Dossier

Wohnen in Baden-Württemberg

Knapper Wohnraum, teure Mieten

Autorin: Renate Allgöwer

Die baden-württembergischen Städte schlagen Alarm. Sie warnen, der Wohnraummangel könnte sich zu einer sozialen Krise auswachsen. Der Städtetag spricht im Oktober 2024 von einem „alarmierenden Zustand“ und „einer der schwerwiegendsten Krisen“ im Wohnungsbau des Landes seit der Nachkriegszeit. Zunehmend seien nicht nur die Großstädte, sondern auch Kommunen in der Fläche betroffen. Mindestens 200.000 Wohnungen fehlen im Südwesten, sagt Ralf Broß, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Städtetags Baden-Württemberg. Pflegekräfte, Beschäftigte in Kitas oder im Handwerk hätten in manchen Gegenden jetzt schon kaum eine Chance auf dem Wohnungsmarkt und würden abwandern. Das führt in den betroffenen Regionen zu Fachkräftemangel. „Der Wohnraummangel hat sich in vielen Städten zu einem massiven Standortnachteil entwickelt“, warnt Broß. 

Wohnen in gefragten Städten in Baden-Württemberg

Beispiel Stuttgart

In Stuttgart könnten in den Jahren 2024 und 2025 rund 2000 Wohnungen aus der Sozialbindung fallen. Die Stadt hat im Doppelhaushalt 2024/25 nach eigenen Angaben die Mittel für den geförderten Mietwohnungsbau deutlich erhöht. Insgesamt wurden demnach 25 Millionen Euro zur Verfügung gestellt

Wer in Stuttgart eine Sozialwohnung sucht, braucht vor allem eines: Geduld. Die Stadt verfügt nach eigenen Angaben über rund 19.000 Mietwohnungen. Die Verwaltung weist auf ihrer Homepage darauf hin, dass die Fluktuation gering sei und nur wenige Sozialwohnungen neu gebaut würden. Die Warteliste ist lang. Es ist laut Stadt „mit einer durchschnittlichen Wartezeit bis zur Wohnungsvermittlung von zwölf bis 24 Monaten zu rechnen. In Einzelfällen kann diese auch bis zu drei Jahren betragen“.

Wie teuer ist die Landeshauptstadt?

Der derzeit gültige Mietspiegel weist eine Steigerung von 6,8 Prozent gegenüber 2022 aus. Der Grundwert liegt bei einer 25-Quadratmeter-Wohnung je nach Baujahr zwischen 12,97 und 13,16 Euro pro Quadratmeter, für eine 70 Quadratmeterwohnung reicht die Spanne von 9,61 bis 9,80 Euro pro Quadratmeter. Für die teuersten Lagen kommen 1,88 Euro pro Quadratmeter hinzu. Weitere Aufpreise sind abhängig von der Ausstattung zu erwarten. 

Geld allein reicht nicht, um in Stuttgart eine Wohnung zu bekommen. Ein typisches Beispiel aus dem Kleinanzeigenportal: Nach fünf Jahren Beziehung wollen Josefa und Manuel zusammenziehen. 1100 Euro würden sie für eine Wohnung mit 50 Quadratmetern ausgeben. Das Paar will durch Charakterstärke seine Chancen erhöhen: „Wir sind verantwortungsbewusst, harmonieliebend und zuverlässig. Wir haben keine Haustiere, sind Nichtraucher und möchten langfristig in der Wohnung bleiben. Durch Ersparnisse und festes Einkommen sind wir finanziell abgesichert.“ So heißt es in Mietgesuchen landauf landab. Foto inklusive, versteht sich. Auch Belohnungen für den Fall, dass ein Mietvertrag zustande kommt, sind keine Seltenheit. Nicht nur in Stuttgart.  

Beispiel Freiburg

Auch Freiburg meldet eine hohe Nachfrage nach bezahlbaren Wohnungen und eine geringe Fluktuation bei den Sozialwohnungen. Auch hier ist die Warteliste lang. Es könne „zu längeren Wartezeiten kommen“, bleibt das kommunale Wohnungsbauunternehmen „Freiburger Stadtbau“ vage. Der Wohnungsmarkt in der Unistadt sei „angespannt“. Nur selten werde eine der 9500 Mietwohnungen im Bestand des Unternehmens frei. 

Mehr als 1300 Haushalte sind nach Zahlen der Stadt auf Wohnungssuche.  Selbst solvente Mieter bekommen kaum Angebote. 

Der Mietspiegel 2023/24 zeigt: in Freiburg liegt die Basismiete für eine 25-Quadratmeter-Wohnung bei 15,51 Euro pro Quadratmeter. 70 Quadratmeter kosten im Breisgau im Durchschnitt 9,52 Euro pro Quadratmeter. Das wäre deutlich weniger als in Tübingen. Allerdings ist die Spanne breit. Bei Baujahren zwischen 2018 und 2020 kommen 15 Prozent dazu. Mit weiteren 14 Prozent Aufschlag muss man für eine gehobene Lage rechnen. 

Beispiel Tübingen

In der Universitätsstadt Tübingen ist bezahlbarer Wohnraum knapp. Die Stadt selbst erklärt auf ihrer Homepage: „Das bekommen insbesondere Menschen mit geringem Einkommen zu spüren.“ Studierende, Rentner oder Menschen mit Behinderung sind stark betroffen. Flüchtlinge müssen untergebracht werden. Aber, so die Stadt weiter: „Auch immer mehr Familien und Haushalte mit mittlerem Einkommen haben Schwierigkeiten, eine angemessene Wohnung zu finden.“

Tübingen liegt bei den Mietpreisen in Baden-Württemberg weit vorn. Der aktuell gültige Mietspiegel weist für eine 25-Quadratmeter-Wohnung 16,29 Euro pro Quadratmeter aus. Vor zehn Jahren lag der Quadratmeterpreis bei 14,6 Euro. Für eine 70-Quadratmeter-Wohnung muss man 12,28 Euro hinlegen. Vor zehn Jahren waren es noch 10,06 Euro. 

Die Tübinger Gesellschaft für Wohnungs- und Gewerbebau (GWG) verwaltet laut ihrem Geschäftsbericht 2210 Wohnungen. Etwa jede zwanzigste Wohnung in Tübingen werde von ihr vermietet. Allerdings gibt es im Jahr nur gut 100 Sozialwohnungen, die neu vermietet werden können.

 Nur wenige Interessenten kommen zum Zuge. Oberbürgermeister Boris Palmer sagte: „Unsere GWG hat 1500 Familien auf der Warteliste“ (Stuttgarter Zeitung, 7./8. September 2024). Palmer befürchtet, die Wohnungsknappheit berge die Gefahr sozialer Unruhen. Er sagte mehreren Medien, der Wohnungsbau könne nicht dem Markt überlassen werden. Er fordert zusammen mit dem Mieterbund, die Bundesregierung solle ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für den Wohnungsbau einrichten

Der Traum vom idealen Wohnen

Die wenigsten Menschen müssen lange überlegen, fragt man sie, wie sie am liebsten wohnen würden:

60 bis 90 Quadratmeter, Erdgeschoss, Balkon, lieber auf dem Land als in der Stadt. Das antworteten die meisten Befragten 2023 in einer repräsentativen YouGov-Umfrage im Auftrag der Online-Plattform „kleinanzeigen“.

Straßenumfrage in Stuttgart

  • Für die junge Familie aus Leinfelden-Echterdingen liegt die Antwort auf der Hand: „Der Traum wäre ein freistehendes Einfamilienhaus mitten in Leinfelden-Echterdingen.“ Das sollte ihnen auch selbst gehören. „Miete eher nicht“, sagt der Vater. Das Paar lebt schon jetzt in einer Eigentumswohnung in Leinfelden-Echterdingen. „Die wird aber zu klein“, sagt die Mutter. Seit vier Monaten ist das erste Kind da. Die Familie will gerne in der Stadt auf den Fildern bleiben. „Aber die Realisierung des Traums wird wahrscheinlich schwierig“, ist die Mutter skeptisch. Man werde eventuell Abstriche von der Wunschvorstellung machen müssen.   (Ehepaar, 34 und 33, Leinfelden-Echterdingen)

  • Konkret sind auch die Vorstellungen einer 39 Jahre alten Hannoveranerin: 

    „Eine Eigentumswohnung in einem sanierten Altbau, im Erdgeschoss, mit Riesenbalkon.“ Das Ganze zentral, mit direktem Verkehrsanschluss, um die Ecke Restaurants, Supermärkte in fußläufiger Entfernung. Wo? „In einer Großstadt nicht unter 500.000 Einwohnern und mit Flughafen.“ Die Frau sagt: „Ich halte es für wahrscheinlich, dass ich einmal so wohne.“ Geographisch ist sie flexibel: in einem europäischen Land (Hannoveranerin, 39).

  • „Ruhig, ländlich, ein Haus, ein Reihenhaus tät‘s auch. Wichtig ist der Kontakt zu Nachbarn. Die Stadt ist zu unpersönlich.“ Für den Mann aus Reutlingen-Betzingen ist „ein Hochhaus in der Stadtmitte unvorstellbar. Ein Sechsfamilienhaus ist schon zu viel.“ Ihm ist besonders das Umfeld wichtig. Notfalls könnte er auch zur Miete wohnen, meint er. Zusammen mit seiner Frau hat der Handwerker den gemeinsamen Traum vom Wohnen bereits verwirklicht: In der eigenen Doppelhaushälfte mitten im 11.000 Einwohner großen Reutlinger Teilort Betzingen. Dort wohnen die Mittfünfziger mit ihrem erwachsenen Sohn. Der Tante sei Dank, die das Haus hinterlassen hat (Handwerker und kaufmännische Angestellte, 53 und 56, Reutlingen).

  • „Man kann keine Wünsche zum Wohnen haben, es gibt ja keine Wohnungen. Man muss froh sein, wenn man eine Wohnung hat.“ Die 74 Jahre alte Stuttgarterin hat ihre Erfahrungen gemacht: „Ich war jahrelang in der Notfallkartei und habe kein Angebot bekommen“. Sie wohnt im Stadtteil Gablenberg. Die Miete ist teuer. „Zum Glück bekomme ich Wohngeld“, erzählt die Rentnerin. Die Wohnung gehöre dringend saniert. Es gibt aber Positives: „Gut ist, dass ich einen Laden in der Nähe habe.“  Wenn sie aber dennoch eine Wohnung wünschen dürfte? „Eine ebenerdige Eigentumswohnung am liebsten mit einem Gärtchen. Aber in der Stadt, ich bin ein totaler Stadtmensch.“ Dass der Traum Wirklichkeit wird, glaubt die Rentnerin nicht: „Die Wohnsituation wird nicht besser“ (Rentnerin, 74, Stuttgart). 

  • „Ein Einfamilienhaus mit Garten am Rand einer Kleinstadt mit bis zu 50.000 Einwohnern. Mit Garten, am besten als Eigentum. Ich möchte später eine eigene Familie haben und im Idealfall so wohnen.“ Im Moment wohnt der 25-Jährige aus Albstadt-Ebingen in einer Wohngemeinschaft in Stuttgart-Feuerbach. „Das ist in meiner jetzigen Situation in Ordnung.“ Der Student der Sozialwissenschaften ist zuversichtlich, dass sich seine Vorstellungen umsetzen lassen. Eigentlich möchte er so wohnen wie er aufgewachsen ist. Vielleicht brauche er etwas Geduld, bis sein Traum vom Wohnen wahr werde: „Es wird wohl länger dauern als bei meinen Eltern. Die haben mit um die 30 ein Haus gebaut.“ Ein Neubau muss es für ihn selbst gar nicht werden. „Ich könnte mir eher vorstellen, ein bestehendes Haus zu kaufen“ (Student, 25, Albstadt).

Bauen wird in Baden-Württemberg immer teurer

Ob die Eigentumsquote im Land in absehbarer Zeit steigen wird, ist fraglich. Bauen jedenfalls wird immer teurer. Das zeigt der Baupreisindex, der die Entwicklung der Preise in der Baubranche widerspiegelt. Für Wohngebäude liegt der Index in Baden-Württemberg laut Statistischem Landesamt im August 2024 bei 127,6. Das ist ein Anstieg von 27,6 Punkten gegenüber dem Jahr 2021. 

Bundesweit steigen die Baupreise ebenfalls seit Jahren. Der Bau eines Wohngebäudes war im August 2024 nach Angaben des Statistischen Bundesamts 3,1 Prozent teurer als im August 2023.

Städte fordern mehr finanzielle Unterstützung

Der Städtetag forderte im Herbst 2024 in einem Brandbrief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann eine deutliche Erhöhung der Wohnraumförderung: „Die Landesförderung deckt nicht annähernd den Bedarf.“ Der Landesanteil liege ohnehin nur bei 30 Prozent. Der Löwenanteil komme vom Bund. Demnach fördert der Bund den Wohnungsbau in Baden-Württemberg derzeit mit 391 Millionen Euro. Insgesamt stehen im Jahr 2024 im Südwesten 551 Millionen Euro dafür zur Verfügung. Das muss sich nach Ansicht der Städte ändern. Wenigstens ein Euro Landesgeld sollte auf einen Euro Bundesgeld kommen, verlangen die Städte. Auch eine Absenkung der Grunderwerbsteuer für selbstgenutzten Wohnraum hält der Städtetag für sinnvoll. 

Die Politik sieht das Problem – Gebaut wird trotzdem weniger

Die politisch Verantwortlichen sehen das Problem. Als „herausfordernd“ stufte Florian Hassler (Grüne), damaliger Staatssekretär im Staatsministerium, die Lage der Bau- und Immobilienbranche in Baden-Württemberg im Herbst 2024 in einer Stellungnahme zum Strategiedialog „Bezahlbares Wohnen und Innovatives Bauen“ ein. Hohe Energie- und Materialkosten und gestiegene Finanzierungskosten bremsen laut Hassler Investitionen ins Bauen. Bauherren bleiben zurückhaltend, obwohl die Zinsen wieder zurückgegangen seien, sagt Bauministerin Nicole Razavi (CDU). Sie sieht eine Ursache darin, dass potenziell Bauwillige wegen der politischen Rahmenbedingungen verunsichert seien. 

Dem großen Bedarf zum Trotz ist in Baden-Württemberg demnach die Zahl der Baugenehmigungen im Wohnungsbau im Jahr 2023 „drastisch gesunken“. Der Rückgang beträgt laut Statistischem Landesamt 32,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im ersten Halbjahr 2024 sanken die Genehmigungen sogar um 40,8 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2023. Die Wohnungsbaufirmen meldeten im ersten Halbjahr 6,8 Prozent weniger Auftragseingänge als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Schon sei die Zahl der Beschäftigten im Baugewerbe um 0,4 Prozent zurückgegangen. In den ersten drei Monaten des Jahres 2024 meldeten 105 Unternehmen Insolvenz an, 10,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. 

Was die Landesregierung tut

Sorgen um die gewohnten Standards

Der Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung befürchtet, dass vereinfachtes Bauen gleichbedeutend sei mit Barrieren bauen. Angesichts der alternden Bevölkerung sei dies der falsche Weg und widerspreche zudem der UN-Behindertenrechtskonvention

Die Architektenkammer begrüßt das Ziel des Gesetzentwurfs, das Bauen zu beschleunigen. Sie findet vor allem die Vereinfachungen für das Bauen im Bestand „geeignet, dem Ziel näher zu kommen“. Allerdings warnt Hans Dieterle, der Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer Baden-Württemberg, alle Vorschläge zusammengenommen könnten zu einer „Aushöhlung der Qualitätssicherung“ führen. 

Was ist mit dem Klimaschutz?

Das fragen nicht nur die Architekten. Der Klimaschutz könnte nach Ansicht der Architektenkammer Baden-Württemberg den abgesenkten Standards zum Opfer fallen. Sie fordern in einer Resolution „Kurs halten beim Klimaschutz“ und machen sich für nachhaltiges, klimagerechtes Bauen stark. Die Architektenkammer befürchtet ohnehin: „Im Ergebnis könnten wir mehr Rechtsstreitigkeiten statt mehr Geschwindigkeit bei Baugenehmigungsverfahren bekommen.“

 

Nicht in meiner Nachbarschaft

Die Bürgerinnen und Bürger sind meist ohnehin skeptisch, wenn es um Lockerungen des Baurechts geht. Das zeigt das Beispiel Freiburg. In der Universitätsstadt gilt der angespannte Wohnungsmarkt seit Jahren als eines der drängendsten Probleme. Dennoch haben die Freiburger in einer städtischen Umfrage von 2020 geringere Abstandsregelungen beim Bauen in Bausch und Bogen abgelehnt. Nur 16 Prozent könnten sich damit anfreunden. Auch Nachverdichtungen im Bestand sehen sie gar nicht gern. Am ehesten unterstützen es die Freiburger (74 Prozent), wenn Gewerbebauten zu Wohnzwecken umgewidmet werden sollten. 

Strategiedialog „Bezahlbares Wohnen und Innovatives Bauen“

Die Landesregierung will möglichst viele Beteiligte in der Diskussion mitnehmen. Als bundesweit einzigartig lobt sie ihren 2022 ins Leben gerufenen Strategiedialog „Bezahlbares Wohnen und Innovatives Bauen“. Akteure von Architekten bis Ministern, von Handwerkern bis Kirchenvertretern zerbrechen sich dabei die Köpfe über die nachhaltige Weiterentwicklung des Bau- und Wohnraumsektors in Baden-Württemberg.

Zentrale Punkte sind: Bezahlbaren Wohnraum schaffen, das Bauen und Sanieren ökologischer machen, dem Klimaschutz Rechnung tragen, die Digitalisierung voranbringen und die Kommunen unterstützen. 

Doch der Erfolg lässt in den Augen zahlreicher Verbände rund um die Bauwirtschaft auf sich warten.  „Der Dialog alleine wird keine bezahlbare Wohnung bringen, wenn die Landesförderung weiterhin nicht annähernd dem Bedarf entspricht“, warnt Ralf Broß als geschäftsführendes Vorstandsmitglied des baden-württembergischen Städtetags. 

Wohnungsbau schwächelt

Im ersten Halbjahr 2024 genehmigten die Baubehörden in Baden-Württemberg rund 4500 Neubauvorhaben, darunter 3200 Wohnhäuser, wie das Statistische Landesamt bekannt gab. Das sind 28 Prozent weniger Bauvorhaben als im gleichen Zeitraum 2023, und der wurde bereits als schwach eingestuft. 

Ganz leicht verbessert hat sich jedoch die Situation im sozialen Wohnungsbau. Landesbauministerin Nicole Razavi (CDU) meldet für 2023 rund 2600 neue Sozialwohnungen im Südwesten – rund 20 Prozent mehr als 2022. Da waren es etwas mehr als 2100. Razavi meint: „Die Zahlen zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Die Verbesserungen halten sich aber in engen Grenzen. Knapp 1300 Sozialwohnungen in Baden-Württemberg sind laut Ministerium im Jahr 2023 aus der Sozialbindung gefallen. Unter dem Strich bleibe ein leichtes Plus von 2,5 Prozent. Die Gemeinden melden demnach für 2023 insgesamt 53.600 Sozialwohnungen. Allerdings fehlen laut der Studie des Pestel-Instituts von 2024 in Baden-Württemberg besonders viele Sozialwohnungen (rund 206.000 Wohnungen). In Bayern sind es rund 195.000 und in Berlin rund 131.000. Hamburg und Nordrhein-Westfalen hingegen stünden mit rund 4400 beziehungsweise 4500 fehlenden Sozialwohnungen vergleichsweise gut da. 

Bauzuschüsse sind schnell weg

Interesse am Bauen wäre im Land der Häuslebauer trotz allen Widrigkeiten vorhanden. 580 Millionen Euro Fördermittel standen in Baden-Württemberg im April 2024 für den Bau von Sozialwohnungen und für private Bauherren bis zu einer bestimmten Einkommensgrenze zur Verfügung. Die Mittel waren laut Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen bereits im Juni ausgeschöpft. Allerdings ist der geförderte Wohnungsbau laut Ministerin Razavi nur ein kleiner Baustein. Mehr als 90 Prozent der neuen Wohnungen würden auf dem freien Markt geschaffen. 

Paradox: Die Not ist groß und Wohnungen stehen leer

Gegen den Leerstand wollen einzelne Städte vorgehen

Die Stadt Mannheim hat zum Beispiel ein Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum erlassen, das es auch verbietet, Wohnungen länger als sechs Monate leerstehen zu lassen. Die Stadt will ein Register aufstellen und Eigentümerinnen und Eigentümer gezielt ansprechen. 

Auch in Tübingen gilt ein Zweckentfremdungsverbot. Dennoch stehen im Landkreis rund 4000 Wohneinheiten leer, kritisiert das „Wohnraumbündnis Tübingen“. Hier wie in allen Hochschulstädten konkurrieren Studierende mit weniger Betuchten um bezahlbaren Wohnraum. Geflüchtete hätten ganz schlechte Chancen. Gleichzeitig würden Boardinghouses mit Appartements für Besserverdienende gebaut, kritisiert das Bündnis. 

Was sagt die Opposition zu den Bemühungen der Landesregierung?

Die Sozialdemokraten finden es ein „Unding“, dass die Mittel für den sozialen Wohnungsbau im Südwesten so schnell ausgeschöpft sind. Sie fordern eine deutliche Aufstockung der Landesmittel. Statt 150 Millionen sollten es 330 Millionen Euro sein. Schließlich würden im Land 206.000 Sozialwohnungen fehlen, erklärt SPD-Landeschef Andreas Stoch. Er verweist auf Bayern. Der Freistaat gebe aus seiner Kasse dreimal mehr für Wohnraumförderung aus als Baden-Württemberg. 

Die Auftragsrückgänge in der Bauwirtschaft führt Jonas Hoffmann, der Vorsitzende des Arbeitskreises für Landesentwicklung und Wohnen in der Landtags-SPD, auf „zu große Unsicherheit und zu hohe Kosten“ zurück.

Die FDP hält ebenfalls wenig von den Maßnahmen. Vor allem stuft sie das 2021 geschaffene Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen als überflüssig ein. Die Liberalen versprechen sich mehr von Bürokratieabbau, Beschleunigung der Genehmigungsverfahren und der Absenkung der Grunderwerbsteuer im Südwesten von fünf (Stand 2024) auf 3,5 Prozent. 

Die AfD sieht effektive Maßnahmen gegen die Baukrise darin, Klimaschutzgesetze abzuschaffen, „Steuern und Abgaben runter“, sagt ihr wohnungspolitischer Sprecher Miguel Klauß. Dann werde auch wieder gebaut werden. Auch die Strategien gegen Leerstand bringen in seinen Augen „längerfristig gar nichts“. Die AfD vertritt auch die Auffassung, die Abschiebung von Migranten helfe gegen den Wohnungsmangel.

 

Und was sagen die Regierungsparteien?

Die Grünen haben dem Wohnen ein sogenanntes Zukunftsforum gewidmet. Sie wollen Impulse setzen mit gemeinschaftlichen Wohnformen, Baustoffrecycling, umweltfreundlichem Bauen mit Holz oder beispielsweise dem Aufstocken von Bürogebäuden um Wohnetagen. 

Für die Wohnungsbaupolitik der baden-württembergischen CDU steht deren Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen, Nicole Razavi. Die CDU will, dass Wohnraum erschwinglich ist, aber auch das Vermieten soll sich lohnen. Sie setzt vor allem auf Bürokratieabbau. Kommunen sollen leichter Baugrund ausweisen können, Nachverdichtungen und Aufstockungen von Bürogebäuden sind auch ihr Anliegen. 

 

Kann es anders gehen? Mit der Genossenschaft zur Innovation

Genossenschaften arbeiten zum Beispiel an Modellen zum gemeinschaftlichen, inklusiven und nachhaltigen Wohnen. So soll im Tübinger Süden ein Quartier mit 170 Wohnungen für 400 Menschen entstehen. Die Genossenschaft „Neustart“ versteht sich als Teil einer Bewegung, „die gemeinwohlorientiertes Wohnen verwirklichen möchte und Alternativen zu Mietenwahnsinn und Spekulation anbietet“. „Neustart“ ist beispielgebendes Projekt des Landes im Förderprogramm „Patenschaft Innovativ Wohnen BW“. 

Neue Wege zu den eigenen vier Wänden: Das Mietshäuser Syndikat

Unterschiedlichste Hausprojekte unter einem Projektdach vereint das Mietshäuser Syndikat. Der Verbund meldet inzwischen 193 Hausprojekte in ganz Deutschland, die zum Teil extrem unterschiedlich sind. Gemeinsame Grundlage dieser GmbHs ist aber selbstbestimmtes Wohnen in bezahlbaren Räumen, wie der Verband seine Idee selbst beschreibt. Dazu gründen sich Hausvereine, die das Gebäude selbst kaufen können. 

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Wien: Die mieterfreundlichste Hauptstadt Westeuropas

Wien gilt als Vorbild für sozialen Wohnungsbau: Rund 60 Prozent der Bevölkerung wohnen in geförderten, städtischen Wohnungen. Das Dossier beleuchtet die Geschichte und Charakteristika des Wiener Modells, welches Wohnraum bezahlbar, lebenswert und nachhaltig gestalten soll.

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Autorin des Haupttextes: Renate Allgöwer

Renate Allgöwer ist Journalistin in Stuttgart. Sie berichtet seit vielen Jahren über die baden-württembergische Landespolitk. | Letzte Aktualisierung: Juli 2025

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