
Geschichte der politischen Bildung: Die 1980er Jahre
Zur Geschichte der LpB Baden-Württemberg
Umweltzerstörung und Wettrüsten polarisieren die Gesellschaft. Auf vielfältige Krisen reagiert die Bürgerschaft mit Protestbewegungen, deren Kritiker wiederum die Unregierbarkeit der Republik und eine Aushöhlung des Parlamentarismus fürchten. Die politische Bildung sieht sich nicht nur unter Finanz-, sondern auch unter Legitimationsdruck, nicht zuletzt weil im Laufe des Jahrzehnts die „Null-Bock-Generation“ heranwächst.
Es gilt, die neue Pluralisierung zu moderieren. Gleichzeitig wird das publizistische Angebot der LpB ausgebaut, neue Zielgruppen werden erschlossen und Formate entwickelt, die in modifizierter Form die LpB bis heute prägen.
In den 1980er Jahren werden grundlegende Debatten über das Selbstverständnis der Westdeutschen, über ihre eigene Verortung in der Geschichte und über die höheren Staatsziele der bundesdeutschen Demokratie geführt. Sie läuten einen Paradigmenwechsel im Geschichtsbild ein, denn man beginnt, auf das „Dritte Reich“ nicht mehr aus der Perspektive der irgendwie Davongekommenen, sondern aus dem Blickwinkel der Opfer zu schauen. In mühsamen Debatten entwickelt sich das Gedenken an die NS-Opfer zur Staatsräson der Bundesrepublik.
Sowohl im Veranstaltungs- als auch im Publikationsbereich der LpB spielt die Zeitgeschichte eine bedeutende Rolle. Sie versteht sich einerseits als kritische Landesgeschichte und Landeskunde, die wissenschaftliche Erkenntnisse sowohl in die didaktische Literatur als auch in die Breite der Bevölkerung trägt.
1983 erscheint in der Buchreihe „Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs“ – rechtzeitig zum fünfzigsten Jahrestag der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 – der Band „Die Machtergreifung in Südwestdeutschland“, eines der ersten landeshistorischen Bücher zu diesem Thema.
1984 folgt zum vierzigsten Jahrestag des Stauffenberg-Attentats vom 20. Juli 1944 der Band „Der Widerstand im deutschen Südwesten 1933–1945“, der mit einem für die damalige Zeit durchaus innovativen Ansatz eine beachtliche Bandbreite des Widerstands präsentiert.
Im Dezember 1983 erscheint darüber hinaus die erste Ausgabe der neuen Zeitschrift „Die deutsche Frage im Unterricht“ (seit 1990: „Deutschland und Europa“). Mit der Heftreihe sollen die landesgeschichtlichen Beziehungen zwischen Südwestdeutschland und der noch als „Mitteldeutschland“ bezeichneten DDR aufgezeigt werden. Sie soll vor allem aber auch der Vorbereitung von DDR-Besuchen von Schulklassen dienen, die in zunehmendem Maße angeboten werden.
In den fachdidaktischen Debatten steht weiterhin das Konsensproblem in der politischen Bildung im Zentrum. Wo liegen die Grenzen der Kontroversität angesichts der Diskussionen um Nachrüstung, Kriegsdienstverweigerung, Sterbehilfe und um den Paragraphen 218, ja um die Zukunft des Planeten generell? Immer wieder werden in den LpB-Jahresberichten Beispiele von „Zerreißproben in Grundsatzfragen“ geliefert.
Die politische Bildung der 1980er Jahre lässt sich als Aufbruchszeit und Phase der Pluralisierung charakterisieren. Es sind Jahre der kreativen Ausdifferenzierung, die das Feld der politischen Bildungsarbeit öffnen. Zukunft wird zur didaktischen Kategorie, gepaart mit neuer subjektorientierter Bildung und dem Anspruch, „Politik zum Anfassen“ sowie eine kritische Institutionenkunde zu bieten. Kennzeichen sind sowohl im schulischen als auch im außerschulischen Bereich das selbstständige Lernen, die projektorientierte Arbeit und das didaktische Prinzip der Handlungsorientierung. Damit soll auf die gesellschaftlichen Großtrends reagiert werden: neue Subjektivität, Wertewandel und Individualisierung in der „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze).












