50 Jahre Beutelsbacher Konsens

Warum Beutelsbach?

Über einen bildungsgeschichtlichen Ort im Remstal

Weinstadt ist eine bis heute vom Weinbau geprägte Große Kreisstadt im Remstal, östlich von Stuttgart, mit 27.000 Einwohnern. Vor fünfzig Jahren, am 19. und 20. November 1976, fand in einem seiner Teilorte, dem beschaulichen Beutelsbach, eine Fachtagung statt, die unter dem Schlagwort „Beutelsbacher Konsens“ Bildungsgeschichte schreiben und den Namen dieses knapp 9.000 Einwohner zählenden Ortes deutschlandweit bekannt machen sollte. Wie kam es zu der Tagung ausgerechnet an diesem kleinen, später als Namensgeber fungierenden Ort im Remstal? 

Autor: Dr. Bernd Breyvogel ist Stadtarchivar und leitet die städtischen Museen in Weinstadt. Er ist außerdem der städtische Kunstbeauftragte und verantwortlich für Ausstellungen.

Um es vorwegzunehmen: Am Hauptsitz der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) in Stuttgart war damals – ganz banal – kein passender Raum vorhanden. Deshalb fiel die Wahl auf Beutelsbach. 

Doch wir werden sehen, dass Beutelsbach eine bemerkenswerte, wenn nicht gar landesweit einmalige bildungsgeschichtliche Tradition aufzuweisen hat, die zumindest indirekt bei dieser Entscheidung eine Rolle gespielt haben dürfte. Und so fügt die Fachtagung „Das Konsensproblem in der politischen Bildung“, zu der Siegfried Schiele, der damalige Leiter der LpB, zusammen mit seinem Vorgänger Prof. Dr. Herbert Schneider geladen hatte, dieser bildungsgeschichtlichen Tradition ein weiteres Kapitel hinzu.

Um die vierzig Teilnehmende kamen damals nach Beutelsbach, hielten Referate, bildeten Arbeitsgruppen und diskutierten engagiert und kontrovers über die Gestaltung von politischer Bildung vor dem Hintergrund einer stark polarisierten politischen Debatte in der Folge der Studentenproteste von 1968. Ein formaler Beschluss wurde am Ende der Tagung nicht gefällt. Stattdessen sollte ein Tagungsband mit den gesammelten Vorträgen erscheinen. Darin fasste Prof. Dr. Hans-Georg Wehling in einer Zusammenfassung aus der „subjektiven“ Rückschau, wie er selbst schreibt, drei Grundthesen, die als „Beutelsbacher Konsens“ Bildungsgeschichte schreiben sollten:

  • 1. Überwältigungsverbot: Lehrkräfte dürfen Schülern nicht ihre eigene Meinung aufzwingen (indoktrinieren), sondern sollen sie in die Lage versetzen, ihre eigene Meinung zu bilden. Damit steht in engem Zusammenhang das
  • 2. Kontroversitätsgebot: Was in der gesellschaftlichen Diskussion kontrovers diskutiert wird, soll auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden
  • 3. Schülerorientierung: Der Schüler soll in der Lage sein, eigenständig die politische Lage und seine eigene Position darin zu analysieren, um sich aktiv am politischen Prozess im Sinne seiner eigenen Interessen beteiligen zu können.

Dieser Minimalkonsens hat seither eine ungeahnte, nachgerade sensationelle Wirkung in der gesamten Fachwelt entwickelt. Lehrkräfte in ganz Deutschland arbeiten seither auf der Grundlage des Beutelsbacher Konsenses. Auch der griffige Titel, den der LpB-Mitarbeiter Wehling für seine Zusammenfassung im Tagungsband wählte, dürfte dazu beigetragen haben: „Konsens à la Beutelsbach?“.

Beutelsbach, die „Wiege Württembergs“

Die bildungsgeschichtliche Tradition Beutelsbachs setzt bereits im Mittelalter ein und hängt mit seiner weithin bekannten Rolle als „Wiege Württembergs“ zusammen. Denn Beutelsbach war das erste Herrschaftszentrum der Württemberger, die sich bis zum Bau der Burg Württemberg im Neckartal um 1083 noch „Herren von Beutelsbach“ nannten. Der bis heute bekannte Spruch vom „Staate Beutelsbach“ als ironische Umschreibung für das „große“, seit 1806 zu Königsehren aufgestiegene Württemberg, dessen „kleine“ Ursprünge eben in Beutelsbach lagen, geht darauf zurück. Und, für unseren Zusammenhang besonders wichtig, hier war auch das erste religiöse Zentrum des noch jungen Württemberg. Die Herren gründeten ein religiöses Stift samt Hausgrablege – ob schon im späten 11. Jahrhundert, also zur Zeit der „Wiege Württembergs“, oder erst im 13. Jahrhundert, als Graf Ulrich I., „der Stifter“, um 1240 dieses Stift entweder neu oder eben auf älteren Ursprüngen wieder begründete, ist in der Forschung umstritten. 

Ein Stift ist eine klosterähnliche religiöse Gemeinschaft von Chorherren, auch Kanoniker genannt, die entweder aus Weltgeistlichen, die keinem Orden angehörten, bestand oder aus regulierten Augustiner-Chorherren bzw. Prämonstratensern. Sowohl die Stifterfamilie als auch die Mitglieder des Stifts entstammten, zumindest im Mittelalter, in der Regel dem Adel. Eine der Hauptaufgaben der Chorherren war das regelmäßige Gebet für das Seelenheil der lebenden wie der toten Mitglieder der Stifterfamilie, die sinnigerweise häufig ihre Hausgrablege in der Stiftskirche als Stätte ihrer „Memoria“ einrichtete. Bis zur Verlegung nach Stuttgart zwischen 1310 und 1320 bildete das Beutelsbacher Stift also unbestreitbar die höchste religiöse Einrichtung Württembergs. Eine weitere Funktion solcher Stifte war die einer Art „Kaderschmiede“ nicht nur für die klerikale, sondern auch für die politisch-administrative Elite einer Herrschaft.

Gewissermaßen erste Hochschule des Landes

Und hier kommen wir nun zum Kern unseres Themas. In der Zeit des Beutelsbacher Stifts, also grob zwischen 1240 und 1320, existierte in ganz Mitteleuropa noch keine einzige Universität. Erst 1348 folgte die erste Gründung in Prag, dann 1365 Wien, 1379 (kurzzeitig) Erfurt und 1386 Heidelberg. In Württemberg selbst dauerte es noch bis 1477, bis die erste Universität, bekanntlich in Tübingen, gegründet wurde. Wer also zur fraglichen Zeit als „Württemberger“ oder „Deutscher“ studieren wollte, musste nach Frankreich, Italien oder gar Spanien ausweichen. Immerhin bestand in Waiblingen seit 1267 eine Lateinschule, spätestens seit 1279 auch in der nahen Reichsstadt Esslingen, an denen die schulischen Voraussetzungen für ein Hochschulstudium erworben werden konnten. Doch es liegt auf der Hand, dass nicht jeder Student ins Ausland gehen konnte. Was waren also die Alternativen in heimischen Landen? Es waren kirchliche Schulen an Klöstern, Dom- oder eben auch Chorherrenstifte, die wenigstens ansatzweise höhere Bildung anbieten konnten. 

Und tatsächlich: Das einzige Amt, man spricht von „Dignität“, das am Beutelsbacher Stift neben dem Propst, dem Leiter, in den Quellen genannt wird, ist das des Scholasticus, also des Leiters einer Stiftsschule. 1286/87 erscheint ein Amtsträger namens Konrad. Die anderen Ämter wie Kantor, Keller oder Kustos sind erst für die Stuttgarter Zeit belegt. Das bedeutet, dass in der gewiss überschaubaren, wahrscheinlich kaum mehr als zehn Kanoniker umfassenden Gemeinschaft des Beutelsbacher Stifts der Bildung von Seiten der Stifterfamilie ein hoher Stellenwert eingeräumt wurde. Wie genau diese Stiftsschule organisiert war oder gar, was dort unterrichtet wurde, entzieht sich freilich unserer Kenntnis. Aber zumindest haben wir einen eindeutigen Beleg für diese nominell höchste Schule des frühen Württemberg hier in Beutelsbach, die man auch als erste Hochschule des Landes bezeichnen könnte. 

Etwas mehr können wir dagegen über die Zugangsvoraussetzungen zum Stift und zum Bildungshintergrund einzelner Mitglieder sagen. Für das „Bewerberprofil“ entscheidend waren die unter Graf Eberhard I. 1287 reformierten Statuten des Stifts, die neben der Residenzpflicht auch die Priesterweihe als zwingende Voraussetzung festschrieben – sicherlich um ein gewisses theologisches Niveau der „Memoria“-Arbeit im Stift zu gewährleisten, was wiederum Rückschlüsse auf entsprechende Defizite im Vorfeld nahelegt. Dieser Mindestanspruch galt dann natürlich auch für den Scholasticus. 

Mit dem Wegzug des Stifts nach Stuttgart um 1320 war dieses besondere Kapitel der Beutelsbacher Schulgeschichte vorbei, aber möglicherweise gab es eine Fortsetzung auf anderer Ebene, denn bereits um 1400 erscheint ein Beutelsbacher Schulmeister in den Quellen. Das ist für ein Dorf, das Beutelsbach ja nach wie vor war (wenn auch kein gewöhnliches), außerordentlich früh. Vielleicht wurde die Dorfschule ja gleich oder bald nach dem Wegzug der Stiftsschule gegründet, dann hätte Beutelsbach eine kontinuierliche Schulgeschichte von bald 800 Jahren – eine außerhalb von Städten und Klöstern rekordverdächtige Zeitspanne.

Beutelsbach wird Sitz einer Universität

Es sollte zwar mehr als sechshundert Jahre dauern, aber dann wurde Beutelsbach zum zweiten Mal in seiner Geschichte Sitz einer Hochschule, diesmal sogar einer veritablen Universität. Wie kam es dazu? Die 1891 von dem kalifornischen Senator Leland Stanford in Palo Alto gegründete und nach seinem verstorbenen Sohn benannte Privatuniversität strebte nach dem „Sputnik“-Schock 1957 buchstäblich zu neuen Ufern, die sich auch und gerade in praxisorientierten Auslandsaufenthalten der Studierenden niederschlagen sollten. 

Als erstes Land in Übersee wurde Deutschland auserkoren, wo sich der deutschstämmige Germanistikprofessor F. W. Strothmann 1957 auf die Suche nach einem geeigneten Ort machte. Leider findet sich nirgendwo eine direkte Begründung dafür, warum die Wahl ausgerechnet auf Beutelsbach und das Landgut Burg fiel. Studienleiter Josef Hutschneider insinuierte anlässlich des zehnjährigen Jubiläums zwar, dass die regionale Tradition der frühen „Freiheitskundgebungen“ – er meinte damit Beutelsbachs zweite landesgeschichtliche Bedeutung als Hauptort im Aufstand des „Armen Konrad“ 1514 – eine Rolle gespielt haben könnte, aber „offiziell“ ist das nirgends festgehalten. Allerdings ist hier das Motto der Stanford University zu berücksichtigen, das schon der erste Präsident Dr. David Jordan als Umschrift für das Universitätssiegel mit dem Sequoiabaum auswählte, nämlich „Die Luft der Freiheit weht“ – ein Zitat des deutschen Humanisten und Kirchenkritikers Ulrich von Hutten (1488–1523). Dabei verwendete Jordan sogar die (nicht ganz korrekte) deutsche Übersetzung dieses Spruchs, dessen Original in guter Humanistenmanier lateinisch war. Jedenfalls springt diese geistesgeschichtliche Verbindung in das Deutschland der Reformation und Bauernkriege vor dem Hintergrund der Ortswahl Beutelsbachs ins Auge. 

Denn in der Tat kann Beutelsbach als Ausgangs- und Endpunkt dieses Aufstands von 1514, bei dem zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands organisierter Widerstand des Volkes ein größeres Territorium, das Herzogtum Württemberg, komplett erfasste und der mit dem „Tübinger Vertrag“ zumindest indirekt einen Meilenstein in der Geschichte der Grundrechte und landständischer Mitbestimmung bewirkte, als „Ort der Demokratiegeschichte“ gelten – am Museum Bauernkrieg im Württemberg-Haus Beutelsbach von der „Stiftung Orte der Demokratiegeschichte“ offiziell bestätigt.

Zum Studium aus den USA ins Remstal

Entscheidend für die Ortswahl der US-Universität dürften letztlich andere, pragmatische Kriterien wie die sicher bewusst gewählte ländliche Umgebung in der Nähe einer Großstadt und geeignete Räumlichkeiten gewesen sein – schließlich beherbergte das Landgut Burg zuvor bereits eine Niederlassung des Goethe-Instituts.

So kam es zur ersten Niederlassung einer amerikanischen Universität in Europa in Beutelsbach. 63 Studierende kamen 1958 aus USA ins Remstal, beworben hatten sich über 600. Und dieser Erfolg hielt an – was zunächst als Experiment gedacht war, hatte sich schon nach kurzer Zeit bewährt. Die Mischung aus sprach- und landeskundlichen Studien zusammen mit der Möglichkeit, die nähere und weitere (europäische) Umgebung zu erkunden – dafür gab es ein langes Wochenende mit einem freien Freitag –, und nicht zuletzt die von Beginn an enge Verbindung zur Gemeinde und Bevölkerung von Beutelsbach und seinen Nachbarorten machten das Besondere an diesem Auslandssemester aus 

Befeuert durch den Beutelsbacher Erfolg gründete Stanford in den 1960er Jahren weitere Niederlassungen in Europa, nun aber meist in Großstädten. Doch trotz dieses Erfolgs wurde der Beutelsbacher Standort 1974 zunächst verkleinert und in den Stiftshof verlegt und 1976 schließlich ganz geschlossen – aus rein finanziellen Gründen. Rund 2.000 Studierende aus den Vereinigten Staaten hatten in diesen 18 Jahren Deutschland – und Europa – aus Beutelsbacher Perspektive kennen gelernt.

Und hier schließt sich nun der Kreis: Es gab nämlich persönliche Querverbindungen zwischen der Landeszentrale für politische Bildung und der Stanford-University, d. h., die Organisatoren der Tagung 1976 kannten das Landgut Burg mit seinen Seminarräumen und wussten deshalb, dass sie dort optimale Bedingungen für solch eine Tagung vorfinden würden. 

So folgten zwei bildungsgeschichtliche Höhepunkte, die jeweils direkt oder indirekt mit Beutelsbachs bekannter Sonderrolle in der Landesgeschichte zusammenhängen, in weitem Abstand aufeinander und führten schließlich zu jener Tagung im November 1976, mit der Beutelsbach nun auch namentlich und deutschlandweit Bildungsgeschichte schreiben sollte. 

Letzte Aktualisierung: Januar 2026, Internetredaktion LpB BW

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