und Geschlechterverhältnis



INHALT

Politische Partizipation und Geschlechterverhältnis
FH Esslingen – Hochschule für Sozialwesen
(Prof. Dr. Birgit Meyer)



In gemeinsamen Seminaren mit dem Fachreferat Frauen der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg geht es seit bald 10 Jahren um das Thema „Politische Partizipation und Geschlechterverhältnis“. Teilnehmerinnen, Studentinnen und ich konnten dabei oftmals von den inhaltlichen und methodisch-didaktischen Fachkenntnissen wie auch von der inspirierenden Phantasie der Leiterin des Referats, Christine Herfel, und der Gastfreundschaft der Landeszentrale im „Haus auf der Alb“ profitieren. Nach wie vor ist dieses Thema aktuell.

Wir befinden uns mitten in der Phase eines fundamentalen Paradigmenwechsels: In der Wissenschaft hat es in den vergangenen zehn Jahren einen Wandel gegeben von der Frauenforschung zur Erforschung der Geschlechterverhältnisse zu Gender Studien, der erst allmählich in den Köpfen ankommt. Und in den Debatten um die Umsetzung von ”Frauenförderplänen” oder ”Frauenrichtlinien” gibt das Stichwort Gender Mainstreaming den Ton an, ermuntert durch den Amsterdamer Vertrag von 1996 und die rot-grüne Bundesregierung. Auch können wir mittlerweile eine gewisse Etablierung und Professionalisierung von Frauenforschung und Frauenpolitik konstatieren sowie einen Wandel im Hinblick auf die Perspektive des Geschlechterverhältnisses. Was dieses für die ehemals im Fokus gestandene Zielgruppe aller Analysen und Konzepte, nämlich die Frauen, bedeutet, bleibt skeptischer Analyse vorbehalten. Hier soll nun die Frage lauten: Wie kam Gender in den Blick? Und was bedeutet dies für die politische Partizipation von Frauen?

Zentrales Anliegen von Frauenforschung in den verschiedenen Disziplinen war es zunächst, Frauen als Subjekte und Betroffene in Theorie und Praxis ernst zu nehmen und speziell ihre Sicht- und Denkweisen als andersartige zu untersuchen. Postuliertes Ziel war eine Verknüpfung von wissenschaftlicher Erkenntnis und politischem Handeln, nämlich Frauenförderung in allen gesellschaftlichen Bereichen bzw. der Abbau von frauendiskriminierenden und -demütigenden Strukturen und Verhaltensweisen. Mit der Entwicklung von der Frauenforschung zur Geschlechterforschung wurde die Perspektive der kulturellen und sozialen Konstruktion von Geschlecht in den Blick genommen. Hier wurde die Unterscheidung von ”sex” und ”gender” konstitutiv.

I. Politische Partizipation und feministische Politikwissenschaft
Es existierte bis in die 1980er Jahre ein bemerkenswertes Forschungsdesiderat auf dem Gebiet der politischen Partizipation von Frauen, das sich in ganzen Forschungszweigen widerspiegelte (z.B. in der Eliten- und Rekrutierungsforschung, Parteien- und Abgeordnetensoziologie, der Politischen Kultur- und Partizipationsforschung). Die Geschlechtszugehörigkeit galt – wenn sie überhaupt erwähnt wurde – als nachgeordnete soziale Kategorie mit nur sekundärer Bedeutung für die Verteilung und die Wahrnehmung von gesellschaftlichen Lebens- und Partizipationschancen. Selten wurde sie in ihrer Funktion als ”symbolischer Platzanweiser” entschlüsselt. Geschlechtsunterschiede galten als eindeutig, naturhaft und unveränderbar, zudem als unhinterfragbar und letztlich wenig interessant. 
Feministische Wissenschaftlerinnen kritisierten seit den 80er Jahren den Mythos von der ”unpolitischen” oder ”desinteressierten” Frau und charakterisierten den klassischen Politikbegriff als androzentrisch, denn politische Aktivitäten, Orientierungsmuster und Verhaltensstile von Männern waren zur Norm erhoben. An der Wahlforschung wurde exemplarisch gezeigt, dass sie das politische Interesse von Frauen nur unzureichend erfasst. Frauen sind sehr wohl politisch interessiert und engagiert, aber auf eine andere Weise, und sie verstehen etwas anderes unter Politik, als es die herkömmlichen Kategorien erfasst haben. Der politisch interessierte, aktive, männliche Normalbürger war der Maßstab, an dem gemessen politische Einstellungen und Aktivitäten von Frauen für defizitär befunden wurden. Dieser sog. Defizitansatz prägte theoretische Konzeptionalisierungen, normative Bezüge und forschungspraktische Umsetzungen der gängigen Politikwissenschaft. 
Mittlerweile haben Politik- und Sozialwissenschaftlerinnen die Institutionen, Regeln und Verfahren des modernen Staates als zutiefst geschlechtsblind bzw. männlich bestimmt analysiert. Philosophinnen und Rechtssoziologinnen haben zudem den Ausschluss von Frauen als konstitutiv für das Selbstverständnis der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft hinterfragt. Wissenschaftlerinnen charakterisierten den modernen Staat als Konstruktionsmonopol von Männern, als Männerbund.

II. Frauen in der Politik: Paradoxe Integration - Paradoxe Ergebnisse
Meine Arbeiten basieren auf der theoretischen Annahme einer Geschlechterdifferenz in den Zugangsbedingungen und Aufstiegsmöglichkeiten in ”gendered institutions”, in tendenziell männlich geprägten politischen Institutionen, sowie auf der Annahme einer ”paradoxen Integration” von Frauen in die Politik: eingeschlossen aufgrund einer verfassungsrechtlich verbürgten Gleichberechtigung – und ausgeschlossen aufgrund historisch bedingter und sozialstrukturell wirksamer Barrieren. Ausgehend von dem Interesse, den spezifischen Beitrag von Frauen in der Politik sichtbar werden zu lassen, ging es mir nicht darum, die Geschichte von Frauen als Sonderform des ”Allgemeinen” zu schreiben, vielmehr sollte dieses ”Allgemeine” selber auf seine Geschlechterspezifik – d.h. seine tendenziell frauenausschließenden Normen, Strukturen und Denkmuster – hin untersucht und verändert werden.
Meine analytischen Erwartungen trug ich an Frauen in politischen Führungspositionen heran. Sie waren für mich Pionierinnen in einem Handlungsfeld, das weitgehend durch männliche Logiken bestimmt war. Damit waren sie Repräsentantinnen einer aus normativen Erwartungen konstruierten ”Gegenwelt”, sozusagen Repräsentantinnen des ”anderen”. Viele dieser Erwartungen wurden indes im Zuge meiner Interviews auf instruktive Weise enttäuscht. Zentrale Ergebnisse erwiesen sich als widersprüchlich, z.T. sperrig, z.T. paradox. Hier möchte ich exemplarisch zwei benennen:
Die Parlamentarierinnen aus der Nachkriegszeit etwa begründen ihr Engagement nicht als politisch. Politik bleibt der Definition nach ”Männersache”. ”Ich bin keine politische Frau in dem Sinne”, so hieß es. Die Politikerinnen bleiben trotz eigener Grenzüberschreitung den dichotomen Denktraditionen verhaftet. Rückzugsbereitschaft aus dem Amt, sobald der Mann aus der Gefangenschaft heimkehrte und die Selbststilisierung, keinen Ehrgeiz gehabt zu haben (bis in den Bundestag!), passen in dieses Interpretationsmuster. Darüber hinaus ist für manche der Zufallscharakter ihres Eintritts in die Politik symptomatisch. Sie äußern, sie hätten fast „zwangsläufig“ und aus „moralischer Verpflichtung mitgemacht“ – manches Mal sogar gegen den eigenen Willen. Eine politische Karriere angestrebt zu haben, gehört für diese Parlamentarierinnen nicht zu ihrem politischen Selbstverständnis.

III. Frauen in der Politik: Transformation oder Stabilisierung hierarchischer Geschlechterverhältnisse?
Am Beginn meiner Studien hegte ich die 
Erwartung, dass Politikerinnen eine transformatorische bzw. gesellschaftsverändernde Qualität einbringen würden. Diese Hoffnungen von Frauen meiner Generation waren bestimmt von zwei scharf kontrastierenden Interpretationen, einer optimistischen und einer pessimistischen, – auch unter der Polarität ”Integration” versus ”Autonomie” bekannt. Auf die Frage nach dem Veränderungspotential, das Frauen in politischen Führungspositionen seit dem Bestehen der Bundesrepublik auf deren politische Institutionen, Strukturen, Arbeitsabläufe und die Menschen darin ausgeübt hätten, würden beide Positionen jeweils verschieden antworten.

Die skeptischen, warnenden bis resignierten Stimmen deuten frauenpolitische Terraingewinne bloß als oberflächliche Kosmetik. Sie glauben an die Durchsetzungs- und Widerstandskraft der männlich dominierten und strukturierten Gesellschaft. Sie vermuten hinter jeder Frauenleitstelle einen arglistigen Schachzug mächtiger Männer. Das dahinter stehende dualistische Emanzipationskonzept ist ausgerichtet an der grundsätzlichen Verschiedenheit von Frauen, an ihrer Besonderheit und an dem Anspruch, diese fern von männlich geprägten Strukturen irgendwann leben zu können. Vertreterinnen dieses differenzfeministischen Konzeptes – auch inspiriert von dem selbstbewussten Separatismus des ”Affidamento” der italienischen Diotima-Gruppe –sehen Forderungen nach formaler Gleichheit stets an ihre Grenzen stoßen. Sie konstatieren eine eigentümliche Widerspenstigkeit geschaffener Strukturen. Nach dieser Einschätzung hätten Frauen keine bessere Zukunft zu erwarten. Die politischen Institutionen werden als lernunfähig eingeschätzt, auch wenn Frauen dort mehr repräsentiert seien. 
Geschlechtsspezifische Zuweisungen und Polarisierungen hätten nicht aufgehört zu existieren: Von Politikerinnen werde z. B. erwartet, dass sie sog. ”weibliche” Themen besetzten und „weiche“ Positionen einbrächten. Ohne es vielleicht zu wollen, wirkten auch Politikerinnen selbst systemstabilisierend, obgleich sie politischen Regeln anfangs oftmals skeptisch und kritisch gegenüberstünden. Sie passten sich notwendigerweise an sie an und adaptierten sie.
Die optimistische Perspektive nun kehrt diese Argumente um: Sie hält fest an der Gleichwertigkeit aller Menschen: auf der politischen Ebene als anzustrebendes Ziel, auf der philosophisch-theoretischen Ebene als regulatives Prinzip. Die reformistische Perspektive, die realpolitische Verbesserungen für Frauen immer schon als Wegmarke eines übergenerationellen historischen Lernprozesses wertet, bestreitet nicht Hierarchien im Geschlechterverhältnis, aber sie schließt nicht von vornherein aus, dass es theoretisch wie politisch möglich sei, die bestehenden Institutionen, Umgangsregeln und Denkweisen egalitärer gestalten zu können. Frauen in der Politik sind nach dieser Sicht Repräsentantinnen eines historischen Lernprozesses, der gerade erst angefangen habe. Immerhin seien Frauen und Themen des Geschlechterverhältnisses heute so präsent in etablierten Institutionen wie historisch nie zuvor.
Und hier sehe ich persönlich eine Chance, aus fruchtlosen Polarisierungen herauszukommen.
Geschlechterbeziehungen scheinen für die jüngere Generation nicht mehr in dem Sinne ”Kampfverhältnisse” und auch nicht mehr so zentral zu sein wie für die ältere. Durch die Frauenbewegung, aber auch durch gesellschaftliche Umstrukturierungen, technologische Modernisierung und all das, was durch den Begriff der Globalisierung grob umschrieben wird, haben sich Lebensformen und Zukunftsentwürfe von Frauen (und Männern) stark verändert. Erst vor dem Hintergrund dieser in Ansätzen vorhandenen Umstrukturierung der Geschlechterbeziehungen haben sich die langjährigen Debatten um Gleichheit oder Differenz verschoben auf die Kritik der Kategorie Geschlecht selbst. Dies ist im 21. Jahrhundert vor allem für Männer eine Herausforderung und eine überfällige Perspektive.


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