Baustein 1
Das Ghetto als Vorstufe zur Hölle
Calel Perechodnik: Bin ich ein Mörder? Ein Testament eines
jüdischen Ghetto-Polizisten. Zu Kampen 1997.
Edgar Hilsenrath: Nacht. München, Zürich 3. Aufl. 1997
| Klassenstufe: |
8 - 13, unterschiedlich für die einzelnen Kapitel,
D/G/Ethik |
| Zeitaufwand: |
je nach Auswahl der Themen: 1 - 10
Unterrichtsstunden |
| Themen: |
Errichtung eines Ghettos
Lebensbedingungen im Ghetto
Vernichtungsstrategien
Verhalten vom Menschen in der Extremsituation
jüdische Ghetto-Polizei: Schuld durch Mitwirkung? |
| Kombination: |
Hilsenrath: Nacht, 3 Textauschnitte (Baustein 2)
|
Zur Einführung:
Wenn die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Unterricht behandelt
wird, liegt es nahe, die Juden vorwiegend als Opfer zu sehen. Dadurch
werden „die Juden" leicht zu einer unfaßbaren Masse, die sich einer
Vorstellbarkeit entzieht. Das erschwert Schülern den Zugang zu diesem
schwierigen Thema zusätzlich. Häufig bespricht man deswegen
Einzelschicksale, z. B. das der Anne Frank, mit denen sich Jugendliche
identifizieren können. Dabei gerät wiederum allzu leicht die
unvorstellbare Massenhaftigkeit der Morde an den Juden aus dem
Blickfeld.
Die beiden Bücher, die hier vorgestellt werden, ermöglichen einen
anderen Zugang. Sie handeln von individuellen Personen, an denen die
Zustände in den Ghettos des Ostens aus der Sicht der Opfer
nachvollziehbar werden. Dem Weg der osteuropäischen Juden in die
Vernichtungslager ging zumeist ein längerer Aufenthalt in den Ghettos
voraus. In diesen Büchern bleiben die Opfer individuelle Menschen
inmitten der mit ihnen Leidenden.
Nicht unproblematisch ist es, den heutigen Schülern aus dem Volk der
Täter Berichte vorzulegen, in denen auch die häßlichen Seiten im
Verhalten der Opfer schonungslos angesprochen werden. Es war erst die
Vorstellung des Buches von Perechodnik durch einen Vertreter der
Gedächtnisstätte Yad Vaschem in Jerusalem, Dr. Gideon Greiff, die mich
ermutigt hat, dieses Buch zu empfehlen. Denn die Juden treten hier als
sehr normale Menschen auf - mit individuellen Stärken und vielen
menschlichen Schwächen.
Eine Bemerkung zur historischen Sichtweise:
Häufig wird bei der Behandlung der Judenverfolgung vornehmlich der Weg
der westeuropäischen Juden in die Lager und in den Tod besprochen. Die
Völker Osteuropas haben mit der deutschen Besatzung und mit den Ghettos
davon abweichend Schicksale erlebt: der lange Aufenthalt in den quasi
selbstverwalteten Ghettos. Jetzt, wo sich Europa nach Osten öffnet, ist
es wichtig, die die Erinnerung prägenden schlimmen Erfahrungen dieser
Völker in unser Wissen mit einzubeziehen. Wer jetzt als Deutscher nach
Osteuropa kommt, sollte davon Kenntnis haben.
Didaktische Überlegungen:
Ein Lehrer, der das Thema „Judenverfolgung - Ghetto" behandeln möchte,
muß wohl zu Beginn ausführlich abfragen, was die Schüler an Wissen
mitbringen. Im Gespräch kann er dann versuchen, etwas wie Ordnung in
ihre Vorstellungen zu bringen. Es ist dazu ein Gerüst an Jahreszahlen
zwischen 1933 und 1945 nötig, denn erschreckend Vieles ist den Schülern
heute nicht mehr selbstverständlich bekannt. Ein solches Gerüst kann
gemeinsam in der Klasse erstellt werden; am einfachsten anhand des
Geschichtsbuches.
Wegen der schonungslosen Ehrlichkeit der Meinungsäußerungen in den
Texten sowie der bisweilen sehr harten Art der Darstellung der
Ereignisse ist ein behutsames Umgehen mit manchen Texten ratsam.
Die 13 vorgestellten Textauszüge können der Reihe nach gelesen werden.
Sie ergeben ein Bild des Ghettos in den schlimmen Jahren der deutschen
Herrschaft im Osten. Es umfaßt verschiedene Aspekte: von der vorwiegend
sachlich-rationalen Verarbeitung des Schreckens, vor allem bei
Perechodnik, bis hin zu den mehr emotionalen Schilderungen bei
Hilsenrath.
Aber es können auch einzelne Kapitel herausgegriffen werden: z. B.
Bereicherung an jüdischem Vermögen in I,3, oder die alle Aktivitäten
lähmende, weil schleichende Einschließung ins Ghetto in I,4. Der Text
II,2 spricht von der Härte, die das Leben im Ghetto beherrscht, die
Texte II,5+6 veranschaulichen das kaum nachvollziehbare Ausmaß von
Trostlosigkeit an solchen Orten. Sie alle geben Anstöße zur
Beschäftigung mit dem Thema Ghetto im Osteuropa der NS-Zeit.
Was wollen wir erreichen?
Das Ziel einer solchen Unterrichtseinheit geht über das ehrende Gedenken
an die Opfer hinaus. Mit diesen beiden Büchern können wir der
nachwachsenden Generation immer wieder vor Augen führen, wozu Menschen
fähig sind; nicht nur die Täter - auch die Opfer. Es geht nicht so sehr
um „die Deutschen", „die Juden" oder „die Polen". Es geht um die
Realität menschlichen Elends, das schon lesend wahrzunehmen schwerfällt.
Elend, das Menschen physisch und moralisch kaputt macht. Auch diese
Seite kann und soll besprochen werden.
Verantwortungsbewußt eingesetzt können die Berichte aus dem Vorhof der
Hölle den Schülern deutlich machen, daß die scheinbare
Selbstverständlichkeit ihres Seins ein gefährliches Trugbild ist; denn
die Hölle gab es auch bei uns, vor gar nicht so langer Zeit. Und hat
sich die Menschheit geändert? - wir brauchen nur ins ehemalige
Jugoslawien zu sehen.
Als Ergebnis der Behandlung könnte die Frage gestellt werden, was die
Voraussetzungen dafür sind, daß wir es so viel besser haben als die
Menschen damals. Verdanken wir unsere Sicherheit und unseren Wohlstand
dem Zufall? Sind sie Verdienst? Haben sie etwas mit demokratischen
Grundrechten zu tun? Sind sie so selbstverständlich und zuverlässig, wie
sie uns zu sein scheinen? Und auf die Gegenwart angewandt kann man
darauf hinweisen, daß es Vergleichbares heute noch gibt; Ghettos und
Vernichtungslager sind nicht Vergangenheit. Die Beschäftigung mit den
Schrecken der Vergangenheit kann niemals Selbstzweck bleiben, sie soll
den Blick schärfen für eine Welt, die immer gefährdet ist. Und eines
sollten wir als Lehrer immer deutlich machen: die schrecklichen
Verhältnisse sind von Menschen willentlich erzeugt worden. Ein jeder
gestaltet die Welt, in der er lebt, durch sein Tun wie sein Nichttun
mit; der eine mehr, der andere weniger. Die Weichen werden früh
gestellt, bevor der Zug kommt; wenn der Zug da ist, ist es zu spät.
Calel Perechodnik, nach seinem Selbstverständnis ein Pole
jüdischen Glaubens, ist im Warschauer Ghetto umgekommen. Er hat dort
einen Bericht niedergeschrieben, dessen erster Teil wie durch ein Wunder
erhalten geblieben ist und jetzt von Yad Vaschem als Buch herausgegeben
wurde, auch in Deutsch. Das Buch beginnt mit einem Rückblick auf sein
Leben im Ghetto von Otwock (gesprochen Otwotzk), einem Städtchen ca. 25
km südöstlich von Warschau. Sodann beschreibt er tagebuchartig den
Alltag im Ghetto von Warschau bis zum Oktober 1943. Der Rest ist
verloren.
Das Thema, das ihn zutiefst bewegt, ist die bohrende Frage nach dem
Verhalten der Juden den Deutschen gegenüber nach dem Einmarsch in Polen
1939. Genauso quält ihn die Auseinandersetzung mit seinem eigenen
Verhalten: er ist wohlmeinend in die Ghetto-Polizei eingetreten, teils
um die Zustände durch Mitwirkung zu mildern, teils um für sich und seine
Familie scheinbare Sicherheit zu gewinnen. Er war 1939 ein junger Mann,
glücklich verheiratet. 1942 mußte er in seiner Funktion als Polizist
seine Frau und seine zweijährige Tochter ins Todeslager Treblinka
schicken, während er selbst, vorläufig, verschont blieb. Das empfindet
er als größtes persönliches Versagen und zugleich als Versagen der Juden
ganz allgemein, die den Deutschen das furchtbare Werk leicht, und damit
erst möglich gemacht haben. Er artikuliert sein Erschrecken über den
ungenierten Opportunismus der Polen - aber auch seinen ungebrochenen Haß
auf „die Deutschen".
Edgar Hilsenrath schreibt als Überlebender einen Roman. Er
handelt vom Leben und Sterben Raneks und spielt in einem fiktiven Ghetto
Prokow im Sommerhalbjahr 1942. Er beschönigt nichts. Er schildert „die
Juden" als Menschen, die sich gegenüber der Härte ihres Schicksals
unterschiedlich verhalten. Ohnmacht, Angst und Hunger wirken verheerend
auf die Betroffenen; und es zeigt sich, daß „die Juden" unter dem
maßlosen Druck dieser Verhältnisse keine Heroen sind, sondern ganz
normale Menschen - mit vielen, auch sehr häßlichen Verhaltensweisen. Er
läßt offen, welche moralischen Maßstäbe in einem Ghetto dieser Art für
das Verhalten der Menschen letztlich noch Gültigkeit haben.
Erläuterungen zu den Texten:
Teil I: Perechodnik: Bin ich ein Mörder?
zu Text 1 - Ein polnischer Jude
Hier stellt sich der Autor, am Anfang des Buches, als ein „normaler"
bürgerlicher Pole jüdischen Glaubens vor, der sich mit Politik nicht
allzu viel beschäftigt hat und nun, 1939, von den Schrecken der neuen
Situation überrascht wird. Er macht sich Vorwürfe, denn er kann zum
Zeitpunkt der Niederschrift seine damalige Haltung nur verurteilen.
Dabei gründete sie doch auf den hehren Idealen der Aufklärung.
Eine Besprechung dieses Abschnitts könnte von der Vorstellung
Perechodniks ausgehen, alle Deutschen sollten nach ihrem Tode in der
Hölle „schmoren". Das wird deutsche Schüler stören oder gar verletzen.
Über die Frage, wie es zu diesem Wunsch kommen konnte, kann der Lehrer
Vorkenntnisse und Fragen sammeln und so stückweise die Lebensumstände
klarmachen, unter denen ein polnischer Jude jener Zeit zu solchen
Wunschvorstellungen gekommen ist.
Hervorzuheben wäre der Optimismus des letzten Satzes (die Hoffnung auf
einen Fortschritt im Sinne der Aufklärung), der dem naiven
Zukunftsoptimismus vieler unserer Schüler nicht unähnlich ist. Hier wird
seine Gültigkeit in Frage gestellt. Daraus könnte sich eine Diskussion
in der Klasse entwickeln, die die Erfahrungen im ehemaligen Jugoslawien
mit einbezieht. Wie sicher kann man sich darauf verlassen, daß immer
alles im Leben gut weiter geht?
zu Text 2 - Erste Umsiedlungen
1939 wird Polen von den Deutschen überfallen und es beginnen schlagartig
brutale Verfolgungen der Juden. Perechodnik gibt in diesem Text wider,
was in seiner Heimatstadt Otwock von den ersten Umsiedlungen in ihrer
Unmenschlichkeit bekannt wurde.
Dieser Abschnitt macht die Härte deutlich, denen sich die bis dahin
friedlich lebenden Juden von jetzt an ausgesetzt sehen. Man wird den
Schülern die Frage vorlegen können, wie sie als Bewohner einer
benachbarten Stadt auf eine solche Nachricht reagiert hätten. Im
Zusammenspiel mit den Antworten der Schüler wird der Lehrer die weiteren
Umstände aufzeigen können, die damals in Polen herrschten. Es wird nicht
einfach sein, unseren Schülern die unausweichliche Härte der Situation
zu verdeutlichen, in der sich die bisher bürgerlich „normal" lebenden
jüdischen Polen plötzlich befanden und in der sie sich nun zurechtfinden
mußten. Der Lehrer kann die Schüler bitten, sich Handlungsalternativen
auszudenken - und diese Gedanken dann auf ihre Realitätsnähe hin mit
ihnen durchsprechen: Flucht? Wohin? Mit welchen Konsequenzen?
Widerstand? Mit welchen möglichen Folgen? Hoffnung? Worauf? Und mit
welcher Wahrscheinlichkeit?
zu Text 3 - Juden - Polen
Die Juden lebten als starke Minderheit in einer polnischen Umwelt. Wir
wissen, daß die Polen ebenfalls Opfer der NS-Aggression wurden.
Perechodnik sieht aus seiner Situation heraus nicht deren Leiden,
sondern ihr Verhalten den ausgegrenzten Juden gegenüber. Sie plündern
sie, mehr oder weniger versteckt, aus.
Die Polen kannten die deutsche Haltung gegenüber den Juden. Jedermann
konnte sich vorstellen, was mit den Juden auf die Dauer geschehen würde.
Sie würden bald aller Lebensrechte beraubt werden. War das Streben der
Polen nach Bereicherung verständlich oder unmoralisch? Im
Klassengespräch können Argumente zusammengetragen werden: Haben die
Polen in dieser Situation ganz normal eine günstige Chance ergriffen
oder haben sie sich an einem Verbrechen beteiligt? Welche
Verhaltensspielräume gab es für die Polen? Konnten Sie Juden unter
Gefahr ein Versteck anbieten? Oder Juden nicht anzeigen, wenn diese
versuchten, unerkannt unter den Polen zu leben? Oder so viel wie irgend
möglich von den jüdischen Vermögen (Möbeln, Kleidung und vor allem Geld)
an sich bringen, weil sonst andere (Polen und Deutsche) ja doch alles an
sich nehmen würden?
Hier ist der Hinweis auf vergleichbare Vorgänge in Deutschland möglich,
wie sie Ende 1998 an die Öffentlichkeit gelangten: Stichwort
„Arisierung" oder die öffentliche Versteigerung jüdischen Besitzes nach
dem Abtransport der Juden in Deutschland.
(Siehe den Zeitungsbericht aus der Frankfurter Rundschau)
zu Text 4 - Einrichtung des Ghettos
Perechodnik schildert, unter welchen Umständen die Juden von Otwock 1940
aufgefordert wurden, ins Ghetto umzuziehen. Dort versuchen sie, so
„normal" wie möglich zu leben. Die Lebensbedingungen verschärfen sich
erst allmählich. Er selber hält es für sinnvoll, in die Ghetto-Polizei
einzutreten. Judenräte mildern die Situation scheinbar. Er stellt sich
die bittere Frage, ob die Juden die Situation nicht nüchterner hätten
beurteilen sollen - der Tod aller war doch vorgezeichnet.
In diesem Textteil spricht Perechodnik neben der wachsenden Brutalität
der Deutschen einen anderen Aspekt an: die Unterschiede zwischen armen
und reichen Juden. Die Deutschen nutzen die sozialen Unterschiede unter
den Juden aus und bereichern sich dabei schamlos - sie verlangen immer
wieder Geld und Gold von den reichen Juden gegen Schutzversprechen, die
sie nicht einhalten werden; sie lassen die Reichen in dem Glauben, sie
würden verschont, und untergraben damit eine Solidarisierung der Juden
untereinander erfolgreich. Letztlich kommen alle gleichermaßen brutal
um; die einen etwas früher als die anderen.
Die Bedeutung von Solidarität und von Widerstandsmöglichkeiten kann an
dieser Stelle besprochen werden - und auch die Neigung der Menschen,
allzu schnell erwünschten Versprechungen zu glauben. Wäre es sinnvoll
gewesen, den Armen wirkungsvoller zu helfen? Bis heute wird das Problem
der Ghetto-Polizei und der Judenräte unter Juden kontrovers diskutiert.
Für viele Überlebende ist es ein existenzielles Problem bis heute. Haben
sie Schlimmeres verhindert? Haben sie bloß ihren kurzfristigen Vorteil
gesucht? Haben sie den Henkern geholfen? An den Argumenten für und wider
kann die Schwierigkeit aufgezeigt werden, unter bestimmten Bedingungen
zwischen gut und schlecht zu unterscheiden. Perechodnik fühlt sich
schuldig - mit Recht?
zu Text 5 - Unvorstellbares Morden
Die Kunde von Massenmorden ab 1942 dringt ins Ghetto. Was fängt die
Welt, was fängt der Einzelne mit solchen Meldungen an? Was ist aus den
kulturellen Errungenschaften der Menschheit geworden? Der Mord an einem
Menschen, der einem nahesteht, ist unvorstellbar - was denkt man, wenn
man von 60.000 Ermordeten hört?
Wie geht man mit dem Unvorstellbaren um? Zu welchem Ausmaß an
Unmenschlichkeiten sind normale Menschen fähig? Was machen wir mit den
Berichten aus den Elends- und Kriegsgebieten der Welt? Die Juden von
Otwock haben weiterhin gehofft, an ihnen würde dieses Schicksal
vorübergehen. War das unvernünftig? Oder war das die einzige ihnen
verbleibende Möglichkeit, um wenigstens eine Zeitlang weiterleben zu
können? Oder hat dieses Weiterlebenwollen jeden Gedanken an einen
Aufstand erstickt? Darüber wird man diskutieren können.
zu Text 6 - Die „Leistungen" der Deutschen
In einer Mischung aus ironischer Bewunderung und verzweifeltem Abscheu
listet Perechodnik die Schwierigkeiten auf, die die Deutschen „meistern"
mußten, um das ungeheure Vernichtungswerk, die Vernichtung aller Juden,
mit geringem Aufwand und minimalem Aufsehen möglichst vollständig zu
vollbringen. Er spricht vom „grausamen Einfallsreichtum" der Deutschen,
der den Teufel selbst beschämen muß.
Der Lehrer kann die 13 Erfolgs-Bedingungen mit den Schülern durchgehen
und überlegen, was sie jeweils bezweckten und wie sie erfüllt wurden.
Des Autors Gedanken kreisen immer wieder um die Frage, die auch junge
Menschen in Israel stellen: Wie war das alles möglich, warum haben sich
die Juden nicht gewehrt? Und sein ganzes Buch ist der Versuch einer
Antwort auf diese Frage: er schreibt dazu (auf Seite 50): „Eigentlich
sind es weder Dummheit noch Naivität. Es ist der Glaube der Juden an die
kulturellen Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts, es ist das
Unverständnis gegenüber der Blutrünstigkeit der Hunnen, die sich allen
menschlichen und christlichen Regeln widersetzen. Das alles blendet die
Juden und verdummt sie komplett. Es wundert mich nicht, denn man müßte
schon den Teufel in sich haben, um den Lauf der Dinge vorhersehen zu
können, und die Deutschen agierten schlau."
Die real mögliche Brutalität des Menschen (der Deutschen) war dem
gebildeten Europäer Perechodnik nicht vorstellbar. Ohne die jüdische
Mitarbeit hätten die Deutschen es nicht geschafft, an die 6 Millionen
Juden zu ermorden. Mit welchen Argumenten und Kniffen haben es die Täter
geschafft, die Opfer zur Mitarbeit an ihrer eigenen Vernichtung zu
bewegen? Aber wie verhält man sich richtig einer unvorstellbar brutalen,
absoluten Macht gegenüber?
zu Text 7a - Die große Deportation
Der dramatische Höhepunkt der Schilderungen Perechodniks ist die
Darstellung, wie er selber ohnmächtig und verzweifelt an der Deportation
seiner eigenen Frau teilnimmt, und sich damit, wie er glaubt,
mitschuldig macht.
Im Ghetto von Otwock haben am 18.8.1942 nahezu alle geahnt, daß sie
unmittelbar vor der Deportation stehen. Alle haben ihre Rucksäcke
gepackt, manche, darunter auch seine Frau, haben sich versteckt,
obgleich den Polizisten und ihren Familien von den Deutschen versprochen
worden war, daß sie verschont würden. Perechodnik bewegt seine Frau, auf
den allgemeinen Sammelplatz zu gehen, weil er dem Versprechen der
Deutschen vertraut. Als deutlich wird, daß sie betrogen wurden, bittet
ihn seine Frau, für sich und das Kind Gift zu besorgen, was mißlingt.
Die jüdischen Polizisten müssen selbst die Waggons verriegeln, in denen
ihre Mitbürger und Angehörigen eingepfercht sind. Dann müssen sie das
geleerte Ghetto aufräumen und die versteckten Juden suchen und
ausliefern. Und sie tun das in der verzweifelten Hoffnung, dadurch
vielleicht überleben zu können.
Im Original ist der Bericht ausführlicher, mit vielen einprägsamen
Details. Aber schon dieser gekürzte Bericht ist geeignet, an einem
konkreten Einzelfall den Ablauf einer solchen Aktion zu zeigen, wie die
Deutschen sie vielfach geplant und durchgeführt haben. Warum
funktioniert alles so reibungslos? Was hindert die Menschen, sich dem
tödlichen Spiel zu widersetzen? Würden junge Menschen von heute sich
wirklich anders verhalten als die Juden von Otwock damals? Vielleicht
kann mit der Klasse auch die - hypothetische - Frage erörtert werden,
was sich wohl die deutschen Befehlsgeber in dieser Situation gedacht
haben könnten; und wie werden die Täter wohl heute, über 50 Jahre nach
der Tat, über die - verbrecherische - Aktion von damals denken?
Könnte/sollte einer der deutschen Beteiligten vor Gericht verurteilt
werden? Es stellen sich viele Fragen, von denen je nach der Situation in
der Klasse sicher nur die eine oder andere angegangen werden kann. Aber
den Brückenschlag zum Heute sollte man wohl nicht ganz auslassen.
Bei dieser wie bei allen ähnlichen Aktionen traten „die Deutschen"
meistens nur als die Oberherren auf, die eigentliche „Drecksarbeit"
ließen sie von ukrainischen Hilfspolizisten erledigen. Über die
vielfältigen Motive dieses Handelns kann man die Schüler spekulieren
lassen. Ein paar mögliche Antworten können dem voranstehenden Text 6
entnommen werden.
zu Text 7b: Das Ende
Perechodnik stellt sich das weitere Schicksal seiner Frau in der
Phantasie in vielen Einzelheiten vor. Das ergibt erschütternde Bilder
vom Weg in den Tod in der Gaskammer. Unbeteiligt daneben stehen die
Deutschen. Offensichtlich wußten die Juden sehr genau, was mit den
Deportierten geschehen würde. Aber was nutzte ihnen dieses Wissen?
Schülerinnen und Schüler von heute haben kaum noch Zugang zu der
Unerbittlichkeit des Lebens. Fernsehsendungen gaukeln ihnen gefährliche
Träume vor: der Held kommt dabei immer unbeschädigt davon. Folglich
neigen sie zu der Illusion, auch ihnen könne eigentlich nichts ernstlich
Böses passieren. Vielleicht ist es ratsam, diesen Text aus sich selbst
wirken zu lassen, er ist dicht und anschaulich genug. Wenn keine
Bemerkungen oder Fragen aus der Klasse kommen, auf die eingegangen
werden muß, sollte der Lehrer eher versuchen, ein neues, verwandtes
Thema anzuschneiden: vielleicht die Frage, wie man mit den Menschen
umgehen sollte, die heute noch versuchen, die Verbrechen von „Auschwitz"
zu leugnen. Oder auf die Frage, ob man einen Kriegsverbrecher von
damals, der heute über 80 Jahre alt ist, noch vor Gericht bringen darf?
Oder die zur Zeit aktuelle Frage, ob und wie die Menschen, die all die
Schrecknisse überlebt haben, entschädigt werden sollen - und von wem?
Dabei kann es nur darum gehen, solche Fragen allenfalls anzureißen; sind
sie doch in sich reichlich kompliziert. Aber sie ermöglichen ein
Weiterdenken über das Erfahrene hinaus in die Gegenwart hinein.
Ein Ziel dieser Unterrichtseinheit könnte sein, das Wissen davon zu
erhalten, daß politische und wirtschaftliche Entwicklungen, die von
Menschen zu verantworten sind, Lebenswege begünstigen oder zerstören
können - und daß Sicherheit und Wohlstand keineswegs selbstverständlich
sind.
Teil II: Edgar Hilsenrath: Nacht
In Hilsenraths Roman erleben wir, wie eine zentrale Person, Ranek, den
Sommer 1942 in einem Getto (im Buch immer ohne `h' geschrieben) ums
Überleben kämpft. Das fiktive Getto Prokow liegt in der Ukraine. Es ist
eine durch den Krieg verwüstete Stadt. Nach dem Abzug der Deutschen
nehmen die Rumänen die Rolle der Unterdrücker ein.
Die Grundgegebenheiten in diesem Getto sind einfach und eindeutig: Es
gibt keine Arbeit und damit keine Möglichkeiten, Geld zu verdienen;
Lebensmittellieferungen ins Getto sind nicht erlaubt. Die wenigen vom
Krieg verschonten Häuser sind bis an die Grenze des Unvorstellbaren
überfüllt. Glücklich und „tüchtig" muß sein, wer nachts ein Dach über
dem Kopf haben will. Es gibt keinerlei Ordnung und kein Recht, keine
Ordnungsmacht - es gibt nur die allgegenwärtige Todesgefahr, zum Teil
absolute Willkür, zum Teil nach der Regel: Wer irgendwie auffällt oder
nachts außerhalb eines Hauses aufgegriffen wird, wird deportiert. Wie
überleben Menschen unter solchen Bedingungen? Sie leben vom Verkauf
dessen, was sie mitgebracht haben. Wenn das letzte entbehrliche
Kleidungsstück, meistens die eigene Unterwäsche, gegen Lebensmittel
eingetauscht ist, bleiben als Möglichkeiten des Überlebens nur
Dienstleistungen bei denen, die noch Vermögen haben, oder Diebstahl oder
Verhungern - wenn nicht der Fleck-Typhus vorher dem Leben ein Ende
setzt. Einige betreiben einen lebensgefährlichen Handel über die
Gettogrenze hinaus mit den Bauern der Ukraine und können damit - solange
sie etwas haben, das sie den Bauern anbieten können, und solange sie
nicht erwischt werden - relativ gut leben. Das System ist aufs Umkommen
aller angelegt.
Erstaunlicherweise hat sich keine Mafia gebildet, keine organisierte
Gewalt. Alle halten sich, zumindest nach außen hin, an einen
bürgerlichen Moralkodex, gepaart mit Zynismus. Fast durchweg verfallen
die Menschen in einen Zustand eines durchgängigen Egoismus. Eine
Ausnahme ist Debora, die Schwägerin von Ranek, die am Ende des Romans
ein Waisenkind zu sich nimmt. Aber auch sie hat keine Chance zu
überleben.
Die Unausweichlichkeit der Lebensbedingungen läßt scheinbar wenig
Spielraum zu eigenen Entscheidungen - und doch handelt der Roman von
Ranek, der nicht aufgibt, sondern immer wieder nach neuen Möglichkeiten
sucht, um über den jeweiligen Tag zu kommen. Aber auch er kommt am Ende
jämmerlich um.
Die Reduktion alles Menschlichen im Angesicht von Hunger, Krankheit und
Tod sind das eigentliche Thema dieses Buches. Es entsteht vor unseren
Augen etwas wie eine Gegenwelt zu der unsrigen; zugleich ein
überraschend vielfältiges Bild vom Leben in einem Getto. Die
Unvorstellbarkeiten dieser Art des Lebens machen das Phänomen
verständlich, daß die Überlebenden nach der Befreiung oft nicht erzählen
konnten, was sie erlebt hatten. Erst jetzt, 50 Jahre später, fangen
einige Überlebende an zu erzählen - den Enkeln.
zu Text 1 - Vorstellung des Gettos
Mit diesem Abschnitt beginnt der Roman. Der Text macht die
Lebensumstände im Getto deutlich. Ranek ist schon lange im Getto, war
geschnappt und in ein Arbeitslager verschleppt worden und ist von dort
geflohen. Er kommt nun zurück in sein bisheriges „Zuhause": ein Zimmer
voller Sterbender und Toter.
Vielleicht sollte man diesen Text den Schülern nicht gleich in die Hand
geben sondern ihn zunächst nur vorlesen. Sehr viele unserer
Vorstellungen, was sein darf und was nicht, werden in diesem Romananfang
in Frage gestellt. Hier gelten andere moralische Gesetze. Eine
Auflistung der Umstände, die uns ungewohnt, ja ungehörig, erscheinen,
könnte das Gespräch einleiten.
Stichworte: Übernachtung, Kleidung, Krankheit, Pietät - Lebenswille.
zu Text 2 - Freds Goldzahn
Eine harte Geschichte: Fred, Raneks Bruder, ist an Flecktyphus und
Entkräftung gestorben. Sofort in der Nacht noch schlägt ihm Ranek mit
einem dafür ungeeigneten Hammer den Goldzahn aus, Debora, Freds Frau,
sitzt bei dieser Schändung daneben. Sie wehrt dem Geschehen nur zaghaft,
denn sie weiß um seine Notwendigkeit. Aber sie wird Ranek für eine
Zeitlang zu ihrem Nachteil verlassen, denn er ist ein guter Organisator
von Lebensmitteln.
Die Lebensbedingungen im Getto müssen mit den Schülern besprochen sein,
bevor ihnen diese Geschichte vorgelegt wird, damit bei ihnen weder Ekel
noch Sadismus aufkommen. Die Regeln von Logik und Anstand verändern
sich, wenn der Überlebenskampf pietätfreies Nutzendenken erfordert. Die
Gettobewohner sind erst vor kurzer Zeit aus ihren bürgerlichen
Selbstverständlichkeiten herausgerissen worden, sie waren bis vor kurzem
kultivierte Menschen - wie wir. Hätte Ranek aus Rücksichtnahme den
Goldzahn seines Bruders dem Zimmergenossen, „der Rote" genannt,
überlassen sollen? Was geht in Debora vor, wenn sie mitansehen muß, wie
ihr eben gestorbener Mann so widerlich behandelt wird?
zu Text 3 - Ranek und Debora: Schuld?
Ranek und Debora sind nach den Ereignissen der Nacht (Text 2) eine
Zeitlang getrennter Wege gegangen. Als Ranek hört, daß Debora vor Hunger
in der Stadt umgefallen ist, schickt er einen Zimmergenossen, der Debora
zu ihm zurückbringen soll und dafür eine gekochte Kartoffel bekommt. Er
selbst kann zur Zeit das Zimmer nicht verlassen, weil er ein paar
Lebensmittel hat, die er bewachen muß. Es kommt zu einem Gespräch
zwischen ihnen über die Nacht mit dem Goldzahn.
Warum teilt Ranek mit Debora das Essen? Ist es Zuneigung oder
Menschlichkeit oder Eigennutz - oder das Bedürfnis nach menschlicher
Nähe? Nicht alle Menschen sind zu verhärteten Rohlingen geworden. Aber
wieviel Menschlichkeit ist in solchen Zeiten möglich? Teilen kann das
vorzeitige Verhungern bedeuten. Was ist wichtiger? Essen oder Zuneigung?
zu Text 4 - „Glück" im Getto?
Zwischen Ranek und Debora wächst ein fast rührend zu bezeichnendes
Vertrauensverhältnis, das als ganz ungewöhnlich beschrieben wird. Es
kommt zu einem heftig aufwallenden Glücksgefühl zwischen beiden, fast
eine Liebesszene im Angesicht des sicheren Endes. In ihnen bricht eine
ungestüme Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft auf.
Hier wird keine Situation geschildert, die geeignet ist, „Glück"
zuzulassen. Wodurch entsteht in ihnen dieses Glücksgefühl? Warum
zweifeln sie daran? Was bringt es ihnen? Gerade dieser Text macht
deutlich, daß auch unter den schrecklichsten Bedingungen Menschen
menschlich bleiben können: in Zuneigung und Ungewißheit. Braucht Glück
günstige Umstände?
zu Text 5 - Typhus
Bald darauf, es ist Herbst, bricht in dem Zimmer, das Ranek und Debora
(mit ca. 20 anderen) bewohnen, Typhus aus. Sie teilen das Zimmer durch
eine Holzwand in zwei Teile; über die Trennwand werfen sie die
Erkrankten, im vorderen Teil leben die - noch - Gesunden weiter. An
Behandlung ist nicht zu denken. Doch die Barriere hält die Krankheit
nicht auf. Ranek und Debora verlassen die „sichere" Unterkunft und
hoffen irgendwo anders unter zu kommen. Sie müssen wählen: entweder das
„sichere" Dach über dem Kopf im typhusverseuchten Zimmer, oder die
nahezu aussichtslose Suche nach einer neuen Unterkunft. Eine vage
Hoffnung gibt ihnen Kraft, auch wenn sie noch so fragwürdig ist. Solange
sie noch etwas wollen, „Ansprüche haben", und wenn es nur der Wille ist,
nicht „in den Büschen" zu nächtigen, wo sowohl das Herbstwetter wie die
Razzia sie bedroht, haben sie das Gefühl, noch nicht ganz verloren zu
sein.
Es gibt Abstufungen im Elend. Und bei jeder Stufe, die abwärts führt,
hat der Betroffene den Eindruck, vorher sei es schön gewesen. Solche
Stufen kann man von den Schülern ganz allgemein herausarbeiten lassen.
Wie geht man mit einem Unglücksfall um?
zu Text 6 - Debora und das Kind
Wenig später bekommt auch Ranek Flecktyphus und verendet - man kann es
nicht anders nennen - jämmerlich unter derselben Treppe, unter der sein
Bruder Fred gestorben ist. Debora irrt alleine in die Stadt, schwankend
zwischen Hoffnung und Irresein. Sie hat das Kind einer anderen Frau auf
dem Arm, die am Typhus umgekommen ist. Damit endet der Roman.
Diesen Schluß des Romans wird man nur vorlesen dürfen, wenn man weiß,
daß die Schüler bereit sind, auch erschütternde Emotionen zuzulassen.
Andernfalls wird man dieses Ende besser vorsichtig nacherzählen. Man
wird den Text jedenfalls nicht „besprechen" können, allenfalls auf
Fragen eingehen. Aber um die Schüler nicht mit ihren Emotionen allein zu
lassen, könnte es sinnvoll sein, sie Stichworte zu dem Text auf einen
Zettel schreiben zu lassen, die man dann je nach der Situation
besprechen kann oder auch nicht.
In diesem Roman wird nicht das grausam harte, von Peitschen getriebene
Ende von Menschen beschrieben - Stichwort „Auschwitz" -, sondern ein
allmähliches, hoffnungsloses Zugrundegehen. Es ist nicht sicher, ob sich
Jugendliche von heute dem aussetzen mögen. Dazu fällt mir der Ausspruch
einer Jüdin ein, die Auschwitz überlebt hat: „Ihr glaubt, die Erzählung
nicht ertragen zu können, wir haben das alles so erleben müssen".
Peter Reinhardt
Texte
Calel Perechodnik:
Bin ich ein Mörder?
Text 1 - Ein polnischer Jude
Ich, Calel Perechodnik, Ingenieur der Agronomie, der ich den Typus des
durchschnittlich gebildeten polnischen Juden verkörpere, werde mich
bemühen, den Werdegang meiner Familie während der deutschen Okkupation
zu beschreiben.
Es sind die Memoiren eines Juden. Im Grunde genommen ist es die Beichte
meines Lebens, eine aufrichtige und ehrliche Beichte. Doch leider glaube
ich nicht an die Absolution durch Gott, und unter den Menschen gibt es
einzig nur meine Frau, die mir vergeben könnte - die es aber nicht tun
sollte. Sie lebt nicht mehr. Sie kam ums Leben wegen des deutschen
Vandalismus und im besonderen Maße wegen meines Leichtsinns. Ich bitte
daher, diese Memoiren als letzte Beichte zu betrachten. Ich gebe mich
keinen Illusionen hin, denn früher oder später werde auch ich das Los
aller Juden aus ganz Polen teilen. ... Ich habe schon so viele
Hinrichtungen gesehen, daß ich nur die Augen zu schließen brauche, um
Einzelheiten meines eigenen Todes zu sehen.
Ich bitte nicht um Absolution; wenn ich an Gott, an Himmel, an Hölle, an
Belohnung oder Strafe nach dem Tode glaubte, würde ich überhaupt nicht
schreiben. Mir genügte die Gewißheit, daß alle Deutschen nach dem Tod in
der Hölle schmoren werden. Aber leider, beten - kann ich nicht, zu
glauben - vermag ich nicht! Folglich bitte ich die ganze demokratische
Welt, die Engländer, Amerikaner, Russen, die Juden in Palästina, daß sie
unsere Frauen und Kinder rächen mögen, die in Treblinka verbrannt
wurden. Wir Judenmänner sind es nicht wert, gerächt zu werden! Wir sind
durch eigene Schuld gefallen.
Ich wurde in Warschau am 8. September 1916 geboren, in die Familie sehr
durchschnittlicher, gewöhnlicher Juden aus der sogenannten
Mittelschicht. Es waren ehrliche Leute, mit einem großen Familiensinn.
Obschon ich nicht besonders religiös war, glaubte ich damals an Gott,
ich glaubte an den historischen Auftrag des Judentums, Kultur unter den
Völkern der Welt zu verbreiten. Ich war gleichermaßen stolz auf Spinoza,
auf Einstein und andere jüdische Geistesgrößen.
Über den Antisemitismus dachte ich nicht besonders nach. Ich war der
tiefen Überzeugung, daß mit dem gesellschaftlichen Fortschritt und der
Zunahme der zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit der
Antisemitismus automatisch aussterben müßte, und ich war überzeugt, daß
sich die Menschheit in ihrer Entwicklung immer mehr den Idealen der
Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit -
annähern wird.
Text 2 - Erste Umsiedlungen
Aus den meisten Kleinstädten wurden die Juden ausgesiedelt. Die
Aussiedlung erfolgte auf wahrhaft barbarische Weise. Ich weiß, wie es in
Nasielsk gewesen ist. Die Deutschen haben die Stadt umringt und gaben
bekannt, daß jeder Jude mitsamt seinem Gepäck auf dem Platz zu
erscheinen habe. Dort hat man den Juden das Gepäck weggenommen, sie
selbst wurden in die Synagoge getrieben, wo sie zusammengepfercht
vierundzwanzig Stunden stehen mußten. Einer Frau, die zu spät auf den
Platz kam, befahlen die Deutschen, sich auszuziehen und in der Synagoge
vor der Menge zu tanzen. Solche und ähnliche Entgleisungen waren an der
Tagesordnung. Als nächstes wurden die Juden zum Bahnhof getrieben und
wie Vieh in Güterwagen verladen. In geschlossenen Wagen wurden sie acht
Tage herumgefahren, ohne Essen und Trinken. Was mußte sich in diesen
Wagen abgespielt haben. Wieviele Kinder sind dort erstickt, wieviele
verhungert, das möge jeder für sich ergänzen.
Text 3 - Juden - Polen
Wie war das Verhältnis der Polen zu den Juden in jener Zeit?
Die Phase der Brüderlichkeit aus der Vorkriegszeit und des Kriegsanfangs
war vorbei. Doch ich kann nicht sagen, daß das Verhältnis feindselig
geworden wäre. Als die Deutschen meinen Schwager Wolf umgebracht haben,
weinte Dr. Mieroslawski [ein polnischer Freund der Familie] wie ein
kleines Kind.
Im allgemeinen erschien das Verhältnis ziemlich korrekt. Das, was die
Polen verlangten, nein, ich schreibe nicht richtig, was sie vorschlugen,
führte zum Umschreiben der Geschäfte auf ihre Namen, zur Übergabe der
Wohnungen mit Möbeln an sie.
Verständlich, daß Juden den schönen Worten auf den Leim gingen und im
guten Glauben verschiedene Verträge schrieben. Kaum einer wurde später
eingehalten.
Sicherlich hatten nicht alle von Anfang an vor, sich diese Güter
anzueignen, aber sofern es um Otwock geht, sahen die Juden in
neunundneunzig Prozent aller Fälle einen Monat nach Geschäftsübergabe
keinen Groschen mehr. Genauso war es meist mit Wohnungen, Möbeln und
jeglicher Art von Mobiliar.
Text 4 - Einrichtung des Ghettos
Der Sommer 1940 ist vergangen, und es wurde November, als durch Aushang
bekannt gegeben wurde, daß ab dem 1. Dezember ein Ghetto für Juden in
Otwock entstehen wird. Juden hatten das Recht, ihr ganzes Vermögen
mitzunehmen, es wurden Judenräte in Aussicht gestellt und eine eigene
Polizei, man wies auch auf die Möglichkeit hin, das Ghetto zu verlassen
und sich täglich außer sonntags im polnischen Stadtteil frei zu bewegen.
Auf solche Versprechungen sind fast alle hereingefallen. Sogar Jüdinnen,
die mit Polen verheiratet waren, haben sich mit ihren Kindern im Ghetto
niedergelassen. Wie leicht ist es gewesen, dort hineinzukommen, eine
Ausweg hat es nicht mehr gegeben!
Ich habe auch im Ghetto Wohnsitz genommen.
Das Ghetto sah anfangs ziemlich harmlos aus. Es war nicht umzäunt, man
konnte es verlassen, das Gebiet war recht groß, und es hat weder an
Wohnungen noch an Lebensmitteln gefehlt.
Langsam ist jedoch drumherum eine Umzäunung entstanden, und man hat es
den Juden unter Androhung der Todesstrafe verboten, das Ghetto zu
verlassen.
Als ich sah, daß der Krieg nicht zu Ende geht, bin ich im Februar 1941
in die Reihen der Ghetto-Polizei eingetreten. Gemäß der damals
vorherrschenden Meinung war es ein Vorteil des Ghettos, daß sich die
Deutschen dort nicht herumtrieben. Die Raubüberfälle und Beschlagnahmen
hörten auf. Wenn die Deutschen etwas benötigten, wandten sie sich an den
Judenrat, der ihnen alles brav ablieferte.
Das Leben im Ghetto war schon ziemlich merkwürdig, es hat [für die
Reichen] an nichts gefehlt, für Geld konnte man alles kaufen. Zur
gleichen Zeit schwoll der Arme an und starb vor den Augen der Leute an
Hunger oder Krankheit. Eine Typhus-Epidemie hat damals gerade begonnen,
viele Leute wurden krank und starben.
Überhaupt ist damals eine Atmosphäre entstanden, in der jeder nur allein
mit seiner Familie den Krieg überleben wollte. Natürlich hat man den
Armen geholfen, es gab kostenlose Armenspeisung, es gab Waisenhäuser,
aber faktisch hat dies überhaupt nicht ausgereicht.
[...]
Es verging auch kein Tag, an dem nicht einige Juden wegen Verlassens des
Ghettos erschossen wurden. Sie wurden ohne Gericht, auf der Stelle
umgebracht und auf Feldern verscharrt.
Ein intelligenter und vorausschauender Jude hätte sich fragen müssen:
was droht beim Verbleiben im Ghetto? Vielleicht auch die Todesstrafe?
Leider hat sich diese Frage niemand gestellt. Ich auch nicht.
Text 5 - Unvorstellbares Morden
Es begann ein verfluchtes Jahr in der Weltgeschichte, das Jahr 1942, das
die kulturellen Errungenschaft der gesamten Menschheit zunichte machte.
So wurde zum Beispiel erzählt, daß man in Slonim vierzehntausend Leute
auf dem Platz versammelt hat: Frauen, Kinder, Männer, und alle wurden
mit Maschinengewehren erschossen.
Ich frage euch, Leute, kann man denn so etwas glauben? Ohne Grund Frauen
und unschuldige Kinder erschießen? Einfach so? Am helllichten Tage? Man
darf doch nicht einmal die größte Mörderin zum Tode verurteilen, wenn
sie schwanger ist. Und da sollten sie angeblich kleine Kinder umgebracht
haben? Wo gibt es denn Menschen, Familienväter, die es wagen würden, mit
einem Maschinengewehr auf wehrlose, kleine Kinder zu zielen? Wie kann
die Welt dazu schweigen? Das kann doch nicht stimmen.
Nach dieser Nachricht kam eine zweite, noch ungeheuere: in Wilna hat man
sechzigtausend Menschen umgebracht, in Bararnowice zwanzigtausend. Die
Leute verstehen nichts mehr. Sie glauben es zwar, aber sie können sich
das nicht vorstellen, daß nun eines Tages jemand kommen könnte, um ihr
zweijähriges Töchterchen umzubringen, dessen einziges Vergehen es ist,
von einer jüdischen Mutter und einem jüdischen Vater abzustammen.
Text 6 - Die „Leistungen" der Deutschen
Juli 1942. Was tun die Deutschen? Die deutschen Wissenschaftler stehen
vor einem für Normalsterbliche unlösbaren Problem, aber nicht so für ein
Volk von solch hohem zivilisatorischen und kulturellen Niveau, wie es
die Deutschen sind - das Volk Nietzsches. Sie stehen vor dem Problem,
ausnahmslos alle Juden des ganzen Generalgouvernements umzubringen,
wobei natürlich folgende Bedingungen zu erfüllen sind:
1) Die Juden sollen nicht merken, daß über sie das Todesurteil gefällt
worden ist;
2) die Juden sollen sich nicht wehren;
3) für die Umsetzung sollen so wenig Deutsche wie möglich mobilisiert
werden;
4) die Juden selbst sollen dabei helfen, diese Drecksarbeit zu tun;
5) andere Juden sollen die verlassenen Ghettos aufräumen;
6) jüdische Leichen sollen durch Juden bestattet werden;
7) alle bewegliche Habe, Gold, Dollars, Juwelen sollen in deutsche Hände
gelangen;
8) alle jüdischen Städte sollen sicher sein, „es kommt nicht in
Betracht"; [sich sicher fühlen]
9) jeder einflußreiche oder vermögende Jude sollte hundertprozentig
davon überzeugt sein, daß man ihn nicht im Sinne hat - damit er nicht
flieht, sondern dableibt, bis er an die Reihe kommt;
10) die abtransportierten Juden sollen nicht merken, daß sie in den Tod
fahren;
11) die Juden sollen im Augenblick des Todes nicht rasend werden, die am
Leben Gebliebenen sollen jedoch bis zum letzten Augenblick im Unklaren
bleiben;
12) die Körper von drei Millionen Menschen sollen als wertvolle
Rohstoffe genutzt werden z. B. als natürlicher Dünger oder indem man
ihnen das Fett entzieht; es sollen auch keine Friedhöfe hinterlassen
werden, die Spuren abgeben könnten;
13) man muß die Rettung der Juden in die polnischen Bezirke unmöglich
machen.
Wahrlich ein makaber schwieriges Problem, denn es geht darum, drei
Millionen Menschen umzubringen, alle bis auf den letzten.
Ein, wie es scheint, unlösbares Problem. Doch der Teufel persönlich
könnte die Deutschen für die tapfere und präzise Ausführung dieses Plans
loben und sie mit seinem höchsten Orden auszeichnen, wenn er doch nicht
manchmal beschämt wäre, daß sie ihn an grausamem Einfallsreichtum
überflügelt haben.
Text 7a - Die große Deportation
Mittwoch, der 19. August 1942. Der Tag der Vernichtung ist gekommen. Ich
möchten diesen Tag genau beschreiben, daß ein jeder sich vorstellen
kann, welche Hölle die Menschen an diesem verteufelten Tag erlebten, als
ihnen plötzlich klar wurde, daß sie sich haben täuschen lassen.
Das erste Opfer war Frau Doktor Gliksmann, eine nette, hübsche Arztin,
Mutter zweier Kinder. Sie trat ruhig auf die Straße, um den Ukrainern
eine Bescheinigung zu zeigen, die sie als Zahnärztin auswies, speziell
für die jüdische Polizei tätig. Mit einem freundlichen Lächeln streckte
sie die Hand mit der Bescheinigung aus, ein Schuß traf sie in den Kopf -
sie war sofort tot.
Mühe hatten die Deutschen überhaupt nicht. Zuerst begaben sie sich zum
jüdischen Kommissariat. Dort befahlen sie der Menge, sich in Reihen
aufzustellen. Sie sagten, alle sollen auf den Platz gehen. Die Familien
der Polizisten sollten freigelassen werden.
Die Ukrainer feuerten ein ums andere Mal. Jeder Schuß traf den Kopf
eines Menschen - und das aus weniger als zwei Metern Entfernung. Die
Menschen fielen, Hirne spritzten, Blut floß. Die benommenen Juden
verstanden nicht, warum die Deutschen schossen, wo sie doch alle bereit
waren, in einer Reihe zu stehen.
Die Menschen verwandeln sich in Automaten, verblödete Marionetten.
Niemand ist mehr imstande zu denken. Die Pfiffe der jüdischen
Polizisten, die Schüsse der Ukranier, die Leichen von Bekannten unter
den Füßen. Die SS-Offiziere, mit ihren Helmen und silbernen Schilden auf
der Brust, sehen aus wie Halbgötter, vor ihnen die elende demütige Masse
der Juden.
Alle marschieren in Richtung des Platzes. Juden, setzt euch. Alle auf
die Erde. So nehmt zur Kenntnis, daß ihr alle verschickt werdet. Niemand
wird freigelassen. Die Schuppen der Verblendung fallen. Wir wurden alle
betrogen. [...]
[Auf den Rat seines jüdischen Vorgesetzten hin hat Perechodnik seine
Frau aus dem Keller geholt und auf den Sammelplatz gebracht, dort sitzt
sie, während er geschäftig hin und her läuft.]
In meinem Kopf ist ein Rauschen, als wäre dort der Niagarafall. Von all
dem, was geschieht, verstehe ich nichts, ich habe die Fähigkeit zum
Denken und Handeln verloren.
Ich funktioniere, wie ein Automat.[...]
[Bis zuletzt hoffen er und seine Frau darauf, daß die Angehörigen der
Polizei verschont würden, wie ihnen doch versprochen wurde. Schließlich
werden die Polizisten zusammengerufen und der deutsche Kommandant
spricht zu ihnen:]
»Ihr Polizisten bleibt in Otwock. Ihr räumt das ganze Ghetto auf. Alle
Sachen, Waren, Möbel bringt ihr zu den Magazinen, alle Menschen, die
sich verstecken, schickt ihr solange in Arrest, bis die Gendarmerie
eintrifft. Ihr dürft nichts wegnehmen, weder Sachen noch Geld. Die Möbel
dürfen nicht beschädigt werden, Gold und Dollars müssen mir persönlich
ausgehändigt werden. Ist das Ghetto aufgeräumt, kommt ihr ins
Arbeitslager nach Karczew. Nach dem Krieg werdet ihr entlassen. Wären
eure Frauen hier, würde ich sie freilassen, da sie aber schon auf dem
Platz sind, müssen sie mitfahren.«
Mein Gott, verhöhnt er uns, macht er Witze oder lacht er über uns?
Erst befiehlt er, die Frauen auf den Platz zu bringen, später sagt er,
wären sie hier, dürften sie bleiben.
Großer Gott, wir stehen hier zu hundert Mann, einer neben dem anderen,
und vor uns nur ein paar Gendarmen mit Gewehren. Jungs! Stürzen wir uns
auf sie, laßt uns alle umkommen - denke ich weiter. Aber daraus wird
nichts.
Text 7b - Das Ende
Ein langer Pfiff - du hast deine letzte Reise angetreten, Anka. Gott sei
mir gnädig!
Du befindest dich im vierten Waggon hinter der Lokomotive. Mit
angezogenen Beinen sitzt du auf den Brettern und hältst Aluska auf dem
Arm.
Wie ist das bloß möglich? Dein Calinka, der dich zehn Jahre geliebt hat,
der dir treu war, der alle deine Gedanken und Wünsche erriet und sie so
gerne erfüllte, jetzt hat er dich verraten und es zugelassen, daß du den
Waggon bestiegst, während er zurückblieb.
Der Zug passiert Kosow und fährt auf das Nebengleis des Todes, das nach
Treblinka führt. Treblinka II ist kein Straflager, das ist der Ort, an
dem der böse Genius der germanischen Rasse Triumphe feiert. Das ist ein
Friedhof für drei Millionen Juden.
Das Tor geht auf, die Lokomotive schnauft, der Zug bleibt stehen, die
Waggontüren gehen auf, die Juden können aussteigen.
Anka, Anka, in welchem Zustand hast du den Waggon verlassen? Mit der
kleinen Aluska auf dem Arm?
Die Menschen verlassen die Waggons. Aus voller Brust atmen sie die Luft
ein, sie vergessen, am Ort der Hinrichtung angekommen zu sein, sie
freuen sich über die Luft, den schönen Augusttag und vielleicht - wer
weiß? - haben sie Hoffnung. Rings um sie stehen die Deutschen, gut
genährt, in Uniformen, mit Helmen und mit silbernen Schilden auf der
Brust und mit Maschinengewehren in der Hand. Das sind Götter, muß man
ihnen gehorchen?
Ein älterer Offizier kommt heraus und spricht zu der Menge:
- Leute, habt keine Angst, euch wird nichts Böses geschehen, ihr werdet
nach Osten fahren, ihr werdet arbeiten. Jetzt werdet ihr alle baden,
weil ihr verlaust seid. Später bekommt ihr zu essen und morgen früh
werdet ihr weiterfahren. Frauen mit Kindern sollen an eine Seite gehen,
sie werden zuerst baden. Jede soll sich ausziehen, die Sachen müssen an
der Seite gerade zusammengelegt werden, damit man sie später
wiederfinden kann, Schuhe muß man unbedingt paarweise zusammenbinden.
Hier sind die Handtücher.
Hast du das alles geglaubt, meine teuerste Anka?
Die Frauen trennen sich von ihren Männern, Vätern, Brüdern. Vor den
Augen der Menge müssen sie sich nackt ausziehen. Schämen sie sich, oder
ist ihnen bereits alles egal? Sie legen die Kleider zusammen. Die Menge
der nackten, schweigenden Frauen, meist mit Kindern auf dem Arm, schiebt
sich zu einer riesigen Scheune, hier sollen sie baden. Auf ihr steht mit
großen Lettern geschrieben:
ALLE JUDEN BADEN SICH UND FAHREN NACH OSTEN
Schweigend gehen die Frauen hinein, die Sonnenstrahlen leuchten auf
ihren Körpern. Aber die Deutschen schauen ihnen nicht einmal zu. Die
Sonne geht blutig unter, mit ihr der Rest an Hoffnung.
aus: Calel Perechodnik: Bin ich ein Mörder? Ein Testament eines
jüdischen Ghetto-Polizisten. Zu Kampen 1997, S. 17f., 27, 30, 34f., 40,
44f., 65f., 82f.
Edgar Hilsenrath: Nacht
Baustein 1
Text 1 - Vorstellung des Gettos
Der Mann [Ranek] war leise eingetreten ... so leise, als hätte er Angst,
die Toten zu wecken. Im Zimmer herrschte Halbdunkel. Allmählich
gewöhnten sich seine Augen daran, und die Umrisse der langen
Schlafpritsche wurden deutlicher.
Da lagen sie. Die meisten waren im Lauf der Woche an Flecktyphus
gestorben; einige Leute atmeten noch, aber waren zu kraftlos, um sich zu
bewegen. Hinten, in der äußersten Ecke, dicht unter dem scheibenlosen
Fenster, war ein einziger leerer Platz; der gehörte ihm.
Warum war er wieder nach Hause gekommen? Das war ja vollkommen verrückt!
Nein, heute nacht konnte er nicht mehr hierbleiben; hier war schon alles
verseucht; er mußte sich irgendwo anders nach einer Schlafstelle
umsehen.
»Nathan«, sagte er heiser »ich muß dich um einen letzten Gefallen
bitten.« Nathan gab keine Antwort. Der Mann starrte nachdenklich auf die
Füße des Toten, die mit Fußlappen und Bindfaden umwickelt waren, wie
seine eigenen. Die Bindfaden sind noch gut, dachte er, nicht so
zerfranst wie deine; die Lappen sind zwar nicht viel wert, aber sie sind
wenigstens trocken, und man kann sie zum Wechseln benützen. Er überlegte
nicht lange. Er knotete die Bindfaden auf und steckte sie ein. Dann
wickelte er die Lappen von den starren, krähenartig gespreizten Füßen
und ließ auch sie in seinen Taschen verschwinden. Er tat das ohne
Widerwillen. Nathan war sein bester Freund gewesen, und es war nur zu
natürlich, daß er ihn beerbte. Bevor er ging, nahm er den Hut des Toten
und stülpte ihn sich auf den Kopf, während er seinen alten achtlos auf
den Boden fallen ließ.
»Sei nicht bös, Nathan«, sagte er, »sei nicht bös, daß ich auch den Hut
..., aber meiner ist nicht mehr wasserdicht.« Er grinste leicht, blickte
nicht mehr hin und ging.
Er hatte ein völlig verwahrlostes Gesicht, in dem Hunger und Not
erbarmungslos gewühlt hatten. Er drückte den zu großen fremden Hut jetzt
tiefer in die Stirn; seine Hosen, die mit einem Eisendraht verschnürt
waren, band er fester zu; er hatte kein Hemd an, und seine eingefallene
Brust schaute grau und haarig unter der zerfetzten Jacke hervor. Wie
kalt es noch immer ist, dachte er schaudernd. Diesmal ließ der Frühling
lange auf sich warten. Dabei war es schon März ... März 1942.
Im Prokower Getto sahen die meisten Straßen gleich aus. Der Krieg hatte
nicht viel übriggelassen. Ein paar vereinzelte Häuser ... und sonst ...
nur die langen Reihen schwarzgefleckter, hohläugiger Ruinen. Prokow war
eine ukrainische Stadt am Ufer des Dnjestr, die von rumänischen Truppen
besetzt worden war.
Der Mann war unter den ersten gewesen, die nach der Ukraine verschleppt
wurden. Er war schon seit Oktober einundvierzig hier und hatte noch die
Geburtsstunde des Prokower Gettos erlebt. Er erinnerte sich, daß hier,
am Anfang, alles noch leichter gewesen war als heute. Denn damals war
das Getto noch nicht so überfüllt. Damals hatte es unter den Einwohnern
nur den verzweifelten Kampf um ein Stück Brot gegeben; erst später, als
immer wieder neue Menschentransporte aus Rumänien ankamen, fing auch der
Kampf um eine Schlafstelle an, der ebenso erbittert und rücksichtslos
ausgefochten wurde und ebenso wichtig war.
Er ging jetzt sehr langsam. Zuweilen sah er einen Toten im Schlamm
liegen, und er dachte daran, daß der andere Pech gehabt hatte. Er dachte
daran, ohne etwas anderes dabei zu empfinden als den leisen Triumph, daß
er es nicht war, der dort lag ... daß er noch gehen konnte, wenn er
jetzt auch nicht wußte, wohin.
Text 2 - Freds Goldzahn
Fred war mitten in der Nacht gestorben.
Debora merkte es als erste und kam gleich darauf ins Zimmer und weckte
Ranek. Ranek folgte ihr mit der Lampe hinaus in den Hausflur.
Ranek starrte seinen Bruder nicht lange an, aber in diesen wenigen
Sekunden schien die Zeit still zu stehen. Das ist er nicht, dachte er,
das kann er doch nicht sein. Nicht weich werden, dachte er verbissen,
dafür hat man später Zeit. Jetzt mußt du handeln!
»Ich muß es jetzt machen«, sagte er heiser zu Debora. »Weil es morgen
früh zu spät sein wird.« Und da sie kein Wort herausbrachte, fuhr er
fort: »Ich muß es machen, ehe die anderen aufwachen. Die sind alle
scharf auf den Zahn. Das weißt du doch. Ich will mich nicht mit ihnen
herumschlagen. Ich muß es machen, ehe sie's merken.« Seine Stimme klang
hohl und seltsam fremd in der Nacht. »Der Zahn bedeutet Leben, Debora.
Ein paar Wochen Weiterleben für uns. Versuch mich zu verstehen.«
Debora hatte sich anfangs nicht eingemischt und schweigend zugeschaut,
wie er, mit verkniffenem Gesicht, den Mund des Toten kontrollierte, aber
als er dann aus dem Hof zurückkam und anfing, die widerspenstigen Lippen
mit dem Hammer aufzureißen, hing sie weinend in seinen Arm und
versuchte, die Schändung zu verhindern. Er kämpfte eine Weile mit ihr,
bis sie plötzlich losließ und neben dem Toten zu Boden sank.
Wieder ungestört, fuhr er mit seiner Arbeit fort. Freds aufgeplatzte
Lippen wurden unter seinen Schlägen allmählich zu einem blutigen Brei.
Er bemerkte, daß außer Debora noch jemand im Hausflur war: die alte
Levi.
Die alte Frau saß stumm auf dem Treppenabsatz wie eine Nachteule. Ranek
hörte sie oben sprechen.
»Sie kommen zu spät«, höhnte die Alte. »Ranek hat den Zahn schon.«
»Scheiße«, sagte der Rote, »verdammte Scheiße.«
»Sehen Sie mal, was der Kerl mit seinem eigenen Bruder gemacht hat«,
sagte die Alte. »Sehen Sie dort unten den blutigen Hammer? Mit dem
Hammer hat er ihm ...«
Text 3 - Ranek und Debora: Schuld?
Als Debora etwas später, gestützt von Sigi, ins Zimmer schwankte, nahm
Ranek sie sanft in seine Arme. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie lehnte
sich an ihn an, ein Mensch, der keinen Willen mehr hatte und der sehr
müde war und der plötzlich nichts anderes mehr wollte als ein bißchen
Schutz und ein bißchen Wärme ... und etwas zu essen. Sie aber sprach
kein Wort. Dann gab er ihr den Kartoffeltopf, und noch immer sagte sie
kein Wort. Sie hielt den Topf mit bebenden Händen umklammert und fing zu
essen an. Der Topf wurde leer, aber sie hörte nicht auf, seine Ränder
abzukratzen.
»Ich brauche jemanden, der auf die Lebensmittel aufpaßt, wenn ich nicht
zu Hause bin«, sagte er. »Ich kann mich nämlich nicht aus der Bude
rausrühren. Willst du das machen?«
»Ja«, sagte sie, »du weißt doch, daß ich das für dich mache.«
»Dafür kannst du fressen«, sagte er. »Es lohnt sich für mich; man hat
mich schon einmal bestohlen, und ich will nicht, daß mir das wieder
passiert.« Er grinste sie steif an.
Er kratzte sich umständlich. Dann sagte er: »Wollte dich noch was fragen
... `s ist wegen Fred. Du weißt ... die Sache mit dem Zahn«
»Ich wußte, daß du davon sprechen willst.«
Er hockte sich wieder neben sie hin. »Ich hab' oft darüber nachgedacht,
ob es nur deshalb zum Bruch zwischen uns beiden kam, weil ich ihm den
Zahn herausgeschlagen hab'.« Er räusperte sich, und dann fuhr er fort: »Ranek,
hab' ich mir immer gesagt, Debora sieht bestimmt ein, daß es richtig
ist, wenn die Hinterbliebenen die Toten beerben. Das kann sie dir also
nicht vorwerfen. Vielleicht war's `ne Sünde, das mit dem
Zahn ... vor allem, weil er noch nicht lange tot war und weil du's
gleich gemacht hast, aber heutzutage kann man's nicht so genau nehmen.
Man erbt, was man kann und wie man's kann. Es bleibt einem keine Wahl.
So ist das. Und Debora weiß das. Und deshalb darf sie dir keine Vorwürfe
machen.«
»Ich hab' dir doch keine Vorwürfe gemacht, Ranek.« Debora schüttelte den
Kopf. Sie starrte eine Weile nachdenklich auf ihre gefalteten Hände.
»Ich hab' dir keine Vorwürfe gemacht«, sagte sie dann ruhig, »weil ich
gewußt hab', daß du keine Schuld hast. Du hast es getan, weil du
verzweifelt warst und weil du geglaubt hast, daß wir von dem Zahn leben
können, wenigstens eine Zeitlang. Du hast es für uns beide getan. Die
Toten vergeben den Hungrigen, und sie vergeben den Verzweifelten.«
»Warum hast du dann nicht mit mir gesprochen ... während all der vielen
Wochen? Warum, Debora?«
»Weil ich nicht konnte«, sagte sie, sie richtete sich halb auf, sie
lehnte sich an die Wand, und dabei blickte sie ihn groß, mit
halbgeöffneten Lippen an. »Ich hatte Angst. Nicht vor dir, Ranek. Bloß
vor der Erinnerung. Vielleicht klingt das dumm. Aber so war's. Ich habe
die Szene im Hausflur immer wieder erlebt. Immer wieder erlebt, wenn du
in meine Nähe kamst. Es war vor allem sein Gesicht, dieses entsetzlich
entstellte, blutige Gesicht. Es war immer da, immer, wenn ich dich
anschaute.«
»Und jetzt?« fragte er.
»Jetzt nicht mehr«, sagte sie. »Das war nur in der ersten Zeit so
schlimm.«
Text 4 - „Glück" im Getto?
Er öffnete jetzt den Beutel und zeigte ihr das Brot. Es war ein
faustdickes Stück, schwarz und klebrig. Er drehte es nach allen Seiten
um, und dann brach er es entzwei, und den einen Teil drückte er in ihre
Hände.
»Das ist ein schöner Zug von dir, daß du an mich gedacht hast«, sagte
sie leise, während es in ihren dunklen Augen glücklich aufleuchtete.
»Ich hab' überhaupt nicht an dich gedacht«, grinste er. »Ich wollte das
Brot schon vorhin auf der Straße aufessen, aber da der Junge mit mir
ging, konnte ich's nicht.«
»Du lügst wieder mal.« Sie lachte jetzt, aber es war ein zärtliches
Lachen. »Du hast absichtlich mit dem Essen gewartet, bis du zu Hause
warst. Du wolltest mit mir teilen. Du konntest nicht ohne mich essen.«
»Du irrst dich«, spottete er. »Oder hältst du mich für einen Idioten?«
Sie schüttelte den Kopf, und sie lachte noch immer, ihr Knie berührte
sein Knie, ganz sanft, wie unabsichtlich, aber sie nahm es nicht wieder
fort, und dann schmiegte sie ihre Wangen an seine spitze Schulter, und
noch immer lachte sie, als hätte er etwas sehr Lustiges und völlig
Unglaubwürdiges gesagt, aber doch etwas Liebes. Dann wurde ihr Gesicht
plötzlich wieder ernst; ihr schmaler Kopf an seiner Schulter bewegte
sich langsam seitwärts, und sie blickte zu ihm auf. »Ranek«, sagte sie
leise, »ich war die ganze Zeit so allein. Du weißt gar nicht, wie allein
ich war.«
»Iß jetzt«, sagte er.
»Du gehst nicht wieder fort, Ranek? Sag, daß du nicht wieder fortgehst.«
»Ich bleibe bei dir«, sagte er.
»Immer?« flüsterte sie.
»Ja, immer«, sagte er.
»Und wenn man einen von uns schnappt?«
»So was kann gar nicht passieren«, lächelte er. »Bestimmt nicht. Wir
lassen uns eben nur noch zusammen schnappen ... nur zusammen ... wir
lassen uns einfach zusammen schnappen.«
»Und wenn einer von uns krank wird?«
»Dann wird er den anderen anstecken, so daß dann beide krank sind. Ganz
einfach ... du siehst ... immer zusammen. Du und ich. Wir beide. Immer
zusammen.«
»Ja, Ranek, immer. Und wenn nun einer von uns beiden stirbt?«
»Davon soll man lieber nicht reden«, sagte er.
»Warum bin ich auf einmal so glücklich, Ranek? Ich weiß ... ich habe
kein Recht dazu ... nach allem, was hier bei uns geschehen ist. Aber ich
bin trotzdem glücklich. Warum, Ranek? Sag, warum?«
»Ich weiß nicht«, sagte er. »Bist du wirklich glücklich?«
»Ja. Sehr, so sehr. Und du?«
»Ja«, sagte er. »Ich auch. Und ich weiß nicht warum.« Und er dachte:
Warum lügen wir? Wir sind nicht glücklich. Oder doch? Sind wir's? Sind
wir's wirklich?
Text 5 - Typhus
Im Lauf der nächsten Woche griff die Epidemie auf die andere Seite der
Barriere über. Die Kranken lagen nun überall im Zimmer herum, und es war
schwer, sich vor ihrer Berührung in acht zu nehmen. Noch entsetzlicher
aber war die Berührung der Toten, über die man immer wieder stolperte.
Es waren gute Vorsätze dagewesen, die Toten fortzuschaffen, aber dann
stellte es sich heraus, daß niemand Hand an sie legen wollte. Der Rest
der Leute, die noch gehen konnten, zog aus. Sie verstreuten sich in alle
Windrichtungen. Die meisten gingen in die Büsche. Für eine Weile, ehe an
eine Rückkehr ins Nachtasyl zu denken war, würden sie, wohl oder übel,
auf der nassen, herbstlichen Erde schlafen müssen, und es blieb ihnen
nur die Hoffnung, daß der Winter nicht so rasch kommen würde.
Ranek und Debora waren erst aufgebrochen, als die anderen längst fort
waren; sie hatten nicht aufgeben wollen und verbissen bis zur letzten
Stunde ausgeharrt. Ranek hatte noch in aller Eile zwei Säcke besorgt.
Sie
hatten sie um ihre Schultern gehängt.
»Glaubst du, daß wir Unterkunft finden?«
Sie blickte fragend in sein entschlossenes Gesicht.
»Bestimmt«, lächelte er. »Ganz bestimmt.«
»Dann ist es gut, daß wir nicht in die Büsche gegangen sind. Mir hat's
immer schon vor den Büschen gegraut.«
Ranek sah Debora an.
»Wir werden ein Dach überm Kopf finden«, sagte er zuversichtlich. »Und
wir werden nur dort übernachten, wo es nicht hineinregnet und wo der
Wind nicht hinkommt. Das haben wir uns doch fest vorgenommen, und
deshalb werden wir es auch durchführen.«
»Ja, Ranek«
»Wer in die Büsche geht, hat keine Ansprüche mehr ans Leben. Dem ist
alles egal. Und wem alles egal ist, der ist verloren. Solange man noch
Ansprüche hat, ist man nicht verloren.«
»Ja, Ranek«, sagte sie wieder.«
Text 6 - Debora und das Kind
Ihre Kehle war ausgetrocknet, ihr ganzer Körper schmerzte, als wäre er
eine einzige, große, offene Wunde. Wie tief war der Mensch gesunken! Wie
sehr hatte man ihn erniedrigt! Sie wollte zurückblicken, um Ranek ein
letztes Mal zu sehen, aber sie konnte jetzt nicht. Das Lachen des Roten
schallte ihr heiser aus dem Hausflur nach, und es kam ihr plötzlich vor,
als stimme auch der Tote unter der Treppe in dieses Gelächter ein.
Sie schritt benommen über den leeren Hof; ihr war, als träume sie einen
Alptraum mit offenen Augen. Der Wind wehte von der Straßenseite schräg
gegen den morschen, wetterzerfressenen Zaun.
Auf der Straße blieb sie zögernd stehen Wohin? dachte sie.
Sie hatte das Gefühl, durch eine große Einöde zu gehen. Im Geist hörte
sie wieder den Toten lachen, und ihr schien, als blickten seine Augen
sie an.
Das Kind räkelte sich schlaftrunken in ihrem Arm. Dieses leise
Sichbewegen ließ sie von der Straße aufblicken, und sekundenlang schaute
sie wie gebannt auf das winzige, friedliche Antlitz. »Wir werden nicht
mehr dorthin zurückkehren«, sagte sie zu dem Kind. »Ranek braucht mich
nicht mehr.«
Sie stolperte. Sie raffte sich wieder auf. Das Kind erwachte. Es schlug
die Augen auf, und sein kleines, graues Gesicht verzerrte sich zu einem
Lachen. Dann schlief es wieder ein.
Debora drückte das Kind fester an sich, als fürchte sie, es zu
verlieren. »Wir werden jetzt in den Bordellhof gehen,« sagte sie zu dem
Kind. »Und dort werden wir uns wieder auf die Kellertreppe setzen. Man
wird uns nicht fortjagen, so wie man ihn fortgejagt hat. Wir beide sind
doch gesund! Heute Nacht wird es nicht sehr kalt sein, und morgen früh
werden wir ein besseres Quartier suchen. Du brauchst keine Angst zu
haben. Wir werden bestimmt etwas finden. Und ich werde auch etwas zu
essen auftreiben.« Debora lächelte. »Du brauchst keine Angst zu haben«,
sagte sie wieder. »Mutter wird auf dich aufpassen.«
leicht gekürzt aus: Edgar Hilsenrath: Nacht. München, Zürich 1990, S.
7f., 294f., 372f., 407f., 425, 445.

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