Didaktische Reihe
Band 27

Demokratie braucht
politische Bildung
 

 


Hrsg. Gotthard Breit
Siegfried Schiele


LpB 2004

Redaktion: Siegfried Frech

 



 

 

 


 
Vorwort
 

"Demokratie ist nicht einfach eine Pille
die einem morgens verabreicht wird, und abends ist man kuriert
Sie kann keinem Volk von außen aufgezwungen werden.
Demokratie ist eine Kultur, die in einer Gesellschaft von unten
wachsen muss und von oben gefördert werden soll"

(Tahar Ben Jelloun, Der Spiegel 13/2004, S. 187)

 

Die Notwendigkeit politischer Bildung ist unbestritten. Sie gehört zu den unerlässlichen Bestandteilen einer demokratischen politischen Kultur. Doch wie ist es um diese demokratische politische Kultur eigentlich bestellt?

In seiner letzten "Berliner Rede" konstatierte der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau einen merklichen Vertrauensverlustweiter Teile der Bevölkerung in die gegenwärtige Politik. Dieser Vertrauensverlust hat handfeste Gründe. Aus der Sicht von Johannes Rau sind es die konkreten Handlungen, Einstellungen, Worte und Taten von denjeni­gen, die in öffentlicher und wirtschaftlicher Verantwortung stehen. Besonders vertrauenszerstörend sei die offenbar anhaltende Wirkungs­losigkeit all der angekündigten Reformen. Ein Weg aus dieser Vertrau­enskrise sei zunächst eine Politik, die sich an Werten orientiert und die sich nicht darauf beschränkt, tatsächliche oder vermeintliche Sachzwän­ge zu exekutieren.

Vertrauensverlust und damit einhergehende Staats- und Politikverdrossenheit hat jedoch, wie jede Medaille, eine Kehrseite. Schenkt man den Worten von Johannes Rau Glauben, so ist auch das demokratische Bewusstsein vieler nicht sonderlich stabil. Was sich ebenfalls ändern muss, "das ist die Haltung, die viele resignieren oder Abschied nehmen lässt von Politik und Staat. Diese Haltung führt letztlich dazu, dass unsere Gesellschaft auseinander fällt" Johannes Rau). Auch der Liberale Ralf Dahrendorf machte in seiner Schrift "Auf der Suche nach einer neuen Ordnung" (2003) dieselbe Beobachtung. Nicht zuletzt aufgrund wirtschaftlicher Einbrüche konstatiert er einen Trend weg von Demo­kratien hin zu autoritären Systemen.

Bedenklich stimmt in diesem Zusammenhang auch, dass die letzte große Shell-Jugendstudie feststellt, dass das allgemeine Interesse der Jugendlichen an Politik weiter rückläufig ist. Nur noch 30 Prozent bezeichnen sich als politisch interessiert. Gleichwohl stößt die Demo­kratie als "gute Staatsform" bei Jugendlichen generell auf eine noch immer große Akzeptanz. Dies lässt darauf schließen, dass die Diskrepanz zwischen demokratischen Prinzipien und der realen Verfasstheit der Politik sehr wohl von Jugendlichen wahrgenommen wird.

Diese Einstellungen sind mithin ein Zeichen, dass die Demokratie der

nachhaltigen Pflege bedarf. Der Vertrauensverlust und die Politik(er)verdrossenheit lassen sich mit politischer Bildung bekämpfen und vielleicht verändern. Es soll an dieser Stelle kein Katastrophen-Szenario entworfen werden. Wenn wir die obigen Daten jedoch ernst nehmen, müssen wir einräumen, dass gerade die politische Bildung eine Möglichkeit ist, produktiv mit den Herausforderungen und Umbrüchen umzu­gehen.

Es kann also nicht angehen, dass man sich zufrieden im Sessel zurücklehnt und mit gutem Gewissen vermutet, dass die politische Bildung ihren Beitrag an der Beheimatung der Demokratie in Deutschland bereits geleistet har. Demokratie bedarf der ständigen Pflege. Gerade weil sie nichts Naturwüchsiges ist, fallen Demokraten eben nicht vom Himmel. Demokratie verlangt ein Mindestmaß an politischer Bildung. Die schwierige Regierungsform der Demokratie benötigt helfende, interpretierende und unterstützende Maßnahmen. Man kann schlicht und einfach sagen: Demokratie braucht politische Bildung!

Eine Hauptaufgabe politischer Bildung ist darin zu sehen, Interesse für Politik (wieder) zu wecken und die Bereitschaft zum politischen und  selbst bestimmten bzw. selbst verantworteten Engagement zu fördern. Dies kann aber nur gelingen, wenn die Bürgerinnen und Bürger übereine Grundausstattung an Wissen verfügen. Der Erwerb von Wissen über die Funktionsweisen demokratischer Einrichtungen und die darauf aufbauende Beurteilung" politischer und gesellschaftlicher Probleme unserer Zeit gehören zu dieser Grundausstartung.

Angesichts der großen politischen Probleme, die in der nächsten Zeit zu bewältigen sind, müsste man die politische Bildung erfinden, wenn es sie nicht gäbe. Es ist nicht vorstellbar, dass die enormen Reformprozesse zu einem halbwegs guten Ende gebracht werden können, wenn nicht große Teile der Bevölkerung den nicht ganz einfachen Weg mitgehen. Das ist aber nur zu schaffen auf der Basis eben jener Grund­ausstattung von politischer Bildung. Aufgabe dieser Grundausstattung ist es, deutlich zu machen, dass es einerseits Aufgabe der Bürgerinnen und Bürger ist, die eigenen Interessen zu vertreten, dass aber andererseits Demokratie auch ihre "eigene Angelegenheit" ist: sowohl Eigeninteresse als auch Gemeinsinn sind gefragt.

Der Titel des Buches macht deutlich, dass hier eine Zwischenbilanzierung der schulischen und außerschulischen Bildung vorgenommen wird. Dafür gibt es gute Gründe. Die Beiträge in diesem Buch zeugen von einer kontroversen und äußerst lebendigen Diskussion. Das zeigen die aktuellen Tendenzen und Kontroversen, die in diesem Buch ihren Niederschlag finden. Thematisiert werden u.a. der Beitrag der Politikwissenschaft und der politischen Kulturforschung. Es scheint, dass sich die Politikdidaktik und die Politikwissenschaft wieder angenähert haben und in einen fruchtbaren Dialog miteinander getreten sind. Kontrovers hingegen werden die Zugänge zum Politischen im Bereich der schuli­schen politischen Bildung diskutiert. Nicht zuletzt die Ergebnisse der PISA-Studie, die Formulierung von Bildungsstandards und Kerncurri­cula haben erneut die Frage aufgeworfen, was die eigentliche inhaltliche Domäne des Faches ist: Ist Politik der Kern der schulischen politischen Bildung? Geht es um einen Politikunterricht, der wirklich das Politische im Blick hat? Oder ist vielmehr Demokratie-Lernen die Alternative zum politischen Lernen? Besteht nicht die Gefahr, dass das Fach aufgeweicht wird? Dies zumal dann, wenn der Stundenanteil der Sozialkunde bzw. Gemeinschaftskunde zugunsten des Faches "Wirtschaft" in den Schulen geschmälert wird.

Die Einblicke in die verschiedenen Praxisfelder zeigen eines jedoch sehr deutlich: Die politische Bildung befindet sich in der Defensive! Nicht nur Volkshochschulen können sich den "Luxus" politischer Bildung kaum mehr leisten. Finanzielle Zwänge lassen viele freie Träger und einzelne Landeszentralen für politische Bildung um ihre Zukunft zittern. Die aktuelle Momentaufnahme bereitet Sorgen. In einigen Ländern ist das Firmenschild "Landeszentrale für politische Bildung" kaum mehr berechtigt. Somit versteht sich die hier vorgenommene Zwischenbilanzierung der Erfolge und Defizite politischer Bildung als Mahnung und Appell zugleich. Unsere Gesellschaft hat kaum Zukunft, wenn sie sich nicht zu einer lebenslangen Lerngesellschaft wandelt und die politische Bildung dabei nicht zu kurz kommt. Ohne eine "kopernikanische Wende" im Hinblick auf die Bedeutung politischer Bildung werden die gegenwärtigen und zukünftigen Probleme kaum zu meistern sein.

Dank gebührt meinem Mitherausgeber Gotthard Breit und allen Autorinnen und Autoren, die engagiert und kompetent die Diskussion ermöglicht und geführt haben, sowie Siegfried Frech für die redaktionelle Betreuung und dem Wochenschau Verlag für die gute und effiziente Zusammenarbeit.

Siegfried Schiele
Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

 


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