| Baustein 11
Das Ghetto in Frankfurt am Main
| Klassenstufe: |
ab Klasse 10 |
| Zeitaufwand: j |
2 Unterrichtsstunden |
| Themen: |
Entstehung des Ghettos
Wichtige Ereignisse in seiner Geschichte
Beschränkungen für die Bewohner
Goethes Sicht auf das Ghetto |
| Kombination: |
Berliner Scheunenviertel, Baustein 7 |
Im Frankfurter Ghetto entwickelte sich das religiöse Judentum wie in
kaum einer anderen deutschen Stadt durch die Jahrhunderte hindurch
besonders lebendig und vielfältig. Deswegen ist es besonders
interessant, Entstehung und Geschichte der Judengasse in Frankfurt zu
betrachten.
Natürlich kann hier keine vollständige Geschichte dieses Ghettos
erwartet werden. Die Texte beleuchten vielmehr einige wichtige
historische Ereignisse und vor allem das Aussehen des Ghettos und das
Leben in ihm.
Aspekte, die die Texte berücksichtigen:
- die Entstehung der Judengasse
- die Bewohner und ihre Berufe
- Verwaltung und öffentliche Einrichtungen
- Beschlüsse der Rabbinerversammlung in Frankfurt von 1603
- Auflagen und Verbote für die Juden im Ghetto
- der Fettmilch-Aufstand von 1614 und seine Bedeutung
- berühmte Bewohner
- reger Handel in der Gasse
- nur zwei Jahre Bürgerrecht
- Johann Wolfgang von Goethe erinnert sich an das Ghetto
Die Schüler sollten sich zunächst, mit Hilfe gezielter
Arbeitsanweisungen, ein Bild von der Judengasse in Frankfurt machen.
Ihre Vorstellungen können dann mit den Abbildungen aus unterschiedlichen
Epochen verglichen werden.
Der Text von Goethe zeigt, welche Sicht die christlichen Stadtbewohner
auf das Ghetto hatten, und welche Erfahrungen der junge Goethe im
Kontakt mit den Ghettobewohnern selbst machte.
Arbeitshinweise:
zu Text 1:
- Warum entstand das Ghetto in Frankfurt?
- Was läßt sich zum Verhältnis zwischen Juden und Christen sagen?
- Was regelten die Beschlüsse der Rabbinerversammlung von 1603 und
welche Folgen entstehen daraus?
- Wie sah das Leben im Ghetto aus?
- Welche Verbote galten für die Ghettobewohner? Diskutieren Sie die
Absichten, die mit diesen Verboten verfolgt werden und deren Folgen.
zu Goethes Text:
- Welche Erfahrungen macht Goethe und welches Verhältnis zu den
Ghettobewohnern hat er?
- Kreative Aufgabe (vor der Betrachtung der Bilder):
- Malen Sie die Judengasse, so wie Sie sie sich nach den
Beschreibungen vorstellen.
Arbeitsaufgaben zu den Bildern:
- Beschreiben Sie Ihre Eindrücke von der Judengasse.
- Wie sah das Leben darin wohl aus?
- Gibt es Vergleiche mit heutigen Städten?
Dieter Weiß
Die Frankfurter Judengasse

Stadtplan mit Judengasse
Kupferstich von Merian, 1624
Aus der Vogelperspektive sind alle 193 Häuser eingezeichnet. Synagoge
und Gemeindehaus nehmen die größere Fläche ein. Die Länge der Gasse
betrug ungefähr 300 Meter.
(aus: Nachum Tim Gidal Die Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis
zur Weimarer Republik.
Köln 1997, S.90)

Hinterhäuser in der Judengasse
Zeichnung von Peter Becker, 1872
(aus: Nachum Tim Gidal Die Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis
zur Weimarer Republik. Köln 1997, S.159)

Blick in die Judengasse (Ausschnitt)
Stahlstich um 1850
(aus: Nachum Tim Gidal Die Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis
zur Weimarer Republik.
Köln 1997, S.158)
Das Ghetto in Frankfurt am Main
Gemäß den Beschlüssen des Laterankonzils von 1215 und des Konzils von
Basel (1431-1449) hatte Kaiser Friedrich III. die Entfernung aller Juden
aus ihren Häusern in der Frankfurter Domgegend angeordnet. Die Patrizier
der Stadt, die zwei Drittel der Ratssitze innehatten, standen meist in
gutem Einvernehmen mit den Juden und hatten sich geweigert, sie
auszuweisen. Nach langem Zögern und gegen den Widerstand der Juden, die
in dieser freien Reichsstadt nicht ohne Ansehen und Einfluß waren,
führte die Stadt 1462 den kaiserlichen Befehl aus.
Am Wollgraben, dem städtischen Abwasserkanal gegenüber der Stadtmauer,
wurde nun eine zweite Mauer gebaut. Zwischen den beiden Mauern entstand
so eine knapp 100 Meter lange enge Gasse, von den Juden »Neu-Ägypten«
genannt. Sie war begrenzt von drei Toren, die nur tagsüber geöffnet
wurden.
In dieser Gasse lebte bis zum Einmarsch der Truppen Napoleons die
jüdische Gemeinde mit all ihren Einrichtungen: Geldhändler und Trödler,
Viehhändler und Bankiers; Gelehrte, Lehrer, Bäcker und Kunstsammler;
Metzger, Schneider, Schuster; Erwachsene und Kinder; Kranke und Gesunde.
Hier lebten die armen Familien und die reichen, die Baruchs und die
Rothschilds, die Sterns und die Schönbergs. Es war ein kleines
Universum, in zwei gegenüberliegenden Häuserreihen.
In dem Gewirr schmalbrüstiger Häuser, von aneinander- und
ineinandergeschachtelten, nach oben ausgebauten Zimmern und Kammern
entwickelte sich ein wohlgeordnetes, vielfältiges und intensives
Gemeindeleben mit Lehrhaus, Festhaus (»der Juden Tanzhaus«), zwei
Herbergen (zur Bewirtung und Unterkunft von auswärtigen Besuchern und
Studenten), Backhaus, Spital, öffentlichem Bad und einer Synagoge. Es
war eine kleine, aber wohlhabende Gemeinde. Im 16. Jahrhundert wurde sie
durch ihre Gelehrten weit bekannt und trat die Nachfolge der
mittelalterlichen jüdischen Zentren am Rhein an.
Die »Judengasse« wurde zum Mittelpunkt des jüdischen Lebens in
Deutschland, zu einem Versammlungsort der Parnassim (Gemeindevorsteher)
aus dem ganzen Reich. Während der Herbstmesse 1603 zum Beispiel
unternahm eine gleichzeitig stattfindende Rabbinerversammlung den
Versuch, die Juden Süd- und Westdeutschlands in einem Verband zu
vereinen, scheiterte aber am Partikularismus einiger Gemeinden und ihrer
Rabbiner.
Doch wurden auf dieser Versammlung wichtige Beschlüsse angenommen, so
etwa: »Kein Rabbiner soll in Deutschland ein Rabbinerzeugnis ausstellen,
ohne das Einverständnis dreier Gelehrter, die in Deutschland
Rabbinerschulen leiten, einzuholen...
Viel Unheil entsteht in Gemeinden und kleinen Orten dadurch, daß
jüdische Frevler mutwillig die Wahrheit zur Erde schleudern und mit
neuen Münzen Handel treiben, die ungültig oder minderwertig sind und von
diesen Betrügern für echte Münzen ausgegeben werden... Darum soll von
heute an jeder, der sich mit derartigen Dingen abgibt... dem Bann
verfallen. Das soll Gesetz sein in jedem Land und Gebiet...
Ist von einem erwiesen, daß er mit Dieben Geschäfte macht... so soll
dieser Bösewicht der Strafe des Bannes anheimfallen...
Wer von Nichtjuden ein Darlehen nimmt oder etwas von Nichtjuden kauft
und nicht bezahlt, soll der Strafe des Bannes verfallen. Kein Jude darf
mit ihm Geschäfte abschließen. Kommt er wegen einer solchen Sache ins
Gefängnis, darf kein Jude sich seiner mit Geld oder Fürsprache
annehmen...«
Von den Judenschaften aller Gemeinden des Reichs in Bann getan,
schlossen sich viele jüdische Hehler nichtjüdischen Diebes- und
Räuberbanden an.
In der Judengasse selbst lebten im Jahr 1463 110 registrierte Personen.
Im Jahr 1520 waren es 250; 1580 gab es bereits 1200, und im Jahr 1610
stieg die Einwohnerschaft auf 2270. Das heißt, auf je einen Quadratmeter
Wohnfläche kam ein Mensch. Unter Ausnutzung buchstäblich jeden
Quadratmeters, jeden nur möglichen Anbaus wohnten und arbeiteten die
Menschen in dieser Gasse. Daß sich unter solch eingeengten Umständen ein
blühendes kulturelles Leben entfalten konnte, war nur außergewöhnlicher
Gemeinschafts- und Selbstdisziplin zu verdanken.
Die Juden durften keinen Landbesitz erwerben, auch kein Grundstück
innerhalb der Stadt. Außerhalb der Gasse war es ihnen untersagt, ein
Handwerk auszuüben, mit Früchten, Waffen oder Seide zu handeln wie die
Christen der Stadt. Nach zehn Uhr abends sowie an christlichen
Feiertagen und an Sonntagen durften sie die Ghettogasse nicht verlassen.
Außerhalb der Gasse mußten sie einen gelben Fleck auf dem Gewand tragen.
Im Jahr 1612 trugen die Frankfurter Zünfte anläßlich der Krönung des
Kaisers Matthias (R 1612-1619) ihre Beschwerden gegen die Patrizier und
Juden der Stadt vor. Viele Handwerker und kleine Kaufleute waren beiden
verschuldet. Sie verlangten eine Zinsherabsetzung für Darlehen von 12
auf 8 Prozent und die Vertreibung aller Juden, die nicht mindestens
15000 Taler Vermögen besaßen. Wie so oft wollte man nicht die Juden
loswerden, sondern die armen Juden. Fünfzig der ärmsten Juden jagte man
tatsächlich aus der Stadt. Aber die Beschwerden über den Zins wurden als
unbegründet abgewiesen. Zwei Jahre später stürmten und plünderten
Handwerker unter Führung des Zunftmeisters Vincenz Fettmilch mit Hilfe
von Stadtgesindel das Ghetto. Die Juden wurden nach fünfstündiger
Gegenwehr, bei der zwei Juden und ein Angreifer ums Leben kamen, auf dem
Friedhof zusammengetrieben. Dreizehn Stunden lang plünderte der Mob
daraufhin weiter, bis endlich der Bürgermeister mit Geharnischten
einschritt. Unter ihrem Schutz konnten rund 1400 Juden die Stadt
verlassen.
Diesmal griff der Kaiser streng durch. Er verhängte über Fettmilch die
Reichsacht, ließ ihn mit vier anderen Anführern festnehmen und köpfen.
Unter Pfeifenklang und Trommelwirbel wurden die Juden wieder in ihre
Gasse zurückgeleitet, diesmal mit einem ausdrücklichen Schutzbrief aus
der Hand des Kaisers, der sein Wappen an einem der Ghettotore anbringen
ließ.
Gegenwehr und Anwendung der Staatsgesetze auch auf Juden hatten den
Fettmilch-Aufstand zu einem Wendepunkt in der Geschichte der Juden in
Deutschland gemacht. Statt einer Pogromwelle wie bei früheren Anlässen
kam es zu einer Beruhigung. Einen Wendepunkt bedeutete auch die
Darstellung der Fettmilchereignisse in den Medien der öffentlichen
Meinung, den illustrierten Flugblättern. Es war wohl das erste Mal, daß
Juden darin nicht verächtlich dargestellt wurden.
Unter den Kindern, die den traumatischen Fettmilch-Aufstand erlebt
hatten, befand sich auch Süßkind Stern (1610-1687). Er wurde einer der
reichsten Frankfurter Juden: Geldwechsler, Perlenhändler, freiwilliger
Aufseher der jüdischen Gemeindebäckerei mit ihren fünf Öfen, Bankier,
Pächter der Salzbergwerke bei Bad Orb, aktives Mitglied einer der beiden
freiwilligen Beerdigungsbruderschaften, Philanthrop. Zudem war er Vater
eines Gelehrten, was sein eigenes Ansehen in der Gemeinde noch erhöhte.
Die meisten Nachkommen von Süßkind Stern, dar
unter die Pariser Rothschilds, blieben Juden. Unter den getauften
Nachkommen befinden sich die portugiesischen Barone von Stern, in
England die Lords Wandworth und Michelham sowie Gräfin Rosse, die Mutter
von Lord Snowdon, der Prinzessin Margaret heiratete, die Schwester
Königin Elisabeths II. von England.
Rabbiner der Gemeinde bis zum Fettmilch-Aufstand war Jesaja Horovitz (um
1555- um 1625). Sein Hauptwerk »Sch`ne Luchot ha-Brit« (Die zwei
Bundestafeln) ist ein Kompendium der jüdischen Religionslehre und ihrer
Gebote. Es trug in hohem Maß zur Verbreitung der jüdischen Mystik im
deutschen und im polnisch-russischen Judentum bei.
(aus: Nachum Tim Gidal: Die Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis
zur Weimarer Republik. Köln 1997, S. 90-91.)
In der Judengasse von Frankfurt am Main
Das Ghetto in Frankfurt am Main war im Jahr 1462 gegen den Protest
der Juden errichtet worden, und zwar am Wollgraben vor der alten
staufischen Mauer, in einem wenig bewohnten Teil der Neustadt (siehe
auch Seite 90).
In der Stadt durften nach einer Verordnung des Magistrats nicht mehr als
zwei Juden nebeneinander gehen, spazierengehen war ihnen verboten. Noch
1764 machten die Juden Frankfurts eine Eingabe, »spazieren zu dürfen...
überall [ist] den Juden der Zutritt in die Spaziergänge erstattet, nur
uns soll der Gang um die Tore verboten sein...« Das Bauamt antwortete,
diese Petition sei ein neuer Beweis »von dem grenzenlosen Hochmut dieses
Volkes, das alle Mühe anwende, um sich bei jeder Gelegenheit den
christlichen Einwohnern gleichzusetzen«.
Erst nach dem Einzug der französischen Armee wurde den Juden das
Spazierengehen außerhalb der Judengasse erlaubt. Die Juden in dieser
Gasse handelten mit Tuch, Leinwand, Pelzen, Knöpfen, Fischbein, Gold,
Silber, Juwelen, Zinn, Kupfer, mit Branntwein, Tabak, Käse, Bier,
Büchern, Münzen und Antiquitäten. Einige von ihnen waren maßgebend in
Wechselgeschäften. Eine Anzahl von ihnen wurde wohlhabend, einige wenige
wurden sehr reich.
Berühmte Bewohner der Gasse waren Mayer Amschel Rothschild (1744-1812),
der Kurfürstlich Hessischer Hoffaktor wurde, und der Schriftsteller Löb
Baruch (1789-1837), der sich nach seiner Taufe Ludwig Börne nannte.
Um 1750 war die Zahl der Wohnhäuser auf etwa dreihundertfünfzig Gebäude
gestiegen. Dennoch lehnte der Rat der Stadt die Überwölbung offener
Abwasserkanäle ab, denn das Wasser »mache beim Löschen von Bränden den
besten Effekt«.
Erst 1811, nach der Bildung des Großherzogtums Frankfurt, wagte es der
liberale Fürstprimas Karl von Dalberg gegen den Protest des Stadtrats,
den Frankfurter Juden, allerdings gegen Zahlung von 440000 Gulden, das
Bürgerrecht zu verleihen. Als nach der Völ
kerschlacht von Leipzig 1813 das Großherzogtum Frankfurt - eine
Napoleonische Schöpfung - zusammenbrach, entzog der Magistrat den Juden
das Bürgerrecht wieder. Das Geld behielt er.
Es gab kaum eine Stadt in Deutschland, in der sich durch Jahrhunderte
hindurch das religiöse Judentum so lebendig entwickelte wie gerade in
Frankfurt am Main.
Wie aber die Judengasse und ihre Bewohner auf den christlichen Besucher
wirkten, davon berichtet Goethe in »Dichtung und Wahrheit«:-
»Die Enge, der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen
Sprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man
auch nur am Tore vorbeigehend hineinsah... Dabei schwebten die alten
Märchen von Grausamkeit der Juden gegen die Christenkinder, die wir in
Gottfrieds Chronik gräßlich abgebildet gesehen, düster vor dem jungen
Gemüt. Und ob man gleich in der neuen Zeit besser von ihnen dachte, so
zeugte doch das große Spott- und Schandgemälde, welches unter dem
Brückenturm an einer Bogen-Wand, zu ihrem Unglimpf, noch ziemlich zu
sehen war, außerordentlich gegen sie: denn es war nicht etwa durch einen
Privatmutwillen, sondern aus öffentlicher Anstalt verfertigt worden.
Indessen blieben sie doch das auserwählte Volk Gottes... Außerdem waren
sie ja auch Menschen, tätig, gefällig, und selbst dem Eigensinn, womit
sie an ihren Gebräuchen hingen, konnte man seine Achtung nicht versagen.
Überdies waren die Mädchen hübsch... Ich ließ nicht ab, bis ich ihre
Schule öfters besucht, einer Beschneidung, einer Hochzeit beigewohnt und
von dem Lauberhüttenfest mir ein Bild gemacht hatte. Überall war ich
wohl aufgenommen, gut bewirtet und zur Wiederkehr eingeladen.«
(aus: Nachum Tim Gidal: Die Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis
zur Weimarer Republik. Köln 1997, S. 158-161.)
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