Gewalt gegen Frauen

Jede dritte Frau in Deutschland wird in ihrem Leben Opfer physischer oder sexualisierter Gewalt. Bei jeder vierten Frau ist der Täter der aktuelle Partner oder ein früherer Partner. Auf das Jahr gerechnet ermordet in Deutschland fast täglich ein Partner oder Ex-Partner eine Frau. Das zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamts. Statistisch gesehen wird alle 45 Minuten eine Frau Opfer von gefährlicher Körperverletzung durch Partnerschaftsgewalt (Quelle). Und es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer noch wesentlich höher liegt.

Mehrere Gedenk- und Aktionstage weisen auf dieses Problem hin. Der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ findet jährlich am 25. November statt. Am 14. Februar wird anlässlich der Protestaktion "One Billion Rising" dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen und grenzübergreifende Solidarität gegen Gewalt an Frauen zu zeigen.

 

Kostenloses Hilfetelefon: „Gewalt gegen Frauen“

08000 116 016

Rund um die Uhr finden Betroffene hier Beratung und Hilfe. Die Telefonnummer ist kostenlos und bundesweit erreichbar. Sie kann auch ohne Handyguthaben genutzt werden.

Weitere Informationen: www.hilfetelefon.de

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Definition von Gewalt gegen Frauen

Gewalt gegen Frauen findet jeden Tag statt. In allen Ländern, in allen Kulturen. Auch bei uns. Oma, Mutter, Tochter, Schwester, Freundin: Rein statistisch muss eine von vier Frauen in Deutschland mindestens einmal Gewalt durch den Partner überstehen. Das zeigen die Zahlen der aktuellen polizeilichen Kriminalstatistik, die im November 2020 veröffentlicht wurde. Zu den Straftaten zählen etwa Stalking, Vergewaltigung, Körperverletzung und Mord. Betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten und jeden Alters. Diese Fakten zeigen, warum der "Internationale Tag zur Beseitigung gegen Gewalt an Frauen" notwendig ist.

Gewalt gegen Frauen ist kein Phänomen anderer Kontinente, anderer Kulturen oder vergangener Zeiten. Sie ist traurige Wirklichkeit für viel zu viele Frauen – auch mitten in unserer Gesellschaft.

 

Was ist "Gewalt gegen Frauen"?
Eine Antwort darauf liefert die "Istanbul-Konvention", ein Übereinkommen des Europarats. Gewalt gegen Frauen definiert die Konvention "als eine Menschenrechtsverletzung und eine Form der Diskriminierung der Frau verstanden und bezeichnet alle Handlungen geschlechtsspezifischer Gewalt, die zu körperlichen, sexuellen, psychischen oder wirtschaftlichen Schäden oder Leiden bei Frauen führen oder führen können, einschließlich der Androhung solcher Handlungen, der Nötigung oder der willkürlichen Freiheitsentziehung, sei es im öffentlichen oder privaten Leben".

Häusliche Gewalt bezeichnet  nach Artikel 3 der Istanbul-Konvention „alle Handlungen körperlicher, sexueller, psychischer oder wirtschaftlicher Gewalt, die innerhalb der Familie oder des Haushalts oder zwischen früheren oder derzeitigen Eheleuten oder Partnerinnen beziehungsweise Partnern vorkommen, unabhängig davon, ob der Täter beziehungsweise die Täterin denselben Wohnsitz wie das Opfer hat oder hatte".


Was ist die Istanbul-Konvention?
Die Istanbul-Konvention, das „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“, ist das erste völkerrechtlich verbindliche Instrument im europäischen Raum gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Der Europarat verabschiedete sie 2011, 2017 ratifizierte die Bundesrepublik Deutschland die Konvention. Am 1. Februar 2018 trat die Konvention in Deutschland in Kraft und ist seither geltendes Recht.

Die Bundesregierung verpflichtet sich mit ihrer Unterschrift unter das Übereinkommen, dass alle staatlichen Organe – darunter Gesetzgeber, Gerichte und Strafverfolgungsbehörden – die Verpflichtungen der Konvention umsetzen. Diese sollen Frauen vor allen Formen der Gewalt schützen, Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt verhindern und beenden und die Täter strafrechtlich verfolgen.


Weitere Informationen:
Webseite des Europäischen Rats zur Instanbul Konvention (englisch)
bpb - Gewalt gegen Frauen

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Sexualisierte und häusliche Gewalt gegen Frauen

Autorin des Abschnitts: Carol Hagemann-White, überarbeitet durch die Internetredaktion der LpB BW.
zum Originaltext: Sexuelle und häusliche Gewalt gegen Frauen. Bürger & Staat, 3 - 2018.

Definition

Als Gewalt gilt individuelles Handeln, das darauf abzielt oder in Kauf nimmt, andere zu schädigen, ob körperlich, seelisch, sexuell oder in ihrer sozialen Teilhabe. Frauen werden in unserer Gesellschaft verhältnismäßig oft mit zwei Formen von Gewalt konfrontiert:

  • häusliche Gewalt, also Gewalt in nahen Beziehungen, insbesondere durch Partner oder Ex-Partner.
  • sexuelle Gewalt innerhalb von Beziehungen, aber auch im öffentlichen Raum und in der Arbeitswelt. 

Tatort: die eigenen vier Wände

Frauen und Männer sind von Gewalt unterschiedlich betroffen
Männer erleben körperliche und auch sexuelle Gewalt am häufigsten in öffentlichen Räumen, am ehesten in jungen Jahren, aber auch als Opfer Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. In Paarbeziehungen, so der Befund von mehreren Studien, erleben Männer vor allem psychische Gewalt; körperliche Gewalt jedoch am ehesten durch leichte Ohrfeigen und selten so, dass Verletzungen folgen. 

Frauen erfahren körperliche Gewalt (32 Prozent) und sexuelle Gewalt (13 Prozent) am häufigsten in Beziehungen oder nach einer Trennung. Betroffen sind alle Altersgruppen. Fast zwei Drittel von ihnen trugen mindestens einmal Verletzungen davon. Sowohl körperliche als auch gravierende sexuelle Gewalt erleben Frauen zu 70 Prozent in der eigenen Wohnung.


Sexuelle Belästigung ist am häufigsten
Die häufigste Form von Gewalt an Frauen ist die sexuelle Belästigung. Knapp 60 Prozent aller Befragten berichteten davon, 86 Prozent von ihnen haben dies dies im öffentlichen Raum durch wenig oder nicht bekannte Personen erleben müssen. Am zweithäufigsten kam sexuelle Belästigung bei der Arbeit, in Ausbildung oder Schule vor. 27 Prozent aller befragten Frauen haben Situationen sexueller Belästigung erlebt, in denen sie sich ernsthaft bedroht fühlten, und für neun Prozent mündete sie in ungewollten Geschlechtsverkehr und/oder körperliche Gewalt (zur repräsentativen Studie "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“, 2004). 


Viele kleinere, zermürbende Übergriffe kennzeichnen häusliche Gewalt
Während viele Studien zu häuslicher Gewalt den Blick vorrangig auf physische Gewalt richten, ist das zentrale Merkmal häuslicher Gewalt in Paarbeziehungen jedoch eine Kette oft kleiner, aber zermürbender Übergriffe und Nötigungen, mit denen längerfristig eine umfassende Kontrolle durchgesetzt werden soll. 

Deutlicher noch ist die Eingrenzung bei sexualisierter Gewalt: Studien fragten nach Anfassen, durch körperlichen Zwang oder Drohungen erzwungenen sexuellen Handlungen und Penetration. Andere Übergriffe fielen unter die Rubrik „sexuelle Belästigung“. Doch Zudringlichkeiten auch ohne körperlichen Übergriff, Stalking oder das Zurufen sexualisierter Bemerkungen sind mehr als bloß „lästig“. In vielen Situationen ist es für betroffene Frauen nicht einschätzbar, ob oder wann die Aufdringlichkeit in einen physischen Zugriff übergehen wird. Davon abgesehen: Ungefragt und aufdringlich als sexuelle „Beute“ behandelt zu werden, ist entwürdigend. 

Hintergrundinformationen

Was ist "sexualisierte Gewalt"?

In den letzten Jahren hat sich in der Fachwelt immer stärker der Begriff „sexualisierte Gewalt“ durchgesetzt. Für diesen Begriff gibt es keine einheitliche Definition, er setzt sich jedoch bewusst vom Begriff „sexuelle Gewalt“ ab. Unter „sexualisierter Gewalt“ wird jegliche Form von Gewalt verstanden, die sich in sexuellen Übergriffen ausdrückt. Bei diesen Formen der Gewaltausübung steht nicht einfach die sexuelle Befriedigung der Täter im Vordergrund, sondern die Übergriffe werden vielmehr eingesetzt, um Macht zu demonstrieren und andere zu erniedrigen. 

Der Begriff „sexualisierte“ Gewalt macht damit deutlich, dass sexuelle Handlungen als Mittel zum Zweck, also zur Ausübung von Macht und Gewalt, vorgenommen werden. Sexualisierte Gewalt findet deshalb oft in Abhängigkeitsverhältnissen statt. Jede Frau und jedes Mädchen, gleich welchen Alters, welcher Nationalität oder welcher Religion, kann sexualisierte Gewalt erleiden. Sie ist ein massiver Eingriff in die Intimsphäre einer anderen Person gegen ihren Willen (zu dieser Definition: Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“). Sexualisierte Gewalt beginnt bereits bei frauenfeindlicher Sprache, anzüglichen Blicken oder verbalen Belästigungen und geht über ungewollte sexuell konnotierte Berührungen bis hin zur Vergewaltigung.

Bei „häuslicher Gewalt“ handelt es sich in der Regel um zeitlich länger gestreckte Gewaltmuster, die alle Aspekte des Alltags durchdringen und über Ausdrucksformen sexualisierter Gewalt hinausgehen.

Woher kommt die Gewalt?

Was einen adäquaten Umgang mit diesen Gewaltphänomenen so schwierig macht, ist die in der westlichen Kultur verankerte Zuordnung zu der Privatsphäre. Das Private ist doppelt bestimmt. Als privat und schützenswert bewertet wird zum einen die Familie oder das Zusammenleben in Beziehungen, in denen Grundbedürfnisse tragend sein sollen. Dies betrifft den Ort der Gewaltanwendung. Zum anderen wird die Sexualität als intim und privat eingeordnet, und zwar so sehr, dass jede Situation (ganz gleich wo es sein mag), sobald sexuelle Aspekte erkennbar werden, spontan als Ausdruck privater, persönlicher Beziehungen gedeutet wird.

Steht eine junge Frau morgens um sieben an der Bushaltestelle und wird von einem ihr völlig unbekannten Mann angefallen, kann es passieren, dass die anderen Menschen wegsehen, weil sie sein Gezerre als Beziehungsstreit ansehen. Auch sexuelle Belästigung oder Stalking werden gerne verharmlost in der Annahme, es handele sich um eine schiefgelaufene Paardynamik, und dies auch wenn Übergriffe oder sexualisierte Herabsetzungen in der Öffentlichkeit, der Arbeitswelt oder beim Aufsuchen von Institutionen und Behörden passieren.

Die Zuordnung zur Privatsphäre gibt immer wieder den Anstoß zu Erklärungen für Gewalt, die Distanz schaffen sollen, sowohl zu den Tätern als auch zu den Opfern. Solche Erklärungen beruhigen das Bedrohliche der Gewalt im nahen Sozialraum. Es sind ja nicht wir, sondern andere, denen so etwas widerfährt!

Einige Beispiele:

  • Aus der Sicht der Mittelschicht wird oft jeder Hinweis aufgegriffen, der dafür spricht, dass die Gewalt vor allem bei den unteren sozialen Schichten vorkommt.
  • Aus der Sicht der einheimischen Bevölkerung eines Landes oder einer Region sind es die Zugezogenen, die Fremden, die Gewalt ausüben.
  • Exzesse von Alkohol und Drogen betrachten viele, die den eigenen Konsum für moderat und normal halten, als eine plausible Erklärung für Gewalt.

Doch solche einfachen Erklärungen werden der Vielschichtigkeit der Genese von Gewaltbereitschaft nicht gerecht, sondern zielen vor allem darauf, die Gewalt als Merkmal des Anderen, des Fremden einzuordnen und so auf Abstand zu halten. In einer Untersuchung für die Europäische Kommission wurde der Forschungsstand systematisch ausgewertet, um die Faktoren zu erfassen, die zur Täterschaft bei Gewalt gegen Frauen führen können (vgl. Hagemann-White u. a. 2010).

Dabei hat sich gezeigt, dass weder soziale Schicht noch Alkohol die Gewalt erklären, und bei Migration gibt es gemischte Ergebnisse in der Forschung. Empirisch gesehen steht weder sexueller Gewalt noch Misshandlung einer Partnerin systematisch in Zusammenhang mit dem Niveau des Alkoholkonsums. Allerdings finden viele männliche Jugendliche und junge Männer nichts dabei, eine Frau betrunken oder „high“ zu machen, damit sie der sexuellen Eroberung keinen wirksamen Widerstand entgegensetzt; dazu müssen sie ja selber mittrinken.

In Misshandlungsbeziehungen wiederum ist das Muster bekannt, dass der Mann zuerst trinkt und dann zuschlägt. So entstehen die Daten aus der Polizeistatistik, dass bei einem hohen Anteil der Gewaltsituationen Alkohol im Spiel war. Die Forschung bestätigt nicht, dass das Niveau des Alkoholkonsums ursächlich für die Gewalt ist, schon gar nicht für sexuelle Gewalt. Bei einer eher kleinen Gruppe der Täter wird Gewalt gegen die Partnerin durch bestimmte Muster des Trinkens (z. B. „Komasaufen“ oder tägliche Volltrunkenheit) gefördert, nicht aber durch hohen oder regelmäßigen Konsum von Alkohol.

International ist belegt, dass geringe Bildung, soziale Ausgrenzung und Armut mit Gewalt zusammenhängen, doch scheint es sich dabei eher um Milieus als um Individuen zu handeln; nicht der einzelne Arbeitslose beginnt seine Frau zu schlagen, sondern strukturelle Arbeitslosigkeit und Armut sowie die kollektiv fehlende Hoffnung sind für alle Formen von Gewalt und Kriminalität förderlich. In dieser Situation befindet sich ein überdurchschnittlich hoher Anteil der Migranten der letzten Jahre. Eine differenzierte Analyse der deutschen Prävalenzdaten zur Gewalt in der Paarbeziehung stellte keine regelmäßige Beziehung zwischen Gewalt in der Paarbeziehung und sozialer Schicht bzw. Milieu fest (Schröttle 2008). Wohl aber war ein Migrationshintergrund von Bedeutung, wobei kein genereller Zusammenhang zu erkennen war. „Frauen türkischer Herkunft [waren] vergleichsweise häufiger und schwerer von körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt durch den aktuellen Partner betroffen. (…) Demgegenüber sind Frauen aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion – unabhängig vom Täter-Opfer-Kontext – häufiger sexueller Gewalt und Frauen deutscher Herkunft häufiger sexueller Belästigung ab dem Alter von 16 Jahren ausgesetzt“ (Schröttle/Khelaifat 2008: 14).

In der deutschen Mehrheitsbevölkerung waren zwei Gruppen von Frauen besonders häufig von schwerer Gewalt in der Paarbeziehung betroffen: zum einen jüngere Frauen ohne Bildungs- und Ausbildungsabschluss in einkommensschwachen Haushalten, zum anderen aber Frauen ab 45 mit höherwertigen Bildungsabschlüssen, die ein höheres Einkommen als der Mann bezogen (Schröttle 2008: 29, 35).

Ein ähnliches Ergebnis ergab die österreichische Prävalenzstudie: „Frauen mit einem Studienabschluss weisen grundsätzlich die höchste Prävalenz in allen Gewaltformen – ausgenommen der körperlichen Gewalt – auf, besonders in den Formen der sexualisierten Gewalt. Bei Männern verhält es sich gerade umgekehrt, sie werden bei niedrigem Bildungsstatus am ehesten Opfer von Gewalt“ (Kapella u. a.: 81).

Dies macht deutlich, dass das strukturelle Machtverhältnis sowohl auf reale Ressourcen verweist als auch symbolische Macht im Sinne kulturell tiefsitzender Überzeugungen über berechtigte Ansprüche (entitlement) ist.

Weder sind Männer von Natur aus Täter, noch sind Frauen von Natur aus Opfer von Gewalt. Das Zusammenwirken verschiedener Faktoren auf mehreren Ebenen führt dazu, Täter oder Opfer zu werden. Dabei gibt es unterschiedliche Wege, die zu verschiedenen Formen sexueller Gewalt führen, und diese sind nicht identisch mit dem Bild, das sich bei Gewalt in der Paarbeziehung zeigt.

"Sexuelle und häusliche Gewalt gegen Frauen" von Carol Hagemann-White 

Kostenloses Material der LpB BW

Der Beitrag "Sexuelle und häusliche Gewalt gegen Frauen" von Carol Hagemann-White erschien in der Ausgabe 3/ 2018 der Zeitschriftenreihe Bürger & Staat zum Thema "Gewalt". 

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Gewalt gegen Frauen in der Corona-Krise

Die Corona-Pandemie wirkt sich auf die Sicherheit von Frauen und Kindern aus. Laut Berichten von Frauenhäusern, Beratungsstellen und Hilfetelefonen nimmt häusliche Gewalt seit der ersten Phase der coronabedingten Einschränkungen des öffentlichen Lebens zu. Vermutlich liegt die Dunkelziffer deutlich höher als die Zahl der polizeibekannten Fälle. So muss man davon ausgehen, dass durch die Corona-Krise Ungerechtigkeiten verstärkt und bereits vorhandene Missstände schlimmer werden. 


Hat die Gewalt zugenommen?
Im Juni 2020 zeichneten Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität München und des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung ein beunruhigendes Bild: Im Rahmen einer ersten repräsentativen Umfrage untersuchten sie die Häufigkeit von häuslicher Gewalt gegen Frauen und Kinder während der ersten Covid-19-Welle in Deutschland. Gerade zu Zeiten der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen waren Frauen laut den Forscherinnen verstärkt von häuslicher Gewalt betroffen, vor allem wenn die Familien in Quarantäne mussten oder akute finanzielle Sorgen hatten. 

Eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa) bei den zuständigen Ministerien und Behörden der Länder im Juni 2020 bestätigte, dass seit Beginn der Pandemie in einigen Bundesländern deutlich mehr Fälle häuslicher Gewalt registriert wurden. Dass die Zahlen ein uneinheitliches Bild der Gesamtsituation zeichnen, liegt laut offiziellen Stellen auch daran, dass Betroffene in Zeiten eingeschränkter Kontakte erfahrene Gewalt nicht angezeigt haben und Anlaufstellen oft nur begrenzt erreichbar waren. Ständige Nähe in der Wohnung, Homeoffice, Kinderbetreuung zu Hause und Existenzängste führen zu hohen Belastungen in Familien. Fehlende soziale Kontrolle und der Mangel an Möglichkeiten, sich Gewaltsituationen zu entziehen, verschärfen die Situation vieler Frauen und Kinder. 


Wie kann betroffenen Frauen geholfen werden?
Anlaufstelle für Frauen, die Gewalt erleiden, sind unter anderem die Frauenhäuser. Nach Einschätzung der Zentralen Informationsstelle autonomer Frauenhäuser (ZIF) verzeichnen Frauenhäuser in Deutschland in der Pandemie eine deutlich höhere Nachfrage. Dies ist umso gravierender, da in vielen Regionen bereits vor der Pandemie nicht genügend Plätze in Frauenhäusern vorhanden waren. Persönliche Beratung lässt sich zudem in Zeiten von Kontaktreduzierung und Infektionsschutzauflagen schwer umsetzen. Die vorgeschriebenen Quarantänemaßnahmen reduzieren die Kapazitäten von Frauenhäusern zusätzlich. Das ZIF fordert daher neue Finanzierungs- und Hilfskonzepte für die aktuelle Situation.

Mit dem Aufruf "Gewaltschutz in Krisenzeiten ist Gemeinschaftssache!" machten Einrichtungen aus der Anti-Gewaltarbeit im April 2020 auf die Situation gewaltbetroffener Frauen und Kinder aufmerksam. Sie fordern von staatlichen Stellen, den Schutz von Frauen und Kindern vor häuslicher und sexualisierter Gewalt in Zeiten der Pandemie sicher zu stellen. An die Bevölkerung appellieren sie, eine "solidarische Nachbarschaft" anzubieten, auch und gerade bei häuslicher und sexualisierter Gewalt.

"Gewalt ist keine Privatsache. Wichtig ist, nicht wegzuschauen, sondern Zivilcourage zu zeigen, Betroffenen Hilfe anzubieten und sich selbst über Hilfsangebote zu informieren."


Reaktionen

Im April 2020 forderte UN Generalsekretär António Guterres die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen auf, den Schutz von Frauen und Mädchen vor Gewalt durch ihre Partner, Väter oder andere Mitbewohner in den Reaktionsplänen gegen die Corona-Pandemie aufzunehmen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) reagierte im Herbst 2020 auf die Situation von gewaltbetroffenen Frauen und ihren Kindern in der Pandemie mit dem Projekt "Nachhaltiges technisches Empowerment von Fachberatungsstellen und Frauenhäusern in der Corona-Pandemie - Hilfesystem 2.0" innerhalb des Bundesprogramms "Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen". 
 

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Der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen

Was bedeutet der 25. November?

Frauenrechtsaktivistinnen in vielen Ländern begehen jedes Jahr am 25. November den „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen“, der eng mit dem Thema geschlechtsbezogene Gewalt verknüpft ist. Dieses Datum wurde im Gedenken an die Mirabal-Schwestern gewählt, drei politische Aktivistinnen aus der Dominikanischen Republik, die am 25. November 1960 vom militärischen Geheimdienst nach monatelanger Folter brutal ermordet wurden. Sie waren im Untergrund tätig und an Aktivitäten gegen den tyrannischen Diktator Rafael Trujillo beteiligt. 

1981 wurde der 25. November zum Gedenktag. Auf einem Treffen lateinamerikanischer und karibischer Feministinnen in Bogotá in Kolumbien würdigten die Teilnehmerinnen die Mirabal-Schwestern und riefen deren Todesdatum als Gedenktag für die Opfer von Gewalt an Frauen und Mädchen aus. Seitdem machte dieser in immer mehr Ländern begangene Tag auf häusliche Gewalt, Gewalt in der Partnerschaft, Zwangsprostitution und sexuellen Missbrauch aufmerksam. Seit 1999 ist der 25. November auch von den Vereinten Nationen als offizieller internationaler Gedenktag anerkannt.

 

Geschichte des Gedenk- und Aktionstags

1994 verabschiedeten die Vereinten Nationen (UN) die "Declaration on the Elimination of Violence against Women", also die „Erklärung zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. Im Februar 2000 erließ die UN-Generalversammlung die Resolution 54/134, die den 25. November offiziell zum „Internationalen Tag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ bestimmte und damit Regierungen, internationale Organisationen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu Zusammenarbeit und Aktivitäten auffordert.

Mit der Einführung dieses Internationalen Tages will die UN Position gegen geschlechtsbezogene Gewalt beziehen. Aktivistinnen in vielen Ländern der Erde nutzen seitdem jedes Jahr den 25. November, um die Öffentlichkeit auf das Thema Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen.

In Deutschland initiierte die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes, die sich für die gleiche Rechte und Selbstbestimmung von Frauen weltweit einsetzt, am 25. November 2001 erstmals die Flaggen-Aktion „Frei leben von Gewalt". Mittlerweile ist die Aktion bundesweit bekannt: Zahlreiche Gleichstellungsbeauftragte, Verbände und Ministerien hissen jedes Jahr im November die Terre-des-Femmes-Fahne, um ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen  zu setzen.


Originaldokumente

Declaration on the Elimination of Violence against Women

Resolution 54/134 International Day for the Elimination of Violence against Women 


Weitere Informationen:

Euopäische Kommission: Questions & Answers: International Day for the elimination of violence against women (2018)

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Zahlen zur Gewalt gegen Frauen in Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg gibt es (Stand November 2019) 109 Fachberatungsstellen für Frauen, die von sexualisierter oder häuslicher Gewalt betroffen sind. Diese Einrichtungen machen vielfältigeAngebote, die über die Beratung und Begleitung von Frauen hinausgehen, so der "GesellschaftsReportBW 2019" des Statistischen Landesamts.

Nichtsdestotrotz erhalten nicht alle betroffenen Frauen und Kinder im Land die benötigte Hilfe. Zum einen fehlen im ländlichen Raum häufig entsprechende Angebote, zum anderen sind insbesondere in Städten Frauen- und Kinderschutzhäuser oft ausgelastet: 2019 fehlten laut einem Bericht der Stuttgarter Zeitung 633 Plätze im Land.

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Zahlen zur Gewalt gegen Frauen in Deutschland

Partnerschaftliche Gewalt an Frauen

Zahlen zur Gewalt an Frauen in Deutschland liefert die Polizeiliche Kriminalstatistik. Versuchte oder vollendete Delikte gegen Frauen, die laut Polizeilicher Kriminalstatistik (Berichtsjahr 2019) Opfer von Partnerschaftsgewalt wurden:

DeliktFallzahl
Vorsätzliche, einfache Körperverletzung rund 69.000
Gefährliche Körperverletzung:rund 12.000
Bedrohung, Stalking, Nötigungrund 28.900
Freiheitsberaubungrund 1.500
Mord und Totschlagrund 300

Gegenüber 2018 ist die Anzahl der Opfer partnerschaftlicher Gewaltdelikte 2019 erneut angestiegen. Dies bestätigt die in den Vorjahren festgestellte Entwicklung und verdeutlicht die größer werdende Bedeutung des Problems der Partnerschaftsgewalt.

Frauen werden keineswegs nur in sozialen Brennpunkten von ihrem Partner geschlagen, vergewaltigt, beschimpft oder gedemütigt. Auch Frauen aus mittleren und höheren Bildungs- und Sozialschichten können Opfer von Partnerschaftsgewalt werden. Zu den Risikofaktoren für sie gehören vor allem Trennungsabsichten oder eine Trennung der Beziehung (Quelle).

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Zahlen zur Gewalt gegen Frauen in Europa

(zum Original)

Jede dritte EU-Bürgerin wurde bereits mindestens einmal Opfer von Gewalt – das zeigt die 2014 veröffentliche Studie „Gewalt gegen Frauen: eine EU-weite Erhebung“ der European Union Agency for Fundamental Rights FRA. Laut einer Eurobarometer-Umfrage von 2016 ist Gewalt gegen Frauen in manchen Ländern der EU nach wie vor akzeptiert und wird sogar gerechtfertigt.

Jede dritte Europäerin wurde bereits Opfer von Gewalt - das zeigte diese 2014 veröffentliche Studie der FRA European Union Agency for Fundamental Rights.

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One Billion Rising

jährlich am 14. Februar

Seit 2012 findet der Aktionstag „One Billion Rising“ immer am 14. Februar statt. Am 14. Februar, dem Valentinstag, lädt die Aktion „One Billion Rising" (englisch für „Eine Milliarde erhebt sich“) Frauen und Männer weltweit dazu ein, zu protestieren, zu tanzen und aufzustehen, um ein Ende der Gewalt an Frauen zu fordern.

Der Aktionstag will auf die immer noch stark verbreitete Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen, kollektive Stärke zeigen und globale Solidarität über alle Grenzen hinweg bekunden. "One Billion Rising" ist somit eine Art globaler Streik und weltweite Demonstration der Gemeinsamkeit. Die Aktivistinnen und Aktivisten von "One Billion Rising“ machen sich für Gleichberechtigung, Sicherheit und Freiheit aller Frauen, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und den Zugang zu Bildung für Mädchen stark. Eingefordert werden zudem Rechte für LGBTQI-Personen (lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, queere und intersexuelle Menschen). Die deutsche Webseite des Aktionstags erklärt: 

"One Billion Rising zeigt, wie viele wir sind, die sich weigern, Gewalt gegen Mädchen und Frauen als unabänderliche Tatsache hinzunehmen.“

Informationen werden im Netz unter #OBR2020 geteilt, eine Übersicht über die Aktionen finden Bürgerinnen und Bürger hier

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Weitere Angebote und Informationen der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Zu allen Dossiers zum Thema Frauen und Politik.

Diversity und Gender Mainstreaming

Für eine vielfältige Gesellschaft

Diversity ist ein Ansatz, der die Vielfalt in unserer Gesellschaft aufzeigen möchte. Alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, Alter oder ihrer Religion oder Herkunft, sollen Anerkennung erhalten und wertgeschätzt werden. Diversity hinterfragt unseren Umgang mit Vielfalt in unserer Gesellschaft. Gender Mainstreaming bezeichnet die Verpflichtung, bei allen Entscheidungen die unterschiedlichen Auswirkungen auf Männer und Frauen in den Blick zu nehmen.

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