Kinderzimmer anstatt Klassenzimmer

Ein Versuch der Skizzierung der Komplexität von Unterricht und Lernen in Zeiten der Schulschließung für Schülerinnen und Schüler mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf Lernen

Essay von Madeleine Falkenstein 

Deutschland, Frühjahr 2020: Die Schulen sind bis auf Weiteres geschlossen. Nicht nur diese sind fortan wie leergefegt, sondern alle Orte, an denen sonst viele Menschen aufeinanderstoßen. Der Grund für diese Erscheinung ist evident. Es grassiert das Coronavirus. Doch wie kann Unterricht von Zuhause aus stattfinden? Welche Veränderungen und Herausforderungen ergeben sich dabei für alle Beteiligten? Welche zukünftigen Konsequenzen resultieren aus dieser Krise? Gemäß dem Kontroversitätsprinzip können und dürfen diese Fragen nicht einfach beantwortet werden. Deshalb möchte dieses Essay den Versuch starten, eine grobe Skizzierung vorzunehmen, die die Komplexität von Unterricht und Lernen in Zeiten von Corona für Schülerinnen und Schüler mit dem Förderbedarf Lernen aufzeigt. Systematische kritische Anregungen unterschiedlicher Perspektiven sollen die Vielschichtigkeit dieses Konstrukts betonen.   

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Gesetzliche Perspektive

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahre 2009 hat sich Deutschland für eine rechtsverbindliche Umsetzung von Inklusion entschieden, um eine größtmögliche soziale Partizipation für alle zu erreichen. Dieses Ziel ebnet den Weg, soziale Ungerechtigkeit institutionalisiert auszugleichen. A priori kann festgestellt werden, dass durch Schulschließungen der direkte Weg, dieses Ziel zu erreichen, ausgeschlossen ist. Doch wie stellt der Bund beziehungsweise aufgrund der Länderhoheit das Land sicher, dass weiterhin versucht wird, soziale Ungerechtigkeit auszugleichen? Musste sich ein Land jemals Gedanken machen, wie dies zu bewältigen ist, wenn der herkömmliche Ort des Lernens nicht betreten werden darf? Fragt man Lehrkräfte, die Jahrzehnte im Dienst sind, so herrscht Einigkeit bei der Antwort: Nein. Wie kann sich also ein Land auf eine derart beispiellose Situation wappnen? Die Verankerung von gesetzlichen Rahmenbedingungen, wie sie etwa im Grundgesetz Artikel 3, Absatz 3 beschrieben werden, sind unzureichend. 


"Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." 


Dass dieser Ansatz subjektiv und somit recht einseitig gedacht ist, kristallisiert sich in Folge der Schulschließungen heraus. Denn ist es nicht gerade dieses soziokulturelle Milieu, dass in diesen Tagen mehr denn je unter der Schulschließung leidet und de facto benachteiligt wird? Fest steht, dass nur noch reaktiv und nicht mehr proaktiv gehandelt werden kann. In dieser Äußerung schwingt gleichzeitig die Implikation mit, dass es die Chance für retrospektive Maßnahmen geben kann, die den Charakter einer Prävention haben. Was kann also in Folge der Corona-Pandemie gesetzlich modifiziert oder expandiert werden, um die Falltiefe der Betroffenen zu reduzieren? Antworten wie etwa der Ausbau finanzieller, (sozial-)pädagogischer, medizinischer, therapeutischer oder struktureller Ressourcen greifen zu kurz, um dieser Frage vollumfänglich gerecht zu werden. Vielmehr sollte der Fokus bei der Beantwortung der Frage prozessualer und prioritärer Natur sein. Vergleichbar scheint dies mit einem Etappenlauf. Die Gefahr des priority-settings in diesem Zusammenhang ist paradoxerweise das, was dadurch versucht wird zu verhindern: Benachteiligung.

Kurz- und mittelfristig entsprechen die bereits durchgeführten Maßnahmen einer Symptombehandlung und keiner tiefgreifenden, an der Ätiologie orientierten Therapie. Dieses Vorgehen soll nicht den Klang eines Vorwurfs hervorrufen, sondern im Sinne einer phänomenologischen Deskription wirken. Im medizinischen und therapeutischen Bereich spricht man von einer individuellen Vulnerabilität und Disposition, die verantwortlich für Symptombildungen sind, wenn Reize, (sozialer oder finanzieller) Druck und unvorhergesehene Ereignisse nicht mit bewährten Bewältigungsstrategien bewerkstelligt werden können. Aus Angst, Unsicherheit oder Unzulänglichkeit reagieren die Menschen mit Abwehrmechanismen wie der Regression oder der Verleugnung, was bedeutet, dass die Kernproblematik von der erlebten Situation isoliert wird und somit unfähig wird zu bearbeiten. Vergleicht man dieses Konstrukt mit der aktuellen gesellschaftspolitischen Situation, so könnte der Vorwurf begründet sein, „der Staat“ zeige solche Abwehrmechanismen. Dieses Verhalten legt das fehlende Handlungsrepertoire im Umgang mit dieser Situation dar. 

Die politischen Akteure und das Gesetz selbst offenbaren zwangsweise ihre provisorische Subsidiarität und kompensieren es durch Aktionismus. Was kommt vom Aktionismus bei den hier Betroffenen an? Oder sollte zynisch die Frage gestellt werden, ob überhaupt etwas ankommen kann? An dieser Stelle soll jedoch darauf hingewiesen werden, dass ein Überblick über installierte Unterstützungsprogramme und laufende Maßnahmen allein aus dem Aspekt der zeitlichen Begrenztheit oder der großen regionalen Differenzen nicht in zufriedenstellender Weise aufgeführt werden können. Welche schnell und mit viel Mühe und Kraft ins Leben gerufene Maßnahmen tatsächlich von Effektivität sind, zeigt sich nur mittel- bis langfristig. Dies zu analysieren bedarf gesonderter Forschung, auf die hier nicht näher eingegangen wird. Demzufolge stellt sich die Frage: Was muss sich für die Zukunft ändern?

Langfristig sollte sich auf gesetzlicher Ebene eine konsensfähige Diskussion etablieren, um die genannte Surjektivität zu invertieren. Dieser Paradigmenwechsel sollte bereits im Gesetzestext deutlich werden. Spinnt man dieses Gedankenexperiment weiter, so stellt sich die Frage, wie eine beidseitige Absicherung zur Chancengleichheit und zur sozialen Partizipation formuliert sein müsste. 

Der Begriff Digitalisierung ist in diesem Zusammenhang schnell erwähnt, doch benötigt dieser eine kritische Perspektive, weshalb er im Folgenden näher beleuchtet wird. 
 

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Perspektive der Digitalisierung

Schon vor der Corona-Krise war die Rede von der Digitalisierung von Schulen. Geht man nun von einer idealtypischen informationstechnischen Ausstattung von Schulen aus, während Corona Einzug hielt, stellt sich die kritische Frage, ob somit wirklich Schüler*innen, vor allem diejenigen mit dem Förderschwerpunkt Lernen, aufgefangen worden wären. Wahrlich wären die Falltiefe und der Schock nicht so groß gewesen. Doch stellt die Digitalisierung von Schulen wirklich sicher, dass Schüler*innen mit dem Förderbedarf Lernen beachtet werden? Das große Manko liegt darin, dass die technische Ausstattung institutionenorientiert und nicht adressatenorientiert ausgelegt ist. Die Aufgabe sollte demnach nicht Digitalisierung von Schulen lauten, sondern ortsunabhängige Digitalisierung des Bildungswesens mit Einbezug aller Akteure. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Einbezug aller. Gerade Schüler*innen und ihre Familien müssen für eine funktionierende Digitalisierung von Unterricht einbezogen werden. Hier ist die Schnittstelle zur Gesetzgebung besonders groß, denn diese hat die Macht nicht nur Orientierung zu geben, sondern Vorgaben zu beschließen, was die Umsetzung angeht. Dass dies unstrittigerweise eine Frage der Finanzierung darstellt, lässt die Thematik in eine politische Diskussion der Rubrik Sozialstaat münden. 

Um optimistischere Züge anzubringen, soll an dieser Stelle der digitale Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung „Neun Tipps und Erkenntnisse für den digitalen Unterricht“ Erwähnung finden. Hier werden Aspekte wie Lernplattformen, digitale Sprechstunden, Erklärvideos als methodische Abwechslung, Feedback-Kultur, OER-Materialien, Linklisten für Eltern oder der transparente Austausch unter Kollegen als hilfreiche Orientierungspunkte aufgelistet. 

"Medien im Unterricht […] sind Kommunikationsmittel […], die als Teil des Lehr-Lernarrangements zur Unterstützung und Optimierung von Lehr-Lernprozessen eingesetzt werden." (Hinz et al., S. 60)

Dieses Zitat soll zum Ausdruck bringen, dass auch digitale Medien immer nur einen Teil des Unterrichts kompensieren können und diese nie ausschließlich tragfähig sind. Digitale Medien sind Hilfsmittel, sie können unterstützen und strukturieren, wenn sie adäquat zum Einsatz kommen. Sie können aber auch genau das Gegenteil bewirken: überfordern. Und zwar alle Beteiligten. 

Um das Risiko der Überforderung zu reduzieren, sei die bereits unzählige Male proklamierte Forderung der Medienkompetenz von Lehrkräften angesprochen. Medienkompetente Lehrkräfte können einer gewissen digitalen Lernüberforderung zu einem bestimmten Teil entgegenwirken, diese aber niemals ganz auffangen oder gar dafür verantwortlich gemacht werden. 

Die Digitalisierung kann das Lernen von Zuhause unterstützen. Sie ist jedoch kein Garant dafür. Es ist gerade für Schüler*innen mit dem Förderbedarf Lernen wichtig, dass hier eine Sensibilisierung stattfindet. Eine Sensibilisierung auf die auch oder gerade heutzutage nicht vorhandene Selbstverständlichkeit von informationstechnischer Ausstattung, Zugängen und Handlungsfähigkeit. 

Fluch und Segen der pauschalisierend genannten Digitalisierung sind und bleiben die Intransparenz, unüberschaubare Weite und extreme Angebotsvielfalt. Demgemäß ist keinem der am Bildungswesen beteiligten Akteure, seien es die Lehrkräfte, die Schüler*innen, Eltern, Politiker*innen und allen anderen, vorzuwerfen, sie seien unzureichend oder unvorbereitet in die Phase der Schulschließung gegangen. Um Oliver Hassencamp zu zitieren: "Jeder ist auch nur ein Mensch". Und genau das ist es, woran wir anknüpfen müssen. An unserer Menschlichkeit, unserer Einstellung, unserer Persönlichkeit. 

Der Prozess beinhaltet die Digitalisierung von der Gesellschaft, durch die Gesellschaft und für die Gesellschaft.
Gemeint ist, die digitale Handlungsfähigkeit als Bewältigungsaufgabe des Alltags. Dabei scheint wichtig zu betonen, dass eben nicht ein verstärkter, Stigmatisierung fördernder Fokus auf Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf gerichtet wird, sondern dass alle Schüler*innen gemäß einer echten Inklusion bei der Bewältigung von digitaler Handlungsfähigkeit berücksichtigt werden. Fakt ist auch, dass die Gestaltung eines ausschließlich digitalen Unterrichts auf Dauer nicht tragbar. 

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Perspektive von Schule und Schüler*innen

Das Hauptaugenmerk dieser Perspektive liegt auf den Akteuren, die direkten unterrichtlichen Einfluss nehmen bzw. haben. Der Einfachheit halber und nicht der Ausgrenzung anderer wichtiger Akteure halber sind hiermit die Lehrkräfte gemeint.

Eine Problematik des Unterrichts im Allgemeinen besteht darin, dass die Lehrkraft nicht garantieren kann, dass die Schüler*innen das lernen, was sie sollen oder wollen (vgl. Hechler, S.157). Die Ungewissheit, ob Schüler*innen wirklich das gelernt haben, was sie sollen, ist logischerweise im Online-Unterricht um ein Vielfaches größer. Was die Fortführung der Entwicklungsbeobachtung und die sich daraus ergebenen Differenzierungs- und Fördermaßnahmen angeht, müssen diese auf ein Minimum reduziert oder sogar ausgesetzt werden während der Zeit des Online-Unterrichts. Die extreme Bandbreite der familiären Milieus der Schüler*innen würden zu direkten Benachteiligungen für diejenigen führen, die aus mehrfach benachteiligten Familienverhältnissen kommen, die nicht über die intellektuellen, zeitlichen, finanziellen oder psychosozialen Ressourcen verfügen.

"Die Lehrkraft nimmt eine zentrale Rolle ein, indem sie Lernprozesse strukturiert, steuert, provoziert, evoziert und begleitet." (Köhler, S. 128)

Da es axiomatisch ist, dass der Lehrkraft durch den Online-Unterricht fast jeglicher direkter, beobachtbarer Einfluss auf das Lerngeschehen entzogen wurde, soll der Blick auf die noch übrigen Handlungsspielräume gerichtet und die Bedeutung dessen für den Online-Unterricht diskutiert werden. 

Während die Lernschritte im Präsenzunterricht beobachtet und situativ korrigiert werden können, ergeben sich für den Online-Unterricht bedingt Möglichkeiten. Was sich für den Lernprozess allgemein als positiv zeigt, nämlich das Stoßen auf Schwierigkeiten, kann im Online-Unterricht schnell zum Verhängnis werden – sowohl im synchron gestalteten Videounterricht und erst recht im asynchron gestalteten Unterricht. Ohne die familiäre Unterstützung wird die Schülerin bzw. der Schüler nur selten über die Stufe der Lösung beim Lernen kommen. Und diese Stufe erreicht die Schülerin bzw. der Schüler auch nur, wenn es sich um bereits besprochene Themen mit bestehenden Schemata handelt. Komplett neu zu erschließende Themenfelder müssen demzufolge extrem kleinschrittig oder gar nicht erarbeitet werden.

Gerade lernschwache Schüler*innen benötigen einmal mehr Strukturierung und personenbezogenes Scaffolding. Die Wirkgrenze der direkten Instruktion ergibt sich deutlich durch die räumliche Distanz. Lehrkräfte sind nicht, auch wenn das vielleicht den Anschein erweckt, gänzlich hilflos. Sie sollten die Bereiche, in denen sie noch, und wenn es ein geringer Part zu sein scheint, nutzen und ausbauen. 

Konkret bedeutet das: 

  • E-Mails, die geschrieben werden, sollten in wohl überlegten Worten geschrieben und einfach gehalten werden. 
  • Die Schrift kann vergrößert werden, Absätze zur besseren Gliederung können eingefügt werden. 
  • Die gesendeten Dateien, sofern keine Schulplattform oder Schulserver zur Verfügung stehen, sollten klein gehalten werden. 
  • Um der Gefahr entgegenzuwirken, dass das Postfach der Schüler*innen aufgrund von aufgebrauchter Speicherkapazität keine weiteren E-Mails senden oder empfangen zu können, ist ein regelmäßiger Hinweis darauf, angebracht. 
  • Dass die verschickten Arbeitsblätter den bereits lernförderlichen und differenzierenden Anforderungen Rechnung tragen, ist selbstverständlich. Doch zusätzlich sollte darauf geachtet werden, dass die Schüler*innen die Arbeitsblätter nicht wie geplant ausdrucken können, sofern die Arbeitsblätter nicht postalisch, sondern per Mail versendet wurden. 
  • Das bedeutet, Aufgaben sollten, wenn machbar, so gestaltet sein, dass Schüler*innen mit Stift und Papier die Aufgaben bearbeiten können oder direkt am PC das Blatt bearbeiten und zurückschicken können. Innerhalb der methodischen Monotonie von Arbeitsblättern können diese jedoch mit schriftlichen oder visuellen Instruktionen gerahmt werden. 

An die Grenzen gerät das Arbeiten mit genannten Arbeitsblättern spätestens dann, wenn der Leistungsstand der Schüler*innen kontrolliert werden soll. Auch hier ist der ungewisse Faktor zu groß. Kann und schickt die Schülerin oder der Schüler Lösungen zur Kontrolle? Hat ihm jemand geholfen? Welche Fragen oder Schwierigkeiten gab es bei der Bearbeitung? Auf das Erkennen von defizitären Strategien, die die Schüler womöglich anwenden, muss zwangsläufig verzichtet werden und kann nur im Präsenzunterricht Beachtung finden.
Schüler*innen mit einer umschriebenen Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten sind de facto durch den isolierten Unterricht von Zuhause stärker benachteiligt. Sich an den PC zu setzen, E-Mails zu öffnen und diese zu lesen, sind für sie mit psychischem Stress verbunden. Ohne es zu wollen, wird deren Schwäche betont. Bei der Lese- und Rechtschreibstörung mehr als bei einer Rechenstörung.


Dieses Essay geht nicht näher auf die Möglichkeit eines Video-Unterrichts ein, da diese Variante leider noch zu abwegig scheint. 

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Thema Beziehungspflege

Viele Aspekte betreffen die Schülerpersönlichkeit, weshalb nun das Thema Beziehungspflege betrachtet werden soll. Gerade lernschwache Schüler*innen brauchen verstärkte Zuwendung, motivierende Ansagen oder die Gewissheit, dass sie mit den Aufgaben nicht allein gelassen werden.
Auch wenn die Lehrkraft keine Resonanz auf ihre E-Mails bekommt, so sollte diese unbedingt den Kontakt halten. Kurze Telefonate können hilfreich sein oder Messenger-Dienste, die aus Datenschutzgründen speziell für Schulen programmiert wurden. 
Zwar kratzt diese Beziehungspflege nur an der Oberfläche und kann in keiner Weise mit dem direkten Kontakt verglichen werden, doch bleibt dies die machbare Möglichkeit. 
Was sich letztlich psychodynamisch im Inneren der Schüler*innen verbirgt und ob eventuell die Schüler*innen durch die Isolation in ihrer Entwicklung regrediert sind, muss abgewartet und an späterer Stelle unbedingt kontrolliert werden.


Nichtsdestotrotz bleibt die Lehrkraft weiterhin eine zentrale Rolle im Lernprozess, wenngleich sich die Größenverhältnisse zu anderen Personen, die postwendend zentrale Rollen eingenommen haben, verändert haben. Das soziokulturelle Milieu nimmt schlagartig und unfreiwillig einen großen und undurchsichtigen Raum in Bezug auf Lernen ein. Deshalb möchte das Essay anregen, welche äußeren Faktoren einfließen können: 

  • Wie sind die Wohnverhältnisse? 
  • Hat der Schüler ein eigenes Zimmer? 
  • Wie sieht die informationstechnische Ausstattung aus (In dem Zuge natürlich auch die Frage, ob damit medienkompetent umgegangen werden kann)? 
  • Gibt es eine alltägliche Strukturierung (Gemeinsames Speisen, Hausaufgabenzeit,…)? 
  • Wie ist die Arbeitssituation der Eltern? 
  • Gibt es Geschwister? 
  • Hat der Schüler weiterhin Kontakt zu Klassenkameraden oder zu anderen Peers?

Schüler*innen mit soziokulturell bedingten oder auch personenverankerten Lernbeeinträchtigungen sind durch den Online-Unterricht direkt benachteiligt, hingegen können sich für Schüler*innen mit institutionell erzeugten Lernbeeinträchtigungen Chancen bergen, die den Raum Schule und Unterricht neu bewerten. 

Es ist nicht zu leugnen, dass die Institution Schule mit der Schulschließung schlichtweg überrumpelt wurde. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Umsetzbarkeit von Online-Unterricht und Chancen und Grenzen dessen fanden mehrheitlich erst statt, als es soweit war. Vielleicht war es der letzte Funke Hoffnung und die Auffassung der Skurrilität von solch einer Schulschließung, die die differenzierteren und Möglichkeiten abwägenden Gedanken verhindert haben. 

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Fazit

Abschließend, und ohne für ein Fazit übliche Zusammenfassung und Akzentuierung genannter Aspekte, soll ein passendes Zitat von Marcel Proust angeführt werden, das vor allem die Anfangszeit der Auswirkungen und Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus verdeutlicht, dass die Schulschließungen und die daraus resultierenden langfristigen Folgen einer neuen Art von Unterricht, in keiner Weise hätten vorhergesehen werden können.

"Die Abwesenheit von etwas ist jedoch nicht nur einfach das, es ist nicht nur ein einfaches punktuelles Nichtvorhandensein, sie bewirkt vielmehr einen Umsturz des ganzen Restes, sie schafft einen neuen Zustand, den man aus dem alten nicht vorhersehen kann." (Marcel Proust, S.420)

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Literatur

Bundeszentrale für politische Bildung (2020): Neun Tipps und Erkenntnisse für den digitalen Unterricht. 

Bundeszentrale für politische Bildung (2017): Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Bonn.

Einhellinger, C./ Ellinger, S./ Hechler, O./ Köhler, A./ Ullmann, E. (2013): Studienbuch. Lernbeeinträchtigungen. Band 1: Grundlagen. Oberhausen.

Esslinger-Hinz, I. et al. (2007): Guter Unterricht als Planungsaufgabe. Ein Studien- und Arbeitsbuch zur Grundlegung unterrichtlicher Basiskompetenzen. Kempten.

Proust, Marcel (2013): Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Band 1. Auf dem Weg zu Swann. Stuttgart: Reclam.

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Letzte Aktualisierung: August 2020, Internetredaktion LpB BW