Andrzej Szczypiorski:
"Nacht, Tag und Nacht"
[...] Direkt an der Ecke der Marien-Straße stand wie gewöhnlich ein hochgewachsener, ansehnlicher Jude mit rotem Gesicht und großen blauen Augen, den Knoller ,Kuhmist" nannte. Dieser Jude hieß in Wirklichkeit Szyja Gutmajer und war der wahre König der Devisenhändler in diesem Stadtteil.
Szyja Gutmajer hatte zusammen mit Knoller im Krematorium des Lagers Auschwitz gearbeitet. Irgendwie hatten sie beide überlebt, was sie nicht begreifen konnten. Knoller hatte Antoni einmal erzählt, er habe eigenhändig die Leichen seiner Frau und seiner Tochter verbrannt.
"Was fühlten Sie da?" fragte Antoni. Das war eine Zeit, in der die Menschen von Dingen sprachen, von denen später niemand auf der Welt mehr sprach. Aber damals waren alle irgendwo mit dem Tod vertraut, jeder hatte den Tod gesehen, jeder ihn gestreift, darum sprach man über ihn ziemlich frei wie über eine ganz banale Angelegenheit. "Nichts habe ich gefühlt, antwortete Knoller. "Damals habe ich nichts mehr gefühlt." "Und jetzt?" fragte Antoni. "Jetzt auch nicht", antwortete Knoller.
Szyja Gutmajer bestritt, daß Knoller eigenhändig die Leichen seiner Familie verbrannt hätte. Angeblich war Szyja Zeuge dieser Szene gewesen. Als man Frau Knollers Leiche in den Ofen schob, aß Knoller etwas abseits gerade Suppe. Erst hinterher sagte ihm jemand, vor einem Augenblick hätten sie seine Frau verbrannt. Knoller machte damals eine fürchterliche Szene, er schrie durch das ganze Krematorium, man hätte ihn rufen müssen, wie diese Leute mit ihm umgingen, warum man ihn so unwürdig behandelt hätte.
Knoller widersprach Gutmajers Version nicht. Er behauptete lediglich, er müsse sich an die Einzelheiten nicht erinnern, und fügte hinzu, eigentlich sei der Unterschied zwischen beiden Berichten nicht groß. Doch da rief Szyja Gutmajer ziemlich heftig: Einzelheit ist Einzelheit, wenn man die Einzelheit übergeht, übergeht man die Wahrheit.
Er und Knoller konnten sich nicht leiden. Szyja war ein sehr wohlhabender Mann, er setzte Millionen um und trug goldene Siegelringe an den Fingern. Knoller gehörte zu den armen Juden, schlimmer noch - er weckte kein Vertrauen. Manche erzählten, Knoller gebe der Miliz die Stellen an, wo die Juden ihre Devisen versteckt hielten. [...]
Er [Koller] war dreiundsechzig Jahre alt und wunderte sich manchmal über sich selbst. Nach dem Krieg hatte er kein Bedürfnis nach Frauen mehr empfunden. Als die Russen das Lager und ihn befreiten, hatte er gedacht, er werde demnächst gut essen, gut trinken und mit Frauen schlafen. Monate vergingen, er spürte keinen Hunger und keinen Durst mehr, schlief jedoch nur ganz flach und wollte überhaupt keine Frauen. Eine große Müdigkeit war in ihm. Wenn ich vergessen könnte, dachte er, wäre ich nicht so müde. Aber er konnte nicht vergessen.
Er kann nicht vergessen, dachte Antoni. Sie haben nicht nur seine Frau und Tochter, sondern auch ihn selbst in diesem Krematorium verbrannt. Nur Asche ist übrig geblieben in der Hose, dem Jackett, der Weste, nur Asche ...Schüttelt man den armen Knoller gut durch, fällt er ganz auseinander, und auf dem Bürgersteig bleibt nur ein wenig Staub übrig, sonst nichts. [...]
Die Frauen, die mit Gutmajer lebten, beklagten sich nicht über ihn. Er konnte freigebig und gutmütig sein. Wenn er abends nach ganztägiger Arbeit heimkehrte, aß er erlesene Gerichte und hörte Musik von Schallplatten.
Denn Szyja Gutmajer liebte erstaunlicherweise Musik und Gesang. Er konnte sogar seine Geschäfte vernachlässigen, nur um eine begehrte Platte zu erwerben. Es war allerdings nicht die Zeit der Schallplatten, warum hätten ausgerechnet Schallplatten in einer Welt überdauern sollen, die zerfiel wie ein Kartenhaus, riesige Gebäude zerbarsten zu Staub, Marmor und Granit zersprangen, wie sollten Schallplatten unter besonderem Schutz stehen, nur damit Szyja Gutmajer abends dem Gesang von Caruso oder Schaljapin lauschen konnte?
Szyja reiste nach Lodz, Krakau, Lublin, weil dort noch Menschen lebten, die einst Grammophone besessen und Musik von Platten gehört hatten. Jetzt entsagten sie gewissen Liebhabereien, sie brauchten nämlich eine Hose, ein Kopfkissen, ein Brot, hatten aber kein Geld, nur die Schallplatten. Szyja dagegen besaß viel Geld, er zahlte gut und feilschte überhaupt nicht.
Kaum jemand wußte, daß Szyja wegen seiner Erinnerungen an Schlaflosigkeit litt. Szyjas jeweilige Geliebte wußte es auch nicht, weil er sie am späten Abend aus dem Haus jagte und allein blieb. Seine Geliebte kehrte am nächsten Morgen zurück, richtete in der Küche das Frühstück und trug dann, nackt ausgezogen, das Frühstück ins Schlafzimmer, wo Szyja in seinem großen, weichen Bett unter einem Federkissen lag, weil der begüterte Musiknarr keine Ahnung davon hatte, daß es auch Steppdecken auf dieser Welt gab. Szyja frühstückte, widmete sich dann dem Liebesspiel, um schließlich die Wohnung zu verlassen, während er die Hauswirtschaft der Obhut seiner slawischen Schönheit überließ.
Nachts schlief er überhaupt nicht. Er pflegte dann Umgang mit seiner Erinnerung. Er gedachte seines Heimatorts Knyszyn, der armen jüdischen Häuser, seiner Eltern und Großeltern, seiner Brüder und Schwestern, seiner Frau und seiner Kinder, aber auch verschiedener Einzelheiten, die gewiß im ganzen unwichtig waren, für Szyja jedoch sehr wesentlich, denn eben das war sein verbranntes Leben, das nicht einmal Gott ihm zurückgeben konnte. Nachts pflegte er Umgang mit seiner Erinnerung. Sein großes rotes Gesicht wurde dann naß von Tränen.
Szyja Gutmajer war weder sentimental noch gefühlig, er gehörte zu den harten Menschen, er mochte die Welt nicht, die Menschen mochte er nicht, sogar Tiere und Pflanzen mochte Gutmajer nicht, er pflegte von allem zu sagen, das sei soviel wert wie Kuhmist, das Leben ist soviel wert wie Kuhmist, sagte er oft, oder er sagte zum Beispiel, die Menschen seien Kuhmist, er sagte das ungewöhnlich oft, fast jeden Tag, was bieten Sie mir da zum Kauf an, das soll ein Siegelring sein, das ist kein Siegelring, das ist Kuhmist, so drückte sich Szyja Gutmajer aus, deshalb nannte man ihn gewöhnlich "Kuhmist", er war also überhaupt nicht sentimental und weinte doch bei Nacht, er zerfloß in Tränen der Trauer über den Verlust seiner eigenen Welt, die vor seinen Augen zu Kuhmist geworden war, und es stand außer Frage, daß Szyja Gutmajer subjektiv recht und sogar eine - um es so zu sagen - philosophische oder schlechthin metaphysische Begründung dafür hatte, die Nachkriegswelt als Kuhmist zu betrachten und nachts zu weinen, während er Umgang mit seiner Erinnerung pflegte.
Und nur Caruso, zum Teil auch Beniamino Gigli und Schaljapin, außerdem Brahms, Schumann, Schubert, Tschaikowsky wirkten lindernd auf ihn. Nachts pflegte er Umgang mit der Erinnerung, der Musik und dem großen Kummer. So war sein Leben, das ganz plötzlich und geheimnisvoll endete.
Szyja Gutmajer konnte Knoller nicht leiden. Das war verständlich. Es ist schwierig, einen Menschen zu mögen, mit dem gemeinsam man im Krematorium Leichen verbrannt hat. Während dieser gemeinsamen Beschäftigung erwiesen Gutmajer und Knoller einander eine gewisse Solidarität, sie waren sogar in einer Art schrecklichen Liebe verbunden, von der Adorno später schrieb, sie sei mit den Worten der Poesie niemals wieder auszudrücken. Fraglos ist es Adorno gelungen, eine Saite der menschlichen Seele zu entdecken, von der zuvor niemand eine Ahnung, die sogar niemand im voraus gespürt hatte, und Leute wie Knoller und Szyja Gutmajer wußten nicht einmal, daß in ihnen eine Melodie existierte und gespielt wurde, die kein Instrument zu wiederholen imstande ist.
Doch mit dem Augenblick des Kriegsendes zerfiel diese intime Beziehung zwischen Knoller und Gutmajer, und an ihrer Stelle erschien eine tiefe Abneigung, vielleicht gar Feindseligkeit. Sie gingen sich aus dem Weg, sie machten ihre Geschäfte sogar auf gegenüberliegenden Bürgersteigen. Selbstverständlich hätte einer von ihnen ganz an den entfernten Stadtrand umziehen können, doch gerade auf der Marien- und Kochanowski-Straße blühte der Devisenhandel, und sie beide beschäftigten sich nur damit.
Es kam vor, daß der über zwanzig Jahre jüngere Gutmajer einen heftigen Streit mit Knoller begann. Jenseits der Fahrbahn stehend, verfluchte er ihn laut. Daß du verreckst! rief er plötzlich, ohne jeden Grund, "daß du hundertmal jede Nacht und jeden Tag verreckst!" Knoller schrie dann mit heiserer Stimme: "Du bist schon verreckt, dich gibt es gar nicht mehr auf der Welt, du bist nur Kuhmist und mehr nicht ..."
Die Leute auf der Straße lachten dann, doch es lachten nur die Polen, für die ein solcher Streit so etwas bedeutete wie ein goldener Faden, ein silbernes Bächlein, ein diamantener Steg, die ihren Alltag mit der Erinnerung an die gestorbene Vergangenheit verbanden. Antoni, der sich oft zusammen mit Knoller an der Ecke Marien-Straße aufhielt, obgleich er selbst nicht mit Devisen handelte, sondern auf diese Weise ganz einfach die schrecklichen Stunden der Einsamkeit ausfüllte, die Stunden der Erwartung, die ihn von der abendlichen Begegnung mit Justyna trennten, Antoni veranlaßte Knoller manchmal, den Streit fortzusetzen. "Sagen Sie ihm, Herr Knoller, daß er ein Gauner ist. Szyja ist doch der größte Gauner in der Stadt." "Ich weiß selbst, was ich zu sagen habe", antwortete Knoller unfreundlich.
Antoni und ebenso die anderen Polen, die Zeugen dieser Streitigkeiten wurden, überschwemmte in solchen Augenblicken die fröhliche Welle des früheren Lebens. Sie lachten herzlich, sie gedachten der guten Zeiten, als jüdische Streitereien das normalste Geschehnis auf jeder Straße waren und Polen ganz einfach existierte. Darum konnte es in Augenblicken, da Gutmajer seine Flüche zu Knoller hinüberschrie, manchen Polen so vorkommen, als schwebte der Engel der Vergangenheit, untergehakt mit dem Engel des Glücks, über der Straße.
Die Juden aber lachten keineswegs. Sie standen schweigend, auf ihren Gesichtern lag Strenge, in ihren Augen die Qual. Für die Juden war das keine Erinnerung an alte Zeiten vor dem Krieg. Um sich herum spürten sie in diesen Momenten die heiße Flamme, die Gutmajers und Knollers Gesichter versengt hatte. Sie schätzten diese Streitereien nicht. Sie fingen dann mit heiseren Stimmen an, jiddisch zu sprechen, jemand hakte Gutmajer ein und führte ihn um die Ecke der Kochanowski-Straße, jemand trat auf Knoller zu, stieß ihm mit dem Zeigefinger gegen die Brust und sagte eilig ein paar Worte. Antoni bemerkte die schnelle Veränderung in Knollers Augen, Knoller schüttelte den Kopf und verfluchte Gutmajer nicht weiter.
So waren Gutmajer und Knoller ganz einfach Feinde. [...]