“Unser Ziel ist es, Frauen anzuregen und zu ermutigen, ihre eigenen Lebenserfahrungen in einen gesamtgesellschaftlichen Erkenntniszusammenhang zu setzen, sich gesellschaftliche Strukturen und Prozesse
bewusst zu machen und sie zu durchleuchten, insbesondere unter dem Aspekt der bestehenden Geschlechterverhältnisse. Es gibt keinerlei Begründung dafür,
dass Frauen sich mit ihrer ‚gesellschaftlichen Zweitrangigkeit’ abfinden müssen – dieses zu begreifen und
selbstbewusst ändern zu wollen ist ein wichtiger Schritt der Frauen hin zu mehr Demokratie in unserer Gesellschaft.” (Christine
Herfel)1
“Eine Demokratie, in der die größere Hälfte der Bevölkerung weder in den Parlamenten noch in den Regierungen angemessen vertreten ist, ist bloß eine Demokratie am Anfang” – mit diesen knappen Worten brachte die Soziologin Helge Pross 1979 auf den Punkt, was seit Beginn der Arbeit auch im Vordergrund der Aktivitäten des Fachreferats Frauen der Landeszentrale für politische Bildung steht: die Förderung der politischen Partizipation von Frauen. Die gesamte Bildungsarbeit des Frauenreferats zielt auf eine stärkere gesellschaftliche und politische Partizipation von Frauen und hier ganz besonders auf die Förderung der Beteiligung von Frauen in (kommunal)politischen Handlungsfeldern hin. Frauenpolitische Bildungsarbeit, wie sie das Frauenreferat versteht, will Frauen bestärken, “sich ins ‚Alltägliche’ einzumischen, sich für persönliche und gesellschaftliche Veränderungsprozesse Mut und Kraft zu holen, damit sie sich zutrauen, aktiv zu werden, um ihre Lebenswelten mitzugestalten und zu verändern” (Christine Herfel).2
Seminare, Projekte, Veranstaltungen
Welche zentrale Bedeutung dem Thema “Förderung der politischen Partizipation von Frauen” im Fachreferat Frauen zukommt, wird daran sichtbar, dass dieses eine Art Mikrokosmos des Arbeitsspektrums im Frauenreferat darstellt. Die große Bandbreite an Aktivitäten, die sich hier in konzentrierter Form spiegelt, reicht von der Erarbeitung bzw. Mitwirkung bei der Entwicklung von Seminar- und Weiterbildungskonzeptionen, Modellprojekten oder speziellen Kampagnen über die Durchführung eigener Veranstaltungen, von Kooperationen, Austausch und Vernetzung mit anderen Multiplikatorinnen der Frauenbildung, dem Wissenstransfer an Interessierte bis hin zur inhaltlichen, organisatorischen und finanziellen Unterstützung von Frauengruppen und Frauenverbänden bei deren Bildungsarbeit. Vielfalt und Buntheit der Arbeit des Frauenreferats zeigen die im folgenden exemplarisch herausgegriffenen Seminare, Projekte und Veranstaltungen, zu denen auch die – hier nicht näher beschriebenen – in Kooperation mit verschiedenen Frauenverbänden durchgeführten Seminare gehören, die sich ebenfalls die Förderung des politisch-öffentlichen Engagements von Frauen zum Ziel gesetzt haben. Beispielhaft genannt seien aus den Anfängen der Referatsarbeit das 1992 mit dem Mütterforum Baden-Württemberg durchgeführte Seminar “Mütter mischen mit – Frauen schaffen sich ihren Platz im politischen Leben” oder die
Veranstaltung “Erst war ich selbstlos, jetzt geh ich selbst los. Frauen gestalten Gesellschaft” in Kooperation mit dem Katholischen Frauenbund u.a.
3
Neben der konkreten Bildungsarbeit mit interessierten Frauen, Mandatsträgerinnen und Multiplikatorinnen umfasst dieser Arbeitsschwerpunkt auch die aktive Beteiligung der Referatsleiterin in entsprechenden Gremien wie etwa dem Runden Tisch “Frauen in die Politik”, der Frauen aus der Politik und den Verbänden zusammenführt und den das Sozialministerium Baden-Württemberg 1998 im Rahmen der Aktion “Politik ohne Frauen fehlt die bessere Hälfte” einrichtete.
“Unsere Stadt braucht Frauen” – ein erfolgreicher Dauer(b)renner
Weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist seit einem Jahrzehnt das Modellseminar “Unsere Stadt braucht Frauen”, das auch auf Kreisebene (“Unser Kreis braucht Frauen”) oder – von der kommunalen auf die verbandspolitische Ebene transferiert – als Projekt “Unser Verband braucht Frauen” durchgeführt wird.4 Mehr als 2.500 Frauen in städtischen wie auch ländlichen Regionen Baden-Württembergs nahmen bislang an über 130 Seminaren teil, ungezählte Presseartikel sowie Hörfunk- und Fernsehbeiträge haben über diese größte frauenpolitische Veranstaltungsreihe der Landeszentrale für politische Bildung berichtet. Die eigens zu diesem Modellseminar vom Frauenreferat erarbeitete Dokumentation wird noch immer nachgefragt, und nach wie vor erhält die Landeszentrale aus dem ganzen Land Anfragen für die Durchführung dieses Projekts in Kommunen bzw.
Landkreisen.5 Grundstein der Geschichte von “Unsere Stadt braucht Frauen” ist das 1990/1991 von der Landeszentrale gemeinsam mit der damaligen Leitstelle für Frauenfragen beim Sozialministerium Baden-Württemberg, der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg sowie der Frauenbeauftragten der Stadt Ludwigsburg konzipierte und durchgeführte gleichnamige Pilotprojekt zur politischen Bildung von Frauen. Ziel dieses Kursmodells war und ist es, politisches Interesse, Partizipation und Engagement von Frauen aus allen Altersgruppen und gesellschaftlichen Bereichen zu fördern – und dies vor allem ortsbezogen, d.h. dort, wo Politik direkt erfahrbar und nachvollziehbar ist. Eine vom Land Baden-Württemberg geförderte Begleitforschung ermöglichte die Aufarbeitung der Erfahrungen des Pilotprojekts in Ludwigsburg.6 Das neu geschaffene Fachreferat Frauen der Landeszentrale für politische Bildung nutzte diese ersten Erfahrungen und begann deren Umsetzung in eine inhaltliche und pädagogische Konzeption, die - angepasst an die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten - auch in anderen Städten einsetzbar sein sollte.
Kooperationspartnerinnen bei diesem stets in gemeinsamer Trägerschaft veranstalteten Projekt sind in der Regel die kommunalen Frauenbeauftragten zusammen mit Frauengruppen und Frauenverbänden sowie unterschiedlichen Bildungseinrichtungen vor Ort. Aufgrund dieser Bandbreite lässt sich auch sicherstellen, dass in der Seminarreihe keine parteipolitische oder weltanschauliche Ausrichtung dominiert. Im Unterschied zu anderen Seminaren des Frauenreferats findet “Unsere Stadt braucht Frauen” nicht im “Haus auf der Alb” oder einer anderen Bildungsstätte fern des Alltags der Teilnehmerinnen statt, sondern ereignet sich direkt in der Lebenswelt der beteiligten Frauen – und hier oft ganz bewusst an öffentlichen Orten mit hohem Symbolcharakter wie etwa dem Rathaus.
Das Frauenreferat der Landeszentrale für politische Bildung bietet bei der Durchführung der Kurse inhaltliche und organisatorische Beratung, stellt den Kursleiterinnen eigens entwickelte didaktische Materialien zur Verfügung und übernimmt die Honorare der Kursbegleiterinnen. Die Förderung von Partizipation als Ziel dieser mehrteiligen Seminarreihe schlägt sich auch in deren stark partizipativen didaktischen Gestaltung nieder: von den Kursleiterinnen werden lediglich die Inhalte der ersten Abende sowie das “Pflichtprogramm” (Vorbereitung, Besuch und Nachbereitung einer Gemeinderats-/Kreistagssitzung) vorgegeben, über weitere Themen und den Verlauf des Kurses entscheiden die Teilnehmerinnen selbst und sind so von vornherein gefordert, sich als Expertinnen ihrer Kommune einzubringen.
Mit ihrem Engagement für “Unsere Stadt braucht Frauen” hat die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg in Sachen politischer Frauenbildung, aber auch hinsichtlich der Förderung kommunalpolitischer Teilhabe von Frauen Wegmarken gesetzt und eine bundesweit anerkannte Vorreiterinnenrolle eingenommen. In anderen Bundesländern (Sachsen, Nordrhein-Westfalen) wie auch in der Schweiz werden zwischenzeitlich ähnliche Seminare durchgeführt.
Seminare für kommunalpolitisch aktive bzw. interessierte Frauen
Neben diesem Modellprojekt bietet das Frauenreferat seit seiner Gründung regelmäßig weitere ein- und mehrtägige Seminare für kommunalpolitisch interessierte bzw. aktive Frauen an. Mit diesen Veranstaltungen versucht die Landeszentrale, Frauen “Lust auf Kommunalpolitik” zu machen (so der Titel eines regelmäßig durchgeführten Seminars), sie in ihrem Interesse an politischer Einmischung zu unterstützen und ihnen die für ein kommunalpolitisches Engagement erforderlichen Kompetenzen zu vermitteln. Speziell im Umfeld von Kommunalwahlen unterstützt die Landeszentrale zusätzlich in Städten und Gemeinden frauenpolitische Tagesveranstaltungen, die Frauen zur aktiven Teilnahme am politischen Geschehen motivieren wollen. Die Titel entsprechender Seminare, etwa “Wir brauchen Frauen, die sich trauen” oder “Gemeinderätin – wäre das etwas für mich?” sprechen für sich.
Schaffen Frauen, die sich bei Wahlen als Kandidatin aufstellen ließen, den Einzug in Gemeinderat oder Kreistag, so sind sie dort noch immer in der absoluten Minderheit und haben es entsprechend schwer, ”ihre” Politik zu vertreten, politische Strukturen zu verändern und frauenpolitische Anliegen durchzusetzen. Wichtiges Ziel des Frauenreferats ist es daher, die in der Kommunalpolitik engagierten Frauen in ihren Kompetenzen zu stärken, sie gleichzeitig auf die Schwierigkeiten vorzubereiten, auf die sie sich in Männer-Gremien einstellen müssen, und ihnen diesbezügliches “Handwerkszeug” für die Arbeit anzubieten. Denn, so die Erkenntnis von Christine Herfel, “Stärke und Mut der Gemeinderätinnen hängen davon ab, wie sie ihren Posten ausfüllen und wozu sie ihn nutzen, von der persönlichen Entschiedenheit für ihre Ziele und wie sie sich Verbündete
schaffen”.7
Unter dem Motto “Frauen verändern Politik” führte das Frauenreferat bereits 1991/92 mit den ersten “Bestärkungsseminaren” eine speziell für Mandatsträgerinnen zugeschnittene Fortbildung durch. Der Bedarf nach entsprechenden Veranstaltungen für Kommunalpolitikerinnen wurde nicht zuletzt auch von Frauen formuliert, die nach ihrer Teilnahme an “Unsere Stadt braucht
Frauen”- Seminaren kommunalpolitisch aktiv geworden waren. Diese Frauen fühlen sich oft über Parteigrenzen hinweg gemeinsamen Zielen verbunden: der Verbesserung der Lebens- und Arbeitswelt von Frauen, dem Abbau struktureller Benachteiligungen sowie der Verwirklichung der Gleichberechtigung. “Frau Macht Kommunalpolitik” - unter diesem Titel wird vom Frauenreferat seit 1995 regelmäßig ein Offenes Seminar für neugewählte Kommunalpolitikerinnen angeboten, das zunehmend auch in verschiedenen Regionen des Landes durchgeführt wurde.
In diesem Kontext entstand die Idee, analog zum Modellseminar “Unsere Stadt braucht Frauen” und als Weiterführung dieses Projekts eine gesamte Seminarreihe zur Weiterqualifizierung von Mandatsträgerinnen zu entwickeln. In Zusammenarbeit mit dem damaligen baden-württembergischen Ministerium für Weiterbildung, Familie, Frauen und Kunst entstand so die Konzeption für “Standort – Standpunkt – Strategie”, ein Strategie-Seminar für Gemeinde- und Stadträtinnen, das 1995 als Pilotseminar in vier Landkreisen gestartet und 1996/97 landesweit eingeführt
wurde.8
Inhalt aller dieser Fortbildungen für Frauen in kommunalpolitischen Gremien ist stets eine Mischung aus Sachinformationen (z.B. “Haushaltspolitik – keine Männerdomäne!”), das Aufzeigen politischer Handlungsmöglichkeiten an konkreten Beispielen wie auch Arbeitseinheiten, welche die Stärkung des persönlichen Profils in den Mittelpunkt stellen. Vermittelt werden Durchsetzungsstrategien für Sitzungen und Verhandlungen, mit denen der Sachverstand und Ideenreichtum der Kommunalpolitikerinnen ergänzt und ihrer politischen Arbeit zum Erfolg verholfen werden soll. Nicht zuletzt bieten diese Veranstaltungen den Teilnehmerinnen die Möglichkeit, sich mit anderen Frauen parteiübergreifend über Erfahrungen im politischen Alltag auszutauschen und Kontakte zur gegenseitigen Unterstützung zu knüpfen. Leitprinzip des Frauenreferats ist dabei, Frauenpolitik als Querschnittsaufgabe in allen Bereichen der Gemeinde-, Stadt- oder Kreisratsarbeit zu verdeutlichen. Dies impliziert auch eine Analyse des “traditionellen” politischen Handelns auf der Basis eines feministisch verstandenen Politikverständnisses. Gefragt wird etwa danach, was Frauen daran hindert, sich stärker in der (Kommunal)Politik zu engagieren – und was sich im politischen Alltag ändern würde, wenn dem nicht mehr so wäre, oder – so der Titel eines Seminars “Frauen gestalten Politik – anders?”
Seminare zur Förderung kommunaler bzw. regionaler Vernetzungen
Das Fachreferat Frauen hat in den zehn Jahren seines Bestehens Form und Inhalte von Veranstaltungen im Bereich “Förderung der (kommunal)politischen Beteiligung von Frauen” kontinuierlich weiterentwickelt, damit zur wachsenden Zahl politisch aktiver Frauen beigetragen – und mit seinem Angebot wiederum auf diese veränderte Situation reagiert. Die Ermutigung und Unterstützung von Frauen im politischen Engagement geht dabei in den letzten Jahren in Richtung Förderung lokaler Kooperationen und Vernetzungen politisch aktiver Frauen mit Hilfe spezifischer Netzwerk–Veranstaltungen.
“’Vernetzung’ – dieses Wort ist in aller Munde, ist Träger hoffnungsvoller Politik des Verknüpfens, ist Vision zielgerichteter Kommunikation und vielfältigen Austausches mit der Stoßrichtung, vorhandene oder zur Verfügung stehende Zeit, Kapazität und Kompetenz zu vereinen...” formuliert dies die Ausschreibung eines Seminars zum Thema “Frauennetzwerke in Stuttgart” im Jahr 2000, und “Auf geht’s: Wir knüpfen unser Netz” appelliert der Titel einer anderen Veranstaltung, die ebenfalls die Initiierung neuer frauenpolitischer Netzwerke bzw. die Stärkung bereits bestehender Vernetzungen in Kommunen und Regionen fördern will. Kooperationspartnerinnen des Frauenreferats sind dabei die Frauenbeiräte, Frauennetzwerke oder die kommunalen Frauenbeauftragten und Multiplikatorinnen/Vorstandsfrauen aus Frauengruppen und -verbänden.
In diesen Seminaren beschäftigen sich die Teilnehmerinnen mit der Frage, wie es Netzwerken gelingen kann, Frauen-Belange und Frauen-Gestaltungsinteressen auf der kommunalen bzw. regionalen Ebene besser zur Geltung zu bringen. Unter Anleitung von Expertinnen haben Frauen hier Zeit und Raum, über Theorie und Praxis von Vernetzung zu reflektieren, konkrete Zielvorstellungen für eigene Netzwerke zu entwickeln und deren Umsetzung zu planen.
Großveranstaltungen zur Förderung der politischen Partizipation von Frauen
Bildungsarbeit zur Förderung der politischen Partizipation von Frauen findet nicht nur innerhalb von Seminaren und Workshops statt, sondern auch im Rahmen größerer Veranstaltungsformen, die ebenfalls zum Angebotsspektrum des Frauenreferats und seiner Kooperationspartnerinnen zählen.
Über 1.000 Frauen erreichte etwa der landesweite Frauenkongress “Mit Macht in die Zukunft”, der im Oktober 1992 in Ludwigsburg unter Federführung des Fachreferats Frauen in Kooperation mit dem Landesfrauenrat und dem damaligen Frauenministerium durchgeführt wurde und der einen ersten Höhepunkt in der Arbeit des noch jungen Frauenreferats
darstellte.9

Frauenkongress in Ludwigsburg, Christine Herfel, Oktober 1992
Aktiv beteiligt war das Frauenreferat der Landeszentrale für politische Bildung auch an weiteren Großveranstaltungen, die gemeinsam mit anderen Akteurinnen konzipiert und durchgeführt wurden, wie etwa die Aktion von Landesfrauenrat, Frauenministerium, Frauenbeauftragten u. a. zum Wahljahr 1994 unter dem Motto “Frauen Macht Politik”.
Der geringen Wahlbeteiligung vor allem junger Frauen entgegenzuwirken war Anlass für den Aktionstag “Erst- und Jungwählerinnnen” zur Landtagswahl 1996, bei dessen Abschlussveranstaltung im Stuttgarter Landtag rund 1000 Teilnehmerinnen die Möglichkeit zur Diskussion mit PolitikerInnen geboten wurde. Das Frauenreferat gestaltete dabei u.a. eine Aktion “Wenn ich Ministerpräsidentin wäre...” und organisierte für Schülerinnen einen Ort im Landtag, wo diese ihre Anliegen in Form von Texten, Collagen und Gesprächsgruppen sichtbar machen konnten.
Über 400 Frauen ereichte der Treffpunkt K, das 2. Landestreffen von Kommunalpolitikerinnen und an Kommunalpolitik interessierten Frauen in Baden-Württemberg am 4. Juli 1998 im Stuttgarter Landtag. Federführend organisiert wurde diese Großveranstaltung vom Landesfrauenrat gemeinsam mit dem “Aktionsbündnis Treffpunkt K ’98”, zu dem sich neben dem Frauenreferat der Landeszentrale für politische Bildung mehrere frauen- und mädchenpolitische Organisationen zusammen geschlossen hatten. Frauen sollten mit diesem Aktionstag zur Beteiligung an den Kommunalwahlen 1999 ermutigt, zur Initiierung kommunalpolitischer Netzwerke motiviert und durch ein breites Informations- und Diskussionsangebot zum Thema Frauen- und Kommunalpolitik qualifiziert werden. Den Anspruch von Frauen auf Teilhabe an der Politik symbolisierten 35 vor dem Landtag platzierte leere Stühle, die im Rahmen der Offensive “Stühle frei für Frauen!” für die 35 Landkreise in Baden-Württemberg standen, in denen noch immer keine einzige Landrätin
“regiert”.10

"Wählerisch?" Erst und Jungwählerinnen - Aktion im Landtag,
März 1996
Neue Zielgruppen
Zur Weiterentwicklung der Förderung der politischen Partizipation von Frauen gehört auch die Entwicklung von Konzepten für Zielgruppen, die bislang noch wenig im Blick der politischen Frauenbildung waren. Dazu zählen etwa Migrantinnen aus EU-Staaten, die in Baden-Württemberg nach Erlangen des kommunalen Wahlrechts 1999 vom Fachreferat Frauen erstmals auch als Wahlbürgerinnen angesprochen wurden.
Aus der Erfahrung, wie schwierig sich für Frauen der Zugang zur aktiven politischen Beteiligung nach wie vor gestaltet, startete das Frauenreferat im Vorfeld der Kommunalwahlen 1999 in Baden-Württemberg mehrere Kooperationsveranstaltungen mit und für Migrantinnen, um eingewanderte Frauen zu motivieren und zu befähigen, ihren Interessen im politischen Alltag mehr Gehör zu verschaffen. In Kooperation mit dem Ausländerbeauftragten der baden-württembergischen Landesregierung, dem Landesfrauenrat sowie dem Landesverband der Volkshochschulen
initiierte das Frauenreferat der Landeszentrale 1999 das Modellprojekt “KOMMIT. Kommunalpolitik – Migrantinnen mischen mit”, eine Bildungsreihe zur Unterstützung von Migrantinnen bei der kommunalpolitischen Beteiligung in ihren Lebensorten.11 Das Frauenreferat ist in diesem Projekt vor allem für die Weiterbildung von Multiplikatorinnen zuständig und bereitete z.B. didaktisches Material der Landeszentrale speziell für diese neue Zielgruppe auf.
Neue Impulse für eine Erhöhung der Frauenrepräsentanz in der Kommunalpolitik soll schließlich das Mentoring-Projekt “Mehr Frauen in die Kommunalpolitik” setzen, das von der Referatsleiterin mit einer kleinen Arbeitsgruppe konzipiert wurde und im Herbst 2001 auf den Weg gebracht werden soll. Mentoring als frauenpolitische Strategie zielt darauf, mit der gezielten Förderung weiblicher Nachwuchskräfte durch “Vorbild-Frauen” den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen. Innerhalb des vom Fachreferat Frauenbildung konzipierten Mentoring-Programms heißt dies, Frauen, die sich in der Kommunalpolitik etabliert haben und die bereit sind, durch ihr Wissen, ihre Kontakte und Erfahrungen andere Frauen zu unterstützen, dafür zu qualifizieren, dass diese als Mentorinnen andere Frauen unterstützen können, die in die Kommunalpolitik “einsteigen” möchten.
Diesen Prozess anzustoßen, auf den Weg zu bringen und zu begleiten, wird ein Schwerpunkt der Arbeit der nächsten Jahre sein. Und dann werden hoffentlich bei den kommenden Kommunalwahlen bessere Ergebnisse für die Frauen zu verzeichnen sein!
Resonanz und Erfolge
Ergebnisse in der politischen Bildung zu evaluieren ist ein schwieriges Unterfangen – wie soll auch ermittelt werden, ob etwa das Demokratieverständnis der Teilnehmenden besser, größer oder weiter geworden ist?
Auf der faktischen Ebene von Teilnehmerinnenzahlen ist es dagegen leichter, Erfolge festzumachen: So kann das Frauenreferat bei fast allen Angeboten im Umfeld der Kommunalpolitik hohe Anmeldezahlen verzeichnen – immer wieder ist die Nachfrage nach Veranstaltungen der politischen Frauenbildung höher als die Zahl der vorhandenen Plätze und übersteigt die Kapazitäten des Fachreferats. Allein an den Seminaren für Kommunalpolitikerinnen beteiligen sich jedes Jahr 80 bis 100 Frauen. Immer noch gibt es viele Städte/Gemeinden, in denen die Kursreihe “Unsere Stadt / Unser Kreis braucht Frauen” noch nicht durchgeführt wurde. Dort, wo das Modellseminar “endlich” angeboten wird, melden sich auch heute nach wie vor zwischen 20 und 50 Frauen an – eine Tatsache, die umso mehr beeindruckt, als entsprechende Angebote in der “traditionellen” politischen Erwachsenenbildung oft nur mühsam die erforderlichen Mindestteilnahmezahlen erreichen.
Als besonders positive Resonanz seiner Arbeit kann das Frauenreferat zudem die Rückmeldungen von Teilnehmerinnen kommunalpolitischer Veranstaltungen verbuchen, in denen diese nicht nur das neu erworbene Wissen für die eigene Person betonen, sondern vor allem eine Bereicherung ihrer Arbeit durch den Austausch mit anderen Frauen hervorheben. Zum Tragen kommt hier das Motto der Leiterin des Fachreferats Frauenbildung “Parteilichkeit – keine Parteipolitik!”: So wurden in Folge kommunalpolitischer Seminare zahlreiche parteiübergreifenden Netzwerke geknüpft, Runde Tische für Kommunalpolitikerinnen auf Stadt- bzw. Kreisebene initiiert und mancherorts gemeinsame Aktionen durchgeführt. Solche in anderen politischen Kontexten eher ungewöhnlichen Kooperationen, die Frauen im Rahmen der Bildungsarbeit des Frauenreferats entwickelt haben, waren zu Beginn von dessen Arbeit durchaus nicht selbstverständlich: so wird nach Abschluss des 1. Gemeinderätinnen-Seminars 1991 noch ausdrücklich betont, wie “bemerkenswert” es war, “daß ohne jede parteipolitische Hürde die Frauen einen anregenden Erfahrungsaustausch suchten und im Planspiel gemeinsame Strategien entwickelten, um sich deutlicher in die Kommunalpolitik einmischen und Standpunkte sicherer vertreten zu können.” (Jahresbericht 1991). Heute gehört diese Erfahrung bereits zur “Normalität” und wird nicht mehr gesondert erwähnt.
Genauso “handfeste” Ergebnisse von Seminaren des Frauenreferats zum Thema Kommunalpolitik sind die Entscheidungen von Kursteilnehmerinnen, anschließend den “Schritt in die Politik” zu tun und sich durch den Eintritt in eine Partei bzw. WählerInneninitiative oder als Kandidatin aktiv an Kommunalwahlen zu beteiligen.12
In der aktiven Teilnahme zahlreicher Frauen an den “Unsere Stadt braucht Frauen”
-Kursen sehen die Veranstalterinnen ein deutliches Zeichen dafür, “daß viele Frauen ‚in den Startlöchern sitzen’ und sich politisch engagieren möchten. So heißt es in einem Kursbericht: ‚Die Teilnehmerinnen wollen sich weiterhin zum Erfahrungsaustausch treffen. Drei Frauen haben sich bereits zum Ende des Seminars zur Kandidatur bei den Kommunalwahlen im Oktober 1999 entschlossen.’ Eine bessere Begründung für die Weiterführung dieses Seminarkonzeptes könnten wir nicht geben.” (Jahresbericht
1998)13
Weitere positiven “Spätfolgen” der frauenpolitischen Bildungsarbeit des Frauenreferats liegen in der dort angestoßenen Initiierung von lokalen Projektgruppen etwa zum Thema Stadtplanung, von Frauenstammtischen oder Frauennetzwerken vor Ort, die neue politische Aktivitäten vorantreiben und stützen (z.B. eine Aktionswoche zum Thema “Gewalt gegen Frauen”) oder die Einrichtung von Frauenbeauftragten-Stellen, die mancherorts auf das Engagement von Teilnehmerinnen bei “Unsere Stadt braucht Frauen” zurückgehen.
Als eine der zentralen Erfahrungen in Veranstaltungen des Fachreferats wird in vielen Rückmeldungen von Teilnehmerinnen die Tatsache thematisiert, dass Politik bzw. politische Frauenbildung Spaß machen kann. Es geht hier eben nicht nur darum, „Bandagen“ anzulegen und sich für den harten politischen Alltag zu “stählen”, sondern auch befriedigende Aspekte und den Lust-Faktor bei der Beteiligung an Politik und Macht zu entdecken. Die vom Fachreferat für diesen Bereich formulierten Zielvorgaben – den beteiligten Frauen Frauenpolitik als Querschnittsaufgabe zu verdeutlichen, Strategien der Selbstbehauptung sowie der Vernetzung zu vermitteln und die beteiligten Frauen vor allem mit neuer Kraft, Energie und Lust an der politischen Arbeit auszurüsten – empfinden viele Teilnehmerinnen als erreicht.
Zehn Jahre Erfahrungen mit den Teilnehmerinnen in der Frauenbildungs-
arbeit zeigen, dass es sich bei der politischen Partizipation inzwischen um ein Thema handelt, das - ungeachtet von Unterschieden etwa hinsichtlich Alter oder politischer Einbindung – alle berührt. Die Einsicht, dass die Zeit dafür reif ist, dass eine weitaus höhere Anzahl von Frauen in politischen Gremien und Parteien mitmischt, hat sich auf breiter Basis durchgesetzt. Dagegen ist das Bewusstsein, dass die quantitative Steigerung des Frauenanteils allein noch nicht zwingend qualitative Veränderungen nach sich zieht, noch kein Gemeingut. Umso wichtiger ist es für das Frauenreferat, weiterhin an einem frauen- und menschengerechten Politik-Verständnis zu arbeiten, d.h. an der Frage, was sich in welchem Alltags- und Politikbereich verändern muss und welche konkreten Auswirkungen politische Entscheidungen für Menschen haben. Sicherlich, so Christine Herfel, “verändert nicht allein eine größere Präsenz von Frauen die Politik – langfristig liegt jedoch eine Hoffnung darin, daß durch viele Frauen Strukturen, Werte und Normen in politische Gremien verändert werden und die gesamten Rahmenbedingungen für eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe der Frauen in unserer Demokratie neu gestaltet werden können.”14
Anmerkungen
1 Herfel, Christine: Politische Frauenbildung – Ansätze, Konzepte, Erfahrungen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hg.): Praktische politische Bildung, Schwalbach/Ts. 1997, S. 199f.
2 Herfel, Christine: Unsere Stadt / Unser Kreis braucht Frauen. In: aktiv – Frauen in Baden-Württemberg Nr. 7, I/2000, S. 10
3 Auch bei allen im folgenden kursiv gesetzten Passagen handelt es sich um Seminar-Titel aus dem Veranstaltungsangebot des Fachreferats Frauen der Landeszentrale für politische Bildung.
4 Das Deutsche Rote Kreuz, Kreisverband Böblingen, führte dieses Modellseminar 1995 in Kooperation mit dem Fachreferat Frauen durch. “Auch hier”, so der Jahresbericht 1995, “ging es darum, Frauen zu ermutigen, ihre Kompetenzen, Erfahrungen und Einsatzfreude in führenden Positionen des Verbandes einzusetzen.”
5 Die zu diesem Projekt erschienene ausführliche Dokumentation (Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hg.): Unsere Stadt braucht Frauen – Unser Kreis braucht Frauen. Wir machen mit! Stuttgart 1996) ist zwischenzeitlich vergriffen, Teile sind jedoch im Internet unter
www.lpb-bw.de zu finden.
6 Vgl. dazu Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Frauen Baden-Württemberg (Hg.): Unsere Stadt braucht Frauen - wir machen mit! Ein Seminar zur politischen Bildung von Frauen. Bericht über ein Pilotprojekt, Stuttgart 1991.
7 Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hg.) 1996, S.41.
8 Nach zweijähriger Zusammenarbeit hat sich die Landeszentrale für politische Bildung aus diesem Projekt zurückgezogen; seit 1997 liegt die Durchführung allein in Händen des Sozialministeriums Baden-Württemberg, Abt. Frauen.
9 Die von der Leiterin des Frauenreferats und ihrer damaligen Mitarbeiterin erarbeitete ausführliche Dokumentation des Frauen-Kongresses bekam aufgrund ihrer ansprechenden Gestaltung auch bundesweit viel positive Rückmeldung. Vgl. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg u.a. (Hg.): Mit Macht in die Zukunft. Dokumentation
Frauenkongress 1992, Stuttgart 1993.
10 Vgl. dazu die ausführliche Dokumentation Landesfrauenrat Baden-Württemberg (Hg.): Treffpunkt Kommunalpolitik. Zweites Landestreffen kommunalpolitisch aktiver Frauen in Baden-Württemberg. Offensive Stühle frei für Frauen, Stuttgart 1998.
11 Im Herbst 2000 wurde dieses Projekt in 5 baden-württembergischen Kommunen durchgeführt. Vgl. dazu KOMMIT (Hg.): Kommunalpolitik – Migrantinnen mischen mit. Themen und Materialien für Kursleiterinnen einer politischen Bildungsreihe. Modellphase Herbst 2000, Stuttgart 2000.
12 Nach den Kommunalwahlen 1994 hat sich der Frauenanteil in den Kommunalparlamenten auch dank der Kandidaturen von Teilnehmerinnen an “Unsere Stadt braucht Frauen” deutlich erhöht. Vgl. dazu Jahresbericht der Landeszentrale für politische Bildung 1994.
13 Die Ergebnisse der Kommunalwahlen 1999 in Baden-Württemberg, nach denen sich die Präsenz von Frauen in Gemeinde- und Kreisräten kaum verbessert hat und diese Gremien gerade in ländlichen Gegenden nach wie vor stark männlich dominiert sind, zeigen freilich, wie groß die Notwendigkeit dieser Art frauenpolitischer Bildung nach wie vor ist.
14 Herfel, Christine: Politische Frauenbildung – Ansätze, Konzepte, Erfahrungen. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hg.): Praktische politische Bildung, Schwalbach/Ts. 1997, S. 204
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