Dossier

70 Jahre Anwerbeabkommen mit Italien – Tutto bene?

Die Italiener waren die „Pioniere“ der Ausländerbeschäftigung im Nachkriegsdeutschland. Mit dem ersten Anwerbeabkommen, das Deutschland 1955 mit Italien getroffen hatte, setzte die Entwicklung zum „Einwanderungsland Deutschland“ ein, was damals keiner ahnte. 

Das Dossier beleuchtet die Historie der deutsch-italienischen Anwerbung, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, wertet Dokumente aus und leistet damit einen Beitrag zur Erinnerungskultur, ohne die Aktualität des Themas auszuklammern. 

Das erste Anwerbeabkommen

  • Das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien wurde am 20. Dezember 1955 unterzeichnet.
  • Es war das erste Abkommen dieser Art und gilt als Beginn Deutschlands als Einwanderungsland.
  • In Deutschland leben heute rund 565 000 Menschen mit italienischer Staatsangehörigkeit, in Baden-Württemberg etwa 176 000.
  • Baden-Württemberg ist das Bundesland mit den meisten Italiener:innen und den meisten Menschen mit italienischem Migrationshintergrund.
  • Schon lange vor 1955 arbeiteten Italiener:innen zeitweise in Deutschland – etwa beim Eisenbahnbau Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts.
  • Die italienischen „Gastarbeiter“ leisteten vor allem schwere körperliche Arbeit in Industrie und Bau.
  • Kulturelle Missverständnisse, Vorurteile und teils offener Rassismus erschwerten ihr Ankommen in Deutschland.
  • Viele blieben dauerhaft, gründeten Familien – und prägen das gesellschaftliche Leben bis heute.
  • Italienische Eisdielen, Restaurants und Vereine sind heute selbstverständlicher Teil des Stadtbildes.
  • Strukturelle Ungleichheiten, etwa im Bildungsbereich, bestehen jedoch weiterhin.

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Autor: Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun 

Meier-Braun ist Vorstandsmitglied im baden-württembergischen Landesverband der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e. V. (DGVN). Er ist Migrationsexperte, Honorarprofessor an der Universität Tübingen und Autor zahlreicher Publikationen zu den Themen Migration und Integration. Lange Jahre war er Redaktionsleiter und Integrationsbeauftragter des Südwestrundfunks (SWR). 

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Derzeit leben rund 565.000 Personen mit italienischer Staatsangehörigkeit in Deutschland. In Baden-Württemberg sind es etwa 176.000. Im Vergleich der Bundesländer leben damit die meisten Menschen mit italienischer Staatsangehörigkeit in Baden-Württemberg. An zweiter und dritter Stelle liegen Nordrhein-Westfalen und Bayern. 

Blickt man auf die Menschen mit italienischem Migrationshintergrund, also auf die Staatsangehörigkeit der Personen zum Zeitpunkt der Geburt (Menschen, die entweder selbst zugezogen sind oder von denen mindestens ein Elternteil in Italien geboren wurde), liegt Baden-Württemberg an der Spitze aller Bundesländer. Hier lebt mit etwa 240.000 Personen deutschlandweit der größte Anteil mit italienischem Migrationshintergrund: 28,6 %, wiederum gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Bayern. Insgesamt haben in Deutschland rund 850.000 Menschen in Deutschland einen italienischen Migrationshintergrund. 

Lange Vorgeschichte italienischer Arbeitskräfte in Deutschland

Die Italiener kamen beispielsweise im 19. Jahrhundert als gesuchte Spezialisten zum Eisenbahnbau über die Alpen in deutsche Gefilde. Was diese allerersten italienischen Arbeitsmigranten in Süddeutschland vor dem Ersten Weltkrieg angeht, hielt ein Beobachter fest „Wo immer in Deutschland an einer Eisenbahnlinie gebaut wird, kann man sicher sein, Italiener in großen Mengen zu finden.“ Man kann sogar sagen, dass es die italienischen Spezialisten waren, die die berühmte „schwäbische Eisenbahn“ gebaut haben.

„Ausländische Wanderarbeiter“ hießen die italienischen Facharbeiter offiziell, die in Deutschland um die Jahrhundertwende die Eisenbahnschienen verlegten und Straßen bauten. Weil sie von jenseits der Alpen kamen, wurden sie auch „Transalpini“ genannt. Sie waren billige, aber in ihrem Metier höchst erfahrene Arbeitskräfte.

Wie das Badische Gewerbeaufsichtsamt damals feststellte, blieb man bei den Italienern unter sich und mied oft sogar den Kontakt mit den deutschen Arbeitskollegen. So schrieb das Amt 1911: „Zwar im fremden Lande lebend, bleiben die Ausländer mit ihrem Denken und Fühlen, mit ihrer ganzen Lebensweise in der Heimat, streng abgeschlossen von jedem, der kein Landsmann ist.“ Ein für die erste Einwanderungsgeneration typisches Verhalten, nicht nur in Italien oder im Südwesten Deutschlands, auch wenn natürlich viele den Kontakt mit den Einheimischen suchten und auch fanden. Aus der deutschen und italienischen Aus- und Einwanderungsgeschichte lässt sich vielleicht gerade für die Debatte heutzutage lernen, dass es eine Generation und länger braucht, bis sich Einwanderer integrieren. 

Schwielen an den Händen

Auf der politischen Ebene spielte in den 1950er Jahren der Wunsch der italienischen Regierung, ein Anwerbeabkommen mit Deutschland abzuschließen, eine wichtige Rolle. Italien litt wie die anderen Anwerbeländer unter Arbeitslosigkeit und schwacher wirtschaftlicher Entwicklung. Die Regierung unternahm deshalb diplomatische Vorstöße für ein Anwerbeabkommen mit Deutschland. In Deutschland dagegen nahm die Wirtschaft Aufschwung und es herrschte bald Arbeitskräftemangel. So trafen sich die Interessen beider Länder. Vor allem in der Landwirtschaft fehlten wegen der Landflucht die Leute.

So fanden schon 1952 in Südbaden die ersten Versuche statt, oberitalienische Landarbeiter auf die Bauernhöfe zu holen. Erich Straub hat diese Zeit miterlebt. Er arbeitete damals auf einem Bauernhof in Bermaringen auf der Schwäbischen Alb. Später wurde er Ortsvorsteher und Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Ulm. „Wir waren damals in der Zeit der sogenannten Landflucht“, erinnerte er sich Ende der 1980er Jahre. Und weiter: „Wir hatten auf der Landwirtschaft keine Arbeitskräfte mehr. Die eigenen Söhne und Töchter sind immer mehr abgewandert in die Stadt. Haben Arbeit gesucht, wo man mehr verdienen kann, und die Betriebe waren noch sehr arbeitsintensiv ausgerichtet – wir brauchten also Leute für die Handarbeit. Und da hat man uns die Italiener empfohlen.“

Begrüßung in Ulm

Karl Lutterbeck vom Bauernverband Württemberg-Baden machte sich deshalb auf eigene Faust auf nach Oberitalien, um die ersten Landarbeiter zu holen. Erst bei der dritten Fahrt, bei der man den italienischen Vizekonsul aus Freiburg mitnahm, gelang es, die Sache perfekt zu machen. Im Arbeitsamt in Udine sammelten sich 600 Bewerber, die nach Deutschland wollten. Daraus suchten sich die Vertreter des Bauernverbandes etwa 300 Arbeitswillige aus. Karl Lutterbeck schilderte 1986 die Auslese so: „Da saßen wir an einem Tisch, so wie bei einer Musterungskommission, und die defilierten dann also an uns vorbei. Und dann haben wir sie uns nach der Größe, nach der Stärke, nach Körperbau angeguckt. Manchmal haben wir uns auch die Hände zeigen lassen, ob sie auch möglichst große Hände und feste Schwielen an den Fingern haben. Daraus meinten wir zu sehen, dass er also das Arbeiten gewöhnt ist. Ab und zu guckte man einem dieser Italiener in den Mund, um festzustellen, ob auch seine Zähne einigermaßen in Ordnung sind!“ So wurden die Landarbeiter ausgewählt und kamen nach Stuttgart, wo ihre Bauern sie am Bahnhof in Empfang nahmen.

Die Behörden drückten bei diesen allerersten zaghaften Anwerbeversuchen ohne staatliche Vereinbarung ein Auge zu. Somit waren die allerersten „Gastarbeiter“ nichts anderes als – wie man heute sagen würde – „Illegale“, die von den Behörden toleriert wurden. Der Begriff „Gastarbeiter“ für die ausländischen Arbeitskräfte setzte sich schon bald durch. Man ging davon aus, dass sie über kurz oder lang wieder heimkehren würden, wobei man Gäste bekanntlich nicht arbeiten lässt und sie nicht auf Dauer bleiben, wie es bei vielen Arbeitsmigranten der Fall war, wie sich schnell herausstellen sollte.

Tutto bene?

In den 1960er Jahren wurden die „Gastarbeiter“– auch von staatlichen Stellen – noch „Fremdarbeiter“ genannt und ihre Unterkünfte (eigentlich zutreffend) als „Baracken“ bezeichnet. Hier spiegelt sich die „historische Dimension des Rassismus“ in Deutschland wider, die weit über die Zeit des Nationalsozialismus hinausgeht. Die italienischen Arbeitskräfte und die ihnen folgenden aus der Türkei oder den anderen Anwerbeländern erlebten Ausgrenzung und Rassismus. Oftmals dienten sie als „Feindbilder“ – eine „Tradition“, die sich bis heute bei Geflüchteten fortsetzt. So schlug den Italienern der ersten Stunde in Deutschland keineswegs nur Sympathie entgegen. Im Gegenteil: „Spaghetti-Fresser“ war ein Schimpfwort, das lange Zeit hängen blieb. Italiener würden „deutsche Frauen belästigen“ oder seien „Messerstecher“, hieß es nicht nur an den Stammtischen. Wie Italiener der ersten Jahre wie Bernardino Di Croce aus Sindelfingen erzählen, trafen sie sogar auf Tanzlokale mit der Aufschrift „Lokalverbot für Italiener!“ an der Eingangstür: „In einem war sogar die Schriftkombination noch krasser. Der Satz ,Wir dürfen nicht rein‘ stand über der Abbildung eines Hundes, daneben die Ergänzung ,und Italiener‘ “.

Der 20. Dezember 1955 – ein historisches Datum

Der Arbeitsmarkt in Deutschland war leergefegt. Nicht nur in der Landwirtschaft wurden händeringend Leute gesucht. Deshalb schrieb beispielsweise 1955 der Landesverband des Hotel- und Gaststättengewerbes, der besonders vom Arbeitskräftemangel betroffen war, direkt an die Landesregierung, mit der Bitte, „Maßnahmen für einen Einsatz ausländischer Arbeitskräfte zu treffen.“ Die Wirtschaftsverbände erreichten schließlich ihr Ziel: Am 20. Dezember 1955 unterzeichneten Bundesarbeitsminister Anton Storch (CDU) und der italienische Außenminister Gaetano Martino in Rom das deutsch-italienische Anwerbeabkommen: „Vereinbarung zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung der Italienischen Republik über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften nach der Bundesrepublik Deutschland“ – so der offizielle Titel. Mit den Worten „Ein neuer Abschnitt fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern hat begonnen“, würdigte Martino die Zeremonie. Artikel 9 (5) schrieb fest, dass die Arbeitserlaubnis „längstens ein Jahr“ gelten sollte – eine Bestimmung, die aber bald wieder aufgehoben wurde, weil sie sich angesichts des Arbeitskräftebedarfs als unrealistisch herausstellte und die Arbeitgeber eingearbeitete Arbeitskräfte längerfristig behalten wollten Die ersten Vermittlungen erfolgten 1956, wo im Laufe des Jahres 10.273 italienische Arbeitnehmer vermittelt wurden.

Singen am Hohentwiel als „Neapelschleuse“

Hier geht es
zu wie auf
einem Viehmarkt.

Alles war darauf ausgerichtet, so schnell wie möglich die angeforderte Zahl der Arbeitskräfte zu vermitteln. Hans-Jörg Eckardt, der für das Landesarbeitsamt in Anwerbekommissionen arbeitete, schilderte Ende der 1980er Jahre seine Erfahrungen so: „Damals kamen Fernschreiben unserer deutschen Firmen – auch aus dem ‚Ländle‘ –, in denen es dann ganz einfach hieß: ‚Bitte sofort fünf Stück Hilfsarbeiter‘.“ Im „Vermittlungsauftrag“ stand dann manchmal auch einfach „ein Stück Transportarbeiter“ oder „ein Stück Lagerarbeiter“. Eine andere Firma hatte geschrieben: „Wir bitten nachstehende Personen [...] umgehend in Marsch zu setzen.“ Hans-Jörg Eckardt hat seine Erinnerungen als junger Mann in einem kleinen schwarzen „Büchlein“ notiert. Bei einer Firma fand sich im Vertrag sogar noch der Zusatz: „Nach Arbeitsschluss kann über die Freizeit nach eigenem Ermessen verfügt werden.“ Eckhardt begleitete die Züge, die Arbeitsmigranten nach Deutschland brachten, wobei der Bahnhof in Singen am Hohentwiel zur Verteilung eine wichtige Rolle spielte, damals „Neapelschleuse“ genannt.

„Der Grund, der mich dazu brachte, nach Deutschland zu gehen, ist derselbe wie bei vielen anderen Emigranten, und zwar: eine unsichere und schlecht bezahlte Arbeit ohne Zukunftsperspektiven. Zu Hause waren noch fünf jüngere Schwestern und Brüder und es fehlte an Geld, sie zur Schule zu schicken und einen Beruf erlernen zu lassen“, erinnert sich beispielsweise Mario d’Andrea aus Vibonati, der damals als 19-Jähriger in Deutschland sein Glück in „Germania“ versuchte. „Dann kam ich zur Ziegelpresse, wo die Arbeit ganz übel war und keiner sie machen wollte, weil die Maschinen, Anlagen, ebenso wie die Fabrik, veraltet waren. Und ich musste den ganzen Tag mit den Füßen und den Händen im Wasser bleiben […].“, so schildert Mario d’Andrea seine „Gastarbeitertätigkeit“ in Deutschland.

Es kamen auch „Gastarbeiterinnen“

Bis heute dominiert noch immer das vor allem medial vermittelte Bild einer männlich geprägten „Gastarbeiterzuwanderung“, als ob die Frauen „nur“ im Rahmen des Familiennachzugs nach Deutschland gekommen seien. Dabei lebten 1973, im Jahr des Anwerbestopps, rund 706.000 solcher Arbeitsmigrantinnen in Deutschland. Das entsprach etwas über 30 % aller ausländischen Arbeitskräfte. Oft gezielt von den deutschen Anwerbebüros angesprochen, arbeiteten die Arbeitsmigrantinnen – nicht nur aus Italien – dann als un- oder angelernte Arbeitskräfte vor allem in der Textil- sowie in der Bekleidungs- und Nahrungsmittelindustrie, aber auch in der Elektro-, Eisen- und Metallindustrie.

Seit 1963 setzte sich die Sozialarbeiterin Silva Burrini in den Diensten der Caritas in Freiburg für italienische Gastarbeiter und ihre Familien in Deutschland ein. Die Italienerin, die 1957 als 17-Jährige ohne Sprachkenntnisse als Kindermädchen nach Süddeutschland kam, weiß um die Probleme des „Nicht-Verstehens“, des „Fremdseins“ und wie es ist, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Sie betreute lange Zeit im Ludwigshafener Stadtteil Hemshof vor allem Gastarbeiterinnen aus Italien: „Sie kamen aus Sizilien, aus Sardinien, aus Kalabrien, Apulien, Kampanien. Leute, die mehr oder weniger in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Sie waren gewohnt, den ganzen Tag draußen zu sein, an der frischen Luft. Und dann in eine Fabrik, acht Stunden am Tag. Wenn ich an die BASF denke, zwölf Stunden am Tag. Aber danach hat kein Mensch gefragt.“ 

Mehr zu Silva Burrinis Leben können Sie hier lesen.

Silva Burrini begann in den 1960er Jahren bei der Caritas in Freiburg mit der Betreuung der ersten „Gastarbeiterinnen“. Später war sie im „Centro Italiano“, der italienischen Gemeinde Ludwigshafen, Anlaufstelle für alle Sorgen und Nöte ihrer Landsleute. Seit Beginn ihrer Tätigkeit lagen ihr immer wieder die Kinder am Herzen. Mit aller Konsequenz leistete sie Hilfestellung im Schulalltag.

Die Frauen nahmen alles auf sich, um ihre Familien in der Heimat finanziell zu unterstützen. Ihre größte Angst war, ihre Arbeit zu verlieren. Nicht wenige Arbeitgeber drohten mit Kündigung, wenn sie schwanger waren. „Ich habe Fälle gehabt, wo Frauen versucht haben, abzutreiben – und gestorben sind“, berichtet Burrini. Sie erzählt von vielen Schicksalen, von Enttäuschungen und Einsamkeit, aber auch von gemeinsamen Festen und Zusammenhalt. 

Don Mutti erinnert sich

Zur Betreuung seiner Landsleute kam der junge italienische Priester Battista Mutti bereits vor dem Anwerbeabkommen nach Stuttgart. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die italienische Gemeinde durch ehemalige Gefangene, Ziegelarbeiter oder Stoffhändler vergrößert. Don Battista Mutti, 2024 im stolzen Alter von 100 Jahren in Italien verstorben, traf katastrophale Wohnverhältnisse an. Zunächst mit dem Motorrad, dann mit einem Fiat 500 „Topolino“ machte sich der Priester auf die Suche nach Landsleuten. In Mannheim-Sandhofen, in Karlsruhe oder Todtmoos fand er sie. Alle klagten sie über Heimweh. Die Katholische Mission in Stuttgart verteilte deshalb später eine italienische Zeitung. Italienische Schwestern aus Tübingen erteilten sogar Unterricht in der Muttersprache, denn viele mussten – so absurd es klingt – zunächst einmal richtig Italienisch lernen, weil sie nur ihren Heimatdialekt beherrschten. Don Mutti erinnerte sich Mitte der 1980er Jahre in einem Rundfunkinterview auch an erste Versuche noch vor dem Anwerbeabkommen, italienische Arbeitskräfte nach Baden-Württemberg zu bringen. Der damalige italienische Konsul holte 250 Leute aus dem Friaul, die einzeln auf Bauernhöfe in der Gegend von Ulm und Geislingen vermittelt wurden: „Die Leute kamen ohne jegliche Sprachkenntnis, Arbeitszeit oft bis 16 Stunden täglich, auch am Sonntag. Nach zwei Monaten kehrten sie alle wieder ins Friaul zurück.“ Er konnte miterleben, wie sich dann der erste offizielle Sonderzug mit italienischen Arbeitskräften aus Verona nach Stuttgart auf den Weg machte. 

In den 1960er Jahren wurden die „Gastarbeiter“– auch von staatlichen Stellen – noch „Fremdarbeiter“ genannt und ihre Unterkünfte (eigentlich zutreffend) als „Baracken“ bezeichnet. Später sahen sich die „Gastarbeiterfamilien“ bei der Wohnungssuche immer wieder Diskriminierungen ausgesetzt.

Bei der Beschäftigung und Verköstigung der italienischen Arbeitskräfte bereitete in den frühen „Gastarbeiterjahren“ das Essen so seine Probleme. Schwäbischer Most und Backsteinkäse waren eine ungewohnte Kost für die Italiener. Don Battista Mutti besuchte einst mit einem Vertreter des Arbeitsamtes einen Landwirt auf einem Hof bei Künzelsau, „wie üblich wegen Schwierigkeiten mit einem Italiener“. Die erste Frage war gleich: „Wie ist es mit der Verköstigung?“ Die Antwort des Bauern: „Das Beste, was wir haben: Blutwurst und Kraut.“ Darauf die beiden aus Stuttgart: „Oh heidenei! Spaghetti müssen Sie machen. Spaghetti!“ Der Bauer: „Spaghetti kenne ich nicht. Aber schicken Sie mir ein Pfund Samen, ich werde sie anbauen.“ 

Spaghetti vom Landesarbeitsamt

Das Landesarbeitsamt Baden-Württemberg gab 1960 sogar eine Pressemitteilung mit „Ratschlägen für die Zubereitung von Speisen nach italienischer Art“ heraus. Darin heißt es: „Der Italiener liebt im Allgemeinen keine flüssigen und dünnen Soßen, insbesondere keine Mehlsoßen. Zu Teigwaren, die nicht zu weichgekocht werden sollten, gibt man Tomaten soße. […] Der Italiener ist nicht gewohnt, Obstsäfte (Most) zu trinken; zum Essen trinkt er mit Vorliebe Wein und Wasser, während des Tages und abends auch Milch.“

Spaghetti nach italienischer Art waren damals in Deutschland noch weitgehend unbekannt und eine Attraktion. So lockte denn auch in den 1960er Jahren die Einladung des in Stuttgart ansässigen italienischen Konsuls zum Nationalfeiertag ins „Centro Italiano“ mit dem Hinweis auf einem „anschließendem Spaghetti-Essen um 12.30 Uhr“.1960 schrieb das Landesarbeitsamt noch ergänzend zu seiner Pressemitteilung: „Im Allgemeinen sind die Italiener anspruchslos, was die Verpflegung anbelangt. Aus Genügsamkeit neigen sie dazu, auf Fleisch zu verzichten. Lediglich Teigwaren ohne Fleischzugabe sind aber nicht als ausreichende Mahlzeit anzusehen. Es sollte deshalb darauf geachtet werden, dass sich die Italiener so kräftig ernähren, dass sie als Arbeitskräfte leistungsfähig bleiben; die negativen Beobachtungen der Krankenhausärzte sprechen sehr dafür. Es wird empfohlen, den Italienern bei der Beschaffung ihrer Lebensmittel behilflich zu sein und hierbei Vergünstigungen wie z. B. durch den Einkauf im Großhandel in Anspruch zu nehmen.“ 

In seinen Erinnerungen hielt Don Mutti – inzwischen Prälat und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande – fest, dass die größten Probleme der „Gastarbeiter“ das ständige Heimweh und die schlechte Unterbringung waren: „Baracken mit 45 Leuten in einem Raum. Nur wenige Kochgelegenheiten. Schlange stehen vor dem Herd, Überstunden, Schichtarbeit in Hoch- und Tiefbau, Lärm, Radio, Rauchen. Das Schlimmste waren die Unterbringungen in Bunkern, zum Beispiel bei der Firma Bosch am Löwentor in Stuttgart. Zu Hause lebten diese Menschen an der Sonne, hier im Grab!“ 1956 eröffnete die Katholische Mission ihre erste Sozialbetreuungsstelle. Der erste italienische Verein „Circolo Italiano“ wurde gegründet, damit sich die Landsleute zunächst in Gasthäusern, dann in Gemeindesälen treffen konnten. Die Säle waren überfüllt, es wurde Musik gemacht und gesungen. Bei größeren Veranstaltungen stellten Firmen sogar Busse zur Verfügung. Unermüdlich setzte sich der junge Priester für seine Italiener ein. So konnte er den damaligen Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett für die Einrichtung eines „Centro Italiano“ gewinnen, das am 24. November 1960 eingeweiht wurde. Obwohl für rund tausend Personen ausgerichtet, reichte der Platz aber bald schon nicht mehr aus. Die Helfer im „Centro“ waren oft hilflos. Battista Mutti gelang es sogar, den damaligen Intendanten des Süddeutschen Rundfunks davon zu überzeugen, eine Sendung für italienische „Gastarbeiter“ einzurichten, als Brücke zur Heimat und zur Orientierung in Deutschland. Darauf sind die „ARD-Ausländerprogramme“ in den Sprachen der „Gastarbeiter“ entstanden, die lange Zeit eine wichtige Integrationsfunktion wahrgenommen haben.

Bella Italia

In den folgenden fünf Jahrzehnten nach dem ersten Anwerbeabkommen kamen fast vier Millionen Italienerinnen und Italiener zum Arbeiten nach Deutschland, wobei auch der Familiennachzug eine Rolle spielte. Drei Millionen kehrten wieder zurück. Die Italiener stellten bis 1970 die größte Gruppe von Arbeitsmigranten und prägten nachhaltig das Bild vom „Gastarbeiter“. Der touristisch eingefärbte Blick auf das Land der Italiener kam hinzu. Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder weltoffener, als es Italien als Reiseland entdeckte und „Bella Italia“ zum geflügelten Wort wurde. Die Italiensehnsucht schlug sich auch im Schlager nieder, in Liedern wie „Zwei kleine Italiener“ oder „Wenn bei Capri die rote Sonne …“. Allein 1958 reisten vier Millionen Deutsche nach Italien. Über Generationen hinweg machten sich Touristen aus Deutschland auf nach Italien, auf die Campingplätze an der Adria, in die Hotels und Pensionen in der Toskana oder in Kalabrien. So wurde für viele das Land, „wo die Zitronen blühen“, fast zur zweiten Heimat. In Pizzerien und im Urlaub in Italien fühlten sich viele Deutsche bald wie zu Hause.

„Wie man südländische Gastarbeiter verstehen lernt“

Unter dieser Überschrift versuchte Dr. Giacomo Maturi, unter anderem Referent bei der Caritas und Experte für „Ausländerfragen“, den Deutschen die Italiener 1964 näher zu bringen. In seinem Buch mit über 171 Seiten behandelte er Fragen wie „Der südländische Charakter“ oder „Herr und Weib“ und erklärte aus seiner Sicht „Die großen Unterschiede“ zwischen Deutschen und Italienern. Der perfekt deutschsprechende und schreibende Maturi klärt beispielsweise so auf:

„Der Südländer singt für sein Leben gern, er findet darin die beste und einfachste Möglichkeit, seine Gefühle auszudrücken. Er singt an schönen Tagen schon in der Frühe, wenn er zur Frühschicht in die Fabrik geht, […] er singt abends oder tief in der Nacht, wenn er nach einem Bummel in der Stadt nach Hause zurückkehrt. […] Er singt aus innerer Freude oder aus innerem Kummer […].“

Einen großen Unterschied zwischen Deutschen und Italienern sah Maturi, der wissenschaftlich an der Universität Heidelberg gearbeitet hatte, aber auch bei der Betreuung der „Gastarbeiter“ oder bei der Beratung der Industrie tätig war, beim Thema „Wohnen“: 

„Obwohl er die Familie liebt, lebt der Südländer die meiste Zeit seines Lebens nicht in seinen vier Wänden. Er hat daher auch eine ganz andere Einstellung zu seinem Zuhause, zu seinem Daheim. Für den Deutschen und vor allem für die deutsche Frau sind die Wohnung, das Häuschen das Wichtigste im Leben. Dafür wird gearbeitet und gespart; man pflegt und schmückt die Wohnung, man macht ein warmes, heimeliges Nest daraus, wo man sich wohlfühlt. Man umgibt das Familienhaus mit einem Garten, den Garten mit einem Zaun, man isoliert sich, man will von den lieben Nachbarn nach Möglichkeit nicht gestört werden. Ganz anders im Süden. Man sucht auch da den Kontakt mit anderen Menschen, man will sich von einem Fenster zu anderen zurufen. Die Geräusche stören nicht.“

Was heute klischeehaft wirkt und was man vielleicht zunächst mit einem Schmunzeln liest, war damals durchaus ernst gemeint. So wie 1966 in einem in der dritten Auflage erschienen Buch, herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart, wo es beispielsweise „Zum Umgang mit Italienern“ heißt: 

„Der Italiener, und so auch der junge Italiener, hat wenig Naturgefühl und ebenso wenig Wandertrieb. Bewegungen wie unser Wandervogel oder unsere Freischaren hätten sich in Italien nie bilden können, die Romantik, die Schwärmerei für die Landschaft und Naturstimmungen, ist dem jungen Italiener völlig fremd. Und ebenso fremd ist ihm eine andre typisch deutsche Eigenschaft: Er ist weit unproblematischer, er grübelt nicht, er macht sich vor allem keine Gedanken über das Morgen, er lebt glücklich in den Tag hinein, er bleibt lebenslang so etwas wie ein Kind. Das macht ihn so liebenswert. Und manchmal wünschte man sich, er könnte von dieser Leichtigkeit, mit der er den guten wie den unguten Tag nimmt, unsern jungen Deutschen abgeben, die sich mit so vielen Problemen, Sorgen und Plänen abmühen. Öfter freilich wünscht man auch das Umgekehrte.“ 

Leben zwischen zwei Welten?

Die „kulinarische Integration“ ist auf jeden Fall bestens gelungen. Das „Deutsch-Italienisch“, das viele Italiener in Deutschland sprechen, wird als geradezu sympathisch empfunden. Deutsche und Italiener sind also sozusagen aufeinander „zugewandert“, haben sich gegenseitig bereichert. Nach wie vor als Italiener fühlten und fühlen sich aber viele „Gastarbeiter“ der ersten Stunde wie Gino Odorico aus Göppingen, der einmal begrüßte, dass sich einiges von der italienischen Lebensart in Deutschland eingebürgert hat: „Nicht nur die Pasta, nein auch die Sitte, die Stühle vors Café auf die Straße zu stellen, und natürlich die Mode!“

Inzwischen gelten die Italiener als bestens integriert, werden als „halbe Deutsche“ empfunden. Hinter den Kulissen sieht es aber in manchen Bereichen gar nicht so rosig aus. Die soziale Integration, die Annäherung zwischen einer Zuwanderergruppe und Deutschen, ist sicher in vielen Bereichen gelungen, wie es beispielsweise die Migrationsforscherin Ursula Boos-Nünning der italienischen Community schon vor Jahren bescheinigt hat. Nimmt man die Schulbildung und den Übergang in den Beruf als Integrationskriterium, dann muss man aber ein großes Fragezeichen setzen. Nicht erst seit der PISA-Studie ist bekannt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund schlechter abschneiden als deutsche Jugendliche. Die schulischen Probleme führt Boos-Nünning unter anderem darauf zurück, dass sich Jugendliche mit italienischem Migrationshintergrund nicht an Deutschland orientieren, aber auch nicht am Herkunftsland der Eltern. Sie leben ihrer Meinung nach in einem „doppelten Provisorium“. Hinzu kommt, wie die Migrationsforscherin feststellt, dass die die formale Schulbildung in italienischen Familien weniger Bedeutung hat als bei anderen Einwanderergruppen wie den Spaniern, die im Gegensatz zu den Italienern überall Elternvereine hatten.

In Interviews konnte man von jungen Italienerinnen und Italienern immer wieder hören: „,Hier sind wir die Italiener’ und in Italien heißt es: ‚Die Deutschen kommen’. Was sind wir eigentlich – wo ist unsere Heimat?“ Viele leben offensichtlich zwischen zwei Welten. Für die schulischen Probleme der Italiener nicht nur in Baden-Württemberg wird seit Jahren auch die sogenannte „Pendlermentalität“ der Italiener verantwortlich gemacht. Schon frühzeitig kamen italienische Arbeitsmigranten in den Genuss der Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Gemeinschaft. Samt ihren Kindern reisten sie zwischen Deutschland und Italien hin und her – mit der Folge, dass der Nachwuchs oft genug weder in Italien noch in Deutschland eine ausreichende Schul- und Berufsausbildung erhalten hat. 

Auf die Integrationsprobleme der italienischen Kinder in Baden-Württemberg hat 2007 der damalige Stuttgarter Generalkonsul Faiti Salvadori in einer Untersuchung hingewiesen und Alarm geschlagen. Nur eine geringe Zahl schaffte damals den Sprung ins Gymnasium (5,9 %) oder in die Realschule (13,3 %). Diese Zahlen lagen weit unter dem allgemeinen Durchschnitt von 26,8 bzw. 20 %. Bei einer bundesweiten Untersuchung der Einwanderungsgruppen durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schlugen die Jugendlichen aus der italienischen Gemeinde 2007 sogar schlechter ab als die Türken, denen immer wieder Integrationsprobleme nachgesagt werden.

Der italienische Generalkonsul hob in seiner viel beachteten Analyse die zentrale Rolle des Elternhauses hervor und appellierte an die Familien, stärker am schulischen Leben teilzunehmen. Er warb auch für das Erlernen der deutschen Sprache. Nach seiner Einschätzung begannen die Mehrzahl der italienischen Kinder „die Grundschule mit einem sprachlichen Defizit, und leider ermöglicht es die starre Struktur des hiesigen Schulsystems nur in den seltensten Fällen, dieses Defizit aufzuholen.“ Savadori hob sogar hervor, dass auch nach damals fünfzig Jahren selbst in der dritten Generation die Integration der Italiener „nur in den unteren Schichten der hiesigen Gesellschaft“ stattfindet: „Unsere Landsleute gehören weder zur Ober- noch zur Mittelschicht. Mit anderen Worten, es fand kein nennenswerter Aufstieg von einer Generation zur nächsten statt.“ 

Für die Defizite der italienischen Kinder und Jugendlichen im schulischen Bereich war vor allem auch die damalige „Ausländerpolitik“ verantwortlich. Es fehlten Integrationsmaßnahmen, um die sprachlichen Probleme auszugleichen. Die „Gastarbeiterkinder“ wurden teilweise in nationalen Klassen in der Muttersprache unterrichtet. Dieser Unterricht beispielsweise in Italienisch sollte sogar die „Rückkehrbereitschaft“ stärken und war alles andere als integrationsfördernd.

Bildungssituation der Italienischstämmigen heute

Wie aber sieht es heutzutage aus? Haben die deutlichen Worte des italienischen Generalkonsuls – auch in Richtung Schulpolitik – etwas bewirkt? Zunächst fällt auf, dass insgesamt keine aktuellen Analysen zur Integration der italienischen Gemeinde, insbesondere der Nachfolgegenerationen der „Gastarbeiter“, vorliegen. Die Daten, unter anderem aus einer Sonderauswertung des Statistischen Landesamtes, die extra für dieses Dossier vorgenommen wurde, zeigen, dass ein Vergleich sehr kompliziert ist. Alles in allem ist aber eine gewisse Verbesserung festzustellen. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes ist vor allem in der Realschule ein Fortschritt gegenüber 2007 zu verzeichnen: Mit über 20 % liegt die italienische Gruppe über den ausländischen Schülern (16,8 %) und sogar über dem Anteil insgesamt (18,5 %). Beim Besuch des Gymnasiums hat sich der Anteil derjenigen mit italienischer Staatsangehörigkeit mit fast 11 % gegenüber 2007 sogar fast verdoppelt. Dieser Prozentsatz liegt aber noch immer hinter den jungen Ausländerinnen und Ausländer insgesamt (rund 13 %) und weit hinter dem Landesdurchschnitt von fast 26 %. Ein Problem ist immer noch der hohe Anteil in den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (bis Schuljahr 2014/15: Sonderschulen), wo er bei den italienischen Schülerinnen und Schüler fast 12 % ausmacht. Nur 8 % der ausländischen Gruppe und rund 5 % aller Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg besuchen die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren. 

Die Integration nicht nur der italienischen Schülerinnen und Schüler, sondern der Migrantenkinder insgesamt, bleibt eine Herausforderung. Der Chef der Pisa-Studie, Andreas Schleicher, attestiert dem deutschen Bildungssystem in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung am 28. Juli 2025 gravierende Mängel beim Umgang mit Kindern mit Migrationshintergrund. „Es ist ein riesiges Problem, wenn ein Bildungssystem sich nicht ausreichend und nicht erfolgreich um Kinder mit Migrationshintergrund kümmert“, sagt er wörtlich. Dadurch gerieten ganze Schulen aus dem Gleichgewicht, was in Deutschland „leider viel zu oft der Fall“ sei. Die „Bildungsberichterstattung 2022“ für Baden-Württemberg bestätigt die Problemlage. Danach schneiden Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund insgesamt immer noch schlechter in der Schule ab als die Vergleichsgruppen ohne Migrationshintergrund.

Die italienischen „Gastarbeiterrentner“

Seit dem letzten „Jubiläum“, dem 60-jährigen im Jahr 2015, ist es noch stiller um die italienische Community geworden. Das Bild von den bestens integrierten italienischen Familien hat sich verfestigt, auch ein Grund für mangelnde Fördermaßnahmen und schulischen Misserfolg, denn für eine Gruppe, die scheinbar bestens integriert ist, braucht man vermeintlich keine besonderen Anstrengungen unternehmen. Angesichts der Tatsache, dass sich seit über 10 Jahren die Diskussion und auch die Frage nach der Integration auf die Flüchtlinge und Asylbewerber konzentriert, sind nicht nur die Italiener und die „Gastarbeiterfamilien“ insgesamt immer mehr in Vergessenheit geraten. 

Höchstens die neuen Einwanderungswellen der letzten Jahre aus den Mittelmeerländern haben zu Schlagzeilen geführt, weil viele – wieder aus wirtschaftlichen Gründen – nach Deutschland kommen. Sie fassen Fuß, aber oft in der italienischen Community, in Pizzerien, im Kleingewerbe, in der „Migrantenökonomie“. Die Wanderungsbewegung zwischen Deutschland und Italien hält an. So sind zwar 22 % der Italiener in Baden-Württemberg vor 50 bis unter 60 Jahren zugezogen, gehören also zur „Gastarbeitergeneration“. Eine höhere Anzahl – 34 % – sind jedoch vor weniger als 20 Jahren nach Baden-Württemberg gekommen.  

Es gibt sie zwar, die Erfolgsstory vom italienischen „Gastarbeiter“, der es zu etwas gebracht hat, aber eben auch viele Beispiele von tragischen Fehlschlägen. Die italienischen „Pionier-Gastarbeiter“, die längst in Rente sind, sprechen oft schlecht Deutsch. Viele wissen nicht, wo sie ihren Lebensabend verbringen sollen. Freunde, Bekannte und Familienangehörige in Italien gibt es oft nicht mehr. In Deutschland haben manche auch nicht so richtig Fuß gefasst. Von Glück können diejenigen reden, die hier vom Familienkreis betreut werden. Viele aus dieser Rentnergruppe haben ein höheres Armutsrisiko. Die Altershilfe und Sozialarbeit ist immer noch unzureichend auf diese Rentnergruppe eingestellt. So beginnt beispielsweise Stuttgart, wo fast die Hälfte (48,7 %) der Einwohnerschaft eine Migrationsgeschichte hat, 2025, sich noch stärker dieser Herausforderung zu stellen. Der Alterssurvey der Landeshauptstadt hatte gezeigt, dass Hilfsangebote ältere Migranteninnen und Migranten nicht erreichen, was gerade auch für die italienische Community gilt. Bei den Italienern hatte „mehr als die Hälfte“ das Angebot angenommen, in der Muttersprache befragt zu werden, was als ein Indikator für mäßiges Sprachvermögen in Deutsch bewertet wird. Eine große Mehrheit möchte denn auch mehr Informationen zur Altenhilfe in der jeweiligen Muttersprache erhalten. 

Leben im „Nicht-Einwanderungsland“

Die Italiener waren die Pioniere der „Gastarbeiterbeschäftigung“ im Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Alles in allem kamen von 1955 bis zum Anwerbestopp 1973 rund14 Millionen Frauen und Männer als ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland. 11 Millionen sind wieder abgewandert. Das Anwerbeabkommen mit Italien war die Vorlage mit den folgenden Abkommen, die Deutschland 1960 mit Spanien und Griechenland abschließen sollte. Es folgten die Türkei (1961), Portugal (1964) und das damalige Jugoslawien (1968). Bereits 1963 traf die Bundesregierung entsprechende Vereinbarungen mit Marokko und 1965 mit Tunesien. Die Anwerbeabkommen – nicht nur mit Italien – stellten einen entscheidenden Einschnitt in der deutschen Nachkriegsgeschichte dar, mit langfristigen Veränderungen, die bis zum heutigen Tage andauern. 

Die Abkommen setzten einen Prozess hin zum Einwanderungsland in Gang, was politisch gar nicht so gewollt oder beabsichtigt war. Die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände, allen voran die Caritas, aber auch die Gewerkschaften bemühten sich um die ausländischen Arbeitskräfte und mahnten mit deutlichen Worten immer wieder eine vorausschauende Integrationspolitik an. Deutschland lebte in der Lebenslüge „Wir sind kein Einwanderungsland.“ Die Arbeitsmigranten, selbst mit einer „Rückkehrillusion“, machten sich selbst vor, dass sie bald wieder heimkehren würden, verschoben die Abreise von Jahr zu Jahr und blieben dann doch hier.

Deutschland ist keinesfalls blind in einen Einwanderungsprozess hineingeschlittert, wie oft behauptet wird. Die politisch Verantwortlichen in den Bonner Ministerien waren sich schon in den 1960er Jahren durchaus darüber im Klaren, dass Einwanderung stattfindet und damit Integrationsprobleme verbunden sein würden. Auch die deutsche Botschaft in Rom gab Anfang 1963 die Einschätzung ab, dass „etwa 15 % der italienischen Gastarbeiter für immer in der Bundesrepublik bleiben“ würden und ein „noch größerer Prozentsatz, voraussichtlich eine größere Zahl von Jahren, den einmal erhaltenen Arbeitsplatz nicht wieder aufgeben“ werde. Diese Stimmen fanden jedoch kein Gehör. Integrationsmaßnahmen wie Sprachkurse oder schulische Förderung blieben aus. Es sollte fast ein halbes Jahrhundert lang dauern, bis Deutschland sich zu seiner Rolle als Einwanderungsland bekannte.

2025 – eine Gnadenhochzeit?

Mit Italien und Deutschland hatten sich zwei Länder gesucht und gefunden. Italien wollte Arbeitskräfte, die keine Zukunft im Lande hatten, „exportieren“ und Devisen aus den Auslandsüberweisungen seiner Landsleute einnehmen. Allein 1955 lagen die Devisen durch die Auslandsüberweisungen in Italien bei 200 Millionen Mark. Deutschland suchte dringend „Gastarbeiter“, auch weil durch den Mauerbau 1961 keine Arbeitskräfte mehr aus der DDR zur Verfügung standen. Rückblickend hat sich die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte, für Deutschland „gelohnt“. Zwischen 1960 und 1970 gelang rund 2,3 Millionen Deutschen in einer Art sozialem Fahrstuhleffekt der Aufstieg von Arbeiter- in Angestelltenpositionen, weil die vielen ausländischen Arbeitskräfte, die zu jener Zeit ins Land geholt wurden, in der Hierarchie der deutschen Unternehmen ganz unten einstiegen. Nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums verringerte sich auch die Arbeitszeit der deutschen Arbeitnehmer, da auf einmal genug Personal da war, um die anfallende Arbeit zu leisten. Das wirtschaftliche Wachstum, das im Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre eingesetzt hatte, schritt in den 1960er Jahren ungebremst voran. Dieses sogenannte Wirtschaftswunder ebenso wie der Aufbau der Sozialsysteme wären ohne die „Gastarbeiter“ nicht möglich gewesen. 

Hinzu kamen auf beiden Seiten außenpolitische Erwägungen, gerade im Blick auf die europäische Vereinigung. Es wäre aber falsch, das Anwerbeabkommen mit Italien und die folgenden in erster Linie mit dem Primat der Außenpolitik zu erklären. In der Präambel zur Anwerbevereinbarung hieß es, die beiden Regierungen seien „von dem Wunsch geleitet, die Beziehungen zwischen ihren Völkern im Geiste europäischer Solidarität zu beiderseitigem Nutzen zu vertiefen und enger zu gestalten sowie die zwischen ihnen bestehenden Bande der Freundschaft zu festigen.“ Dieses Ziel der Völkerverständigung – das kann man guten Gewissens sagen – wurde erreicht. So war es zunächst so etwas wie eine „Zweckgemeinschaft“, eine „Vernunftehe“, aus der aber irgendwie doch im Laufe der Jahre eine Art von „Liebesheirat“ wurde, die 70 Jahre überdauert hat. Beide Länder könnten also am 20. Dezember 2025 eigentlich eine „Gnadenhochzeit“ feiern, etwas, was Ehepaare nur sehr selten erreichen.

Deutschland und Italien suchen wieder „Gastarbeiter“

Wie die meisten Industrieländer leiden die beiden Länder, die das Anwerbeabkommen vereinigt hat, aufgrund der demografischen Entwicklung unter Arbeitskräftemangel. Deutschland wirbt schon längst Fachkräfte beispielsweise für die Krankenpflege im Ausland an. Italien mit seiner umstrittenen Flüchtlingspolitik hat jetzt ein Migrationspaket („Decreto Flussi“) für die Jahre 2026 bis 2028 verabschiedet. Damit sollen eine halbe Million Arbeitsgenehmigungen ausgestellt werden, um „wichtige Arbeitskräfte für das nationale Wirtschafts- und Produktionssystem zu garantieren, die andernfalls nicht zur Verfügung stünden“. Hauswirtschafts- und Pflegekräfte sollen angeworben werden, aber auch die Lücken im Fremdenverkehr sollen geschlossen werden. Vor allem in der Landwirtschaft in Italien fehlen die Leute. Der Bauernverband beklagte, dass die erhöhte Zahl der Visa und Arbeitserlaubnisse für Saisonarbeiter „noch immer unter dem Bedarf“ liege.

zum Thema

Quellen und weitere Infos

Podiumsdiskussion zur Ausstellungseröffnung

Ankommen und Bleiben? 70 Jahre deutsch-italienisches Anwerbeabkommen

Statistik und Definitionen

Umfangreiches Datenmaterial, insbesondere eine Sonderauswertung zum Schulerfolg italienischer Kinder in Baden-Württemberg, hat Alexander Grund mit seinen Kolleginnen und Kollegen vom Statistischen Landesamt zusammengestellt. Ihnen gilt unser besonderer Dank.

Aktuelle Daten insgesamt zu Migration und Integration finden sich unter anderem:

Speziell zum schulischen Bereich, mit Dank an Birgit Otte vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport:

 

Literatur und weitere Links

  • Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF): Repräsentativuntersuchung „Ausgewählte Migrantengruppen in Deutschland
  • Di Croce, Bernardino (Hrsg.): Das Land, das nicht unser Land war, Karlsruhe 2006.
  • Italienisches Generalkonsulat Stuttgart (Hrsg.): Die Italienische Gemeinde in Baden-Württemberg. Überlegungen und Bemerkungen zum schwierigen Integrationsverlauf, Stuttgart 2007.
  • Stuttgart 2007. (Siehe dazu auch: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 10/2007 und 9/2008).
  • Hunn, Karin: „Nächstes Jahr kehren wir zurück …“ Die Geschichte der türkischen „Gastarbeiter“, Göttingen 2005.
  • Janz, Oliver/Sala, Roberto: Dolce Vita? Das Bild der italienischen Migranten in Deutschland, Frankfurt/M. 2011.
  • Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Bürger & Staat, Heft 1/2-2021: Rassismus – Geschichte, Spuren, Kontinuitäten, Stuttgart 2021.
  • Maturi, Giacomo: Arbeitsplatz: Deutschland. Wie man südländische Gastarbeiter verstehen lernt, Mainz 1964.
  • Meier-Braun, Karl-Heinz/Kilgus, Martin A. (Hrsg.): 40 Jahre „Gastarbeiter“ in Deutschland, Baden-Baden 1995/96.
  • Meier-Braun, Karl-Heinz/Reinhold Weber: Ein Koffer voll Hoffnung. Das Einwanderungsland Baden-Württemberg, Tübingen 2019.
  • Dies. (Hrsg.): Deutschland Einwanderungsland. Begriffe – Fakten – Kontroversen, 3., überarb. und erw. Auflage, Stuttgart 2017.
  • Dies: „Kleine Geschichte der Ein- und Auswanderung in Baden-Württemberg“, Leinfelden-Echterdingen 2009.
  • Meier-Braun, Karl-Heinz: Einwanderung und Asyl. Die 101 wichtigsten Fragen, 3. Aufl., München 2017.
  • Ders.: „Freiwillige Rotation“ – Ausländerpolitik am Beispiel der baden-württembergischen Landesregierung, München 1979.
  • Pfeffer-Hoffman, Christian (Hrsg.): Neue Arbeitsmigration aus Spanien und Italien nach Deutschland. Berlin 2015.
  • Richter, Hedwig/Richter, Ralf: Die Gastarbeiter-Welt. Leben zwischen Palermo und Wolfsburg, Paderborn 2012.
  • Rieker, Yvonne: „Ein Stück Heimat findet man ja immer“. Die italienische Einwanderung in die Bundesrepublik, Essen 2003.
  • Scharenberg, Albert (Hrsg.): Der lange Marsch der Migration. Die Anfänge migrantischer Selbstorganisation im Nachkriegsdeutschland, 2020 (nur online verfügbar)
  • Schönwälder, Karen: Einwanderung und ethnische Pluralität. Politische Entscheidungen und öffentliche Debatten in Großbritannien und der Bundesrepublik von den 1950er bis zu den 1970er Jahren, Essen 2001.
  • Severin-Barboutie, Bettina: Migration als Bewegung am Beispiel von Stuttgart und Lyon, Tübingen 2019.
  • Sparschuh, Olga: Fremde Heimat, fremde Ferne. Italienische Arbeitsmigration in Turin und München 1950–1975, Göttingen 2021.
  • „Gastarbeiter“ und Erinnerungskultur in Rheinland-Pfalz
  • SWR Als die „Gastarbeiterinnen“ nach Baden-Württemberg kamen

Stand der Aktualisierung: [In Bearbeitung] Oktober 2025, Internetredaktion der LpB BW.
Autor: Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun.

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