10 Jahre
Fachreferat Frauen

1991- 2001 
Eine Dokumentation

Einleitende Worte



INHALT

Einleitende Worte
Christine Herfel


Einleitende Gedanken...

Ich erinnere mich gut an zahlreiche Anrufe und Briefe von Frauen aus unterschiedlichsten Frauengruppen und Frauenverbänden in Baden-Württemberg, die mir vor 10 Jahren zu meiner neuen Aufgabe in der Landeszentrale für politische Bildung Glück und Stärke und natürlich Erfolg wünschten. Viele Frauen signalisierten, dass sie schon lange auf dieses neue Fachreferat Frauenbildung gewartet hatten und sich Kooperationen und Unterstützung bei ihrer jeweiligen Bildungsarbeit für Frauen wünschten.1 Ein schöner Beginn!

Meine Jahresplanung für 1991, die ich bereits in den ersten Wochen zu machen hatte, enthielt außer einigen grundsätzlichen Überlegungen zur gesellschaftlichen Situation von Frauen und gesellschaftspolitischen 
Begründungen für ein Fachreferat Frauen – gedacht für alle, die noch nicht viel mit meinem Aufgabenbereich anfangen konnten (oder wollten) –und meiner eigenen Positionierung innerhalb der institutionalisierten Frauenbildung, schon klare Zielvorgaben und konkrete Arbeitsschwerpunkte. Bereits im ersten Jahr erinnere ich mich an spannende Seminare mit den Frauenbeauftragten des Landes, mit Frauen aus Mütterzentren, mit Historikerinnen und auch an die ersten Ost-West Begegnungen. 

In den kommenden Jahren wurde die Frauenbildungsarbeit der Landeszentrale kontinuierlich ausgeweitet und in ihrem Spektrum immer vielfältiger. Ein erfolgreiches Seminar, insbesondere größere Veranstaltungen wie ein Kongress oder eine Tagung, jede Konferenz, jede Kooperation, jeder Kontakt zog neue Ideen, Anregungen, Anfragen und damit neue Arbeit nach sich. Hervorzuheben ist an dieser Stelle auch die besondere Chance, die unsere Seminararbeit 1992 durch die Einweihung des “Haus auf der Alb” in Bad Urach bekam. Endlich hatten wir hervorragende räumliche Bedingungen, die auch die abendlichen Gespräche und Begegnungsmöglichkeiten der Teilnehmenden förderten. Im „Haus auf der Alb“ haben einige Frauennetzwerke ihre ersten Knoten geknüpft.

Allgemeine finanzielle Kürzungen bei der Landeszentrale und auch eine Grenze bei der eigenen Belastbarkeit2 verhindern mittlerweile eine weitere Ausweitung der Arbeit. Aber das Nein-Sagen, das Begrenzen, das Weiterleiten an andere Träger oder Organisationen, das Vertrösten auf die folgenden Jahre usw. fällt schwer, da die wichtigen Themen, das zeigt auch diese vorliegende Dokumentation, eher mehr denn weniger werden. Die Schwerpunkte haben sich in den 10 Jahren verlagert, neue Sachthemen sind hinzugekommen und es gibt überhaupt keine Anzeichen dafür, dass der Bedarf und die Nachfrage nachlassen. Frauen sind eben keine bloße Zielgruppe, sie sind mehr als die Hälfte der Menschheit und in ihren vielfältigen Bezügen, ihrer Offenheit gegenüber neuen Themenstellungen und ihrem großen Bildungsinteresse eine ganz besondere “Klientel”.

Und es gibt einen weiteren Grund, warum Kürzungen schwer fallen. Auch nach 10 Jahren bin ich selbst nach wie vor so motiviert und engagiert für die Frauenbildung wie in den Anfängen des Frauenreferates. Die Arbeit ist in der Summe bisher nie langweilig, umsonst, frustrierend oder demotivierend gewesen, wohl aber manches mal ernüchternd, wenn die gesellschaftlichen Realitäten von den einzelnen Frauen in Seminaren plastisch wurden. Genau das ist aber wiederum neuer Ansporn, sich für Frauenbelange stark zu machen, sich für wichtige gesellschaftliche Veränderungen in Richtung Gleichberechtigung und Demokratie und eine gerechtere Verteilung von Erwerbs - und Familienarbeit, von Macht und Verantwortung einzusetzen. 

Innerhalb der Landeszentrale wird jedes Jahr eine Planung für das kommende Jahr und der Jahresbericht über die Arbeit des vergangenen Jahres von allen Referaten zusammengetragen und veröffentlicht. Zusätzlich gibt es immer wieder Dokumentationen über besondere Projekte oder Kongresse, auch vom Fachreferat Frauenbildung. Warum nun auch noch eine Dokumentation über “10 Jahre Frauenbildung in der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg”? Warum diese zusätzliche Arbeit?

Mit unserem Überblick und ausgewählten Ausschnitten aus der Vielfalt der Aufgabenbereiche will ich die Wichtigkeit und unerlässliche Notwendigkeit einer eigenständigen, überparteilichen, politischen Frauenbildung deutlich machen.3 Dies scheint (wieder) notwendig zu werden in Zeiten erheblicher Gleichheitsrhetorik und aktueller Missverständnisse im Zusammenhang mit der Entwicklung von Gender Mainstreaming-Prozessen in Institutionen. Gender Mainstreaming ist ein Prinzip, das Entscheidungsprozesse in einer Organisation auf ihre Geschlechtergerechtigkeit überprüfen soll – es erweitert ggfs. die traditionelle Frauenpolitik und Frauenförderung, aber kann sie keinesfalls ersetzen! Wenn eigenständige Frauenbereiche etwa zugunsten von Gender-Referaten wieder abgeschafft bzw. gar nicht erst eingerichtet werden oder wenn “auf der Höhe der Zeit” fortschrittlich “der” neue Gender-Ansatz z.B. in Leitlinien oder Grundsatzreferaten verankert wird, zeichnet sich hier m. E. eine Gefahr für frauenpolitisch 
bereits Erreichtes ab. “Immer wenn Gender Mainstreaming als angeblich neueste und effektivste Strategie hochgelobt und dazu gebraucht wird, sog. alte Strategien zu entfernen, liegt der Verdacht nahe, dass hier ein Machtkampf zwischen den Geschlechtern ausgetragen und zuungunsten von Frauen entschieden werden soll.”4 Wir dokumentieren 10 Jahre Aufbau, Entwicklung, Vielfalt und die Auseinandersetzung mit feministischen Theorieansätzen, mit Demokratiekonzepten, mit Partizipationsforschung, mit Genderanalysen, mit Frauengeschichte, mit der Politikverdrossenheit insbesondere junger Frauen, mit Rechtsextremismus, mit Machtfragen, mit Gewalt, sexuellem Missbrauch und Frauenhandel, mit Diskriminierung und gesellschaftlicher Ausgrenzung von Frauen, mit alltäglichem Sexismus in den Medien, in der Politik und in der Sprache .... In unseren Veranstaltungen wurde deutlich, was frauenpolitisch in den letzten Jahren erreicht und auch gesetzlich verankert wurde. Wir wissen aber auch, welche Hindernisse einer Geschlechterdemokratie weiterhin im Wege stehen, die es zu überwinden gilt. An der geschlechterhierarchischen Arbeitsteilung in unserer Gesellschaft wurde bisher kaum merklich gerüttelt und es ist unerlässlich, dass wir in unseren Bildungsveranstaltungen immer wieder aufzeigen, welche gesellschaftlichen und strukturellen Hemmnisse Frauen den Weg in Machtpositionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft versperren. Immer wieder neu müssen Handlungskompetenz, Strategien und Bündnisse in Seminaren entwickelt werden.

Meine Arbeit in der Landeszentrale gibt mir die Chance, in den unterschiedlichsten Veranstaltungen eindrückliche Begegnungen und Erfahrungen mit klugen, kreativen, zivilcouragierten und kraftvollen Frauen zu erleben, die sich mit “Kopf, Herz und Hand” verstärkt einbringen wollen in alle gesellschaftlichen Bereiche des Lebens und für notwendige Veränderungen Zeit und Energie einsetzen.

Bisher haben sich Frauen in eine Welt eingeordnet, die überwiegend nach „männlichen“ Bedürfnissen organisiert ist. Wenn Frauen es genießen, unter Frauen zu sein – häufig das erste Mal ein Frauenseminar besuchen – und andere Kommunikationsmuster und Umgangsformen („... hier wurde mir ja zugehört!“) erfahren, Netze knüpfen und sich gegenseitig stärken, dann sind für mich diese Seminarerfahrungen oft mehr wert als das vermittelte Sachwissen. Gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung für andere Frauen arbeitet dem verbreiteten frauenfeindlichen Klischee entgegen, dass Frauen nicht „mit Frauen können“ und verändert langfristig auch die gängige Praxis, dass Frauen beispielsweise bei Wahlen ihre Stimme eher einem Mann als einer Frau geben .... Vorurteilen ist vor allem durch konkrete Erfahrung und Erleben zu begegnen. Eigene Gestaltungen, eigene Wegmarken und Schwerpunktsetzungen, eigene Lebenskonzepte müssen entdeckt und entfaltet werden – das wollen Frauen unter sich herausarbeiten, in ihren Räumen, in Anerkennung und in Abgrenzung ihrer Differenzen und Gleichheiten und in Solidarität. Diese Räume muss politische Frauenbildung erhalten bzw. dort, wo sie noch nicht vorhanden sind, müssen sie geschaffen werden und mit erforderlichen finanziellen und personellen Mitteln ausgestattet werden.

Unsere Dokumentation über 10 Jahre politische Frauenbildung in der Landeszentrale Baden-Württemberg soll nicht zuletzt allen Leserinnen und Lesern eindrücklich machen, was möglich ist, wenn die erforderlichen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden und ein politischer Wille da ist, das Verfassungsgebot der Gleichberechtigung von Frauen und Männern durchzusetzen. Es könnte immer noch mehr getan werden, das ist auch sicher ... aber auf keinen Fall weniger! 

An dieser Stelle danke ich ganz herzlich Bea Dörr und Dr. Gerrit Kaschuba, die sich mit großem Engagement an diese Dokumentation über 10 Jahre Frauenbildung in der Landeszentrale für politische 
Bildung Baden-Württemberg begeben haben und keine leichte Aufgabe hatten! Allen, die mit ihren Beiträgen, Kommentaren und Einschätzungen diese Dokumentation bereichert haben, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön. Gemeinsame Seminare und Aktionen haben uns über die Arbeit hinaus auch freundschaftlich verbunden.Seit meinen beruflichen Anfängen vor über 20 Jahren in einer Volkshochschule in Nordrhein-Westfalen ist Sigrid Metz-Göckel für mich ein Vorbild und eine bestärkende und unterstützende Begleiterin meiner frauenpolitischen Arbeit. Sie schreibt zur Kultur der Anerkennung und Wertschätzung von Frauen und genau das hat sie selbst mir immer wieder vermittelt – sicherlich mit Auswirkungen auf meine eigene Bildungspraxis. Zahlreiche bestärkende und anregende Rückmeldungen, die wir hier leider nicht abdrucken konnten, haben dem Team des Frauenreferates gut getan und sind eine wunderbare Grundlage für eine konstruktive Zusammenarbeit in den kommenden Jahren. Ich danke meinen Kooperationspartnerinnen aus dem Weiterbildungsbereich, allen Unterstützerinnen und Begleiterinnen unserer Arbeit aus dem politischen und wissenschaftlichen Bereich, Kolleginnen, ehemaligen Mitarbeiterinnen und Praktikantinnen für die gute Zusammenarbeit in den vergangenen 10 Jahren.

Dem Direktor der Landeszentrale, Herrn Siegfried Schiele, zum guten Schluss ein besonderer Dank für seine grundsätzlich positive Einstellung zu unserer Arbeit. Dank seiner hohen Bereitschaft, Neues mit zu 
tragen, Anliegen des Fachreferates zu fördern und ein verlässlicher Mitstreiter für die politische Frauenbildung auch auf Leiterkonferenzen und überregionalen Konferenzen zu sein, konnte das Frauenreferat in Baden-Württemberg diese hier dokumentierte Vielfalt an politischer Bildung auf den Weg bringen.

Anmerkungen
1 Bereits vor der Einrichtung eines eigenen Fachreferates Frauenbildung hatte die Landeszentrale für politische Bildung (LpB) einige Veranstaltungen für Frauen durchgeführt, die überwiegend im Referat Erwachsenenbildung und später in der Außenstelle Stuttgart angesiedelt waren, wo 1998 eine Mitarbeiterin als ABM-Kraft die ersten Frauenseminare initiierte. Das Fachreferat Frauenbildung begann seine Arbeit im November 1990 als 10. Fachreferat der LpB. Die Referatsleiterin war damals die erste Frau auf der Leitungsebene. 

2 Die Referatsleiterin hat eine 100% Stelle, die Sachbearbeiterin eine 50% Stelle. Gelegentlich erfährt das Team Verstärkung durch eine ABM-Kraft für Sonderprojekte, sowie durch Praktikantinnen.

3 Die LpB Baden-Württemberg steht im Vergleich mit anderen Landeszentralen der politischen Bildung hervorragend da – in einigen Landeszentralen gibt es nicht einmal eine Kollegin, die wenigstens u.a. für die Frauenbildung zuständig wäre...

4 Barbara Stiegler, Wie Gender in den Mainstream kam, Bonn 2000


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