Baden-Württemberg

Kleine politische Landeskunde


Hrsg.: LpB

1999

 

Kleine politische Landeskunde

Inhaltsverzeichnis

 

Politische Traditionen in Württemberg und Baden

 

Blutritt in Weingarten

Alljährlich findet am Freitag nach Christi Himmelfahrt die große Reiterprozession Oberschwabens statt: der Weingartener Blutritt. Im Mittelpunkt steht dabei die Heilig-Blut-Reliquie, die in der Basilika der Stadt aufbewahrt wird. 
Foto: Rupert Leser

 

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bestanden auf dem Boden des heutigen Landes Baden-Württemberg die traditionsreichen Länder Baden, Württemberg sowie das preußische Hohenzollern. Doch auch diese Staaten waren vergleichsweise neu: Sie verdankten ihre Gestalt der »napoleonischen Flurbereinigung « von Anfang des 19. Jahrhunderts. Bis dahin war der deutsche Südwesten mit seinem kleinkammrigen Bauplan und etwa 600 selbständigen Territorien das klassische Land deutscher »Kleinstaaterei« gewesen. Neben den großen weltlichen Territorialstaaten der Kurpfalz, dem Herzogtum »Wirtemberg« und den badischen Markgrafschaften bestanden diese Strukturen kleiner Kultur aus bischöflichen Territorien (Konstanz, Basel, Straßburg, Speyer, Worms, Mainz), Reichsabteien wie Schöntal, Zwiefalten, Wiblingen, Rot an der Rot, Weingarten, Salem und Tennenbach sowie Deutschordensgebieten wie Mergentheim, Altshausen und Mainau. Auch Österreich hatte mit der »vorderösterreichischen« Ländermasse vom Schwarzwald über die fünf habsburgischen Donaustädte bis zur Grafschaft Hohenberg mit Rottenburg sowie Teilen des Allgäus umfangreiche Besitzungen. Hinzu kamen die Fürstentümer Hohenlohe, Hohenzollern, Waldburg (jeweils mit Unterteilungen), Fürstenberg, Thurn und Taxis sowie zahlreiche kleine Graf- und Reichsritterschaften. Nicht zuletzt befanden sich allein 24 der 51 Reichsstädte des Alten Reiches auf dem Boden des heutigen Baden-Württemberg.

Ein Teil dieser Territorien war evangelisch wie die Kurpfalz, die Markgrafschaft Baden-Durlach und das Herzogtum Württemberg, ein Teil katholisch, die Reichsstädte Biberach und Ravensburg gar paritätisch (Protestanten und Katholiken gleichberechtigt) – getreu dem Grundsatz des Augsburger Religionsfriedens »Cuius regio, eius religio«, wonach der Landesherr die Konfession seiner Bevölkerung bestimmte. Der buntgescheckten Karte der Herrschaftsgebiete im deutschen Südwesten entspricht eine ebenso bunte Konfessionskarte. Nach der »Arrondierung« des Gebiets zu Beginn des 19. Jahrhunderts sollte diese konfessionelle Verschiedenheit zum innenpolitischen Problem werden – in Baden stärker als in Württemberg.

Jedes dieser Ausgangsgebiete des heutigen Bundeslandes weist seine eigenen politischen und kulturellen Traditionen auf, die aus den jeweils spezifischen historischen Erfahrungen stammen. Die besondere Prägekraft der Konfession kommt hinzu, die wiederum von einem Herrschaftsgebiet zum anderen ihre besondere Ausprägung annehmen konnte: So zeichnete Württemberg ein besonders rigoroser Protestantismus mit zahlreichen Sonderbewegungen (Pietismus) aus. Kulturelle Vielfalt und ausgeprägte Individualität haben die Mentalität der Menschen geprägt und sich zu spezifischen regionalen politischen Kulturen verdichtet, die wiederum aufschlussreich für das Verständnis des Landes sein können. Überformt wurden diese Strukturen der kleinen Kultur durch das Vereinheitlichungsstreben der beiden neuen Mittelstaaten »von Napoleons Gnaden«: Baden und Württemberg.

Die Unterschiede beider Länder sind deutlich. Baden erlebte im 19. Jahrhundert einen besonders heftigen Kulturkampf zwischen katholischer Kirche und Staat (mit protestantischem Herrscherhaus und liberaler Beamtenschaft). Auch fand hier 1848/49 die einzige erfolgreiche Revolution auf deutschem Boden statt, die nur durch fremde (preußische) Truppen niedergeworfen werden konnte.

 

Karte "Das heutige Baden-Württemberg am Ende des Alten Reichs"

 

Württemberg war demgegenüber während des Kulturkampfs eine »Oase des Friedens «. Statt einer Revolution gab es hier in der Hauptsache einen parlamentarischen Mehrheits- und Regierungswechsel mit liberalen Reformen – Frucht einer jahrhundertealten ununterbrochenen altwürttembergischen Partizipationskultur.

Von besonderer Bedeutung haben sich auch die unterschiedlichen Erbsitten erwiesen. So kannte Alt-Württemberg fast ausschließlich die Realteilung, also die Aufteilung des gesamten Erbes zu gleichen Teilen unter allen Kindern – was auf die Dauer zu einer enormen Besitzzersplitterung führte. Wenn die so entstandenen »Handtuchfelder« zu klein geworden waren, um eine Familie ernähren zu können, so musste sich diese nach Zusatzverdiensten umschauen. Eine rigorose Arbeitserziehung durch eine wohlmeinende Obrigkeit kam hinzu. So bildete sich eine fleißige, erfindungsreiche und handwerklich geschickte Bevölkerung heraus. Der Kampf um Erbe und Überleben führte zur Entsolidarisierung. Die engen Verhältnisse im Realteilungsdorf, in dem ja auch Häuser und Nutzungsrechte geteilt wurden, ließen keinen Platz für einen »Liberalismus im Alltag« (»Leben und Lebenlassen«) – den es im Politischen demgegenüber sehr wohl gab, im Sinne von Staatsfreiheit.

In anderen Teilen des Landes, in Hohenlohe, im Hochschwarzwald oder in den Teilen des Landes südlich der Donau, die wir heute Oberschwaben nennen, bestand das Anerbenrecht, d. h. der Besitz ging geschlossen auf einen Erben über. Auf diese Weise konnten lebensfähige landwirtschaftliche Betriebe erhalten bleiben. Die vorherrschende Siedlungsform des Einzelhofs erlaubte ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und an »Liberalismus im Alltag «Die Folgen dieser unterschiedlichen Erbsitten sind deutlich: Die Realteilungsgebiete hatten auf dem Weg in die Industriegesellschaft die Nase vorn. Die Region Mittlerer Neckar konnte sich zum industriestärksten deutschen Wirtschaftsraum entwickeln, vor allem für hochspezialisierte und arbeitsintensive Verarbeitungsgüter. Es gab trotz fehlender Rohstoff- und Energiequellen sowie mangelnder Verkehrsanbindung ein großes Angebot an gut ausgebildeten Arbeitern, die dazuhin in Wirtschaftskrisen durch eigenen, wenn auch kleinen Landbesitz abgesichert waren (»Arbeiterbauern«). Auch der industriereiche Rhein-Neckar-Raum um Mannheim ist Realteilungsgebiet. Manche ehemals gut dastehenden Agrargebiete sind demgegenüber deutlich zurückgefallen. Der Reichtum Baden-Württembergs ist seine Vielgestaltigkeit: schon von seinen zahlreichen geografischen Landschaftsformationen her – Rheinebene, Keuperstufenland, Schwäbische Alb, Schwarzwald, Bodenseegebiet und schwäbisches Allgäu. Die Fülle unterschiedlicher historischer Traditionen kommt hinzu: Sie alle haben ihre Spuren hinterlassen – in Gestalt von Residenzen, Schlössern, Kirchen und Klöstern, Städten und Dörfern. Diese vielfältige Kulturdichte prägte die Mentalität der Menschen und damit nicht zuletzt die Wirtschaftsstruktur des Landes.

Klosterkirche St. Blasien

Gelehrsamkeit und Kunst im tiefsten Schwarzwald: St. Blasien. Unter Fürstabt Martin II. Gerbert (1720-1793) war St. Blasien zu einem der europäischen Kulturzentren emporgestiegen. Auf der Höhe der Zeit war auch der 1771 begonnene Neubau der Klosterkirche, der im aufklärerischen Geist zwei geometrische Elementarformen vereint: Kreis und Rechteck, Merkmale der später so genannten »Revolutionsarchitektur«.
Foto: Stadtverwaltung St. Blasien

 

Burg Hohenzollern

Hohenzollern. Durch persönliche Beziehungen gelang es, für die kleinen Fürstentümer Hohenzollern-Sigmaringen und Hohenzollern-Hechingen die staatliche Selbständigkeit aufrechtzuerhalten. Unter dem Eindruck der Revolutionswirren von 1848/49 wurden die beiden Territorien von ihren Landesherren dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. aus dem Hause Hohenzollern angedient. Als Regierungsbezirk Sigmaringen waren von 1850 bis 1945 die Hohenzollerischen Lande Bestandteil der preußischen Rheinprovinz. Somit reichte Preußen – mit der Enklave Achberg – bis ins Allgäu und dicht an den Bodensee heran. Die kleine evangelische Gemeinde Hohenzollerns gehörte bis nach dem Zweiten Weltkrieg zur Rheinischen Landeskirche, während die katholische Bevölkerungsmehrheit von Beginn der kirchlichen Neuordnung im Südwesten Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum heutigen Tag zur Erzdiözese Freiburg zählt.
Foto: Verwaltung Burg Hohenzollern, Hechingen

 

Stadt Ellwangen mit Fürstprobstei

Die territoriale Zersplitterung im deutschen Südwesten musste kein Nachteil sein. Sie hatte eine immense Kulturdichte zur Folge, was sich nicht zuletzt in einer Fülle stolzer Residenzen zeigt. Auf unserem Bild die Stadt Ellwangen einst Hauptstadt der gleichnamigen Fürstprobstei, mit romanischer Stiftskirche, Jesuitenkirche (heute protestantische Pfarrkirche) und Schloss der Fürstpröbste.
Foto: Verkehrsamt Ellwangen

 

Grafik "Reicher Bauer"

Dem reichen, wohlbeleibten Bauern aus dem neuwürttembergischen Anerbengebiet steht der Realteilungsbauer aus Altwürttemberg nach der seine gesamte Habe schultern kann. So sah es der Biberacher Maler Johann Baptist Pflug Anfang des 19. Jahrhunderts
Grafische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart

 

Mannheim

Mannheim, mit 310.400 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes, war schon immer einer der wichtigsten Industrieorte im Südwesten – nicht zuletzt dank seiner günstigen Verkehrslage an der Mündung des Neckars in den Rhein. Das Bild stammt aus der Zeit um 1900, als rauchende Schlote noch als Ausweis von Fleiß und Fortschritt galten.
Archiv Städtisches Reiß Museum Mannheim

 


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