Die Situation an der griechischen Grenze

"Wir sehen eine Katastrophe auf die Lager zukommen"

Aufgrund der aktuellen, weltweiten Covid-19-Pandemie gehen die Meldungen über die Situation an der Außengrenze zurück. Die Lage erfordert jedoch Aufmerksamkeit: Mehrere Schutzsuchende sind positiv getestet worden. Die Gefahr für viele schutzsuchende Menschen in den griechischen Lagern bleibt bestehen, dass sich COVID-19 dort weiter ausbreitet.

"Seit Wochen sehen wir eine Katastrophe auf die Lager zukommen und verzweifeln langsam, weil niemand sich verantwortlich zu fühlen scheint."
(Zitat Pressemitteilung: Ärzte ohne Grenzen)

In einem offenen Brief fordert der Vorsitzende des EU-Innenausschusses schnelles Handeln. Deutschland und Luxemburg begannen damit, besonders gefährdete Kinder aus den Lagern zu holen. Griechenland schickt seine Kriegsflotte an die Seegrenze, berichtet DW Mitte April, da die Regierung befürchtet, die Türkei würde weitere Schutzsuchende an die Grenze schicken.

Die Grenzregion zwischen Griechenland und der Türkei geriet in den medialen Fokus, als die Türkei am 27. Februar 2020 ankündigte, die Grenze zur EU zu öffnen und viele Menschen an der Grenze und auf den griechischen Inseln strandeten. Sie wurden zu Spielbällen zwischen der EU und der Türkei, deren Spannungen seit Ende Februar weiter zunehmen. Die Türkei hat vorerst die Grenze zu Griechenland am 19. März wegen der Corona-Pandemie wieder geschlossen. 

Über die Situation an der EU-Außengrenze und den griechischen Inseln und die Hintergründe informiert dieses Dossier.

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Wie hat Corona die Lage an der Grenze verändert?

Die weltweite Covid-19-Pandemie lässt aktuell die Meldungen zur Situation an der griechischen Grenze in den Hintergrund rücken. Doch die humanitäre Lage, insbesondere in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln, drängt zum Handeln. Anfang April begann die Gefahr der Ausbreitung, real zu werden: Mediziner testeten in zwei griechischen Flüchtlingslagern, bei der Stadt Ritsona und im Lager Malakasa bei Athen, Schutzsuchende positiv auf die Coronavirus-Infektion.  Beide Lager riegelte Griechenland ab (Stand: 6. April, Quelle).

 

Hygienische Katastrophe in überfüllten Lagern

Griechischen Angaben zufolge leben mehr als 40 700 Migranten auf Lesbos, Samos, Kos, Leros und Chios - eigentlich sind die Lager auf rund 7000 Plätze ausgelegt. Rund 1500 von ihnen sind unbegleitete Minderjährige  (Quelle). Im Flüchtlingslager Moria sitzen beispielsweise knapp 24.000 Menschen fest, das Lager ist jedoch für weniger als 3000 ausgerichtet. Die hygienischen Bedingungen  in mehreren Lagern seien katastrophal, Social Distancing sei nicht möglich, meldete Ärzte ohne Grenzen. 1300 Schutzsuchende in Moria teilten sich in Moria einen Wasserhahn, Seife gebe es nicht. Ärtze ohne Grenzen empfielt eine Not-Evakuierung der Haupt-Risikogruppe. 


Wie reagiert die Politik?

Bisher reagierte die Politik unzureichend. Der politische Wille fehlt, die nicht hinnehmbare Situation in den Lagern langfristig zu verbessern. Was wurde bisher gemacht?

  • Mehr als 1500 Kinder sollen evakuiert werden - der Beschluss steht seit März. Den Anfang machte nun mehr als einen Monat später Deutschland: 47 Kinder und Jugendliche aus den Flüchtlingslagern auf Samos, Lesvos und Chios brachte die Bundesregierung ins Land. Seit Samstag, 18.04.2020, sind sie in Niedersachsen untergebracht zur zweiwöchigen Quarantäne, dann werden sie auf die Bundesländer verteilt.  Ebenso stieg Luxemburg in die Evakuierung ein. 
  • Die UN-Flüchtlingshilfe stellt nun 500.000 Euro Soforthilfe zur Verfügung zur Bekämpfung des Coronavirus in den griechischen Lagern, meldete die Deutsche Welle.
  • 2.380 Schutzsuchende in den Lagernd er Inseln gelten als besonders gefährdet, diese bringt die griechische Regierung nun nach und nach aus den Lagern auf andere Inseln oder das Festland, berichtete Deutschlandfunk.
  • Einem Notfallplan der griechischen Regierung zufolge  soll im Falle eines Corona-Ausbruchs in den Lagern entweder alle Gesunden oder alle Kranken (je nachdem, wer weniger ist), evakuiert werden in Sportstadien, Hotels oder auf Schiffen, berichtete der Spiegel

 

Warnung vor Corona-Gefahr in den Flüchtlingslagern

In einem öffentlichen Brief vom 23. März 2020 fordert Juan Fernando López Aguilar, Vorsitzende des Innenausschusses, den EU-Kommissar für Krisenmanagement Janez Lenarcic auf, schnell zu handeln.  Mit der ersten Bestätigung eines COVID-19-Falls auf Lesbos laufe die humanitäre Krise auf den griechischen Inseln Gefahr, zu einem Problem der öffentlichen Gesundheit zu werden. Auf der Insel Lesbos gebe es beispielsweis nur sechs Intensivbetten. 

"If the EU fails to take immediate action, the situation on the Greek islands will become unmanageable with the risk of many deaths."

"Falls die EU scheitert, unverzüglich zu handeln, wird die Situation auf den griechischen Inseln nicht zu beherrschen sein, mit dem Risiko vieler Toter“, schreibt López Aguilar.

Rückblick: Aufnahmestopp

Die EU-Kommission gab laut Merkur bekannt, dass die Neuansiedlung von Flüchtlingen aus Nicht-EU-Staaten aufgrund der Coronavirus-Pandemie vorerst ausgesetzt werde. Unter anderem hatte Deutschland angekündigt, ungebleitete Minderjährige aus den Flüchtlingslagern aufzunehmen, passiert ist bisher nichts. Viele Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen kritisieren das Vorgehen und den Aufnahmestopp der EU scharf. "Bislang konnten kein einziges Kind, keine Frau und kein Mann die gefährlichen Lager verlassen und die Europäische Kommission hat als Koordinierungsstelle immer noch keine Lösung gefunden, um die angebotene Aufnahme umzusetzen", prangert beispielsweise Ärzte ohne Grenzen an.

Griechenland handelte völkerrechtswidrig

Nach rund drei Wochen war die Aufregung um die türkische Grenzöffnung schon wieder vorbei: Präsident Erdogan schloss die Grenze nach Griechenland am 19. März wieder, nach offiziellen Angaben sei die Corona-Krise der Grund. Griechenland reagierte auf die ankommenden Schutzsuchenden mit extremen Maßnahmen:

  • Die griechische Grenzpolizei setzte unter anderem Wasserwerfer und Tränengas gegen Schutzsuchende  ein.
  • Griechenland prüfte bei Schutzsuchenden nicht,  ob diese ein Recht auf Asyl haben könnten. Sie wurden pauschal zurückgewiesen. Asyl ist jedoch ein Menschenrecht.
  • Die griechische Regierung setzte darüber hinaus die Möglichkeit, Asylanträge zu stellen, rund einen Monat außer Kraft.

Griechenland habe mit seinem harschen Vorgehen gegen das Völkerrecht verstoßen - zu diesem Schluss kommt ein Gutachten des Wissenschaftlichen Diensts des Bundestags, über das die Tagesschau berichtete.

 

Wer schoss am Grenzzaun?

Am 4. März 2020 wurde an der türkisch-griechischen Grenze auf mehrere Menschen geschossen. Einer von ihnen, Muhammad Gulzar aus Pakistan, starb. In einer aufwendigen Recherche versuchten Lighthouse Reports und Der Spiegel, die Ereignisse zu rekonstruieren und herauszufinden, wer geschossen hat. Ihre Funde deuten darauf hin, dass von griechischer Seite aus geschossen wurde.

Die Erkenntnisse sind anschaulich in folgendem Video dargestellt (auf Englisch):

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Rückblick: Die Grenzöffnung der Türkei im Februar und März 2020

Kurz & knapp: Die Grenzöffnung der Türkei im Februar 2020

Stand: 25. März 2020

Was ist passiert?

  1. Die türkische Regierung kündigte am 27. Februar 2020 an, Asylsuchende und Migranten könnten die Türkei zu verlassen, um die Europäische Union zu erreichen. Seit 2016 waren die Grenzen geschlossen, wie es im Flüchtlingspakt beschlossen wurde. Grund für diesen Schritt sei, so die Türkei, die zu erwartende Ankunft vieler Flüchtlinge aus der syrischen Stadt Idlib, wo knapp eine Million Menschen vertrieben wurde. (Quelle)
  2. Tausende Migranten aus der Türkei gingen daraufhin zur Grenze zu Griechenland, um in die EU zu fliehen. Sie steckten fest, denn auf griechischer Seite waren die Grenzen weiterhin geschlossen.
  3. Um sie am Grenzübertritt zu hindern, setzten Sicherheitskräfte unter anderem Tränengas ein, auch gegen Kinder. Die griechische Regierung setzte im März 2020 die Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen, aus Das ist ein Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonvention und geltendes Recht. Diese Politik steht daher in der Kritik.
  4. Die Türkei schloss die Grenze am 19. März wieder, offiziell aufgrund der Corona-Pandemie. Das EU-Parlament fordert nun vor dem Hintergrund der Ansteckungsgefahr die Räumung griechischer Flüchtlingscamps, berichtet dpa (Quelle).


Wie viele Personen sind an der Grenze und kommen nach Griechenland?

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) zählte 13.000 Flüchtlinge und Migranten an der türkisch-griechischen Grenze (Quelle). Die griechische Polizei verhinderte laut eigenen Angaben bis Mitte März rund 40.000 Grenzübertritte. 
Die Zahlen im Detail


Wie reagierte die Politik?

Die europäische Grenzschutzagentur Frontex ist im Einsatz und unterstützt griechische Sicherheitskräfte. Die Bundesregierung ließ verlauten, dass sie Kinder aufnehmen werde, wenn auch andere EU-Länder Menschen aufnehmen. Geschehen ist bisher nichts. weitere Reaktionen

Weitere Informationen zur Grenzöffnung der Türkei zum Ausklappen

Chronik der Ereignisse

von Februar bis Mitte März 2020

Am 27. Februar 2020 gingen die ersten Meldungen durch die Presse: Die Türkei werde Asylsuchende und Migranten nicht länger daran hindern, die Türkei zu verlassen, um die Europäische Union zu erreichen. Seit 2016 war die Grenze geschlossen. Im Rahmen des damals abgeschlossenen "EU-Türkei-Deals" hinderte die Türkei Geflüchtete und Schutzsuchende am Grenzübertritt in die EU. 

Einen Tag später warf der türkische Präsident Recep Erdogan in einer Rede den europäischen Staats- und Regierungschefs vor, ihre Versprechen nicht eingehalten zu haben. Laut Deal sollten diese der Türkei helfen, die Last der 3,5 Millionen geflüchteten Syrer, die die Türkei aufgenommen hat, zu tragen.
mehr Informationen zum EU-Türkei-Deal

Während auf der politischen Ebene diskutiert wurde, kamen einige Geflüchtete an die Grenze zur Türkei oder versuchten, Griechenland über den Seeweg zu erreichen. Da die griechische Seite der Grenze jedoch nicht offen ist, sitzen diese Menschen nun an der Grenze fest. Wie viele genau, ist ungezählt. 

Zwar hat auch das benachbarte Bulgarien Grenzübergänge zur Türkei, doch hier scheint die Lage laut Medienberichten noch ruhig.

Medienberichten zufolge setzte sowohl die türkische als auch griechische Polizei Tränengas ein, die griechische Polizei gab Warnschüsse ab. 

Die griechische Regierung griff zu drastischen Mitteln: 

"Wir nehmen einen Monat lang keine neuen Asylanträge an", kündigte Kyriakos Mitsotakis, der griechischer Premierminister, per Twitter an.zum Tweet 

Asyl ist jedoch ein  Menschenrecht.

Die Situation vor Ort bleibt angespannt. Die BBC veröffentlichte Videoaufnahmen, in denen die griechische Küstenwache auf geflüchtete Menschen in Booten mit einem Stock einschlägt und neben sie ins Wasser schießt. Griechische Bürger*innen attackieren im Video außerdem ein Journalisten und treten ihn nieder. 

Laut Human Rights Watch lässt die griechische Küstenwache bereits seit dem 1. März ein Boot mit 450 Geflüchteten, darunter Kinder,  nicht in einem Hafen auf Lesbos anlanden (Stand: 10. März 2020). Der Organisation wird jeder Zugang zu den Schutzsuchenden verwehrt.

Griechenland fragte die Grenzschutzagentur Frontex Anfang März offiziell um Hilfe an. Frontex unterstützt Griechenland nun dabei, die Grenze zur Türkei zu sichern, "im Geiste der europäischen Solidarität", wie sie verlauten ließ. Frontex stehe laut Pressemitteilung außerdem bereit, die Unterstützung auf andere Einsatzbereiche auszuweiten. (Pressemitteilung vom 2. März 2020 // vom 3. März 2020).

Aus der EU kam ein deutliches Signal an die Flüchtlinge:

"Do not go to the border. The border is not open."

"Geht nicht zur Grenze. Die Grenze ist nicht offen", sagte Josep Borrell, Vertreter der EU-Außenpolitik, in einer Pressekonferenz vom 6. März.

 

Die aktuelle Covid-19-Gefahr an der griechischen Grenze und den Flüchtlingslagern schildern wir hier.


Hintergrund
Warum sagen wir Schutzsuchende oder Geflüchtete statt Flüchtlinge? Hier geht es zur Worterklärung.

Was ist Asyl?  Kurz erklärt 

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Rückblick: Woher kamen die Geflüchteten an der griechisch-türkischen Grenze?

Ein Teil derjenigen, die an der Grenze ausharren, kommt aus Syrien. Der Krieg in Syrien, insbesondere die Kämpfe in Idlib, haben zu einer humanitären Katastrophe geführt. Russische Luftangriffe haben die Stadt Idlib großteils zerstört, viele der ehemaligen Bewohner*innen mussten flüchten. Mittlerweile seien  laut Zahlen der Bundesregierung980.000 Menschen auf der Flucht, die meisten davon seien Frauen und Kinder (Stand: März 2020).

Obwohl laut Amnesty International die überwiegende Mehrheit der in der Türkei lebenden Flüchtlinge aus Syrien stamme, gebe es auch eine große Anzahl afghanischer, irakischer und iranischer Flüchtlinge. An der Grenze seien daher auch Menschen aus anderen Ländern, die in der Türkei gelebt haben oder auf ihrer Flucht durch sie hindurch gereist sind. 

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Asyl ist ein Menschenrecht

Offener Brief von 85 Hilfsorganisationen

In einem offenen Brief positionieren sich 85 Hilfsorganisationen zur aktuellen Situation.

"Die unterzeichnenden Organisationen sind zutiefst besorgt über die jüngsten Entwicklungen an der Evros-Grenze und auf den Ägäischen Inseln, wo  Menschen an den Grenzen Europas stranden, wo sie für politische Zwecke instrumentalisiert und ihre Rechte verletzt werden. (...) Wir fordern alle Seiten auf, das Gesetz zu respektieren und die demokratischen Werte Europas zu wahren. Jeder weitere Rückfall wird erhebliche Konsequenzen für die europäischen Gesellschaften, die europäische Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit haben."

"Solidarität wurde stigmatisiert."

Sie kritisieren unter anderem auch, dass Angriffe auf Mitarbeiter*innen von Hilfsorganisationen vor Ort zunehmen.

 

Gesetzliche Grundlagen

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Artikel 14

1. Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.

zur Erklärung

EU-Verträge

Artikel 78 TFEU

(1)   Die Union entwickelt eine gemeinsame Politik im Bereich Asyl, subsidiärer Schutz und vorübergehender Schutz, mit der jedem Drittstaatsangehörigen, der internationalen Schutz benötigt, ein angemessener Status angeboten und die Einhaltung des Grundsatzes der Nicht-Zurückweisung gewährleistet werden soll. (...)

zum Gesetz

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Zahlen & Fakten

Die Zahl der Schutzsuchenden, die in Griechenland ankommen, ist nicht so stark gestiegen, wie die mediale Berichterstattung vermuten ließ. Die Flucht nach Griechenland über den Seeweg nahm Anfang März etwas zu, doch die Anzahl der neu Ankommenden nahm schnell wieder ab. Die griechische Polizei verhinderte nach eigenen Angaben rund 40.000  Grenzübertritte bis Mitte März, mittlerweile ließ Präsident Erodgan die Grenzen wieder schließen.

Aktuelle Zahlen finden Sie unter anderem im Datenportal der UNHCR.

Wie viele suchen in Griechenland über den Seeweg Schutz?

In Griechenland kamen Anfang März mehr Menschen über den Seeweg an, die Schutz suchen. Verglichen mit den Vormonaten hält sich der Anstieg jedoch stark in Grenzen. Beispielsweise kamen am 17. September 2019 777 Menschen an, die das Flüchtlingshilfswerk UNHCR registrierte. Am 1. März 2020 waren es 807.

Wie viele suchen über den Landweg in Griechenland Schutz?

Im Januar und Februar kamen insgesamt 1.759 Schutzsuchende über den Landweg nach Griechenland - deutlich weniger als noch in den Monaten davor. Allein im Oktober 2019 erreichen beispielsweise knapp 2.000 Menschen Griechenland auf dem Landweg. Aktuelle Zahlen zur Entwicklung, seit Erdogan die Grenze nach Griechenland geöffnet hat, gibt es noch nicht (Stand: 25. März 2020).

Fluchtbewegungen nach Griechenland

Diese Übersicht der UNHCR zeigt typische Fluchtbewegungen von der Türkei nach Griechenland.

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Warum steht Präsident Erdogan in der Kritik?

"Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan macht Politik mit dem Elend notleidender Flüchtlinge", schreibt beispielsweise die Zeitung "Das Parlament" am 9.3. in einem Kommentar. Was ist mit der Kritik an Erdogan gemeint?

Die Ankündigung der türkischen Regierung, die Grenze zu öffnen, verbreitete sich schnell unter den Schutzsuchenden, Geflüchteten und Migranten, die die Türkei beherbergt. Dass die EU ihre Grenze nicht öffnen würde, war absehbar. Trotzdem wurde die Information von türkischer Seite aus verbreitet und gab vielen Menschen Hoffnung, in die EU weiterziehen zu können. Zudem gibt es Bilder von Bussen in Istanbul und anderen Städten, mit denen die Flüchtlinge offenbar an die Grenze im Norden gefahren wurden.

"Wir haben klare Beweise dafür, dass diese Bewegung von der Türkei geschaffen und orchestriert wurde."

Dieses Zitat stammt von Nikos Dendias, dem griechischer Außenminister, 6. März 2020. Er beschuldigt die türkische Regierung, die Notlage der gestrandeten Menschen bewusst herbeigeführt zu haben.

Doch wozu? Präsident Erdogan kündigte bereits in den vergangenen Monaten immer wieder an, den Flüchtlingsdeal aufzukündigen (Quelle), sollte die EU das versprochene Geld, 6 Milliarden Euro, nicht vollständig zahlen. Der Vorwurf gegen Erdogan lautet nun, er wolle die Menschen an der Grenze und ihre Notlage als Druckmittel benutzen, um das versprochene Geld zu erpressen.

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Hat die EU den "EU-Türkei-Deal" eingehalten?

Aus türkischer Sicht ist die Kritik an der EU berechtigt. Im sogenannten EU-Türkei-Deal von 2016 vereinbarten beide Seiten unter anderem: (Originaldokument auf Deutsch).

  • Finanzielle Hilfen in Höhe von 6 Milliarden Euro:
    "(...) die Auszahlung (...) der ursprünglich zugewiesenen 3 Milliarden Euro weiter beschleunigen und (...)  zusätzliche Mittel für die Fazilität in Höhe von weiteren 3 Milliarden Euro bis Ende 2018 mobilisieren." - Die sechs Milliarden Euro an die Türkei wurden bisher nicht gezahlt, EU-Außenvertreter Borrell spricht von 3,4 Milliarden Euro, die bisher ausgezahlt wurden.
  • Beitrittsverhandlungen
    "Die EU und die Türkei bekräftigten ihre Entschlossenheit zur Neubelebung des Beitrittsprozesses." - Der Beitrittsprozess der Türkei zur EU wurde faktisch stillgelegt und nicht neu aufgegriffen. Gegen diesen Teil des Deals hat die EU verstoßen.
  • Visa für türkische Staatsbürger
    "... damit die Visumpflicht für türkische Staatsangehörige spätestens Ende Juni 2016 aufgehoben werden kann." - Für eine Einreise nach Deutschland brauchen türkische Staatsbürger bis heute ein Visum, diese Vereinbarung wurde nicht umgesetzt. (Stand: 10.03.2020)
  • Neuansiedlung von Schutzsuchenden
    "Für jeden von den griechischen Inseln in die Türkei rückgeführten Syrer wird ein anderer Syrer aus der Türkei in der EU neu angesiedelt (...)."  - Genaue Zahlen gibt es dazu bisher nicht, grundsätzlich wurde diese Vereinbarung nicht eingehalten. 

"There are parts of the agreement that have not been implemented yet."

Dass Teile des EU-Türkei-Deals bis heute von europäischer Seite nicht eingehalten wurden, gibt der EU-Außenvertreter Borrell zu. 

 

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Reaktionen auf die Situation

Reaktion der Bundeskanzlerin

Dass die griechische Regierung gegen die Genfer Flüchtlingskonvention und geltendes Recht verstößt, indem es das Recht auf Asyl aussetzt, kritisiert die Kanzlerin nicht. Stattdessen habe Griechenland beim Schutz der Außengrenzen laut einer Rede vom 9. März  "unsere volle Solidarität und unsere volle Unterstützung."


Reaktion der Bundesregierung

"Deswegen wollen wir Griechenland bei der schwierigen humanitären Lage von etwa 1.000 bis 1.500 Kindern auf den griechischen Inseln unterstützen."

Eine „Koalition der Willigen“ in Europa soll die Übernahme dieser Kinder organisieren, Deutschland wäre dann bereit, einen Teil davon aufzunehmen. Die Bundesregierung stellt 125 Millionen Euro zur Verfügung, die von den Vereinten Nationen zur Akuthilfe in Idlib genutzt werden. zu den Ergebnissen des Koalitionsausschusses vom 8. März 2020

 

Reaktionen aus der EU

"Do not go to the border. The border is not open."

Josep Borrell, Pressekonferenz vom 6. März

 

Langfristige Lösungen:

Die Zeitung "Das Parlament" berichtet (9.03.2020), dass laut dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell Ende Juni eine Konferenz in Brüssel stattfinden soll, zu der Russland und die Türkei eingeladen werden. 

 

Weitere Reaktionen:

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