Exkurs: Politische Frauenbildung


Seit den 70er Jahren - parallel zur Entwicklung der neuen Frauenbewegung in der BRD - gibt es in den Einrichtungen der Erwachsenenbildung spezifische Frauenbildungsangebote. Zunächst eher in Frauenzentren und Frauenverbänden, dann in den Volkshochschulen und bei kirchlichen, gewerkschaftlichen oder (partei-)politischen Bildungsträgern, in den Landeszentralen für politische Bildung und anderen Instituionen und Organisationen wurden die Interessen und Belange von Frauen aufgegriffen und in unterschiedliche Weiterbildungsangebote umgesetzt.

Standen in den Anfängen die Selbsterfahrungsgruppen und Frauengesprächskreise absolut im Zentrum der Bildungsarbeit, so zielten in den 80er Jahren die Angebote verstärkt darauf, die Partizipationsmöglichkeiten von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen zu verbessern. Frauen wollten Frauen befähigen, sich gegen die vielfältigen geschlechtsspezifischen, gesellschaftlichen Benachteiligungen zur Wehr zu setzen, kritisch ihre Stellung in der Familie, im Beruf und in anderen gesellschaftlichen Bereichen zu reflektieren und nach Veränderungsmöglichkeiten zu suchen.

Die Erfahrungen der Frauen von ihrer Benachteiligung in dieser Gesellschaft waren die Grundlage für die Definition der Ziele politischer, d.h. feministischer emanzipatorischer Frauenbildungsarbeit.3 Es ging um


Die Wege zu diesen o. g. Zielen führten die Frauen zunächst über die Selbsterfahrung und Selbstreflektion zu einer kritischen Analyse von eigenen, selbsterlebten oder bei anderen Frauen erfahrenen, geschlechtsspezifischen Benachteiligungen.

Das Ansetzen bei den eigenen, persönlichen Lebenserfahrungen der Frauen wurde in der Frauenbildungsarbeit zu einem grundlegenden Prinzip. Allerdings: "Soll das Private auch politisch werden, darf es nicht im Individuellen steckenbleiben ... So gehören zu politischer Bildung das bewußte Aneignen und Vermitteln von Wissen über die Lage von Frauen in Vergangenheit und Gegenwart, über gesellschaftliche Strukturen und Prozesse über unseren begrenzten Erfahrungshorizont hinaus....In der Bildungspraxis geht es immer wieder neu darum, die Verbindungen von Individuellem und Gesellschaftlichem, von Subjektivem und Objektivem herzustellen. Es ist eine Gratwanderung, die persönlichen Erfahrungen ernstzunehmen, aber sich nicht in ihnen zu verlieren. 5

Frauen erarbeiteten sich eine zunehmend kritische Sichtweise der herrschenden, patriarchalen Strukturen auf allen gesellschaftlichen Ebenen - bis hin zur Familie. Frauen hinterfragten ihre eigene Lebenssituation und Lebenspraxis, sie begriffen die Strukturen der geschlechtsspezifischen Rollen und Arbeitsverteilung und die gesellschaftliche Abwertung der Frauen- und Familienarbeit. Sie thematisierten Ursachen und Wirkungen der herrschenden gesellschaftlichen Praxis in ihren historischen Zusammenhängen auf der Basis von Erkenntnissen feministischer Forschung.

Frauen suchten gemeinsam Wege zur Veränderung ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Situation. Sie organisierten Aktionen zur Durchsetzung ihrer Interessen, machten die Öffentlichkeit auf Frauendiskriminierung aufmerksam; sie entwickelten Seminare, Frauenforen, Ausstellungen und politische Plattformen für Diskussionen u.s.w..

Die Situation der Frau in Ehe und Familie, in Beruf und Arbeitswelt, in der Gesellschaft und in der Politik waren erste Schwerpunkte der Frauen-Diskussionen. Die Themen weiteten sich aus auf Frauen und Frieden, Frauen in der Dritten Welt, Frauen und Gesundheit, Ökologie, Frauen in der Lebensmitte, Frauenrechte, Frauenförderung, Frauengeschichte, Frauenforschung, Frauen und Gewalt und vieles mehr.

Frauen entwickelten neue Methoden in der Bildungsarbeit, entdeckten ganzheitliche Ansätze für ihre Lernprozesse.

Emotionale, körperliche und geistige Lernschritte im Zusammenhang zu sehen und vor allen methodisch in Bildungsveranstaltungen zu integrieren, machte eine ganz neue Qualität des Lernens aus.

Frauenbildung geschieht längst nicht mehr unter dem Blickwinkel "etwas nachholen, bzw. aufholen zu müssen", also unter einer Defizitperspektive. Im Gegenteil: Frauen knüpfen an ihren Kompetenzen an, bevorzugen Frauenseminare und wollen sich "ungestört von männlichen Konkurrenzverhalten, unabhängig von männlichen Arbeitsstrukturen und männlichen Politikverhalten mit den im politischen Raum auf sie zukommenden Anforderungen auseinandersetzen und gemeinsam mit anderen Frauen erproben."6

Die politische Frauenbildung Ende der 80er Jahre und jetzt in den 90er Jahren nimmt immer stärker das Geschlechterverhältnis7 in den Blick, zusätzlich zur grundsätzlichen Frauenperspektive. Und sie thematisiert die Differenzen unter Frauen, ohne die Tatsache zu verkennen, "daß Frauen noch immer "Gleiche" eines Geschlechts sind, als solche wahrgenommen und entsprechend normiert werden".8

Konstruktiv für die Planung und Konzeptionierung von Frauen-Bildungsveranstaltungen ist  u. E. das Bild der Waage, das im "Rahmenplan Frauenbildung" entwickelt und ein didaktisches Prinzip der Balance von Differenz und Gleichheit in der Frauenbildung beschreibt. In der Konzeption einer "Lebenslagenbegleitenden Weiterbildung von Frauen" sehen die Autorinnen ein didaktisches und systematisierendes Prinzip, in dem sich die Diskussion um Differenz und Gleichheit unter Frauen wiederfindet, die sie als ein dialektisch bedingtes Verhältnis begreifen. "Es geht nicht mehr um ein Entweder-Oder-Denken, das sich bei Teilen der Frauenbildung in einer einseitigen Ausrichtung auf berufliche oder politische Bildungsarbeit ausdrückt. Statt dessen gilt es, zu einem Sowohl-Als-Auch zu gelangen: Auf der Ebene der Angebotsplanung und der konkreten Kurspraxis können beide Stränge miteinander verschränkt, muß immer wieder die Balance von Differenz und Gleichheit zwischen Frauen hergestellt werden." Hier eröffnen sich neue Perspektiven der Frauenbildung, die Frauen unterstützen können "auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Teilhabe im privaten wie öffentlichen Bereich."10


Anmerkungen:

 3. Zur Diskussion um emanzipatorische und/oder feministische Frauenbildung vgl. Renate Wurms in: "Von Frauen für
     Frauen", S. 29, die zu dem Schluß kommt, daß beide Ansätze in der Bildungspraxis selten voneinander getrennt werden,
     daß die Grenzen in der Praxis fließend sind. Karin Derichs-Kunstmann sieht Unterschiede eher darin begründet, in
     welchem organisatorsichen Zusammenhang Frauenbildungsarbeit stattfindet (ob z.B. in selbstorganisierten, alternativen
     Frauenprojekten oder in Institutionen der allg. oder polit. Erwachsenenbildung).
 4. Karin Derichs-Kunstmann, S. 14 ff. In: Waltraud Cornelißen, Christine Voigt (Hrsg.): Wege von Frauen in die Politik
 5. Renate Wurms: "Von heute an gibt's mein Programm" - Zur Entwicklung der politischen Frauenbildungsarbeit, S. 34 ff.
     In: Von Frauen für Frauen: Ein Handbuch zur politischen Frauenbildungsarbeit. Hrsg. von der AG Frauenbildung und
     Politik.1. Aufl. Zürich, Dortmund 1992
 6. Karin Derichs-Kunstmann, a.a.O.: S. 20
 7. Zu dieser Diskussion vgl:: Dokumentation der Konzertierten Aktion für Weiterbildung: "Einmischung erwünscht -
     Politische Weiterbildung für Frauen." Werkstattgespräch vom 10. bis 12. Oktober 1994 in Bonn. Hrsg.:
     Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, Bonn 1995 und ders.: Dokumentation:
     "Lernen und Kommunikationsverhalten von Frauen und Männern in der Weiterbildung." Werktstattgespräch am 22. und
     23. November 1995 in Bonn. Bonn 1996
 8.  Ursula Eberhardt, Katarina Weiher (Hrsg.): Differenz und Gleichheit von Frauen. Rahmenplan Frauenbildung.
      Frankfurt am Main, 1994.
10. Ursula Eberhardt, Katarina Weiher (Hrsg.): Differenz von Gleichheit von Frauen. a.a.O.: S. 55