Exkurs: Politische Partizipation
Sind junge Frauen politisch desinteressiert oder gar unpolitisch?
Auch unsere Erfahrungen aus vielen Projekten "Unsere Stadt braucht Frauen"
scheinen die Erkenntnisse der '93 durchgeführten Untersuchung des Allensbacher Instituts
widerzuspiegeln und zu bestätigen. In den Seminaren fanden und finden sich junge Frauen
tatsächlich eher selten ein. Laut der Allensbach-Studie "Junge Nichtwählerinnen.
Eine Analyse der Entwicklung, Anzahl, Struktur und Motive junger Nichtwählerinnen"5
stieg das politische Interesse von Frauen seit den 50er Jahren zwar von 11 Prozent
auf 40 Prozent im Jahr 1990 an, ist seitdem jedoch wieder rückläufig; das Gefälle des
politischen Interesses zwischen Frauen und Männern blieb mit 25 Prozent konstant.
Auffallend ist, daß bei jungen Frauen zwischen dem 18. und 29. Lebensjahr das politische
Interesse stagniert, während es sich bei Männern in dieser Altersspanne sprunghaft
weiterentwickelt. Auch die neuere ipos-Umfrage vom November 1995 zum Thema
"Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Wirklichkeit und Einstellungen in der
Bevölkerung" kommt zu ähnlichen Ergebnissen: "In beiden Teilen Deutschlands
interessieren sich deutlich mehr Männer als Frauen für Politik. In den alten wie in den
neuen Bundesländern äußert jeweils die Mehrheit der männlichen Bevölkerung
politisches Interesse, von den Frauen sind dies im Westen nur 45 % und im Osten nur 41 %.
Darüber hinaus weisen jüngere Befragte seltener politisches Interesse auf als ältere.
Dies gilt insbesondere für die 16- bis 24jährigen, von denen sich im Westen 38 %, im
Osten sogar nur 26 % für politische Belange interessieren. Umgekehrt sind die 40- bis
59jährigen überdurchschnittlich häufig an Politik interessiert. Das geringere
politische Interesse bei Frauen besteht in
allen Altersgruppen."6 Eine zweite Allensbach-Studie mit dem Titel
"Politisches Interesse und Entwicklung des Interessenspektrums zwischen dem 20. und
30. Lebensjahr"7 suchte nach den Ursachen und kommt zu folgenden
Ergebnissen (Auszug):
Wie bereits im Kapitel I.2 erwähnt, sprechen die traditionellen Strukturen der Politik und die parteipolitischen Rituale die Frauen weniger an als die Männer. Diese zweite Allensbacher Studie erklärt dies damit, daß die "zeitlich und inhaltlich nicht klar umrissenen Funktionärstätigkeiten, Diskussionsrunden ohne vorformulierte Ziele und die Behandlung von Themen, bei denen kaum individuelle Einflußmöglichkeiten gesehen werden" bei jüngeren Frauen oft das Gefühl der Enttäuschung, Ratlosigkeit und Ohnmacht hervorrufen.
Dies bedeutet jedoch nicht die absolute politische Untätigkeit der Frauen. Vielmehr setzen sie sich verstärkt für gezielte Projektarbeit ein. "Persönliche Betroffenheit, Ziele im persönlichen Nahbereich und die Chance, etwas zu bewegen, konkrete Erfolgsaussichten sind die Bedingungen, die Frauen für politisches Engagement setzen", zeigte die Untersuchung.
Das Fazit der Studie zeigt auf, daß Frauen, und insbesondere junge Frauen, sich nur in geringem Maße an den traditionellen Formen der politischen Arbeit beteiligen. Vielmehr wenden sie sich bewußt den unkonventionellen Formen der Politik zu. Wenn in Untersuchungen immer wieder ein weibliches Desinteresse an Politik oder ein Defizit an politischer Partizipation bei jungen Frauen herausgefunden wird, so fragt B. Meyer8 zu Recht nach dem Verständnis von Politik, das den Untersuchungen zugrunde liegt. Sie stellt eine Geschlechtsspezifik im Politikverständnis fest und in den Erwartungen an das, was Politik ausmacht.
"Der traditionelle Politikbegriff kann mit seiner klaren Trennung in Ressortzuständigkeiten die zunehmende Komplexität moderner Gesellschaften kaum noch erfassen. Aktuelle Themen wie Ökologie, Familie, Gewalt, Demokratie liegen quer zu diesen. Man muß heute von unterschiedlichen Politikverständnissen ausgehen: von einem weiteren, institutionell-übergreifenden Politikbegriff innerhalb der Frauenbewegung, der potentiell alles (Private) auch als politisch wahrnimmt, und einem engeren, "männlich" geprägten, traditionellen, auf Institutionen bezogenen Politikbegriff. Diesen benutzen Frauen teilweise selbst, wenn sie sich als politisch eher desinteressiert bezeichnen, ohne ihr soziales Engagement miteinzubeziehen, und er liegt auch der Umfrageforschung zugrunde:"9
Birgit Meyer plädiert für ein neues Politikverständnis, das den traditionellen Politikbegriff, der den Bereich des Nicht- öffentlichen übersieht, verabschiedet. Im Politikverständnis der Neuen Frauenbewegung liegt ein Ansatz, der es möglich macht, das politische Interesse von Frauen angemessen zu beurteilen. Die geringere politische Partizipation wird den Frauen als Defizit angelastet; als ein "Weniger" festgestellt, anstatt zu erwägen, ob und warum Frauen eventuell ein Interesse an anderen politischen Institutionen, an anderen Sichten und Inhalten haben. In diesem "anderen" Politikverständnis der Frauen, so zitiert Birgit Meyer Rossana Rossanda, liegt "womöglich der Keim sowohl einer Krise der traditionellen Politik als auch einer Kritik, die eine andere Politik einleiten könnte."10
Es sind u.a. diese Überlegungen, die die Kursreihe "Unsere Stadt braucht Frauen" aufnimmt und in ihr Konzept einzubinden versucht. So wird den Frauen die Möglichkeit gegeben, sich in reinen Frauengruppen politisch auszutauschen und zu lernen. Unterlegenheitsgefühle sollen abgebaut bzw. erst gar nicht aufgebaut werden. Wichtiges Element des Kurskonzeptes ist die Einbeziehung der eigenen Lebenswelt ins politische Geschehen. Es wird nach Möglichkeiten der unkonventionellen Einmischung in den politischen Alltag gesucht. Durch Rhetorik, Selbstbehauptungsübungen, Vermittlung von politischem Wissen werden die Frauen bestärkt und ermutigt, in der Öffentlichkeit aufzutreten.
Anmerkungen:
5. Institut für Demoskopie Allensbach (Hrsg.): Junge
Nichtwählerinnen. Eine Analyse der Entwicklung, Anzahl, Struktur
und Motive junger Nichtwählerinnen, Nov. 1992
6. ipos-Umfrage: "Gleichberechtigung von Frauen und Männern" Wirklichkeit
und Einstellung in der Bevölkerung.
(Nov. 95).Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend, Abt. Frauenpolitik: Materialien zur
Frauenpolitik Nr. 55 April 96, Bonn 1996, S. 85
7. Institut für Demoskopie Allensbach: Politische Interessen und Entwicklung des
Interessenspektrums zwischen 20. und
30. Lebensjahr. Hrsg.: Bundesministerium für Frauen und Jugend,
Materialien zur Frauenpolitik 33/93 Bonn, Juli 1993
8. Birgit Meyer: Die "unpolitische" Frau - Politische Partizipation von
Frauen oder: Haben Frauen ein anderes Verständnis
von Politik. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur
Wochenzeitung Das Parlament, B 25-26/92, S. 6
9. a.a.O.: Beilage Parlament, B 25-26/92, S. 8
10. a.a.O.: Beilage Parlament, B 25-26/92, S. 13