
Geschichte der politischen Bildung: Die 1990er Jahre
Gleichzeitigkeit prägt das politische Geschehen nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. Und auch die politische Bildung erlebt in der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts ein „Jahrzehnt der Gleichzeitigkeit“: Methoden und Formate werden weiter ausdifferenziert. Die Vernetzung der Träger schreitet voran. Ein höchst lebendiger Fachdiskurs kreist um unterschiedliche Leitbilder der zu adressierenden Bürgerinnen und Bürger. Doch zugleich setzen einheitsbedingte Sparmaßnahmen, Effizienzdenken und Funktionalitätsansprüche die politische Bildung unter Druck. Auch die Landeszentrale, die 1992 ihr Tagungszentrum „Haus auf der Alb“ einweiht, erlebt die 1990er als bewegte und einschneidende Jahre.
Die Überwindung der deutschen Teilung, das Ende des Kalten Kriegs gut fünf Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, die Herausbildung einer neuen globalen Machtstruktur – große Leitmotive charakterisieren die 1990er Jahre. Ausgangspunkt des epochalen Wandels ist der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. Auch die LpB wird von diesem Jahrhundertereignis erfasst. Schnell schwenkt die LpB in ihrer klassischen Vermittlungsarbeit auf die Aktualitäten ein und beginnt zudem, Aufbauhilfe vor Ort zu leisten: mit einem Büro in Dresden, das im September 1990 eröffnet wird. Der aus Stuttgart entsandte Mitarbeiter, dem kurze Zeit später ein kleines Team folgt, stellt rasch fest, dass in Sachsen eher Lebenshilfe gefragt ist als politische Bildung oder gar Belehrung.
Die LpB setzt auf pragmatische Unterstützung, etwa indem sie an der Ausbildung von Lehrkräften für Gemeinschaftskunde mitwirkt. Und sie fördert die unmittelbare Begegnung, mitunter auch im großen Maßstab. „Wir sind ein Volk! Sind wir ein Volk?“, so lautet der Titel einer Großveranstaltung in der Fellbacher Schwabenlandhalle im Mai 1994, auf die zwei Jahre später ein weiterer Tag der Begegnung auf dem Marktplatz im sächsischen Meißen folgt.
Mehr als 1.000 Teilnehmende aus beiden Bundesländern strömen zu diesen Events, die von der baden-württembergischen und der sächsischen Landeszentrale gemeinsam organisiert werden. Beide Institutionen sind seit der Gründung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB) am 1. Juli 1991 eng miteinander verbunden.
Auch mit Blick auf die Geschichte der LpB selbst erscheinen die 1990er Jahre als ein „Jahrzehnt der Gleichzeitigkeit“. Die LpB wächst rasant, zunächst jedenfalls. 1991 zählt sie 84 Mitarbeitende, nun erstmals organisiert in fünf Abteilungen. Das neu geschaffene Fachreferat „Haus auf der Alb“ in der Verwaltungsabteilung ist zu diesem Zeitpunkt bereits mit den Vorarbeiten für das eigene Tagungszentrum beschäftigt, das 1992 eröffnet wird. Auch programmatisch stehen die Zeichen auf Wachstum. Es entstehen neue Fachreferate wie „Frauenbildung“ und „Ökologie“; das Freiwillige Ökologische Jahr wird unter dem Dach der LpB frisch etabliert und das Fachreferat „Außerschulische Jugendbildung“ ausgebaut. Viele Formate der politischen Bildung werden in dieser Zeit weiter- oder auch neuentwickelt: Planspiele oder Lernmedien wie Würfelspiele und Rätselhefte. Mitte der 1990er beginnt die LpB, erste Angebote im Internet zu erstellen. Eine Homepage gibt es ab 1996, es folgen erste digitale Angebote.
Doch schon bald hat die Sparpolitik, die angesichts der hohen Belastungen der öffentlichen Hand nach der Deutschen Einheit einsetzt, auch Folgen für die LpB. 1993 muss sie Kürzungen hinnehmen. In den Folgejahren werden ihre Mittel regelmäßig gestutzt. Der 25. Geburtstag der Landeszentrale für politische Bildung fällt 1997 somit in ein Jahrzehnt des Aufbruchs und zugleich in eine Zeit der Einschnitte.












