Frauenbildung, wie sie vom Fachreferat Frauen der Landeszentrale für politische Bildung praktiziert wird, lebt von Begegnungen
zwischen unterschiedlichen Frauen. Dies gilt besonders für die spezifischen Begegnungsveranstaltungen: hier treffen zum Beispiel Frauen aus Ost- und Westdeutschland, Frauen verschiedener ethnischer Zugehörigkeit oder Frauen verschiedenen Alters aufeinander – um miteinander und voneinander zu lernen.
Ost-West-Begegnungen –
“... dass Wege beim Gehen entstehen”
Die Gründung des Fachreferats Frauen bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg im Herbst 1990 stellt nicht nur einen Markstein in der politischen Frauenbildungsarbeit in Baden-Württemberg dar – historisch fällt sie zudem genau in die Zeit der deutsch-deutschen Vereinigung. Die Geschichte des Frauenreferats ist daher von Anfang an verknüpft mit der “neuen deutschen Wirklichkeit” nach dem 3. Oktober 1990 und frauenpolitische Veranstaltungen zur Ost-West-Thematik – und hier vor allem Begegnungen zwischen Frauen der Partnerregionen Sachsen und Baden-Württemberg – gehören seit Beginn zu seinen festen Arbeitsschwerpunkten. Besonders wichtig war es der Referatsleiterin dabei, den regen Austausch zwischen baden-württembergischen und sächsischen Kommunen auch auf den
frauenpolitischen Bereich auszudehnen. Die Bewilligung von Sondermitteln durch die baden-württembergische Landesregierung speziell für die
politische Bildungsarbeit in Sachsen ermöglichte vor allem in den ersten Jahren intensive Begegnungsveranstaltungen und -seminare.
Im Vorfeld der konkreten Seminararbeit hieß es dabei zunächst Kontakte knüpfen: im
Rahmen von Vortrags- und Gesprächsveranstaltungen der Leiterin des Frauenreferats der Landeszentrale für politische Bildung in
mehreren sächsischen Kommunen zum Thema “Frauen-Fragen in den alten und neuen
Bundesländern” entstanden erste Verbindungen zu Frauenbeauftragten, Frauengruppen sowie Frauen in Institutionen, die sich für den
Aufbau der Frauenarbeit in Sachsen zuständig fühlten. Diese Kontakte bildeten eine wichtige Basis für weitere Kooperationen.
Die besondere Herausforderung für die Ost-West-Begegnungsarbeit des Fachreferats Frauen lag in deren Ausgangssituation –
trafen hier doch Frauen aus verschiedenen politischen Systemen aufeinander, die bei der Auseinandersetzung mit frauenpolitischen Fragestellungen teilweise an sehr unterschiedlichen Punkten standen, nachdem sowohl die Entwicklung der Frauenbewegungen als auch der staatlichen Gleichstellungspolitik im Osten und Westen nicht vergleichbar waren.
Die großen politischen Umwälzungen seit 1989 in der ehemaligen DDR, die zur In-Frage-Stellung der bislang geltenden Leitbilder und Wertorientierungen führten, brachten Frauen dazu, sich auch mit Mechanismen der Unterdrückung und Benachteiligung
aufgrund ihres Geschlechts auseinander zu setzen. Engagierte Ost-Frauen konnten in der außergewöhnlichen politischen Situation der Wende-Zeit vieles in einer Geschwindigkeit erkämpfen, die in der alten Bundesrepublik undenkbar war: durch die Einsetzung kommunaler Gleichstellungsbeauftragter, in Räumen und Häusern für Fraueninitiativen und mit Hilfe von ABM-Stellen für Frauenprojekte entstand neuer Kommunikations- und
Handlungsraum für Frauen.1
Seminare, Projekte, Veranstaltungen
Was Frauen aus den alten Bundesländern vor diesem Hintergrund am Kontakt mit den “un-bekannten Schwestern” besonders interessiert, aber auch die Notwendigkeit von Austausch und Solidarität zwischen Frauen aus Ost und West fasst der Ausschreibungstext zu einer der ersten Begegnungsveranstaltungen des
Frauenreferats aus dem Jahr 1991 zusammen:
“Wir suchen Antworten auf viele Fragen, zum Beispiel möchten wir wissen:
- Was wünschen sich die Frauen in den neuen Bundesländern heute, wo Berufs- und Lebenschancen nicht mehr diktiert, sondern selbst gestaltet werden müssen?
- Wie gehen sie mit der neuen ‚Freiheit’, der neuen Vielfalt an Lebensmöglichkeiten um?
- Wie sieht es mit dem politischen Engagement der Frauen aus, mit ihrer Bereitschaft, Verantwortung im neuen Deutschland zu übernehmen, politische Macht für sich zu beanspruchen?...
Berührungsängste, Verständigungsprobleme trotz gleicher Sprache, Erfahrungen in zwei Gesellschaftssystemen, gegensätzliche Bezugspunkte in der Vergangenheit ... Diese Ebene birgt viel sozialen Zündstoff, auf ihr liegt viel Trennendes. Diese über Fachbezüge hinausgehenden ... Anliegen der Frauen sollten in dieser Woche auch Raum einnehmen dürfen – bei aller drängenden
Alltagsproblematik wie Arbeitslosigkeit, Kinderbetreuungssituation, Zunahme der Gewalt gegen Frauen, Sucht
etc.” (Ausschreibung Seminar “Frauenpolitik in den alten und neuen Bundesländern. Fragen – Probleme - Perspektiven”, 1991)
Vielfältig und durchaus nicht in einer Einbahnstraße verlaufend präsentiert sich die Ost-West-Bildungsarbeit des Frauenreferats. Durchgeführt werden Studien- und
Begegnungsreisen nach Sachsen für baden-württembergische Frauenbeauftragte oder
Multiplikatorinnen aus der Bildungsarbeit, ostdeutsche Frauen beteiligen sich an
Frauenkongressen und Frauen-Infotagen im Westen, Seminare für Frauenverbände wie auch Offene Seminare in Ost und West bieten
Begegnungsmöglichkeiten für Frauen unterschiedlicher Herkunft und gesellschaftlicher Hintergründe.2
Die Aufbruchstimmung der ersten Monate nach der Wiedervereinigung spiegelt sich auch im Programm des Frauenreferats wider, das gerade in der unmittelbaren
Nach-Wendezeit zahlreiche Ost-West-Veranstaltungen verzeichnet. “Geboren aus der Freude an der Wiedervereinigung”, so die Referatsleiterin, kam es damals zu äußerst intensiven, bewegenden und von großem gegenseitigen Interesse geprägten Begegnungen, wie sie “heute nur mehr schwer vorstellbar
sind”.3

10 Jahre Deutsche Einheit - Ost-West-Begegnungen.
Auf den Spuren berühmter Sächsinnen, Dresden, Oktober 2000
“Dem Reich der Freiheit ...”
Unter dem Motto “Dem Reich der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen” fanden ab 1991 vor-wiegend in Meißen und mit Frauen aus der Region Dresden/Meißen mehrere – in ihrer Intensität sicher einmalige – Seminare statt. Der Seminartitel war der Name der von der
gebbürtigen Meißnerin Louise Otto-Peters (1819-1895) im Jahr 1849 gegründeten
frauenpolitischen Zeitung. Nach der Wende begaben sich Frauen aus Meißen auf die Spuren der Gründerin der ersten deutschen Frauenbewegung, die zu DDR-Zeiten vergessen war. Gemeinsam befassten sie sich mit der Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland und deren Bedeutung für das Heute, für Frauen in Ost und West. Bearbeitet wurden zudem die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Frauen in den alten und neuen Bundesländern, ihre Situation in Familie und Beruf sowie die Teilhabe am politischen Geschehen.4
Mitte der 90er Jahre rückten bei Ost-West-Seminaren zunehmend Themen wie die
massive Frauen-Arbeitslosigkeit und Veränderungen in den Familien in den Vordergrund, oder es wurden – wie auf dem 1996 durchgeführten Begegnungsseminar “Der Weg ist das Ziel” zur Situation von Frauen im sächsisch-tschechischen Grenzgebiet – mit der schwierigen sozialen Situation junger Frauen aufgrund der zunehmenden Prostitution neue “Vereinigungsfolgen” thematisiert.

Mittagspause auf den Elbwiesen in Meißen, Juni 1993
Begegnungen von Frauenbeauftragten aus West und Ost
Direkt auf das Engagement der Leiterin des Frauenreferats zurück geht der fachliche
Austausch zwischen Frauenbeauftragten aus Baden-Württemberg und Sachsen, der bereits 1991 mit dem Modellseminar “Frauenpolitik in den alten und neuen Bundesländern.
Fragen – Probleme – Perspektiven” von der Landeszentrale für politische Bildung initiiert
wurde. Anlass dieser Frauenpolitischen Woche, die mehrere Frauenbeauftragte aus Baden-Württemberg in verschiedene sächsische Städte führte, war die Tatsache, dass in den neuen Bundesländern die ersten kommunalen Frauenbeauftragten gerade ihre Arbeit aufgenommen hatten. Obwohl in Sachsen wesentlich mehr Frauenbeauftragte eingesetzt wurden als in Baden-Württemberg (1991 standen 30 Frauenbeauftragten in Baden-Württemberg 150 sächsische Kolleginnen gegenüber!), begann der Arbeitsalltag im Osten unter ungleich problematischeren Voraussetzungen.
Frauenbeauftragte aus beiden Ländern sollten daher die Gelegenheit erhalten, neue Kolleginnen kennen zu lernen, ihre Schwerpunkte und Schwierigkeiten zu erfahren und möglicherweise Kooperationen für die Zukunft zu vereinbaren. Gleichzeitig nutzten
Frauenbeauftragte aus Baden-Württemberg die Zeit, ihre Erfahrungen und Kenntnisse den Kolleginnen in Sachsen zur Verfügung zu stellen. “Frauen zu ihrem Recht verhelfen” war der Titel eines Seminars für sächsische Frauenbeauftragte, bei dem die Kolleginnen aus dem Westen über Ziele, Aufgaben, Probleme kommunaler Frauenbüros informierten.
Fortgeführt wurde dieser Arbeitsaustausch mit dem Gegenbesuch von 30 sächsischen
Frauenbeauftragten und Leiterinnen von Frauengruppen in Baden-Württemberg sowie im Rahmen einer Studienreise “Frauengeschichte – Frauengegenwart. Begegnungen in Sachsen” (1995), in deren Mittelpunkt der Besuch von Frauenprojekten und -verbänden sowie Gespräche mit VertreterInnen aus Politik und Arbeitsverwaltung standen. Nicht zuletzt
unterstützte das Fachreferat Frauen auch mehrere in Folge entstandenen Begegnungen
zwischen Bürgerinnen aus Ost und West, die von baden-württembergischen
Frauenbeauftragten in ihren Kommunen organisiert wurden.

Gespräche und Begegnungen im Frauen-Bildungs-Haus in Dresden, Oktober 2000
Seminare in Kooperation mit Frauenverbänden
Einen Gewinn für West- wie für Ost-Frauen stellten auch die vom Frauenreferat in Kooperation mit Frauenverbänden durchgeführten Seminare dar, deren erstes 1991 in Sachsen stattfand. 20 Meisterinnen der Hauswirtschaft (Hausfrauenbund Württemberg) führten in der ländlichen Region Leipzig-Borna Informationsveranstaltungen für Frauen zu aktuell anstehenden Alltagsfragen durch – und erfuhren dabei wiederum Anerkennung für ihre Kompetenzen als Fachfrauen der Ernährungs- und Verbraucherinnenberatung. Auch hier waren die Teilnehmerinnen privat untergebracht und hatten eindrückliche Erfahrungen und Begegnungen mit dem Ost-Alltag von Familien.
Im Bereich der Ost-West-Bildungsarbeit lässt sich – wie in anderen Bereichen – im Lauf der Zeit eine zunehmende thematische
Ausdifferenzierung beobachten: Standen in den ersten Jahren der gegenseitige Austausch und das Vertrautwerden mit der Lebenswelt der “anderen Frauen” im Vordergrund des
Interesses, wurden die Ost-West-Seminare ab Mitte der 90er Jahre zunehmend spezifischer:
Dies gilt für das 1995 in Kooperation mit dem Frauenreferat veranstaltete Herbstforum der Ost-West-Frauenbrücke zum Thema „Wie sich die Bilder gleichen – Gewalt und
Missbrauch gegen Frauen und Mädchen in Ost und West” genauso wie für die 1997 vom Landesfrauenrat Baden-Württemberg, dem Sächsischen Frauenforum und den Frauenreferaten der Landeszentralen Baden-Württemberg und Sachsen durchgeführten Fachtagung “Prostitution & Frauenhandel”, an der auch Mitarbeiterinnen aus Frauenhäusern, Notrufen sowie VertreterInnen aus Polizei und Justiz beider Bundesländer teilnahmen. Dass gesellschaftliche Kräfte über Partei- und geographische Grenzen hinweg zusammen agieren müssen, um die zunehmend brutaler werdende Szene der sexualisierten Gewalt gegen Frauen zu durchkreuzen, war klares Fazit dieser Tagung.
Eine ungewohnt “bewegte” Form der Ost-West-Begegnungen organisierte das Frauenreferat schließlich zum 10. Jahrestag der Wiedervereinigung im Oktober 2000: Per Fahrrad machten sich Multiplikatorinnen der politischen Frauenbildung aus Baden-Württemberg und Sachsen auf, um “Frauen-Orte” in Sachsen kennen zu lernen und auf erfüllte und enttäuschte Erwartungen des letzten Jahrzehnts zurückzublicken. Im Mittelpunkt der Diskussionen standen die Situation der Frauenpolitik, der politischen Frauenbildung wie auch der Frauenbewegung nach zehn Jahren deutscher Einheit. Nicht zuletzt bot diese Reise die Möglichkeit, die Tradition der Ost-West-Begegnungen aufzugreifen, die in den letzten Jahren vor allem aufgrund finanzieller Kürzungen gelitten hatten.
Mit den seit 10 Jahren durchgeführten Ost-West-Begegnungen leistet das Frauenreferat einen wichtigen Beitrag zur deutsch-deutschen Verständigung. Als besonderer “Kunstgriff” der Ost-West-Seminare ist sicher die Kombination von inhaltlicher Arbeit und persönlicher Begegnung zu sehen – gerade in der ersten Zeit nach der Wiedervereinigung boten sie den Teilnehmerinnen unvergessliche Eindrücke vom Leben der Frauen im anderen Teil Deutschlands. Persönliche Kontakte ermöglichten Einblicke in die Vielschichtigkeit der Probleme, mit denen sich Frauen in Ostdeutschland konfrontiert sehen. Gleichzeitig liegt im Begegnungsansatz die Chance, gegenseitige Vorurteile und Berührungsängste
abzubauen.5
Unabhängig ob es sich bei den Teilnehmerinnen der Ost-West-Seminare um Frauenbeauftragte, Multiplikatorinnen aus der
Bildungsarbeit, Verbandsfrauen oder “Endver-braucherinnen” handelt – immer wieder
ereignen sich intensive inhaltliche Auseinandersetzungen über verschiedene Sichtweisen auf Frauenbiographien und Frauenpolitik, kommen eine Vielzahl konkreter Anliegen und Fragen aus den jeweiligen Arbeitsfeldern zur Sprache, gelingt es aber auch, dass Frauen sich auf der persönlichen Ebene näher kommen. Ein weiteres Ergebnis der Verständigung über Lebens- und Arbeitssituationen von
Frauen aus alten und neuen Bundesländern ist die Erkenntnis vieler Beteiligter, wie eng Frauenalltag und Politik verknüpft sind und sich
gegenseitig beeinflussen. Nicht zuletzt wurden im Rahmen der Ost-West-Begegnungen zahlreiche neue Kooperationen zwischen Frauen aus Baden-Württemberg und Sachsen initiiert, die von den betreffenden Multiplikatorinnen teilweise bis heute weitergeführt werden.
Die Rückmeldungen vieler Teilnehmerinnen machen deutlich, dass es bei der Ost-West-Arbeit des Frauenreferats keineswegs um
eine eingleisig verlaufende Unterstützung des Ostens durch den Westen oder um eine “Ein-bahnstraße des Belehrens” geht, wie dies im West-Ost-Kontakt der letzten Jahre so oft zu beobachten ist, sondern dass beide Seiten von den Begegnungen profitieren. Trotz nicht immer einfacher Kommunikation und durchaus auftretender Missverständnisse berichten gerade auch Frauen aus dem Westen vom fruchtbaren Gedankenaustausch und den zahlreichen Anregungen, die sie im Kontakt mit Fachfrauen aus dem Osten für die eigene Arbeit erhielten.
Anmerkungen
1 Im Zuge der dramatischen ökonomischen Entwicklung, die Frauen und Mädchen besonders traf, wurden viele dieser Errungenschaften freilich bald in Frage gestellt und zwischenzeitlich teilweise auch “abgewickelt”.
2 Noch heute schwärmen Teilnehmerinnen der im April 1992 durchgeführten Begegnungsreise für Frauen der Frauenakademie Ulm sowie aus sächsischen Bildungs- und Kommunikationszentren etwa von der “Hexennacht” in Meißen.
3 Seit Anfang der 90er Jahre festigte sich die
Zusammenarbeit zwischen der baden-württembergischen und der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Zwei Großveranstaltungen
(„Tag der Begegnung“ im Mai 1994 in Fellbach sowie im Mai 1996 in Meißen) hatten das Ziel, an der „inneren Einheit“ zu arbeiten und Begegnungen zu ermöglichen. Zu beiden Tagen, die jeweils ausgewiesene Frauen-Schwerpunkte beinhalteten, liegen Dokumentationen vor.
4 Seit einigen Jahren existiert in Meißen ein Louise-Otto-Peters-Verein, der die bedeutende Frau der Stadt aus der Vergessenheit geholt hat, und den Frauen aus der ersten Frauengruppe in Meißen gründeten.
5 Die zu Beginn der Ost-West-Begegnungen häufig organisierte Unterbringung der Seminar-Teilnehmerinnen in Privatquartieren trug sicher zusätzlich zur Intensität der Veranstaltungen bei.
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