Ist der Begriff des Extremismus sinnvoll und hilfreich?

Kritische Überlegungen zum Extremismusbegriff

Die unterschiedliche Verwendung des Extremismusbegriffs und die vermeintlichen Synonyme wie Faschismus oder Populismus führen zu einer zunehmenden Unschärfe. Ganz unterschiedliche inhaltliche Positionen, Phänomene oder Gruppierungen werden als "extremistisch" bezeichnet.

Die Politikwissenschaftler Christoph Kopke und Lars Rensmann wiesen bereits im Jahr 2000 auf die Probleme hin und beschrieben den Extremismusbegriff als einen „politischen Kampfbegriff“, der mit dazu beigetragen hat „den Charakter gesellschaftlicher Probleme wie Rassismus und Rechtsradikalismus zu verschleiern“. Diese Unschärfe erschwert die pädagogische Auseinandersätzung mit den Ursachen und Problemen. Welche anderen Konzepte existieren, zeigt diese Seite.

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Kritik am Begriff des Extremismus

Das Extremismusmodell, wie es von Uwe Backes und Eckhard Jesse seit den 1980er Jahren entwickelt wurde, stieß bereits damals auf fundamentale Kritik. Im Kern bestehen diese Kritikpunkte bis in die Gegenwart fort.


Die wichtigsten Kritikpunkte gegen das Extremismusmodell:

  • Normativer und vager Begriff
    Das beschriebene Phänomen werde über die Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaats definiert. Konkrete empirisch bestimmbare Positivdefinitionen blieben weitestgehend aus. 
     
  • Eindimensional
    Aus der Diskussion um Normativität abgeleitet wird dem Begriff eine Eindimensionalität vorgeworfen, die letztlich die politische Realität nicht in ausreichendem Maße abbilde.
     
  • Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus
    Der Begriff evoziere eine Gleichsetzung unterschiedlicher Phänomene (besonders des Rechts- und Linksextremismus). Das führe zur Verharmlosung oder zumindest zu einer Gleichsetzung. Den Vertretern des normativen Extremismusbegriffs wird von ihren Kritikern außerdem eine intendierte Bagatellisierung des Rechtsextremismus vorgeworfen.
     
  • Unterkomplex
    Außerdem wird dem Extremismusbegriff eine Unterkomplexität vorgeworfen, welche die komplexen gesellschaftlichen und sozialen Ursachen und Wirkungen nicht berücksichtigen könne.

Durch die Verortung von Extremisten an den Rändern der Gesellschaft und der Konstruktion einer demokratischen „Mitte“ der Gesellschaft könne es zu einer Idealisierung die „Mitte“ kommen. So bestünde die Gefahr, dass gesellschaftliche Probleme marginalisiert und dethematisiert oder legitime Kritik am Zustand des demokratischen Systems als illegitim wahrgenommen werden könne.

 

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Alternativen zum Begriff des Extremismus

In Teilen der Extremismusforschung besteht Unzufriedenheit über die theoretischen und politischen Implikationen des Extremismusbegriffs. Als Konsequenz entwickelten sich besonders im Bereich der empirischen Sozialwissenschaft alternative Begriffe und Konzepte. 

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit - GMF

Das in den letzten Jahren sicherlich einflussreichste Konzept heißt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, abgekürzt GMF. Unter GMF fasst man unterschiedliche Formen der Abwertung von konstruierten Menschengruppen zusammen: GMF beschreibt die pauschale Ablehnung einer Person oder Personengruppe allein schon deshalb, weil sie nicht zur eigenen Gruppe gerechnet wird, mithin eine fremde, eine andere Gruppe ist. Eine Ideologie der Ungleichwertigkeit verbindet die Ausprägungen des GMF-Syndroms. 

Auf dieser Seite erklären wir das Konzept GMF ausführlicher.

Radikalismus

Radikalismus beschreibt den individuellen Prozess der Hinwendung zu antidemokratischen Positionen. Vor allem die islamistischen Anschläge Anfang der 2000er Jahre und die dadurch zunehmende wissenschaftliche und behördliche Beschäftigung mit islamistischem Terrorismus haben den Begriff der „Radikalisierung“ in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus gerückt.

Totalitarismus, Faschismus, Populismus

Ebenso wie der Begriff des Radikalismus dienen auch andere Begriffe als Alternative zum Extremismus. So ist beispielsweise statt vom Rechtsextremismus in Teilen der Wissenschaft und der Gesellschaft weiterhin vom (Neo-)Faschismus oder vom Totalitarismus die Rede. Mit dem anhaltenden Erfolg populistischer Gruppierungen und Parteien in Europa kam der Begriff des Populismus zum Teil ebenfalls als Synonym dazu. 

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Ist das GMF-Konzept für die Bildungsarbeit besser geeignet?

"Aufgabe der Bildungsarbeit ist es, den Zusammenhang zwischen Vorurteilen und vereinfachten Weltbildern und deren Umsetzung in grausamen Taten aufzuzeigen. Ziel dieser Auseinandersetzung ist es, in Jugendlichen die Überzeugung zu stärken, dass alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Religion, Hautfarbe und sozialem Status – gleichermaßen wertvoll sind.

Für diese Auseinandersetzung greift der klassische Extremismusbegriff, wie ihn die Ämter für Verfassungsschutz für ihre Arbeit verwenden, zu kurz. Er beschreibt aktive Bestrebungen, die sich gegen den demokratischen Verfassungsstaat richten – religiös begründeter Extremismus etwa wird dabei als gesellschaftliches Randphänomen beschrieben, die Mehrheitsgesellschaft dagegen als demokratische Mitte. Dass bestimmte extremistische Positionen auch aus der Mitte der Gesellschaft erheblichen Zuspruch erfahren, wird in diesem Konzept nicht berücksichtigt."

"Für die pädagogische Arbeit bietet es sich daher an, den Extremismusbegriff durch das Konzept »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« (GMF) zu ersetzen."

Zitat aus:
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit - eine Einführung (kostenfreie PDF), S. 50., Autor: Felix Steinbrenner

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Weitere Informationen

Quellen zur Begriffsgeschichte und Begriffsalternativen

 

  • Christoph Kopke/Lars Rensmann: Die Extremismus-Formel. Zur politischen Karriere einer wissenschaftlichen Ideologie, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 45 (2000), Nr. 12, S. 1541-1462, Zitat S. 1462.
  • Uwe Backes: Politische Extreme. Eine Wort- und Begriffsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, Göttingen 2006.
  • Eckhard Jesse: Grundlagen, in: ders./Tom Mannewitz (Hrsg.): Extremismusforschung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis, Baden-Baden 2018, S. 23-58, Zitat S. 30f.
  • Jan Ackermann/u.a.: Metamorphosen des Extremismusbegriffes. Diskursanalytische Untersuchungen zur Dynamik einer funktionalen Unzulänglichkeit, Wiesbaden 2015.
  • https://www.verfassungsschutz.de/de/service/glossar  [04.01.2019].
  • Sven Reichhardt: Radikalisierung. Zeithistorische Anmerkungen zu einem aktuellen Begriff, in: Geschichte und Gesellschaft 43 (2017), S. 68-91
  • http://www.bpb.de/apuz/164918/radikalisierung-deradikalisierung-und-extremismus  [18.02.2019] 
  • https://www.idaev.de/fileadmin/user_upload/pdf/publikationen/Reader/2018_IDA_Extremismusmodell.pdf
  • Begriffskritik: Eckhard Jesse: Grundlagen, in: ders./Tom Mannewitz (Hrsg.): Extremismusforschung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis, Baden-Baden 2018, S. 23-58

  • Tom David Uhlig / Eva Berendsen / Katharina Rhein (Hrsg.): Extrem unbrauchbar. Über Gleichsetzungen von links und rechts, Berlin 2019.

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