Politische Partizipation der Frauen - ein Schwerpunkt der Frauenbildungsarbeit der Landeszentrale
"Alles, was ich ihnen sagen kann, ist, daß
ich entdeckte, als
ich zu schreiben begann,
daß eine Frau -
es klingt so einfach, aber ich sollte mich schämen, ihnen zu
sagen, wie lange ich brauchte,
das selbst zu entdecken -
nicht ein Mann ist.
Ihre Erfahrung ist nicht die gleiche. Ihre Traditionen sind
anders.
Ihre Werte, sowohl in der Kunst wie im Leben, sind ihre
eigenen.1
(Virginia Woolf)
Zwischen 20 und 50 Anmeldungen für ein politisches Seminar, das war und ist immer wieder überraschend, wenn irgendwo im Land das Projekt "Unsere Stadt/Unser Kreis braucht Frauen..." startet.
Die allgemeinen Erfahrungen in der Erwachsenenbildung zeigen doch eher, daß insbesondere politische Angebote oft nur mühsam auf die erforderlichen Mindestteilnahmezahlen kommen. Und dies erst recht nicht, wenn die Seminare längerfristig angelegt sind, z. B. sich über 10 bis 12 Abende erstrecken, wie es bei "Unsere Stadt braucht Frauen" üblich ist. A1lerdings zeigen die Erfahrungen der Frauenbildung, daß zeitlich längerfristig angelegte Veranstaltungen Frauen und ihren Zeitstrukturen entgegenkommen. "Aus der Not der nur stundenweisen Abkömmlichkeit von Frauen hat die Frauenbildungsarbeit längst eine Tugend gemacht. Sie setzt auf langfristige, den Alltag von Frauen begleitende Bildungsprozesse. "2
Was macht "Unsere Stadt braucht Frauen" attraktiv für die Frauen? Was ist das Besondere an diesem Modellprojekt, an unserer Konzeption?
Wir denken, daß wir einige grundlegende inhaltliche und methodisch-didaktische Prinzipien der politischen Frauenbildungsarbeit berücksichtigt haben und damit den Wünschen vieler Frauen entsprechen.
Unser Kursmodell ist darauf angelegt, das politische Engagement von Frauen zu fördern und dieses in erster Linie ortsbezogen, dort, wo für Frauen Politik direkt erfahrbar und nachvollziehbar ist.
Unser Ziel ist es, Frauen anzuregen und zu ermutigen ihre eigenen Lebenserfahrungen in einem gesamtgesellschaftlichen Erkenntniszusammenhang zu setzen, sich gesellschaftliche Strukturen und Prozesse bewußt zu machen und sie zu durchleuchten, insbesondere unter dem Aspekt der bestehenden Geschlechterverhältnisse. Es gibt keinerlei Begründungen dafür, daß Frauen sich mit ihrer "gesellschaftlichen Zweitrangigkeit" abfinden müssen - dieses zu begreifen und selbstbewußt verändern zu wollen, ist ein wichtiger Schritt der Frauen hin zu mehr Demokratie in unserer Gesellschaft.
Wir möchten Frauen bestärken, sich ins "Alltägliche" einzumischen, sich für persönliche wie gesellschaftliche Veränderungsprozesse Mut und Kraft zu holen, damit sie sich endlich zutrauen, aktiv zu werden, um ihre Lebenswelten mitzugestalten und zu verändern.
"Unsere Stadt braucht Frauen" vermittelt unser Erachtens allein schon durch den Kurstitel, daß das "Lernziel" nicht allein Fort- und Weiterbildung ist, sondern auf Aktionen und Handeln, auf konkretes Engagement angelegt ist.
Mehr politische Partizipation der Frauen ist das Ziel unseres Projekts. Vor allem wollen wir Frauen aller Altersgruppen und aus möglichst vielen gesellschaftlichen Bereichen zur Teilnahme gewinnen. Unsere Konzeption ist, daß jeweils die Frauenbeauftragte vor Ort die erste Ansprechpartnerin für die Landeszentrale wird. Mit ihr zusammen versuchen wir, Frauengruppen und Frauenorganisationen einzubeziehen (z.B. Hausfrauenbund, Landfrauen, Mütterzentren), selbstverständlich die örtliche Volkshochschule und die kirchlichen Bildungsträger und wenn vorhanden, die Familienbildungsstätten. Leider gibt es in Baden-Württemberg bisher relativ wenige Frauenbeauftragte (im Vergleich zu anderen Bundesländern), so daß häufig andere Kooperationspartnerinnen die Federführung übernehmen müssen. Diese haben allerdings weitaus mehr Mühen mit der Organisation und Planung der Seminare, da ihnen im allgemeinen die entsprechende Infrastruktur fehlt, die ein kommunales Frauenbüro zur Verfügung hat.
Es war von Anfang an ein zentrales Anliegen des Fachreferates Frauenbildung der LpB zu erreichen, daß die verschiedensten Frauengruppen, Frauenverbände, Bildungseinrichtungen etc. zusammenkommen, um in gemeinsamer Trägerschaft dieses politische Seminar durchzuführen. Wo dieses gelungen ist, hat sich daraus häufig ein stabiles Frauennetzwerk gebildet, das weitere Frauenaktivitäten in der Stadt / im Kreis initiiert, fördert und stützt.
Für die Teilnehmerinnen der Seminare bot u. E. die gesellschaftliche Bandbreite der Trägerinnen des Konzeptes eine positive Bestärkung zur Teilnahme. Sie konnten sicher sein, daß weder parteipolitische noch konfessionelle Ausrichtungen dominierten. Die Vielfalt der weiblichen Lebensentwürfe, die in den Seminaren sichtbar wurde, war häufig ein Garant für lebhafte Diskussionen - ein weiterer Garant war die im allgemeinen als 2-er Team, "Tandem", organisierte Leitung der Kurse. Einen Anreiz dazu bot die Finanzierung durch die LpB; für zwei Kursleiterinnen gab es entsprechend mehr Honorar. Aus mehreren Gründen favorisierten wir ein Leitungsteam. Zum einen wurde so die oben genannte Überparteilichkeit und Meinungsvielfalt ermöglicht und die Teilnehmerinnen hatten die Möglichkeit, ganz unterschiedliche Frauen in der Leitungsfunktion mit unterschiedlichen Herangehensweisen zu erleben. Auch zeigte sich, daß die örtlichen Kontakte bei zwei Leiterinnen breiter waren und vor allem wurde hier ganz praktisch dem weitverbreiteten Vorurteil begegnet, daß Frauen nicht miteinander "können" und eher Konkurrentinnen sind denn Partnerinnen. Da die Teilnehmerinnen als Expertinnen ihrer Situation und als Kennerinnen ihrer Stadt und Gemeinde verstanden werden, sind sie ebenso wie ihre Kursleiterinnen gefordert, sich einzubringen und mit- und voneinander zu lernen.
Ein didaktisches Prinzip der Frauenbildungsarbeit ist es, auf die Prozeßorientierung bzw. Offenheit der Bildungssituation zu achten. Die Seminarinhalte für "Unsere Stadt braucht Frauen" werden von den Trägerinnen und Kursleiterinnen im allgemeinen für die ersten vier bis fünf Abende festgelegt, danach entscheiden die Teilnehmerinnen über die folgenden Themenbereiche und nehmen so Einfluß auf den weiteren Bildungsprozeß.
Neben dem Informationsbedürfnis und der Wissensvermittlung z. B. über Kommunalpolitik sind Selbstbehauptung und Rhetorik hauptsächlich gewünschte Themenschwerpunkte in der zweiten Kurshälfte. Im allgemeinen wird ein Kursabend genutzt, um die Zusammenhänge zwischen weiblicher Sozialisation und Rede- und Durchsetzungshemmungen zu erörtern. Oft wird z. B. ein Wochenendseminar im Anschluß an den Kurs selbst organisiert, wo die Frauen eine intensive rhetorische Schulung erfahren.

Zeichnung: Barbara Hömberg 9
Nachfolgeseminare oder Zukunftswerkstätten zu unterschiedlichen Themen gab es auf Initiative der Teilnehmerinnen in zahlreichen Städten. Häufig geben aktuelle Anlässe die Ausrichtung des Bildungsinteresses vor, wie z. B. in der Einrichtung eines Arbeitskreises Stadtplanung aus der Frauenperspektive in Esslingen oder im konkreten Engagement für die Einrichtung eines Familien- und Kommunikationszentrums in der Stadt wie z. B. in Herbrechtingen.
Wenn politische Frauenbildung erreicht, die Eigeninitiative von Frauen zu fördern, wenn sie vermag, Frauen zu motivieren, aktiv ins Alltagsgeschehen einzugreifen, politische Handlungsfelder zu erkennen, wenn es ihr gelingt, daß Frauen gewohnte Bahnen verlassen und ihre Meinung, Interessen, Forderungen aktiv einbringen und durchsetzen, dann hat sie ihr Ziel erreicht.
Anmerkungen:
1. Virginia Woolf, Frauen und Literatur, Essays. Frankfurt am Main
1992, S. 221
2. Waltraud Cornelißen, Christine Voigt (Hrsg.): Wege von Frauen in die Politik,
Bielefeld 1995, S. 66
9. Evelyn Schultz-Medow: Nehmen sie kein Blatt vor den Mund! Ein Rede-Kurs für Frauen.
Hamburg 1992.