August 2013

Cato Bontjes van Beek © Reproduktion Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Cato Bontjes van Beek - Als junge Frau im Widerstand

Am 5. August 2013 jährt sich Cato Bontjes van Beeks Todestag zum 70. Mal. Hätten die Nationalsozialisten sie nicht im Alter von 22 Jahren ermordet, könnte sie dieses Jahr vielleicht ihren 93. Geburtstag feiern.

Das Licht der Welt
Cato Bontjes van Beek erblickt am 14.11.1920 das Licht der Welt in einem kleinen Ort, der für sein Licht von Malerinnen und Malern geschätzt wird, dem Künstlerdorf Fischerhude in der Nähe von Bremen. Catos Großvater, der Maler Heinrich Breling, ist einer der ersten Künstler, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts dort niederlassen und den Ort nachhaltig prägen. In den 1920er Jahren wird Fischerhude zum Anziehungspunkt für Intellektuelle und LiteratInnen. Heinrich Breling gibt seine Kreativität an seine sechs Töchter weiter, von denen vier künstlerische Berufe ergreifen. Catos Mutter Olga Bontjes van Beek wählt den Ausdruckstanz und später die Malerei als Beruf. Ihr Ehemann und Catos Vater Jan Bontjes van Beek versucht sich in verschiedenen künstlerischen Disziplinen, bevor er sich auf die Keramik festlegt. In dieser Umgebung wachsen Cato und ihre jüngeren Geschwister Mietje und Tim auf. Sie leben behütet, aber frei. Bei den Bontjes van Beek gehen viele unterschiedliche Menschen ein und aus; von den Gesprächen der Erwachsenen profitieren auch die Kinder. Sie lernen früh, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.

Von Fischerhude in die Welt
Cato Bontjes van Beek ist erst zehn Jahre alt, als sie zum ersten Mal von zu Hause fort und in ein anderes Land zieht. In Amsterdam wohnt sie bei einer Tante und besucht eine deutschsprachige Schule. Laut ihrer Schwester Mietje ist es Catos eigener Wunsch, die Welt zu erkunden. Obwohl die Zeit in den Niederlanden nicht nur einfach ist, erhält sich Catos Reiselust. In einem Brief an ihren Vater schildert sie ihren Wunsch, so ferne Ziele wie Tahiti, Mexiko oder Tibet zu bereisen. Zunächst einmal ist jedoch ein Aufenthalt im europäischen Ausland geplant: Im Januar 1937 fährt Cato, inzwischen 16 Jahre alt, nach England, wo sie bis zum Sommer in einer Gastfamilie wohnt. Sie lebt sich schnell ein, wobei ihr Offenheit und Humor helfen:

"Ich weiß nicht, was das ist, aber wo ich hingehe, muß ich die Leute zum Lachen zwingen. Sogar hier in England ist es so."



(Brief vom März 1937 an eine Freundin.
Zitiert in: Vinke, Cato Bontjes van Beek, S. 43“ )

In England trifft Cato ihre erste Liebe, den Studenten John Hall.
Beide interessieren sich für den Buddhismus und setzen sich mit religionsphilosophischen Fragen auseinander. Als John Hall Cato einige Monate später in Fischerhude besucht, verkünden die beiden stolz ihre Verlobung.

Berlin oder der Ernst des Lebens

Anfang August 1937 kehrt Cato aus England zurück nach Fischerhude, um einige Wochen später nach Berlin zu ziehen. Dort beginnt sie eine kaufmännische Ausbildung, ohne allerdings ihre eigentlichen Zukunftspläne aufzugeben. Die Ausbildung soll dazu dienen, dass Cato später in der Kunstkeramik arbeiten kann. In ihrer Freizeit geht sie ihrer Leidenschaft zum Segelfliegen nach. Cato erwartet die Zukunft mit der ihr eigenen Gelassenheit und einer guten Portion Selbstbewusstsein. „Ich werde ja doch immer meine eigenen Wege gehen. Da kann mir ja doch keiner etwas wollen.“ (Brief vom 7. Oktober 1937 an ihre Schwester, in: Cato Bontjes van Beek 1920-1943. Gedenkschrift der evangelischen Liebfrauenkirche in Fischerhude, S. 43).

 „Alle bösen Kräfte“ - Was der Krieg mit sich bringt

Als mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg beginnt, verbringt Cato gerade einige Wochen in Fischerhude. Obwohl sie die Zeit in ihrer Heimat genießt, verfolgt sie die politischen Geschehnisse mit Besorgnis. So schreibt sie im Oktober 1939 an ihre Tante Louise Modersohn-Breling:

„1933 wusste man, daß ein neuer Krieg kommen würde. Er ist nun da. Wie lange er dauern wird, weiß niemand. Alle guten Kräfte und Instinkte werden wieder verlorengehen. Alle bösen Kräfte und Instinkte werden wieder aufkommen."

(Brief vom 24. Oktober 1939 an Louise Modersohn-Breling. Zitiert in: Vinke, Cato Bontjes van Beek, S. 57)

Es ist nicht nur der Krieg auf den Schlachtfeldern, der Cato erschüttert, es ist auch der Krieg der Nationalsozialisten gegen alle Menschen, die sie in ihrer ‚Volksgemeinschaft’ nicht dulden wollen. Sie sieht mit an, wie die Gestapo eine jüdische Familie abführt, die im gleichen Haus wie ihr Vater Jan lebt. Zum ersten Mal wird Cato mit ihrer eigenen Ohnmacht konfrontiert und fordert Taten anstelle von Worten: „Ihr redet nur – und keiner tut etwas dagegen.“ (Zitiert in: Kluge, Vortrag zur Einweihung des Gymnasiums Cato Bontjes van Beek in Achim).

Arbeitsdienst und erster Widerstand
Ende April 1940 wird Cato zum Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen. In Ostpreußen lebt sie im RAD-Lager Blaustein, fühlt sich dort aber sehr unwohl. Cato hat Heimweh nach Fischerhude und ihren Büchern; es fällt ihr schwer, fast niemals allein sein zu können. Bei der Feldarbeit erlebt sie den Erfolg, dass sie als Dolmetscherin hilft sie bei der Verständigung zwischen Bauern und französischen Zwangsarbeitern vermitteln kann. Dennoch leidet Cato unter ihrer Zeit im Arbeitsdienst:

„Manchmal könnte ich an allem verzweifeln und wünsche, ich hätte vor vielen Jahrtausenden gelebt. (…) Vieles in mir stürzt zusammen und verursacht Schmerzen.”

(Brief vom 13. Juli 1940 an Ulrich Modersohn.
Zitiert in: Vinke, Cato Bontjes van Beek, S. 61.)

 

Da ist es ein Glück im Unglück, dass Cato wegen einer Entzündung am Bein den Arbeitsdienst früher als erwartet beenden darf. Nach einem Erholungsaufenthalt in Fischerhude kehrt Cato im September 1940 nach Berlin zurück, um in der Werkstatt ihres Vaters zu arbeiten. Cato teilt nun ein Zimmer mit ihrer Schwester Mietje, die inzwischen ebenfalls in Berlin lebt. Auf dem Weg zur Arbeit in der Werkstatt wird die Aufmerksamkeit der Schwestern auf französische Kriegsgefangene gelenkt, die täglich zur Zwangsarbeit nach Berlin-Grunewald gebracht werden. Hier ergibt sich für Cato und auch Mietje zum ersten Mal die Gelegenheit zum Handeln: Beide tauschen mit den Gefangenen Nachrichten aus und schmuggeln ihnen Zigaretten und nützliche Kleinigkeiten wie Seife und Nähgarn zu. Diese Form von Rebellion beschreibt Mietje als „nicht politisch, aber doch gleichzeitig brisant hochpolitisch“ und „ein Abenteuer“ (Bontjes van Beek, Verbrennt diese Briefe! Kindheit und Jugend in der Hitlerzeit, 1922-1945, S. 79f. Zitiert in: Vinke, Cato Bontjes van Beek, S. 66). Doch während die Schwestern dieses Risiko als aufregend empfinden, zermürbt sie der nächtliche Fliegeralarm. „Wenn doch bloß erst alles vorüber wäre“, wünscht Cato (Brief vom 17. April 1941 an ihre Mutter. Zitiert in: Vinke, Cato Bontjes van Beek, S. 66).

Die Widerstandsgruppe um das Ehepaar Schulze-Boysen
Cato trifft die im Widerstand aktive Libertas Schulze-Boysen in der Wohnung ihres Vaters Jan, vermutlich im September 1941. Die beiden Frauen sind sich auf Anhieb sympathisch und Libertas beschließt nach einigen Treffen, Cato in die Vorhaben der Widerstandsgruppe einzubeziehen. Libertas‘ Mann Harro Schulze-Boysen ist von Catos Offenheit und Begeisterungsfähigkeit ebenso eingenommen wie seine Frau. Cato freut sich über den Kontakt zu den beiden und über die Möglichkeit, sich gegen das NS-Regime zur Wehr zu setzen. Durch Libertas Schulze-Boysen, die Fotos von der Ostfront archiviert, sieht Cato zum ersten Mal schwarz auf weiß, welche Grausamkeiten im Krieg verübt werden. Catos Wille, nicht nur zuzusehen, festigt sich. Sie beteiligt sich an der Herstellung von Flugschriften, weil sie aufklärend wirken will, wie sie einer Freundin aus der Segelfluggruppe erklärt.

Obwohl Cato unter dem Wissen um die Gräueltaten im Krieg leidet, hält sie an ihrem Glauben an das Gute im Menschen fest.


“Man kann es kaum glauben, daß solche Sachen einmal als Gedanken in menschlichen Gehirnen entstanden und dann sogar in die Tat umgesetzt wurden. Und trotzdem soll man den Glauben – auch an die Menschen – nicht verlieren. Es gibt Gott sei Dank noch viele, viele Menschen, die gut sind und das Gleichgewicht hundertfach halten.”



(Brief vom 27. November 1941 an ihre Mutter.
Zitiert in: Vinke, Cato Bontjes van Beek, S. 76)

Die Überzeugung, dass die Mehrzahl der Deutschen keine schlechten Menschen seien, findet sich auch in Flugblättern wieder, die Cato mit anderen Widerstandleistenden verfasst. Die Flugschriften verurteilen die Nazi-Diktatur aufs Schärfste, argumentieren jedoch aus der Perspektive des Volks und erheben so den Anspruch, für eine Mehrheit zu sprechen:

„Bevor man Europa in Ketten legte, versklavte man Deutschland. Mit welchen [sic!] Ideal vor Augen soll das Volk den Krieg führen? Die allgemeine Unfreiheit, der totale Rückschritt, das sind keine Ideale, für die man freudig stirbt, ihr Herren! Das Volk weiss, dass es sich eines Tages vor der Geschichte, vor sich selbst und vor der Welt wird verantworten müssen.“ („Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk!“ (Flugschrift Winter 1941/42, S. 2).

Dementsprechend folgt im Flugblatt die Forderung nach Aufklärung. Die Lesenden werden dazu aufgerufen, Informationen zu verbreiten und sich zu vernetzen: „Die Wahrheit über die wirkliche Lage muß ins Volk dringen. (…) Gebt die Briefe von der Ostfront weiter; sie strafen die verlogenen Darstellungen der Nazupropaganda [sic!] Lügen, sie zeigen wie der Krieg wirklich aussieht.“ (Ebd., S. 5).

Eine Aktion ist in der Widerstandsgruppe umstritten: Anlässlich einer NS-Propagandaausstellung namens „Das Sowjetparadies“ verteilen Harro Schulze-Boysen und mehrere als Liebespaare getarnte Personen Aufkleber mit der satirischen Ankündigung einer Dauerausstellung „Das Naziparadies. Krieg Hunger Lüge Gestapo. Wie lange noch?“ (Klebezettel gegen die NS-Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“, Berlin, Mai 1942). Cato beteiligt sich nicht an diesem Protest. Sie stellt schon nach einigen Wochen der Zusammenarbeit fest, dass die Ideen des Widerstandskreises um die Schulze-Boysens ihren Zukunftsvorstellungen nicht entsprechen. Sie distanziert sich, um auf eigene Faust aktiv zu werden.


"Krieg – Hunger – Lüge – Gestapo – Wie lange noch?" Klebezettel gegen die NS-Propagandaausstellung "Das Sowjetparadies", Berlin, Mai 1942  Foto: Bundesarchiv

Was das Leben mit sich bringt
Neben dem ermutigenden Gefühl, etwas zu bewegen, findet Cato eine weitere Bereicherung in der Widerstandsgruppe um die Schulze-Boysens. Sie lernt dort Heinz Strelow kennen und lieben. Für Cato bedeutet diese neue Beziehung den endgültigen Abschied von John Hall, von dem sie seit Ausbruch des Krieges nichts mehr gehört hat. Obwohl Heinz Strelow verheiratet ist, mieten beiden eine gemeinsame Wohnung. Catos Mutter versucht zusammen mit Strelows Frau Lieselotte, Cato von der Beziehung abzubringen. Diese leidet unter dem Streit und der instabilen Situation. Im August 1942 schreibt sie darüber an eine englische Freundin.


“Ach Kit, ich will nicht alles aufwärmen, es war im Januar, und viel Wasser ist inzwischen die Themse hinuntergeflossen. (…) Der Mann, den ich liebte und er mich auch, ist an allem zerbrochen, die Frau fuhr nach Österreich und arbeitet dort. Und ich? Ja, ich war auch kaputt und erhole mich nun hier in der Einsamkeit.”



(Brief vom 13. August 1942.
Zitiert in: Vinke, Cato Bontjes van Beek, S. 89f)

Die Einsamkeit, von der Cato spricht, ist eine selbst gewählte. Im August 1942 unternimmt sie, was wir heute als eine Selbstfindungsreise bezeichnen würden. Drei Wochen lang wandert Cato allein durch den Böhmerwald und den Bayerischen Wald. So schafft sie es, ihr Leben in Berlin für einige Zeit gedanklich hinter sich zu lassen und sich auf sich selbst zu besinnen. Während dieser Wochen erreicht Cato eine innere Gelassenheit, die aus der Rückschau wie die Ruhe vor dem Sturm wirkt. Ihre Ziele haben sich verändert. Auf der Rückreise formuliert sie, wie sie ab jetzt leben will: „Ich sehne mich nach einer ganz ruhigen Zeit. Viele Strapazen werde ich mir nicht machen. (…) Möglichst viel Gras und Erde möchte ich unter mir riechen und fühlen.“ (Brief vom August 1942 an ihre Mutter. Zitiert in: Vinke, Cato Bontjes van Beek, S. 90).

In NS-Haft: Ein Leben in Gefangenschaft
Ihre Pläne kann Cato nicht mehr umsetzen. Am 30. Juni 1942 wird in Brüssel der Funkspezialist Johann Wenzel verhaftet, der auch mit Schulze-Boysen zusammengearbeitet hat. Mitglieder der Gestapo foltern ihn, bis er ihnen den Funkschlüssel preisgibt und sie damit bereits abgefangene Funksprüche dekodieren können. So kommen die Nazis durch einen verräterischen Funkspruch des sowjetischen Geheimdienstes auch den Schulze-Boysens auf die Schliche. Im Gefängnis fällt Libertas Schulze-Boysen auf eine Falle der Gestapo herein und übermittelt unfreiwillig Informationen über andere Mitglieder des Widerstandsnetzwerks. Am 20. September 1942 werden Cato Bontjes van Beek und ihr Vater in Berlin von Gestapo-Beamten verhaftet. Cato wird in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz gebracht und dort inhaftiert. Erst nach sechs Wochen Haft darf Cato einen Brief an ihre Mutter schreiben. Darin bittet sie um Bücher und verleiht ihrer Liebe zur Familie Ausdruck: „“ (Brief vom 3. November 1942 an ihre Mutter. Zitiert in: Vinke, Cato Bontjes van Beek, S. 98).


“Ach Mama, ich denke eigentlich nie an das, weshalb ich hier bin, sondern nur an Euch. Über den Sinn der Familie viel; was das bedeutet, das wird mir hier ganz besonders klar. Wie arm ist ein Mensch, der ganz allein in der Welt steht. Ich bin so dankbar, daß ich die Gewißheit habe, Euch alle, alle zu haben. Ich will nicht sentimental werden, aber aus einer Zelle kann ich das doch schreiben.”



(Brief vom 3. November 1942 an ihre Mutter.
Zitiert in: Vinke, Cato Bontjes van Beek, S. 98)

 Glaube, Liebe, Hoffnung im Angesicht des Todes:
„Liebe zu Euch allen werde ich dalassen.“

Cato verbringt insgesamt zehn Monate und zwei Wochen in verschiedenen Gefängnissen. Nach ihrer Verhaftung muss sie vier Monate auf einen Prozess warten, dessen Ergebnis von Vornherein feststeht. Am 18. Januar 1943 wird Cato wegen „Beihilfe zur Vorbereitung des Hochverrats und zur Feindbegünstigung zum Tode und zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte“ verurteilt (Spruch des Reichskriegsgerichts. Zitiert in Vinke, Cato Bontjes van Beek, S. 122). Cato ist von diesem Urteil schockiert und kann es nicht fassen, wie sie ihren Mitgefangenen Rainer Küchenmeister wissen lässt: „Aber Rainer, ich bin so sehr vom Leben überzeugt und liebe die Menschen so unendlich, daß ich gar nicht daran glaube, daß es wahr wird.“ (Brief an Rainer Küchenmeister, nach dem 18. Januar 1943, in: Cato Bontjes van Beek, 1920-1943. Gedenkschrift der evangelischen Liebfrauenkirche in Fischerhude, S. 23f).
Nach vier Monaten in Haft hat Cato lange Zeit gehabt, über das Leben und über sich selbst nachzudenken. „Ich bin ja gar keine Kommunistin.“, schreibt sie im gleichen Brief. „Ich bin kein politischer Mensch, ich will nur eins sein und das ist: ein Mensch.“ (Ebd., S. 24).

In den folgenden Monaten gibt sie die Hoffnung nicht auf und schafft es sogar, ihren Humor zu bewahren. So beschreibt sie in einem Brief an Heinz Strelow, wie die beiden sich nach dem Tod wiedersehen werden: „Zigaretten werde ich Dir dann aber nicht mitbringen, ich glaube, dass [sic!] macht einen zu schlechten Eindruck beim lieben Gott“ (Brief vom 17. Februar 1943 an Heinz Strelow, in: Cato Bontjes van Beek, 1920-1943. Gedenkschrift der evangelischen Liebfrauenkirche in Fischerhude, S. 27).


Bontjes van Beek und Heinz Strelow. Foto: Reproduktion Gedenkstätte Deutscher Widerstand

So makaber dieses Szenario anmutet, ist es Cato mit dem Treffen bei Gott durchaus ernst. Sie schöpft viel Kraft aus ihrem Glauben und findet eine innere Ruhe, die ihr hilft, die letzten Monate durchzustehen. Neben dem Evangelium, das sie neu für sich entdeckt, ist es Catos Liebe zu den Menschen, die ihr Empfinden prägt und ihr die Angst nimmt.


“Ich stehe jetzt zwischen Leben und Tod. Die Vorstellung des Todes hat für mich nichts Grausiges, denn ich bin überzeugt davon, daß es den Tod im üblichen Sinne gar nicht gibt. Das, was in mir ist, kann und wird nicht sterben. Aber meine Liebe zu den Menschen ist noch viel größer geworden. Ich hätte in der Nacht nach dem Urteil Bände über die Liebe schreiben mögen, ich war übervoll davon.”



(Brief vom 15. März 1943 an ihre Mutter,
in: Cato Bontjes van Beek, 1920-1943. Gedenkschrift der evangelischen Liebfrauenkirche in Fischerhude, S. 29)

Am 5. August 1943 werden im Berliner Zuchthaus Plötzensee 16 Menschen durch das Fallbeil ermordet, drei Männer und 13 Frauen. Im Dreiminutentakt.


Ausschnitt aus dem Fischerhuder Totenbuch - Gedenkbuch für alle Opfer des 2.Weltkrieges. Cato ist als einzige Frau aufgenommen. Außer dem Lebens- und Sterbedatum liest man einen Bibeltext:„Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus.“ (1.Joh.4)  Foto: Jochen Bertzbach

Am Nachmittag hat Cato einige Stunden Zeit, um Abschiedsbriefe an ihre Geschwister und an ihre Mutter zu verfassen. „Mein Herz ist so übervoll, um Dir zu danken, und die Liebe zu Euch allen werde ich dalassen. (…) Schade, daß ich nichts auf der Welt lasse als nur die Erinnerung an mich.“, schreibt Cato (Brief vom 5. August 1943 an ihre Mutter, in: Cato Bontjes van Beek, 1920-1943. Gedenkschrift der evangelischen Liebfrauenkirche in Fischerhude, S. 33).

Um 19.42 Uhr fällt das Beil.


Fischerhuder Friedhof - Grabstelle der Familien Breling und Bontjes van Beek in Erinnerung an Cato Bontjes van Beek. Foto: Jochen Bertzbach

 

Was bleibt?
Erinnerung hat Cato dagelassen. In Fischerhude und an einigen anderen Orten wird heute ihrem Leben und ihrer Zivilcourage gedacht. Nach dem Ende des Krieges und dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Diktatur muss Olga Bontjes van Beek jedoch um die Reputation ihrer Tochter kämpfen. Wie viele andere Widerstandskämpferinnen und –kämpfer wird Cato ein zweites Mal zum Opfer, weil ihre Leistungen nicht anerkannt werden.

Ihr wird unterstellt, als Volksverräterin Spionage für die Sowjetunion betrieben zu haben. Noch heute ist der von den Naziverfolgern geprägte Name ‚Rote Kapelle‘ für die Widerstandsgruppe um das Ehepaar Schulze-Boysen und Arvid Harnack geläufig, obwohl die darin Wirkenden sich selbst nicht so bezeichnet haben. Der Mann, der das Todesurteil über Cato und viele andere Unschuldige aussprach, wird nie zur Rechenschaft gezogen. Stattdessen liefert Dr. Manfred Roeder, Nazirichter a. D., Informationen über die angebliche „’Spionageorganisation’“ an den US-Geheimdienst (Vinke, Cato Bontjes van Beek, S. 195). Seine Verleumdungen prägen das Bild der sogenannten Roten Kapelle für eine lange Zeit. In der Bundesrepublik Deutschland verbreitet ein antikommunistischer und paranoid anmutender Journalismus die Mär des Spionagenetzwerkes, in der DDR wird dagegen die Idee einer heldenhaften sozialistischen Gruppe gefeiert.

Keine oder falsche Würdigung ihrer Taten haben viele Menschen erfahren, die sich wie Cato Bontjes van Beek gegen das menschenverachtende NS-Regime zur Wehr setzten. Umso mehr ist es heute unsere Aufgabe, dieser Toten und ihrer mutigen Taten zu gedenken.


Eine kleine Straße entlang der Grabsteinmauer im Zentrum des Dorfes Fischerhud. Auf dem Straßenschild ist zu lesen: Cato Bontjes van Beek – Weg.‚Hingerichtet’ in Berlin-Plötzensee.Ein Weg zu ihrem Gedächtnis. Foto: Jochen Bertzbach

August 2013 (Lara Track) 


Quellen- und Literatur

Quellen
    Literatur
      • Kluge, Hannelore, Vortrag zur Einweihung des Gymnasiums Cato Bontjes van Beek in Achim – Landkreis Verden in Niedersachsen www.heidelore-kluge.de/hkw/vortrag.htm
      • Vinke, Hermann, Cato Bontjes van Beek. „Ich habe nicht um mein Leben gebettelt.“, Hamburg/Zürich 2007.
      Sonstige Literatur und Verlinkungen

      Monographien
      • Bontjes van Beek, Mietje, Verbrennt diese Briefe! Kindheit und Jugend in der Hitlerzeit, 1922-1945, Fischerhude 1998.
      • Flügge, Manfred, Meine Sehnsucht ist das Leben. Eine Geschichte aus dem deutschen Widerstand; Dokumentar-Roman, Berlin 1996.
      • Kluge, Heidelore, Cato Bontjes van Beek. "Ich will nur eins sein, und das ist ein Mensch". Das kurze Leben einer Widerstandskämpferin ; 1920 – 1943, Stuttgart 1995.
      Gedenken

      Journalismus


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