Von der Tagung zum Konsens: Zur Entstehung des Beutelsbacher Konsenses

Die Auseinandersetzungen um politische Bildung in den 1960er- und 1970er-Jahren führten zu einem intensiven fachlichen Streit über Ziele und Methoden des Politikunterrichts. Auf einer Tagung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg 1976 in Beutelsbach einigten sich Experten unterschiedlicher Ausrichtungen auf grundlegende Prinzipien. Aus der Diskussion heraus entstand der sogenannte Beutelsbacher Konsens – ein Minimalkonsens mit drei Leitprinzipien, der bis heute als zentrale Orientierung für eine demokratische und urteilsfördernde politische Bildung gilt.
Die Seite beleuchtet die historischen Hintergründe seiner Entstehung und stellt zentrale Akteure vor, deren biografische Erfahrungen, fachliche Positionen und politische Prägungen in die Debatten eingeflossen sind.
Autor: Prof. Siegfried Frech ist Honorarprofessor (Didaktik der politischen Bildung) an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Zwischen 1991 und 2021 war er Publikationsreferent bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Dort verantwortete er die Zeitschrift „Bürger & Staat“ sowie die Didaktische Reihe. Zudem hatte er einen Lehrauftrag am Institut für Sozialwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg.
Die 1970er-Jahre: Aufbruch, Umbruch und Polarisierung
Der Übergang von unionsgeführten Bundesregierungen hin zur SPD/FDP-Koalition nach der Bundestagswahl vom 28. September 1969 bedeutete eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik. Die sozialliberale Bundesregierung setzte neue Impulse in der Außenpolitik, insbesondere in der Ostpolitik, sowie in der Innenpolitik. Aufbruchsstimmung und Reformanstrengungen markierten den Beginn der Regierungszeit.
Innenpolitisch widmete sich die sozialliberale Koalition mehreren Vorhaben: Rechtsreformen, die Erweiterung der sozialen Sicherungssysteme, das Betriebsverfassungsgesetz (1972) sowie das Mitbestimmungsgesetz (1976), die Herabsetzung des Wahlalters von 21 auf 18 Jahre, aber auch der sogenannte Extremistenbeschluss als Reaktion auf den Terrorismus bestimmten die innenpolitische Agenda der 1970er Jahre.
Die Entspannungspolitik der sozialliberalen Koalition begann mit der Neugestaltung der Beziehungen zur Sowjetunion, zu Polen und zur DDR. Die Ostverträge führten in der Bundesrepublik zu einer politischen Polarisierung. Die Opposition und die Interessenverbände der Vertriebenen sprachen vom „Ausverkauf deutscher Interessen“.
Bildungspolitik und politische Bildung im Dissens
Die 1970er-Jahre waren von einem „bildungspolitischen Dauerkrieg“ (Peter Graf Kielmansegg) geprägt. Im Februar 1970 legte die Bildungskommission des Deutschen Bundestags einen „Strukturplan für das Bildungswesen“ vor, der eine stärkere Durchlässigkeit innerhalb des dreigliedrigen Schulsystems vorsah. Die sozialliberale Koalition argumentierte, Bildung sei ein Bürgerrecht – und sie mahnte mehr Chancengleichheit an. Als Königsweg proklamierte sie die Errichtung von Gesamtschulen und Gesamthochschulen. Mehrere bildungspolitische Reformvorhaben gerieten jedoch in einen ideologisch aufgeladenen Deutungsstreit.
Die politische Bildung bot sich als Feld an, auf dem die Union einen fundamentalen Wertekonflikt mit SPD-regierten Ländern austragen konnte. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen standen neue Lehrpläne und Schulbücher. Auch für die Didaktik des Politikunterrichts markierte die einsetzende Politisierung einen Wendepunkt, der zu kontroversen Debatten führte. Ausgetragen wurde der Konflikt zwischen fachdidaktischen Positionen, die ihre Konzeptionen mit sozialwissenschaftlichen Diskursen und dem gesellschaftskritischen Gedankengebäude der „Frankfurter Schule“ fundierten (z. B. Hermann Giesecke, Kurt Gerhard Fischer, Rolf Schmiederer). Ihnen standen Didaktiker gegenüber, die ihre Konzeptionen am Zielbegriff der Rationalität orientierten und eher zur konservativ-liberalen Richtung zählten (z. B. Bernhard Sutor, Dieter Grosser). Diese „politische Geographie“ blockierte den fachdidaktischen Diskurs für mehrere Jahre. Verstand das „linke“ Lager politische Bildung als Instrument zur Demokratisierung und Veränderung der Gesellschaft, so sah der konservativ-liberale Block die Aufgabe des Unterrichtsfaches Politik darin, der verfassungsmäßigen politischen Ordnung Akzeptanz zu verschaffen.
Auf der Suche nach dem Konsens – Initiatoren und Wegbereiter
Im Gegensatz zur Bildungspolitik, in der die Spaltung der Bundesländer in SPD-regierte „A-Länder“ und unionsregierte „B-Länder“ länger andauerte, gelang in der Politikdidaktik Ende der 1970er-Jahre ein Brückenschlag, der zur Überwindung der Polarisierung beitrug. In der Situation der verhärteten Frontstellung didaktischer Konzepte lud Siegfried Schiele, neu gekürter Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB), Vertreter aus den zerstrittenen „Lagern“ im November 1976 in den schwäbischen Ort Beutelsbach zu einer Tagung ein. Mit seiner fachdidaktischen Expertise trug Herbert Schneider, der mit Schiele die Tagung inhaltlich vorbereitete, maßgeblich zur Auswahl der Vortragenden bei, die je unterschiedliche didaktische Positionen repräsentierten.
Siegfried Schiele (*1939)
Herbert Schneider (1929–2002)
Die Referenten der Tagung am 19. und 20. November 1976 in Beutelsbach
Gemeinsamkeiten trotz konträrer Positionen
Siegfried Schiele prägte in mehreren Aufsätzen, befragt nach der Auswahl der Referenten, das Bild einer Fußballmannschaft: Für ihn sei die frühere Formation der Fußballelf entscheidend: Linksaußen, Halblinks, Mittelstürmer, Halbrechts und Rechtsaußen. In Anlehnung an die fachdidaktische „Lagerbildung“ waren die Referenten – von „links“ nach „rechts“ – Rolf Schmiederer, Kurt Gerhard Fischer, Dieter Grosser, Bernhard Sutor und Klaus Hornung. Dieser saloppe Vergleich darf nicht über die Ernsthaftigkeit hinwegtäuschen, das Gespräch zwischen den konträren fachdidaktischen Positionen in Gang zu bringen.
Rolf Schmiederer (1928–1979)
Kurt Gerhard Fischer (1928–2001)
Dieter Grosser (1929–2021)
Bernhard Sutor (1930–2024)
Klaus Hornung (1927–2017)
Der Politikdidaktiker Hermann Giesecke, der in Beutelsbach selbst nicht referierte, trug mit einem weiteren Beitrag zum Tagungsband bei. Giesecke wurde von Schiele und Schneider mit Blick auf seine fachdidaktische Positionierung und den von ihm vertretenen pluralistischen Ansatz politisch „mittig“ verortet.
Hermann Giesecke (1932–2021)
Die Nachlese von Hans-Georg Wehling
Als entscheidend hat sich herausgestellt, dass Hans-Georg Wehling, der in der LpB für Publikationen zuständig war, von Schiele gebeten wurde, die Tagung genauer in den Blick zu nehmen und zu protokollieren. Wehling hat diese Aufgabe mit Bravour geleistet. Mit seinen Formulierungen hat er den Verlauf der Tagung komprimiert und in den entscheidenden Punkten zusammengefasst. Der von Wehling in der Nachlese des Expertengesprächs – überschrieben mit „Konsens à la Beutelsbach?“ – formulierte Beutelsbacher Konsens bündelte die Expertenvorträge wie auch die Eindrücke, die man von den Diskussionen gewinnen konnte. Im Nachgang der Veröffentlichung widersprach niemand Wehling ausdrücklich.
Hans-Georg Wehling (1938–2021)
Der Beutelsbacher Konsens: Entstehung und Wirkung
von Prof. Dr. Hans-Georg Wehling (†)
Der folgende Text ist ein 1977 verfasster Rückblick von Hans-Georg Wehling:
Ziel einer Tagung im Herbst 1976 in Beutelsbach war es, die Möglichkeiten für einen politischen Konsens auszuloten, über die unterschiedlichsten wissenschaftlichen und politischen Positionen hinweg. Darüber sollte der Streit organisiert werden, der in Beutelsbach mehrtägig ausgetragen werden sollte. Das Vorhaben überzeugte bundesweit: alle kamen und diskutierten engagiert und zivilisiert.
Letzte Aktualisierung: Januar 2026, Internetredaktion LpB BW