Baustein Die Erinnerung darf nicht enden Texte und Unterrichtsvorschläge zum Gedenktag 27. Januar als Bausteine ausgearbeitet von einer Gruppe des Erzieherausschusses der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Stuttgart Hrsg: LpB, GCJZ, 1997 |
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Baustein 15 Andrzej Szczypiorski: "Nacht, Tag und Nacht" Klassenstufe: 12-13 Beschreibungsbene: Grundlinien, Impulse für kurze Unterrichtsreihe Zeitaufwand: 2 Unterrichtsstunden (D), je nach Schwerpunkt erweiterbar Themen: literarische Psychogramme der "befreiten" NS-Opfer/Auschwitz-Gefangenen (Folgen, Bewältigungsstrategien, Gelingen und Mißlungen); polnische Situation nach 1945, Opfer des Nationalsozialismus werden zu Opfern des Kommunismus; Geschichtsmomente, Atmosphäre: erinnertes "altes Polen", Situation nach der Befreiung, "neues Polen" Kombination: Soldaten-Briefe [4]; J. Becker: "Bronsteins Kinder" und Romanverfilmung; Lesung; Essay Szczypiorski "Polen und Juden"; Artikel zum polnischen Gedenken der Nachkriegspogrome (z.B. FAZ, 8.7.1996, S. 5) Andrzej Szczypiorski: "Nacht, Tag und Nacht" @ Andrzej Szczypiorski hatte mit seinem Roman "Die schöne Frau Seidenman" auf spezifisch literarische Weise die Situation Polens unter der NS-Diktatur gezeigt. "Nacht, Tag und Nacht" setzt diese "Chronologie" fort und zeigt das "befreite" Polen zwischen dem Ende der `braunen' und dem Beginn der `roten' Diktatur. Mit der Tageszeitenmetaphorik wird Geschichte gedeutet. Schauplatz, Brennpunkt der Ereignisse ist wiederum Warschau. Szczypiorski schildert, indem er, eingebettet in eine Rahmenhandlung, zunächst unverbundene, einzelne Figuren fokussierende Erzählstränge zu einem Handlungsnetz zusammenführt. Eine Art Galerie von Porträts entsteht, Psychogramme werden in Atmosphäre, Rückblicke und Erzählerreflexionen eingebettet. Die Handlung spielt eine untergeordnete Rolle, passagenweise wird der Text nahezu lyrisch oder essayistisch. Dargestellt werden soll die unmerkliche, schleichende Ablösung zweier unterschiedlich gearteter Diktaturen (vgl. Kommunismus/Nationalsozialismus Kap. 22), die den Menschen in Polen nur eine kurze Verschnaufpause in Freiheit läßt. Die Fabel des Romans bildet die Etablierung des kommunistischen Machtapparats und die Ausschaltung der Gegner. Das Spezifikum des Kommunismus ist aus der Sicht des Romans dabei die Schaffung einer "Welt der totalen Fiktion" (S. 214), genauer, ein Bezugsystem von falschen Anschuldigungen, erpreßten Geständnissen, darauf aufbauenden Verhaftungen unliebsamer Gegner. Ziel ist es, die "Menschen zum Akzeptieren des Absurden zu veranlassen." (S. 212). In diesem Räderwerk von Machterwerb und Machterhalt werden die Einzelmenschen funktionalisiert, werden sie zu Rollenträgern, zu Tätern, Opfern und Zeugen einer schlau erdachten "Wahrheit" (vgl. S. 226). Auch der bestehende Antisemitismus ("Mit tiefster Scham müssen wir zugeben, daß nach dieser furchtbaren Erfahrung, nach der Hölle des Krieges ein Antisemitismus in Polen bestand und noch heute besteht.")1 erweist sich als nützlich und (wieder) funktionalisierbar. Die Juden, die aus den Vernichtungslagern befreit worden sind, werden nun zu Spielsteinen des Kommunismus und finden in der Übergangsphase zur nächsten Diktatur endgültig den Tod. Szczypiorski sieht dies als Endpunkt der gemeinsamen Geschichte von Polen und Juden an: "... vielleicht trennten sich erst damals die Wege der Polen und Juden...". Er setzt dem "jüdischen Polen" auch mit diesem Roman ein "Denk-Mal". Interessant ist vielleicht diese polnische Seite derNS-Opfer-Problematik; außerdem wird hier deutlich gezeigt, daß der "27. Januar" 1945 kein Endpunkt oder gar eine "Stunde Null" war. Wünschenswert wäre sicherlich , sich vergewissern zu können, daß dies alles historisch vertretbar ist; doch der Prozeß der Aufarbeitung läuft in Polen erst an, wie Szczypiorski bei einer Lesung im November 1996 erläuterte. Die Literartur eilt also der Geschichtsschreibung voraus. Inzwischen bleibt Szczypiorski selbst - der Literaturpreisträger, Sejm-Abgeordnete und Solidarnosc-Mitarbeiter - der Gewährsmann für die Richtigkeit des Erzählten. (Sein Ruf ist gut...) Zur Reihenkonzeption:
Die Texte eignen sich auch gut für Lesungen. Mögliche Arbeitsaufgaben:
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