Didaktische Reihe Band 27 Demokratie braucht
Redaktion: Siegfried Frech
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Siegfried Schiele |
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| Demokratie braucht politische Bildung | |
| Man müsste die politische Bildung erfinden Angesichts der riesigen politischen Probleme, die in der nächsten Zeit zu bewältigen sind, müsste man die politische Bildung erfinden, wenn es sie nicht gäbe. Es ist nicht vorstellbar, dass die enormen Reformprozesse zu einem halbwegs guten Ende gebracht werden können, wenn nicht große Teile der Bevölkerung den nicht einfachen Weg mitgehen. Das ist aber nur zu schaffen auf der Basis einer Grundausstattung von politischer Bildung. Im Moment ist diese Grundausstattung nur bei einem kleinen Teil der Bevölkerung vorhanden. Die politische Bildung, die als Vermittlerin zwischen Politik und Bevölkerung dringend gefragt ist und die Arbeit zwingend ausbauen müsste, wird eher ab- als ausgebaut. Schon läutet das Sterbeglöckchen in Hannover bei der dortigen Landeszentrale. Auch sonst sieht die Lage nicht gut aus. In den Schulen wird der Anteil der Sozialkunde bzw. Gemeinschaftskunde eher geschmälert. Das geschieht in manchen Bundesländern zugunsten eines Fachs "Wirtschaft", das aber außerhalb der Regie politischer Bildung eher zu einer fragwürdigen bloßen Wirtschaftskunde verkommen kann. Die Volkshochschulen, die sich zum Teil große Mühe um politische Bildung gegeben haben, können sich bei den finanziellen Zwängen, denen sie unterworfen sind, den "Luxus" politischer Bildung kaum mehr leisten. Und viele freie Träger, die unserer Demokratie gut tun, zittern um ihre Zuschüsse. Gerade jetzt, wo politische Bildung besonders gefordert ist, fristet sie eher ein Mauerblümchendasein. Eine auf politische Bildung konzentrierte PISA-Studie würde in und außerhalb der Schulen zu deprimierenden Ergebnissen kommen. Es ist kaum verständlich, weshalb die politische Bildung so im Schatten steht. Wenn jemand einen Berg besteigt - der Berg der politischen Probleme gleicht einem Mount Everest -, dann nimmt er die notwendige Ausrüstung mit. Sonst gibt es keine Chance auf Erfolg. Die Chancen, die politische Bildung bietet, werden nicht gesehen oder nicht genutzt. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass es nicht gelungen ist, die zweifellos vorhandenen Erfolge politischer Bildung augenfällig zu machen. Nie wieder! Wir sollten uns daran erinnern, dass die politische Bildung nach dem Zweiten Weltkrieg in erster Linie eine Antwort auf die NS-Schreckensherrschaft war. Politische Bildung sollte dafür Sorge tragen, dass sich so etwas nie wieder ereignen könnte. Dieses Engagement war ehrlich und hat vielfältige Früchte getragen. Allein die baden-württembergische Landeszentrale hat zum Beispiel seit ihrer Gründung im Jahr 1972 über 30 Publikationen herausgebracht, die sich mit der Aufarbeitung der NSHerrschaft beschäftigt haben. ,Dazu kommen unzählige Vorträge und Seminare. In anderen Landeszentralen sieht die Lage kaum anders aus. Besonderes Gewicht hat auf diesem Sektor das, was die Bundeszentrale für politische Bildung geleistet hat. Wenn man jetzt noch berücksichtigt, was in Schulen und Hochschulen sowie bei vielen öffentlichen und freien Bildungsträgern zum Thema "Nationalsozialismus" auf die Beine gestellt wurde, dann kann niemand behaupten, es hätte in dieser Hinsicht gravierende Versäumnisse gegeben. Im Gegenteil, die ausgiebige Beschäftigung mit dieser schrecklichen Vergangenheit war notwendig, nützlich und heilsam. Sie ist auch nicht am Ende. So hat die politische Bildung zweifellos großen Anteil an einer umfassenden Beschäftigung mit dem schwierigsten Kapitel deutscher Geschichte und ist damit auch mit dafür verantwortlich, dass Deutschland wieder zu internationalem Ansehen gelangt ist. Dennoch wäre es nicht richtig, nur eine Erfolgsstory zu zeichnen. In der Geschichte der Bundesrepublik gab es immer wieder herbe Rückschläge. In etliche Landesparlamente zogen immer wieder rechtsextreme Parteien ein, die deutlich machten, dass der braune Ungeist noch nicht überall ausgestorben war. Deshalb hat sich die politische Bildung auch stark mit den neonazistischen Umtrieben beschäftigt und auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die von der rechtsextremen Seite drohen. Diese Aufgabe wird künftig ebenfalls im Auge behalten werden müssen. Es ist fast unnötig darauf hinzuweisen, dass sich der Blick auch auf die linksextreme Seite des politischen Spektrums richten muss, obwohl sie im Moment nicht so vital zu sein scheint, wie das zum Beispiel in den Sechziger- und Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts der Fall war. Insgesamt ist das Fazit der politischen Bildung in der Bundesrepublik eher positiv zu werten, wie es zum Beispiel Wolfgang Sander tut: "Es kann mit guten Gründen vermutet werden, dass die politische Bildung in ihren schulischen und außerschulischen Praxisfeldern einen wichtigen Anteil an der Beheimatung der Demokratie in Deutschland hat" (Sander 2002,36). Politische Bildung ist auch bedeutsam in den neuen Bundesländern. Zwar hat sie wegen des schweren Erbes der Staatsbürgerlichen Erziehung aus DDR-Zeiten keinen leichten Stand, ist aber ein Kernstück beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft. Hier ist beim Aufbau vertrauensbildender Maßnahmen besondere Geduld erforderlich. Der Geist der Offenheit und Toleranz, von dem der Beutelsbacher Konsens beseelt ist, sollte bei der polirischen Bildung in den neuen Bundesländern ein besonderes Markenzeichen sein. Dass politische Bildung im Moment keine Konjunktur hat, hängt damit zusammen, dass die Antriebskraft des "Nie wieder!", die nach dem Zweiten Weltkrieg eine starke Motivation gewesen ist, erlahmt ist. Der starke zeitliche Abstand und der erfolgreiche Aufbau einer demokratischen Gesellschaft scheinen die politische Bildung in den Hintergrund zu drängen. Dazu kommen die finanziellen Engpässe der öffentlichen Haushalte, aus deren Perspektive politische Bildung fast wie ein Luxusgut erscheint. Demokratie bedarf der Pflege Über solche Einschätzungen kann man nur den Kopf schütteln. Das kurze Gedächtnis könnte sich bitter rächen. Noch immer ist Demokratie nichts Urwüchsiges. Nach wie vor fallen Demokraten nicht vom Himmel und noch immer ist es möglich, dass man die Demokratie auch wieder verspielen kann. Demokratie bedarf der ständigen Pflege. Und politische Bildung ist nichts anderes als Demokratie-Pflege. Und diese ist heute so wichtig wie gestern und morgen. Paul Ackermann weist in seinem Beitrag nach, dass das Bewusstsein von der Notwendigkeit politischer Bildung schon seit der Aufklärung vorhanden war. Demokratie verlangt geradezu ein Mindestmaß politischer Bildung. Ohne eine Grundausstattung politischer Bildung ist Demokratie nicht denkbar. Natürlich kann man über den Umfang, die Inhalte und Methoden trefflich streiten, aber die Sache selbst sollte in einer lebendigen Demokratie nicht in Zweifel gezogen werden. Man kann es geradezu als ein Krisenphänomen bezeichnen, wenn in einer demokratischen Gesellschaft politische Bildung abgebaut oder gar völlig abgeschafft wird. Freilich macht der Blick in andere demokratische Länder deutlich, dass die Art und Weise der politischen Bildung sehr unterschiedlich sein kann. Es ist auch offenkundig, dass Geschichte und politische Kultur eines Landes für die Dosierung politischer Bildung eine bedeutsame Rolle spielen. Unvergessen bleibt in diesem Zusammenhang die Meinung eines Kollegen aus der Schweiz, der betonte, dass politische Bildung in erster Linie Sache des Vaters sei. Aber es fällt auch auf, dass in den letzten Jahren die Anfragen und Besuche aus anderen Ländern (auch aus der Schweiz!) zunehmen, die sich nach den Modellen politischer Bildung in Deutschland erkundigen und diese gern importieren möchten. Auf diesem Hintergrund könnte das Selbstbewusstsein der politischen Bildung in Deutschland etwas größer sein. Die Daueraufgabe politischer Bildung wird übrigens dadurch unterstrichen, dass zum Beispiel in der baden-württembergischen Landesverfassung das Fach, das sich mit politischer Bildung beschäftigt (Gemeinschaftskunde), in Artikel 21, 2 besonders festgeschrieben ist. Eine zeitlich befristete Aufgabe wäre nie in eine Verfassung aufgenommen worden. Könnte man die Demokratiekompetenz einer Gesellschaft messen, so hätte das Auswirkungen für den Umfang und die Anlage politischer Bildung. Über die Frage der Messbarkeit ist gerade in der "Politischen Vierteljahresschrift" ein Streit ausgebrochen, bei dem jedoch Einigkeit darüber besteht, dass kein Regierungssystem per se demokratisch ist (Abromeit und Fuchs 2004). Die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger, die eine Voraussetzung und ein Maßstab einer funktionierenden Demokratie ist, verlangt zwingend die schon genannte Grundausstattung politischer Bildung. Die baden-württembergische Landeszentrale wollte diesem Gedanken Rechnung tragen und hat deshalb einen "Grundkurs Politik" entwickelt, der von der Theorie her von allen Bürgerinnen und Bürgern absolviert werden sollte. Die Realität sieht aber so aus, dass inzwischen erst knappe zehntausend Interessierte das mit dem Grundkurs verbundene Zertifikat erworben haben. Für eine weite Verbreitung des Ansatzes fehlen die notwendigen Mittel, aber es fehlt bestimmt auch an der Einsicht weiter Bevölkerungskreise, eine solche Grundausstattung an politischer Bildung erwerben zu sollen. Aber zwischen dem, was ist, und dem, was möglich wäre, besteht noch eine weite Kluft. Mit seinem Beitrag in diesem Band versucht Hubertus Buchstein die Welt der politischen Bildung vor Illusionen zu bewahren. Vor allem warnt er vor "Partizipations- Illusionen". Diese Warnung hat schon ihre Berechtigung. Die politische Bildung hat noch nie davon profitiert, wenn sie geträumt hat. Darum sollten wir uns alle intensiv damit beschäftigen, wie es um die Grundausstattung in der Schule und im außerschulischen Bereich bestellt sein müsste. Im außerschulischen Bereich gibt es in diesem Zusammenhang vor allem das schwierige Zugangsproblem. Akademien sind gut und wichtig. Sie lösen aber nicht die Frage des Zugangs zu breiten Schichten der Bevölkerung. Die Zeit der Umbrüche schreit nach politischer Bildung Die bisherigen Überlegungen gelten für die Vergangenheit, sicher aber auch für die Gegenwart und Zukunft. Sie gelten aber ganz besonders für Zeiten gewaltiger Umbrüche und Veränderungen, wie wir sie derzeit erleben. Die Welt verändert sich in rasantem Tempo, dem man kaum mehr folgen kann. Die Politik ist stark gefordert, vielleicht sogar überfordert. Die Veränderungsprozesse sind am besten durch das Wort "Globalisierung" umrissen. Die Computertechnologie ist eines ihrer markanten Kennzeichen. Der weltweite wirtschaftliche Wettbewerb ergreift alle Völker und Nationen. Gewohnte Stabilität und Sicherheit geraten ins Wanken. Orientierungen gehen verloren. Das soziale Netz - bislang ein Markenzeichen unserer sozial ausgerichteten Demokratie - ist brüchig geworden. Dazu kommen noch die globalen Bedrohungen durch ungelöste ökologische Probleme, politische Krisenherde und das Elend der Dritten Welt, das wiederum zu schwer steuerbaren Migrationen führt. Der weltweit agierende Terrorismus und religiöser Fanatismus erschüttern das Gefühl der Sicherheit, wie wir erst vor kurzem in Spanien erleben mussten. Das Gefühl greift immer mehr um sich: So etwas kann auch bei uns passieren. Auch wenn man die "Katastrophen-Didaktik" für einen Fehler hält, muss man doch realistisch bleiben und darf die Lage nicht schöner zeichnen, als sie in Wirklichkeit ist. Die dargestellten Probleme haben eine solche Dimension, dass sie ohne intensive Bildungsarbeit gar nicht vermittelt, geschweige denn gelöst werden können. Es war zwar noch nie einfach, politische Probleme voll zu erfassen, Lösungswege zu verstehen und zu einem fundierten Urteil zu kommen. Wir haben aber seit einigen Jahren eine neue Qualität im Hinblick auf die Komplexität und den Schwierigkeitsgrad der Probleme. Selbst Profis haben heute Schwierigkeiten, die zentralen politischen Probleme voll zu verstehen und sie so zu beeinflussen, dass sie konstruktiv gelöst werden können. Demokratie lebt aber davon, dass sich Bürgerinnen und Bürger aktiv beteiligen und sich nicht ihrem Schicksal überlassen. Wenn sie nun absolut überfordert wären, die zentralen Fragen des politischen Lebens zu verstehen, dann würde unsere Demokratie zu einer eher rein formalen Sache verkümmern. Natürlich gab es auch in der Vergangenheit immer wieder schwierige Fragen, welche die Mehrheit der Bevölkerung stark gefordert und zuweilen überfordert haben, aber die jetzt wirkenden globalen Strukturen machen Analyse, demokratische Debatte und Urteilsbildung zu einer schier übermächtigen Aufgabe. Zwar haben wir in unserer Demokratie das Repräsentativprinzip auch aus Gründen der Komplexität des politischen Lebens. Fachleute, die sich in die jeweilige Problematik tüchtig einarbeiten, vertreten die Bürgerinnen und Bürger, die selbst dazu nicht die Zeit und zum Teil auch nicht die Fähigkeiten haben. Heute ist es aber auch selbst für die Abgeordneten nicht einfach, ein fundiertes Urteil zu gewinnen. Die Bevölkerung ist in der großen Gefahr, Stimmungen und Strömungen zu folgen, deren Richtung sie überhaupt nicht einschätzen kann. In dieser Lage spielen die Medien eine wichtige Rolle. Sie können aufklärend wirken und tun das zum Teil auch mit gewissem Erfolg. Nicht umsonst hat einst schon Theodor Eschenburg den "reflektierten Zeitungsleser" zum Ziel politischer Bildungsarbeit erkoren. Aber der Kreis dieser Leserinnen und Leser ist klein, zu klein. Und über das Fernsehen ist die politische Aufklärung nur sehr bedingt möglich. Mit Unterhaltung allein sind die harten politischen Nüsse nicht zu knacken. Dazu kommt, dass die didaktische Kompetenz zur Elementarisierung schwieriger politischer Sachverhalte in den Medien weitgehend fehlt. Die Lösung der Problematik kann also nur über qualifizierte und verstärkte politische Bildungsarbeit kommen. Sie hat die Möglichkeit, die zentralen Probleme ohne interessengeleitete, ideologische Verfälschung darzustellen, zu erläutern und fundiert zu diskutieren. Unsere Gesellschaft hat kaum Zukunft, wenn sie sich nicht zu einer lebenslangen Lerngesellschaft wandelt und die politische Bildung dabei nicht zu kurz kommt. Ohne eine "kopernikanische Wende" im Hinblick auf die Bedeutung politischer Bildung werden die aktuellen und künftigen Probleme kaum zu meistern sein. Zudem ist eine schleichende Aushöhlung unserer Demokratie dann zu befürchten, wenn große Teile der Bevölkerung prinzipiell daran gehindert sind, im politischen Leben auch nur bescheiden mitzureden. Freilich wird man einwenden, es sei doch schon heute niemand gehindert, sich nach Herzenslust um politische Bildung zu kümmern und sich in allen wichtigen Fragen kundig zu machen. Wir haben jedoch bereits gesehen, dass das Stundendeputat für politische Bildung in den Schulen viel zu gering angesetzt ist. Die schmale Basis reicht schon für den Start ins politische Leben kaum aus. Ganz problematisch wird es aber mit dem lebenslangen politischen Lernen. Die Angebote (zum Beispiel auch bei den Volkshochschulen) gehen zurück - und das in diesen Umbruchzeiten! Es ist nicht zu erwarten, dass die Bevölkerung aus freiem Willen marktgerechte Preise für politische Bildung bezahlt. Sie muss deshalb weiterhin subventioniert werden. Dann gibt es große Chancen, weit mehr Leute als bisher für die politische Bildung zu gewinnen. Das Potenzial ist längst nicht ausgereizt. Das lässt sich nachweisen. Demokratie bedarf gerade in wirtschaftlich brenzligen Situationen der Stärkung Ein weiterer Gesichtspunkt verdient Berücksichtigung. In den letzten Jahrzehnten gab es mit wenigen Ausnahmen ständiges wirtschaftliches Wachstum. Es ging im Lauf der Zeit fast allen Leuten immer ein bisschen besser. Dieser fast automatisch wirkende leicht zunehmende Wohlstand wurde - zumindest im Unterbewusstsein - auch unserer Demokratie gut geschrieben. Da es im Wirtschaftsleben nun schon seit Jahren kriselt, die Arbeitslosenzahlen erschreckend hoch sind, immer mehr Menschen in Armut leben, werden diese enormen Missstände über die politischen Akteure hinaus auch dem demokratischen Regierungssystem angelastet. Ralf Dahrendorf bemerkt dazu: "Einer der großen Irrtümer in vielen neuen Demokratien lag in der Erwartung, dass politische Demokratie notwendig, gar automatisch wirtschaftlichen Wohlstand schafft. Das ist tatsächlich nicht der Fall. Beide verlangen je eigene Anstrengungen. Wer sie in seinen Erwartungen miteinander vermischt, kann leicht beide verlieren: Weil die Wirtschaft nicht floriert, wird auch die Demokratie preisgegeben" (Dahrendorf 2003, 109 f.). Dahrendorf weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass in den angelsächsischen Ländern wirtschaftliche Einbrüche nicht so leicht eine politische Krise herbeiführen, wie das in Deutschland der Fall ist. Nun ist klar, dass durch Maßnahmen politischer Bildung kein einziger Arbeitsplatz geschaffen wird. Es ist auch unvorstellbar, politische Bildung könne beispielsweise Sozialhilfeempfänger konstruktiv beeindrucken. Für diese Zielgruppen hat die politische Bildung noch kein Rezept gefunden. Sie kann aber die notwendigen Reformprozesse erläutern, zur Diskussion stellen und rational darüber aufklären, dass sich die wirtschaftliche Lage ohne Reformen noch dramatischer zuspitzen kann. Der wichtige Maßstab sozialer Gerechtigkeit darf freilich bei der Verteilungsdiskussion nicht aus dem Auge verloren werden. Durch politische Bildung kann auch nach und nach die angelsächsische Gelassenheit gelernt werden, die deutlich macht, dass Demokratie auch dann noch ein hoher Wert ist, wenn die materiellen Ansprüche ein wenig zurückgesteckt werden müssen Der Vertrauensverlust der politischen Elite ist besorgniserregend Politische Bildung bedarf schließlich der Stärkung, weil wir inzwischen eine neue Qualität im Verhältnis von politischen Akteuren und den Bürgern haben. Das Ansehen der politischen Elite ist in Deutschland so dramatisch gesunken, dass es ein Anlass zu großer Besorgnis geworden ist. Nach einer im "Stern" (29.1.2004) veröffentlichten Forsa-Umfrage haben 81 % der Bevölkerung Vertrauen zur Polizei, 72% zu Ärzten, noch 57% zum Bundespräsidenten, zur Bundesregierung nur noch 18% und die politischen Parteien tragen mit gerade noch 12% gleichsam die rote Laterne. Diese zwölf Prozent sind kaum mehr als die Parteimitglieder und deren Angehörige. Dieser enorme Vertrauensverlust macht die Basis unserer Demokratie brüchig. Gesine Schwan sagt mit Recht: "Vertrauen ist eine zentrale Ressource von Demokratie" (FAZ, 6.4.2004). Wilhe1m Hennis sieht sogar bereits "Anzeichen eines Verfalls der politischen Ordnung" (Stern, 29.1.2004). Auch wenn man die Einschätzung von Hennis für etwas überzogen hält, bleibt die Vertrauenskrise dennoch ein Alarmzeichen. Auch eine so erfahrene Beobachterin des politischen Geschehens wie Elisabeth Noelle-Neumann stellt besorgt fest: "Die öffentliche Geringschätzung der Politik untergräbt die Fundamente der Demokratie" (Frankfurter Rundschau, 3.2.2004). Nun hat die politische Bildung seit eh und je darauf hingewirkt, die Sonde der Kritik auch stets an diejenigen zu legen, die das politische Leben wesentlich bestimmen. Diese Erziehung zum kritischen Verhalten hat der politischen Bildung nicht selten geschadet, war aber richtig. Bei den aktuellen Befunden geht es aber nicht um eine wohltuende kritische Distanz, sondern um eine gefährliche Abkehr, die bei einem Teil der Bevölkerung gar an Verachtung grenzt. Bei einem repräsentativen System muss eine solche Situation ins Auge gehen. Die politischen Akteure hängen quasi in der Luft. Es gibt nur noch eine kleine Minderheit, die sie vertreten. Die Gründe für diese Lage sind vielfältig. Mag sein, dass es in der Nachkriegszeit einige politische Charaktere gab, gleichsam aus Eichenholz geschnitzt, die eine große Strahlkraft besessen und das Volk beeindruckt haben. Insgesamt dürfte sich aber der Durchschnitt der politischen Klasse in den letzten Jahrzehnten nicht wesentlich verschlechtert haben. Wie in allen Teilen unserer Gesellschaft gibt es herausragende Figuren und solche, die durch Skandale und Affären direkt zum Vertrauensverlust beitragen. Die meisten gehören zum Mittelmaß, was hinsichtlich unserer Demokratie nicht zu beanstanden ist. Gewichtiger bei der Begründung des enormen Vertrauensverlustes dürfte der Eindruck weiter Teile der Bevölkerung sein, dass die anstehenden Probleme von der Politik nicht gelöst werden können. Man sieht die Arbeitslosigkeit wachsen, sieht die Rente in Gefahr und kann nicht sehen, woher die Lösungen kommen und wie sie aussehen sollen. Diese Fragen hängen also mit dem zusammen, was schon mit dem Stichwort "Globalisierung" erörtert wurde. Die politisch Verantwortlichen müssen deutlich machen, dass sie noch an den Schalthebeln sitzen, um die Entwicklung positiv beeinflussen zu können. Erhard Eppler meint schon fast resignativ: "Die Politik hat immer weniger zu sagen. Wir werden von einer global agierenden Wirtschaft regiert" (Bild, 31.3.2004). Auch bei dieser komplizierten Problematik ist die politische Bildung gefragt. Es kann ihr nicht gleichgültig sein, dass unsere Demokratie dadurch in Gefahr gerät, dass das Vertrauensverhältnis zwischen den politischen Akteuren und den Bürgerinnen und Bürgern mehr und mehr ausgehöhlt wird. Stärker als bislang kommt die Aufgabe des Brückenbaus zwischen der politischen Klasse und den "Laien" zu den Kernaufgaben politischer Bildung hinzu. Sie hängt zusammen mit der schon beschriebenen Aufgabe, die Komplexität der globalisierten Welt verständlich zu machen. Wenn möglichst viele Bürgerinnen und Bürger die zentralen politischen Probleme verstanden haben, werden sie sich nichr mehr so schnell von den politischen Akteuren abwenden. Dann merken sie, dass es nicht am fehlenden Willen liegt, die anstehenden Fragen zu lösen, sondern an der Komplexität der Probleme, die man auch gar nicht gegen eine große Mehrheit des Volkes bewältigen kann. Wie auch Peter Henkenborg in seinem Beitrag in diesem Band betont, ist es eine Aufgabe politischer Bildung, die Erwartungen an die politischen Akteure nicht zu überdehnen und damit nur Frust zu erzeugen. Stimmen aber durch solide politische Bildung die Erwartungen mit den Möglichkeiten überein, so kann keine gefährliche Kluft entstehen, wie das leider heute der Fall zu sein scheint. Die Aufgaben politischer Bildung, die früher sehr stark von der Geschichte auferlegt waren und die noch nicht abgeschlossen sind, werden im 21. Jahrhundert viel stärker von der Komplexität der politischen Probleme in einer sich immer mehr beschleunigenden globalisierten Welt gestellt. Die Informationsflut nimmt zwar enorm zu, stellt aber keine Hilfe zur Bewältigung zur Verfügung - im Gegenteil. Wie auch Klaus-Peter Hufer in diesem Band feststellt, kann diese Informationsflut nur durch die politische Bildung gebändigt und kanalisiert werden. Ausgerechnet in einer Situation, in der die politische Bildung mehr denn je gefordert ist, wird sie abgebaut. Das kann man fast als tragisch bezeichnen. Eine Gesellschaft, die in politischer Hinsicht krank geworden ist, erkennt ihre Heilkräfte nicht. Durch gute Arbeit in der Schule und im außerschulischen Bereich müssen alle, die in der politischen Bildung Verantwortung tragen, deutlich machen, dass sie sich nach Kräften bemühen wollen, die Gefährdungen unserer Demokratie abbauen zu helfen. Literatur Abromeit, Heidrun (2004): Die Messbarkeit von Demokratie:
Zur Relevanz des Kontexts. In: Politische Vierteljahresschrift, Heft 1/2004,
S. 73-93. |
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