Bringt Corona die Digitalisierung an Schulen voran?

Der Digitalpakt sollte Schulen auf den neusten Stand der Technik bringen und fit für die Zukunft machen. Aber so recht vorangekommen ist das digitale Lehren und Lernen noch nicht, wie die Corona-Krise offenlegt. Was zeigen die Homeschooling-Erfahrungen? Und ist Corona wirklich der notwendige Weckruf für eine erfolgreiche Bildungsdigitalisierung?

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Corona legt Defizite des Bildungssystems offen

Lange hat das Bildungswesen auf die dringend benötigte Digitalisierung gewartet. Bereits 2016 hatte die damalige Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) angekündigt, dass es ein Fünf-Milliarden-Euro-Programm für die digitale Bildung geben wird. Im Mai 2019 wurde der DigitalPakt Schule endlich auf den Weg gebracht. Etwa 650 Millionen Euro fließen davon nach Baden-Württemberg (Quelle: Kultusministerium). 

Dennoch befanden sich viele Schulen noch in der Kreidezeit, als Corona kam und das Klassenzimmer in die virtuelle Welt verlegt werden musste. Schnell mussten digitale Lösungen für das Lehren und Lernen gefunden und Tafeln und Kreide durch Online-Lernplattformen ersetzt werden. Bei der Digitalisierung in den Schulen sieht der nationale Bildungsbericht, der im Mai 2020 veröffentlicht wurde, noch großen Nachholbedarf. Der Einsatz digitaler Medien zum informellen Lernen in der Freizeit sei selbstverständlich. Innerhalb von Bildungseinrichtungen sei das jedoch seltener der Fall. Digitale Kompetenzen seien bei Schülerinnen und Schülern "ausbaufähig".

Digitale Infrastruktur und technische Ausstattung fehlt

Die Pandemie hat schonungslos aufgezeigt, dass die digitale Infrastruktur im deutschen Schulwesen unzureichend ist und Konzepte für den Online-Unterricht fehlen. Zudem herrscht ein Mangel an der technischen Ausstattung, etwa fehlt es an funktionsfähigen Geräten und an digitalem Lernmaterial. Lehrerinnen und Lehrer sind nicht geschult im Umgang mit digitalen Lehren und Lernen. Und ein weiteres Problem: Es gibt keine einheitlichen Regeln für den Datenschutz (Quelle: Deutschlandfunk).

Corona macht auch deutlich: Das Bildungssystem ist gespalten. Während der einen Schule der Fernunterricht über das Internet gelingt, scheitert die andere daran. Homeschooling funktioniert vor allem in jenen Schulen, die bereits vor Corona digital unterrichtet haben, wo Schüler*innen Tablets besitzen, zu Hause unterstützt werden und über eine Breitbandverbindung verfügen. Schüler*innen müssen hoffen, dass Lehrer*innen mit der Technik umgehen können und das Lehrkonzept auf die jeweiligen Voraussetzungen abgestimmt ist (Quelle: Handelsblatt). Gleichheit bei den Bildungsschancen sieht anders aus. 

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Erfahrungen der Schulen im Homeschooling

Jede zweite Schule in Baden-Württemberg hat große Schwierigkeiten durch die Corona-Krise zu komm­en, so das Ergebnis der vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) Auftrag gegebenen forsa-Umfrage "Schule vor und während der Corona-Krise aus Sicht der Schulleiterinnen und Schulleiter". Auf die Frage, was die größten schulischen Herausforderungen infolge der Pandemie sind, geben rund 40 Prozent der Schulleitungen die mangelhafte digitale Ausstattung der Schulen sowie der Schüler*innen an. Die Studie zeigt auf, dass an zwei Dritteln aller Schulen keine Klassensätze an Tablet-PC oder Smartphones verfügbar sind. Ein weiteres Ergebnis ist, dass es in Baden-Württemberg keinen flächendeckenden Zugang der Schulen zum Internet gibt.


Fehlende Erfahrung beim Erstellen digitaler Unterrichtsinhalte

Auch Lehrkräfte sehen den Mangel der digitalen Ausstattung der Schülerinnen und Schüler als größte Herausforderung mit Blick auf die Schulschließung, das geht aus einer Befragung von rund 1000 Lehrerinnen und Lehrer Anfang April für das Deutsche Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise hervor. An zweiter Stelle der am häufigsten genannten Probleme folgt die fehlende Erfahrung beim Erstellen digitaler Unterrichtsinhalte.

Das häufigste verwendete Aufgabenformat ist demnach auch im Fernunterricht das klassische Aufgabenblatt. Insgesamt 84 Prozent der Lehrkräfte geben an, dieses Format während der Zeit der Schulschließung zu nutzen. Allerdings kommen oft digitale Formate hinzu. 39 Prozent der Befragten nutzen Erklärvideos, 17 Prozent setzen digitale Präsentationen ein und 14 Prozent der Lehrkräfte vermitteln Unterrichtsstoff in Videokonferenzen.

Wie häufig die Lehrkräfte auf digitale Formate setzen, hängt laut Studie stark von der jeweiligen Schulform ab. Lehrkräfte von weiterführenden Schulen nutzen Videokonferenzen, Tutorials oder Präsentationen wesentlich häufiger als Lehrkräfte von Grundschulen. 

Digitaler Unterricht mit Moodle, H5P und BigBlueButton

Handreichung für Lehrkräfte

Während der Corona-Pandemie wurde und wird der Unterricht in die digitale Späre verlagert. Die LpB BW bemerkt, dass die Nachfrage an Wissen über digitale Lehrmöglichkeiten enorm gestiegen ist. Diese Seite soll einen ersten Überblick über die Platform Moodle, das Videokonferenzsystem BigBlueButton und die interaktiven Softwarelösungen von H5P für Lehrkräfte bieten. 

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Unregelmäßiger Kontakt zwischen Schule und Schüler*innen

Die direkte Kommunikation zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen ist während der Schulschließung keinesfalls selbstverständlich. Insgesamt sagen 37 Prozent der Befragten, dass sie mit "weniger als der Hälfte" oder sogar nur mit "sehr wenigen Schülerinnen und Schülern" regelmäßigen Kontakt haben. 

Aus einer Befragung des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unter Schüler*innen der oberen Schuljahrgänge geht hervor, dass die Jugendlichen mindestens einmal wöchentlich Lehrmaterialien von der jeweiligen Schule empfingen. Bei 47 Prozent der Befragten geschieht dies täglich, bei weiteren 47 Prozent zumindest einmal wöchentlich. Der Kontakt zwischen Lehrer*innen und den Jugendlichen findet über verschiedene Kanäle statt, die teils parallel eingesetzt werden. Vor allem Onlineplattformen und E-Mails werden vonseiten der Schulen genutzt, so die IAB-Studie.


Weniger Lernzeit während Corona

Gearbeitet und gelernt wurde zu Hause wenig. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) der Schüler*innen der gymnasialen Oberstufen gaben an, täglich weniger als zwei Stunden mit der Bearbeitung von Aufgaben oder digitalem Unterricht zu verbringen. Auch die Studie des Ifo-Instituts zeigt auf, dass sich die Lernzeit der Schüler*innen während Corona halbiert habe. Neben den bereits erwähnten Problemen wie fehlender Online-Unterricht und fehlender Kontakt zu den Lehrkräften fiel es den Schüler*innen schwer, plötzlich selbstorganisiert zu arbeiten. Eltern konnten das nicht auffangen. (Quelle: Deutschlandfunk)

Die Erfahrungen im Homeschooling fallen insgesamt sehr unterschiedlich aus. Fest steht aber: Es besteht noch immer Nachholbedarf im digitalen Lehren und Lernen. Dabei kann Schulpolitik auch ein stückweit selbst gestaltet werden, zum Beispiel durch Schülermitverwaltungen und Elternbeiräte.

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Wie die Krise die Digitalisierung der Schulen voranbringt

Ob die Corona-Krise auf lange Sicht für einen Digitalisierungsschub sorgt oder eher eine Rückbesinnung auf analoges Lernen bewirken könnte, darüber sind sich Bildungsforscher*innen noch uneinig.

Kritikerinnen und Kritiker der Digitalisierung an Schulen sagen, dass Homeschooling "die Begrenztheit des Digitalen" zeige. Lehrkräfte seien unverzichtbar. Keine Videokonferenz könne die Dynamik echten Unterrichts ersetzen. Zum schulischen Leben gehöre das menschliche Miteinander. Zudem würden digitale Medien den Abstand zwischen stärkeren und förderbedürftigen Schüler*innen, die weniger Unterstützung durch die Eltern erhalten und digitale Angebote schlechter nutzen können, vergrößern. Auch die Expert*innen des nationalen Bildungsberichts befürchten, dass die Pandemie soziale Ungleichheiten bei der Bildung verschärfen könnte.

Befürworterinnen und Befürworter hingegen nehmen die aktuellen Entwicklungen als große Chance für die Digitalisierung an Schulen wahr. Man müsse sich zukünftig aber mehr auf die Aus- und Fortbildung von Lehrer*innen konzentrieren, damit Lehrkräfte digitale Lernwerkzeuge und Plattformen sicher und sinnvoll anwenden können. Digitale Lernplattformen und Bildungsinhalte sollten auch langfristig Einzug in Schulen erhalten. Expertinnen und Experten betonen zudem, dass eine ganzheitliche, länderübergreifende Strategie notwendig sei, um eine sinnvolle Mischung aus Präsenz- und Distanzunterricht sicherzustellen. 

(Quellen: Bertelsmann Stiftung Bitkom.com mdr.de Süddeutsche Tagesschau)

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Schuljahr 2020/21: Stand der Digitalisierung

Zum Start des Schuljahrs 2020/21 ist es immer noch schwierig zu sagen, wie weit der Stand der Digitalisierung an den Schulen ist. Denn staatliche Erhebungen gibt es kaum. Die Kultusministerien verweisen auf die Kommunen als Schulträger, die die Ausstattung in Eigenregie organisieren (Quelle: Tagesschau). Digitale Rückstände werden aber noch immer beklagt - sowohl beim Fernunterricht wie auch beim digitalen Lernen im Präsenzunterricht - etwa von den Bildungsverbänden (siehe: Süddeutsche).

Zwar stünden Fördergelder für das digitale Lernen an Schulen zur Verfügung (Digitalpakt Schule mit fünf Milliarden Euro vom Bund, weitere 500 Millionen von den Ländern, aufgrund von Corona ist noch eine weitere Milliarde dazugekommen). Jedoch fehlt noch immer die Infrastruktur. Bisher sei deshalb nur ein Bruchteil der Mittel angerufen worden (Quelle: Tagesschau).

Beim sogenannten Schulgipfel haben sich Bund und Kultusminister*innen jetzt im September 2020 auf eine schnellere Digitalisierung von Schulen sowie eine engere Zusammenarbeit geeinigt:

  • Vermeidung weiterer Schulschließungen
  • Ausstattung der 800.000 Lehrer*innen in Deutschland mit Dienstlaptops
  • Daten-Flatrate für Schüler*innen über zehn Euro im Monat
  • Ausbildung und Finanzierung von IT-Administrator*innen der Schultechnik
  • Umsetzung einer bundesweiten Bildungsplattform sowie eines digitalen Kompetenzzentrums zur Weiterbildung der Lehrkräfte im Umgang mit digitalem Unterrichtsmaterial

Kritik an dem Treffen hat etwa der Verband Bildung und Erziehung geübt. Der große Wurf sei ausgeblieben, das Bewusstsein für die Dringlichkeit der Lage fehle (Quelle: Zeit).


In Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg hat Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann ein Konzept für das Schuljahr 2020/21 vorgelegt. Es solle so viel Präsenzunterricht wie möglich realisiert werden. Allerdings stehen pandemiebedingt landesweit rund sechs Prozent der Lehrkräfte aufgrund eines ärztlichen Attests nicht für den Präsenzunterricht zur Verfügung. Deshalb stockt das Kultusministerium die Mittel für ergänzende Vertretungsverträge um 16,6 Millionen Euro auf (Quelle: Pressemitteilung BW).

Damit Fernunterricht besser gelinge, sollen 300.000 Schülerinnen und Schüler, die zu Hause kein digitales Endgerät zur Verfügung haben, ein Laptop oder Tablet an der Schule ausleihen können. Dafür stehen weitere Bundesmittel im Zuge des Digitalpakts Schule bereit, die vom Land zusätzlich aufgestockt wurden. Während der Sommerferien nahmen zudem landesweit rund 61.500 Schülerinnen und Schüler an den Lern- und Förderkursen "Lernbrücken" teil, um Lerninhalte zu wiederholen.

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Weiterführende Informationen

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Letzte Aktualisierung: August 2020, Internetredaktion LpB BW